Mit beiden Ohren UND mit beiden Beinen mitten im Leben – Hören und Gleichgewicht

19. April 2018 by Andreas Koj
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Unser Innenohr beherbergt nicht nur die Hörschnecke (Cochlea), sondern ist auch der Sitz des Gleichgewichtsorgans (Vestibulum oder Labyrinth). Erkrankungen des Innenohres äußern sich neben Schwerhörigkeit daher auch häufig in Gleichgewichtsproblemen. So klagen ca. 30% der Menschen mit funktioneller Taubheit schon vor der Cochlea-Implantation über Schwindel (Fina et al., 2003). Mit den modernen Methoden der Vestibularisdiagnostik (=Untersuchung des Gleichgewichtsorgans) lassen sich sogar bei mehr als der Hälfte dieser Patienten Störungen an einem oder beiden Gleichgewichtsorganen nachweisen (Jacot et al., 2009).Auch wenn Schwerhörigkeit und Schwindel zunächst zwei unterschiedliche Krankheitsbilder sind, führen sie doch zu einem gemeinsamen Leiden: der sozialen Isolation. „Nicht hören trennt von den Menschen“ (Immanuel Kant) – Schwindel auch!

Bei all den wunderbaren Möglichkeiten, mit einem Cochlea-Implantat neues Hören zu schenken, ist zu bedenken, dass das Einbringen der Elektrode in das Innenohr das Gleichgewichtsorgan negativ beeinflussen kann. Während der Operation wird der Flüssigkeitsraum des Innenohrs (Perilymphraum) eröffnet, um den Elektrodenträger in der Hörschnecke zu platzieren. Kommt es hierbei zu einem Austritt von Perilymphe aus dem Gleichgewichtsorgan, kann während der ersten postoperativen Tage starker Drehschwindel auftreten. Des Weiteren ist zu beachten, dass der Elektrodenträger einen Fremdkörper im Innenohr darstellt, der zur Bildung von Narbengewebe führen kann (Tien und Linthicum, 2002). Der langsame Ablauf dieser Umbauvorgänge erklärt, dass Gleichgewichtsprobleme in Form von langsam zunehmender Gangunsicherheit und Schwindel bei schnellen Bewegungen oft erst Wochen bis Monate nach der Implantation auftreten können (Bouccara et al., 2005).

Unser Ziel am Hörzentrum Homburg ist es, dass die Menschen, die wir mit einem Cochlea-Implantat versorgen, sich wieder mitten im Leben bewegen – mit gutem Hören und gutem Gleichgewicht. Daher gilt dem Gleichgewichtsorgan vor, während und nach der Cochlea-Implantation unsere Aufmerksamkeit.

Im Rahmen der Untersuchungen vor der Cochlea-Implantation wird eine ausführliche Gleichgewichtsprüfung durchgeführt. Erkennen wir hier eine Störung des Gleichgewichtssystems, so führen wir schon vor der Operation ein intensives vestibuläres Training zur Verbesserung der Gleichgewichtsfunktion durch. Zeigt sich bei der präoperativen Vestibularisdiagnostik ein deutlicher Unterschied in der Funktion der beiden Gleichgewichtsorgane, so entscheiden wir uns bevorzugt für die Implantation des Innenohres mit der schlechteren Gleichgewichtsfunktion – bei vergleichbaren audiologischen und anatomischen Voraussetzungen auf beiden Seiten. Dahinter steht der Gedanke, das „bessere“ Gleichgewichtsorgan zu schützen und seine Funktion zu erhalten (Thuy-Anh et al., 2008). Die Cochlea-Implantation selbst erfolgt nach dem besonders schonenden Konzept der „soft surgery“ (Praetorius et al., 2009). Die atraumatische Einführung des Elektrodenträgers durch das runde Fenster und die Anwendung von anti-entzündlichen Medikamenten am Innenohr sollen den Verlust von Innenohrflüssigkeit und die Ausbildung von Narbengewebe minimieren, um sowohl ein eventuell vorhandenes Resthörvermögen als auch die Gleichgewichtsfunktion des Innenohres zu schützen.

Sollte trotzdem nach der Cochlea-Implantation Schwindel auftreten, so wird das Gleichgewichtssystem erneut untersucht. Für den Fall, dass unmittelbar nach der Operation eine Funktionsstörung des Labyrinths auftritt, beginnen wir noch während des stationären Aufenthaltes mit einem intensiven Gleichgewichtstraining, um eine rasche Kompensation der Gleichgewichtsfunktion zu erreichen. Sollten Schwindelbeschwerden erst mit zeitlicher Verzögerung nach der Operation entstehen, wird nach der Vestibularisdiagnostik mit dem Patienten ein Therapieplan in Abstimmung mit dem Hörtraining entwickelt. Unser Ziel ist es, dass jeder cochlea-implantierte Patient sein individuelles Programm zur Hör- und Gleichgewichtsrehabilitation erhält – um mit beiden Ohren und beiden Beinen wieder mitten im Leben zu stehen.

Literatur zum Thema:

Bouccara D, Estève Fraysse MJ, Loundon N, Fraysse B, Garabedian N, Sterkers O (2005) Vestibular dysfunction after cochlear implantation: a national multicenter clinical study. Rev Laryngol Otol Rhinol 126(4): 275-278
Fina M, Skinner M, Goebel JA, Picirillo JF, Neely JG (2003) Vestibular dysfunction after Cochlear Implantation. Otol Neurotol 24: 234-242
Jacot E, Van den Abbeele T, Debre HR, Wiener-Vacher SR (2009) Vestibular impairments pre- and post-cochlear implant in children. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 73(2): 209-217
Praetorius M, Staecker H, Plinkert PK (2009) Surgical technique in cochlear implantation. HNO 57: 663-670
Tien HC, Linthicum FH (2002) Histopathologic changes in the vestibule after cochlear implantation. Otolaryngol Head Neck Surg 127(4): 260-264

Quellehttps://www.medel.com/de/sf-nr-4-hoeren-und-gleichgewicht/