Neuroplastizität nach auditorischem Training

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18/Okt/2020

Viele wissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise, dass das computerbasierte auditorische Training, wie beispielsweise die Koj-Gehötherapie, zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und der Sprachverarbeitung führt.

Es wurden bereits zahlreiche Studien veröffentlicht, die Veränderungen der Gehirnaktivität nach kognitiven Hörtrainings demonstrierten (Anderson, White-Schwoch, Parbery-Clark, & Kraus, 2013b; Filippini, Befi-Lopes, & Schochat, 2012; Gil & Iorio, 2010; Tremblay et al., 2009). Das bedeutet, dass auditorisches Training nicht nur auf Verhaltensebene wirkt, sondern Gehirnstrukturen auch dauerhaft verändert. Dieser Effekt wurde bereits in 2017 in einer mithilfe einer Kernspintomographie durchgeführten Studie mit gesunden älteren Erwachsenen im Alter von 64 bis 77 Jahren gezeigt (Kim, Chey, & Lee, 2017). Die Fähigkeit der Nervenzellen oder der ganzen Hirnareale, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern, nennt man Neuroplastizität.

Dr. Kupferberg erläutert in diesem 5 Minuten Video das spannende Thema der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns.

Kognitives Training rekrutiert neue Gehirnregionen und macht das Gehirn effizienter

Die Probanden der Studie haben 8 Wochen lang 1 Stunde am Tag und an 3 Tagen pro Woche trainiert. Auf der Verhaltensebene zeigte das Training im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe (diese Gruppe bekam kein Training) signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit (Schnelligkeit) und exekutiven Funktionen – das heißt, in der Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu finden. Interessanterweise korrelierten die Trainingseffekte auch mit den beobachteten Hirnaktivierungen. Die kognitiven Tests wurden in beiden Gruppen vor und nach der Trainingszeit durchgeführt, zusammen mit Messungen der aufgabenbezogenen neuronalen Aktivierungen mittels Kernspintomographie. Im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula. Diese Regionen spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass kognitives Training zu einer Aktivierung bestimmter Hirnbereiche führen kann, die zusätzliche Ressourcen für kognitive Leistungen bereitstellen. 

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Eine ältere Kernspintomographiestudie hat Verbesserungen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durchgeführten auditorischen Silbentraining demonstriert (Bless, Westerhausen, Kompus, Gudmundsen, & Hugdahl, 2014). Die Testpersonen in der Trainingsgruppe führten die Trainingsaufgabe 3 Wochen lang zweimal täglich (morgens und abends) auf einem iPad aus. Auch in dieser Studie erhielten die Testpersonen in der Kontrollgruppe kein Training, wurden aber im gleichen Zeitintervall wie die Trainingsgruppe getestet. Die Ergebnisse zeigten eine Leistungssteigerung nach dem Training. Diese Leistungssteigerung korrelierte mit einer Reduktion der Aktivierung in Hirnregionen, die mit selektiver auditorischer Verarbeitung (linker posteriorer temporaler Gyrus) und exekutiven Funktionen (rechter inferiorer frontaler Gyrus) assoziiert sind. Das weist auf eine effizientere Verarbeitung in aufgabenbezogenen neuronalen Netzwerken nach dem Training hin. 

Kognitives Training führt zur besseren Signalübertragung zwischen den Zellen

Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität (gleichzeitige Aktivierung von weiter auseinander liegenden Gehirnbereichen und Default Mode Network, dem Ruhezustandsnetzwerk (eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden)) nach einem Denk- und Strategietraining (Chapman et al., 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der Anzahl von Neurotransmitter-Rezeptoren als Folge häufiger Aktivierungen. Auf diese Weise sind die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhezustand „besser“ zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein- und Lipidsynthese in den Nervenzellen ebenfalls angetrieben wird, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen kann. Weil diese Vorgänge Energie brauchen, steigt die Durchblutung. 

Fazit

Dr. A. Kupferberg, Neurobiologin, Wissenschaftliche Leitung KHRC

Ein Gehörtraining ist in der Lage, die neuropsychologischen Defizite zu mindern, die kognitiver Verlangsamung uns Sprachverständnisproblemen zugrunde liegen. Auditorisches Training wie die Koj-Gehörtherapie verbessert nicht nur die kognitiven Fähigkeiten, sondern kann das Gehirn dauerhaft verändern. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der Plastizität des Gehirns die Koj-Gehörtherapie wesentliche Hirnnetzwerke stärkt und entwickelt und zugrunde liegende kognitive Prozesse in Gang setzt, indem das Gehirn gut definierten Lernaufgaben aussetzt wird. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, bereits bei den ersten Anzeichen der kognitiven Verlangsamung, die sich auch in Schwerhörigkeit äußern kann, das Gehirn wieder zu aktivieren und herauszufordern – am besten mithilfe eines kontrollierten und individuell angepassten kognitiven Trainings wie der Koj-Gehörtherapie.

Machen Sie Ihr Gehör wieder fit

Unsere Gesundheit sollte unser höchstes Gut sein und die geistige Fitness ist vielleicht der wichtigste Teil, an dem Sie selbst aktiv sein können. Selbst eine beginnende Hörminderung erhöht das Demenzrisiko erheblich, daher ist es nie zu früh aktiv zu werden; Melden Sie sich zu Ihrem Gehörtraining an.


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18/Okt/2020

Die Ernährung ist für die Gesundheit von grundlegender Bedeutung, aber die Beziehung zwischen Nahrung und dem Gehör ist nicht sofort offensichtlich. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass man sein Gehör verbessern kann, wenn man nur einige wenige Nahrungsmittel zu der täglichen Ernährung hinzufügt und damit  Nährstoffe ergänzt, die einem aufgrund bestimmter Essensgewohnheiten fehlen. Einige Lebensmittel können auch als eine wichtige Quelle von Antioxidantien dienen, welche vor Zellschäden durch oxidativen Stress schützen. Viele Obst- und Gemüsesorten enthalten wichtige antioxidative Vitamine und Mineralien, die unser Körper nicht selbst herstellen kann. Die wichtigsten von ihnen sind unten aufgeführt.

Dr. Kupferberg fasst das spannende Thema in einem kurzen Video für Sie zusammen.

Kalium, Zink und Magnesium

Kalium – ein Mineral, das in Bananen, Kartoffeln und schwarzen Bohnen vorkommt – spielt eine große Rolle bei der Funktionsweise des Innenohrs und bei der Umwandlung von Geräuschen in Signale, die das Gehirn interpretieren kann. Die Ergebnisse einer neuen Studie deuten darauf hin, dass eine hohe Kaliumaufnahme mit einer geringeren Prävalenz bzgl. Hörverlust verbunden ist (Jung et al. 2019).

Zink stärkt das körpereigene Immunsystem und ist zusätzlich für das Zellwachstum und die Wundheilung verantwortlich. So hilft Zink, Keime abzuwehren, die Erkältungen und sogar lästige Ohrinfektionen verursachen. Einige Studien legen nahe, dass es auch bei der Behandlung von Tinnitus wirksam ist (Yang et al. 2011). Zink hat jedoch Wechselwirkungen mit Antibiotika und Diuretika, daher sollte man vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln einen Arzt aufsuchen. Zu den zinkreichen Nahrungsmitteln gehören Rindfleisch, Schweinefleisch und Hühnerfleisch, Cashewnüsse, Mandeln, Erdnüsse, Bohnen, Erbsenspalten, Linsen, Austern und dunkle Schokolade. 

Untersuchungen am University of Michigan Hearing Research Institute haben gezeigt, dass Menschen, die mit Magnesium (zusammen mit den Vitaminen A, C und E) vorbehandelt wurden, vor lärmbedingtem Hörverlust besser geschützt waren (Le Prell, Hughes, and Miller 2007). Die Wissenschaftler glauben, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass Magnesium die Auswirkungen freier Radikale, die bei lauten Geräuschen freigesetzt werden, bekämpft – fast wie eine Schutzbarriere für die empfindlichen Haarzellen im Innenohr. Außerdem führt ein Mangel an Magnesium im Innenohr dazu, dass die Blutgefäße schrumpfen und die Zellen nicht genügend Sauerstoff bekommen. Zu den magnesiumreichen Lebensmitteln gehören Obst und Gemüse wie Bananen, Artischocken, Kartoffeln, Spinat, Tomaten und Brokkoli. 

Folsäure

Folsäure verlangsamt nachweislich auch die Entwicklung von Hörverlust. Der Blutfluss wird durch die Aminosäure Homocystein eingeschränkt, welche beim Eiweissabbau entsteht und die Arteriosklerose begünstigt. Folsäure hilft dabei, Homocystein zu beseitigen und den Blutfluss zu regulieren. Laut Dr. Jane Durga vom Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne, Schweiz, ist Folsäure äußerst wichtig, da das Innenohr auf einen regelmäßigen Blutfluss angewiesen ist.

Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die Ergänzung der Ernährung älterer Männer mit Folsäure dazu beiträgt, das Risiko eines Hörverlustes zu senken (Durga et al. 2007). Zu den Lebensmitteln mit hohem Folsäuregehalt gehören unter anderem Spinat, Brokkoli und Spargel.

Fazit

DIE DARM-HIRN-CONNECTION von Prof. Dr. Gregor Hasler und Co-Autorin Dr. Alexandra Kupferberg

Als Co-Autorin des Buchs „Darm-Hirn-Connection“, das in 2019 herauskam, habe ich mich mit dem Thema Ernährung intensiv beschäftigt und weiß, wie wichtig es ist, den Gesundheitszustand eines Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven zu betrachten.

Die Ernährung ist für jeden Aspekt der Gesundheit von entscheidender Bedeutung, und das gilt auch für das Gehör. Wenn Sie sich nicht mehr sicher sind, ob Sie noch gut hören bzw. in Lärm gut verstehen könnten, sollten Sie Experten zurate ziehen. Bei uns im KOJ-Institut für Gehörtherapie können Sie jederzeit einen Gehörtest machen lassen und eine Beratung wegen eines Hörtrainings einholen, bei dem nicht nur Ihr Gehör, sondern auch Ihre Aufmerksamkeit und Gedächtnis trainiert werden. 

Neu ist auch, dass die KOJ-Gehörtherapie immer mehr Anhänger findet; Was 2013 mit einem kleinen Team in Zürich begonnen hat, wird nun inzwischen in über 70 speziell geschulten und zertifizierten Fachzentren in der Schweiz, Liechtenstein und in Deutschland angeboten. Mehr Info auf: www.koj.training

© Dr. Kupferberg, 08-2020, KHRC

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Referenzen

Durga, Jane, Petra Verhoef, Lucien J. C. Anteunis, Evert Schouten, and Frans J. Kok. 2007. “Effects of Folic Acid Supplementation on Hearing in Older Adults: A Randomized, Controlled Trial.” Annals of Internal Medicine 146(1):1–9.

Jung, Da Jung, Jae Young Lee, Kyu Hyang Cho, Kyu-Yup Lee, Jun Young Do, and Seok Hui Kang. 2019. “Association between a High-Potassium Diet and Hearing Thresholds in the Korean Adult Population.” Scientific Reports 9(1):1–11.

Le Prell, Colleen, Larry Hughes, and Josef Miller. 2007. “Free Radical Scavengers Vitamins A, C, and E plus Magnesium Reduce Noise Trauma.” Free Radical Biology & Medicine 42:1454–63.

Yang, Chao-Hui, Ming-Tse Ko, Jyh-Ping Peng, and Chung-Feng Hwang. 2011. “Zinc in the Treatment of Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss.” The Laryngoscope 121:617–21.

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18/Okt/2020

Zitiert von HNOmedic, den ORL Spezialisten.

Erzeugte Töne gelangen über Schallwellen der Luft in unser Ohr und werden dort nach Weiterleitung durch das Mittelohr im Innenohr in elektrische Signale umgewandelt.

Diese werden dann über den Hörnerven in das Gehirn weitergeleitet. Erst dort geschieht das eigentliche „Hören”.

Das Gehirn verarbeitet die Signale des Hörnerven nicht nur, sondern führt auch eine emotionale Bewertung durch. In die Verarbeitung der Signale fließen also insbesondere Erinnerungen, positive wie negative Erfahrungen und persönliche Interessen mit ein.

Gehör KOJ
Das Gehör ist ein Wunderwerk an kleinsten Strukturen mit grössten Auswirkungen ©KOJ AG 2014

Erst durch diese „zentrale“ Verarbeitung wird dann eine Stimme oder ein Geräusch als angenehm oder unangenehm empfunden. Das Gehirn ist zu erstaunlichen Leistungen fähig: es kann Unwichtiges ausblenden und Wichtiges verstärken. So ist ein Verstehen von Gesprochenem (wichtig) z.B. im Café trotz lauter Hintergrundgeräusche (unwichtig) für Normalhörende in der Regel möglich, Schwerhörige bemerken hier jedoch häufig die ersten Symptome der Erkrankung. Ist eine Stelle dieses Verarbeitungswegs gestört, ist „richtiges“ Hören nicht mehr möglich. In vielen Fällen kann Betroffene „Schwerhörigen“ jedoch geholfen werden.

Hierzu können Sie jederzeit einen Termin auch online vereinbaren.

HNOmedic | kompetent.menschlich.nah


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18/Okt/2020

Zitiert von Ulrike Gebhardt (NZZ).

Schon bei geringer Schallintensität reduzieren im Innenohr bestimmte Sinneszellen ihre Kontaktstellen zum Hörnerv. Wenn sich dieser in der Folge zurückbildet, entsteht eine Schwerhörigkeit, die mit klassischen Hörtests unerkannt bleibt.

Hörschädigung durch zu laute Musik – ein unterschätztes Problem?

Wer morgens im Tram sitzt, wird junge Mitfahrende wohl kaum ohne «Stöpsel» in den Ohren antreffen. Eine ganze Generation trägt mobile Abspielgeräte oder Telefone mit sich herum wie andere Leute das Schuhwerk. Da scheint die Sorge berechtigt, ob und wie die Ohren unter der Schallflut leiden. Beat Hohmann, Akustikexperte der Suva in Luzern, gibt zwar für die Schweiz Entwarnung: Eine Auswertung von Gehörtests an jährlich 1000 Lehrlingen zeige, dass sich in den letzten 12 Jahren das Hörvermögen der Jugendlichen nicht verschlechtert habe. Doch Studien aus anderen Ländern weisen auf durchaus besorgniserregende Entwicklungen hin. In den USA haben bereits 12 bis 15 Prozent der Schulkinder dauerhafte Hördefekte, die auf eine übermässige Geräuschbelastung zurückzuführen sind. Laut Joachim Förster von der deutschen Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft muss davon ausgegangen werden, dass ohne weitere Präventionsmassnahmen ein Drittel der Jugendlichen im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät brauchen wird

Unterschiedliche Haarzellen

Nach neusten Forschungsarbeiten sind die Schäden am Ohr durch Lärm ausserdem vielschichtiger, als man bisher angenommen hat. Zusätzlich zu den schon bekannten Verlusten der äusseren Haarsinneszellen im Innenohr kann es bereits durch niedrige Schallpegel zu Funktionsstörungen der inneren Haarzellen kommen. Als Folge davon verliert der Hörnerv schleichend an Substanz. Dieser Verlust könne das Risiko stark erhöhen, im fortgeschrittenen Alter schwerhörig zu werden oder einen Tinnitus zu bekommen, sagt Marlies Knipper vom Hearing Research Centre in Tübingen.

Die inneren Haarsinneszellen, die im Mittelpunkt dieser neu entdeckten Hörschäden stehen, fanden bisher wenig Beachtung. Dabei geben sie den Hörreiz an das Gehirn weiter, der zuvor von den äusseren Haarzellen verstärkt wurde. Unter übermässiger Schalleinwirkung bilden sich die Kontaktstellen (Synapsen) dieser inneren Sinneszellen mit den Nervenzellen des Hörnervs jedoch dauerhaft zurück. Das entdeckte Charles Liberman von der Harvard University in Boston erstmals vor drei Jahren im Experiment an Mäusen. Auch Knippers Team in Tübingen beobachtete dieses Phänomen bei Tieren – selbst bei Schallintensitäten, bei denen die äusseren Haarzellen noch keinen Schaden nehmen.

Überträgt man die Ergebnisse auf den Menschen, könnte die derzeitige Zunahme von Patienten mit Tinnitus und solchen, die überempfindlich auf Schall reagieren, neben Stress und anderen Faktoren ihre Ursache auch in der Rückbildung des Hörnervs haben. Möglicherweise reagieren die beteiligten Hirnregionen auf den Rückgang der «Meldungen» aus dem Ohr (durch den Verlust an Nervenfasern) mit einer erhöhten Ansprechbarkeit. Im ungünstigsten Fall feuern dann die Synapsen, obwohl gar kein Hörreiz vorhanden ist: Ein Phantomgeräusch wird wahrgenommen (Tinnitus), oder die betroffene Person reagiert stärker als normal auf ein im Grunde leises Signal (Hyperakusis).

Neue Hörtests

Die KOJ-Institute haben sich der Messtechnik verschrieben. Beispielsweise zeigen eigens entwickelte Phonem-Tests die Sprachwahrnehmung unter Alltagsbelastung auf.

Der Rückgang der Kontaktstellen zwischen dem Hörnerv und dem Ohr könnte noch andere Folgen haben, weil das Gehirn die empfangenen Signale schlechter verarbeiten kann. Das wirkt sich besonders negativ in einer schwierigen Hörumgebung aus, etwa wenn es gilt, eine Stimme inmitten lauter Hintergrundgeräusche zu verstehen. Mit den Hörtests, die heute routinemässig verwendet werden, lassen sich nur Schallschäden am Ohr aufdecken, die die äusseren Haarsinneszellen betreffen. Diagnostische Verfahren, mit denen die Rückbildung des Hörnervs frühzeitig entdeckt werden kann, gibt es nicht. Das Team von Knipper arbeitet an der Entwicklung solcher Methoden. Denn es ist wichtig, die Veränderungen rechtzeitig aufzuspüren, da die Schäden nicht rückgängig zu machen sind. Haarsinneszellen sind ein kostbares Gut. Jeder Mensch wird mit etwa 3500 inneren und 12 000 äusseren Haarzellen geboren. Ihren Namen verdanken die empfindlichen Sensoren ihren langen, haarähnlichen Fortsätzen, die sehr empfindlich auf Lärm reagieren. Bei Knallgeräuschen etwa können sie so stark in Schwingung versetzt werden, dass sie auseinanderreissen und später regelrecht in sich zusammenfallen und nicht mehr funktionieren. Ist der Schaden zu gross, stirbt die Haarzelle ab. Kommen auf diese Weise immer mehr äussere Haarsinneszellen abhanden, steigt die Hörschwelle zunächst vor allem bei höheren Frequenzen (Tonhöhen) an, und der Betroffene hört schlechter. Dies bedeutet einen endgültigen Verlust, denn das menschliche Ohr kann – im Gegensatz zu Vögeln oder Fischen – als Ersatz keine neuen Haarzellen hervorbringen. Zwar berichteten Forscher von der Harvard University Anfang Jahr im Fachmagazin «Neuron» über eine gelungene Neubildung von Haarzellen bei Mäusen, die mit einem Enzym-Hemmer behandelt worden waren. Diese Substanz blockiert einen Signalweg in den Zellen, die die Haarzellen des Innenohrs umgeben, und bewirkt, dass sich diese zu Haarzellen umwandeln

Angepasste Prävention

Ob sich diese Behandlung auch beim Menschen anwenden lässt, ist allerdings noch unklar. Denn bei den Mäusen löste der Hemmstoff starke Nebenwirkungen aus. Zwar sollte diese Art von Forschung weiter vorangetrieben werden, sagt Knipper. Aber mindestens ebenso wichtig sei es, neue Präventionsstrategien zu entwickeln. Während vor Jahren der Fokus auf der Arbeitswelt lag, wo inzwischen meist effektive Regulierungen greifen, gibt es solche Vorschriften im Freizeitbereich noch kaum.

Welche Folgen Hörschäden haben können, sind sich junge Menschen häufig nicht bewusst. So seien Hörschäden – und keinesfalls Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Bewegungsapparates – die Hauptursache dafür, dass sich Menschen wegen der mangelhaften Kommunikationsfähigkeit zurückzögen und mit zunehmendem Alter immobil würden, sagt Knipper.

Im Sinne des Ohrenschutzes und des Wissens darum, dass das Ohr «nichts vergisst», sollte man sich daher überlegen, bei der Nutzung des Laubbläsers, Rasenmähers oder Föhns schalldämpfende Ohrstöpsel zu tragen. Die Lautstärke, bei der Hörschäden durch Verluste der äusseren Haarzellen auftreten können, liegt bei 85 Dezibel (dB), einem Pegel, den auch manches Küchengerät erreicht. Sinnvoll könnte es auch sein, dem Enkelkind kein Feuerwehrauto mit lauter Sirene zu schenken und auf die Spielzeugtrompete zu verzichten.

Die grösste Alltagsgefahr lauert nach Ansicht von Hohmann von der Suva bei den MP3-Playern, die laut Euro-Norm bis zu 100 dB erreichen dürfen. Eine eigene Studie zeige, dass 5 bis 10 Prozent der Nutzer ihrem Gehör mehr als die kritische Wochendosis von 85 dB während 40 Stunden zumuteten, so Hohmann. Sinnvoll und technisch machbar sei es, bei Erreichen der maximalen Schalldosis ein Warnsignal auf der Anzeige des Abspielgerätes erscheinen zu lassen. Bis jetzt findet man eine solche Anwendung jedoch in keinem App-Store. Falls Kopfhörer benützt werden, empfiehlt Hohmann, die Einstellung der Lautstärke in ruhiger Umgebung vorzunehmen und selbst wenn die Aussengeräusche anstiegen, nicht lauter zu stellen.

Lesen Sie auch, was die NZZ zum noch zum Hören und KOJ sagt: Artikel 1 (Zum Hören braucht es mehr als gute Ohren), Artikel 2 (Hören muss gelernt sein)


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18/Okt/2020

Ein schöner Betrag über die Hörentwicklung in Säuglingsalter.

Können Babys schon im Bauch hören?

Jung und Alt – vor einem Hörverlust ist keine Alterskategorie geschützt.

Bereits im Mutterleib, etwa ab der 18. Schwangerschaftswoche, ist das Gehör des Babys so ausgeprägt, dass es Töne wahrnehmen kann. Neugeborene reagieren vor allem auf menschliche Stimmen und erkennen bereits die Stimme der Mutter. Natürlich muss das Gehör noch trainiert werden, damit es ausreifen kann. Babys mögen vertraute Stimmen sehr gerne, weshalb Eltern von Anfang an viel mit dem Baby sprechen, ihm vorsingen oder kleine Geschichten erzählen sollten. Lange Zeit wurde angenommen, dass Neugeborene noch nicht hören können. Da im Mittelohr noch Flüssigkeit besteht und das gesamte Hörsystem unausgereift ist, wurde diese Vermutung lange an Eltern und Ärzte weitergegeben.

Die Hörkraft des Babys testen lassen

Für Neugeborene wird ein Hörscreening angeboten. Diese Untersuchung zeigt frühzeitig Hörprobleme, die oft gut behoben werden können. Doch auch ein gutes Ergebnis sollte Eltern nicht dazu verleiten, nicht mehr auf das Hörvermögen des Babys zu achten: Eine Ohrinfektion oder eine Erkältung können das Hören beim Baby beeinträchtigen.Deshalb sollte immer wieder darauf geachtet werden, ob und wie das Kind auf Geräusche reagiert. Vor allem Musik ist für Babys interessant. Die Spieluhr am Kinderbett ist also nicht nur eine schöne Dekoration, sondern auch sehr nützlich.

Klänge und Töne für das Baby

Mit rund drei Monaten kann das Baby bereits viele Klänge auseinanderhalten und versucht, darauf zu reagieren. Eltern stellen in dieser Zeit fest, dass das Baby versucht zu antworten, wenn es angesprochen wird. Es entwickelt eine Reihe von Lauten, die es bei Bedarf einsetzt. Immer, wenn Eltern in der Entwicklung das Gefühl haben, das Baby hört nicht gut, ist ein kurzer Besuch beim Kinderarzt sinnvoll. Das Neugeborenen-Hörscreening ist bereits der erste Schritt in die richtige Richtung: Da nämlich auch gehörlose Kinder anfangs plappern, merken viele Eltern nicht, dass mit dem Gehör des Kindes etwas nicht stimmt.

So funktioniert das Hörscreening beim Baby

Durch die Technik sieht der Hörtest ein wenig seltsam aus, ist aber für das Baby absolut schmerzfrei. Das Neugeborene bekommt über eine kleine Sonde Töne in das Ohr, die sehr leise sind und das empfindliche Gehör nicht schädigen. Die gemessenen Reaktionen des Innenohrs geben Aufschluss, ob mit Babys Gehör alles in Ordnung ist. Ein nicht so gut ausgefallenes Hörscreening ist übrigens noch kein Grund zur Beunruhigung: Erst eine weitere Untersuchung, die Hirnstammaudiometrie, liefert endgültige Ergebnisse. Hierbei wird mithilfe von Elektroden das Hörvermögen in den Hirnströmen quasi sichtbar gemacht.

So erkennen Eltern, ob sich das Hörvermögen ihres Kindes gut entwickelt

Trotz aller Tests, die das Hörvermögen messen, ist die ständige Beobachtung im Alltag unerlässlich. Ab dem ersten Monat erschrecken Babys bei lauten Geräuschen. Knallende Türen, herabfallende Gegenstände oder ungewohnter Straßenlärm irritieren das Kind. Mit drei Monaten reagiert das Baby aktiv auf Geräusche und ahmt Laute mit rund sechs Monaten nach. Wenn der Säugling in diesem Rahmen auf Töne und Klänge reagiert, ist davon auszugehen, dass mit dem Hörvermögen alles in Ordnung ist. Trotzdem sollten Eltern die schmerzfreien Hörtests, die von den Krankenkassen angeboten werden, unbedingt nutzen.


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18/Okt/2020

Zitiert von RUB – Ruhr Universität Bochum.

NEUROWISSENSCHAFT – Das Gehirn gewöhnt sich nicht an Altersschwerhörigkeit, sodass das Gedächtnis leidet.

Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko für Demenzerkrankungen und kognitiven Verfall. Warum das so ist, war bisher unklar. Ein Team aus der Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat nun mit Untersuchungen an Mäusen herausgefunden, was im Gehirn passiert, wenn das Hörvermögen nach und nach schlechter wird: Hirnbereiche werden umorganisiert, worunter das Gedächtnis leidet. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Cerebral Cortex“ vom 20. März 2020 online veröffentlicht.

An der Studie haben Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo und Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie gemeinsam gearbeitet.

Wenn eine Sinneswahrnehmung fehlt

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen graduellen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoffrezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

Anpassungsfähigkeit des Gehirns leidet

Es ist wichtig, Schwerhörigkeit zu behandeln, um die geistige Fitness zu erhalten.

Die so gewonnenen Daten zeigten, dass die synaptische Plastizität im Hippocampus durch den graduellen Verlust des Hörvermögens beeinträchtigt ist. Die synaptische Plastizität wiederum ermöglicht die langfristige Speicherung von Erlebnissen, dadurch werden Erinnerungen gebildet und festgehalten. Die Verteilung und Dichte von Botenstoffrezeptoren änderte sich stetig. Mit Fortschreiten der Schwerhörigkeit verstärkten sich auch die Effekte im Gehirn. Darüber hinaus zeigten die schwerhörigen Mäuse zunehmende Einschränkungen bei ihrer Gedächtnisleistung. „Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, so Denise Manahan-Vaughan. „Wir glauben, dass die ständigen Veränderungen der Neurotransmitterrezeptorexpression, die durch fortschreitenden Hörverlust verursacht werden, auf der Ebene der sensorischen Informationsverarbeitung zu einer Art Treibsand führen, der verhindert, dass der Hippocampus effektiv arbeitet“, fügt sie hinzu.

 

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Förderung

Die Studie wurde durch den Sonderforschungsbereich (SFB) 874 der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Der SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ besteht seit 2010 an der RUB. Die Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit der Frage, wie sensorische Signale neuronale Karten generieren, und wie daraus komplexes Verhalten und Gedächtnisbildung resultiert. Daniela Beckmann und Mikro Feldmann haben zudem das MD-Programm speziell für Medizinstudierende des SFB 874 und der International Graduate School of Neuroscience absolviert.

Originalveröffentlichung

Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo, Denise Manahan-Vaughan: Hippocampal synaptic plasticity, spatial memory, and neurotransmitter receptor expression are profoundly altered by gradual loss of hearing ability, in: Cerebral Cortex, 2020, DOI: 10.1093/cercor/bhaa061

 

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18/Okt/2020

Ein toller Artikel, zitiert von Brigitte.

Ohne ihn wären wir wortlos. Er ermöglicht Verständigung und Miteinander – und er ist ein kleines Sensibelchen.

Kino im Kopf – Wie Hören uns schützt und gesund hält. Der Hörsinn rettet Leben, deswegen wird er auch nicht abgeschaltet, wenn wir schlafen. Wir hören die Gefahr und die Richtung, aus der sie droht, und bringen uns rechtzeitig in Sicherheit. Schon dieses Alarmsystem hat eine soziale Komponente. Denn wir reagieren nicht erst, wenn wir das bedrohliche Geräusch selbst wahrnehmen, sondern auch, wenn uns andere warnen. Unsere Ohren sind nämlich besonders empfindlich für das, was sie hören wollen: Sprache. Schon Babys faszinieren menschliche Stimmen mehr als alles andere. Bereits vor der Geburt gewöhnen sie sich daran, ihre Mutter zu hören, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Innenohr als erstes Organ unseres Körpers komplett ausgebildet. Und wie Patienten mit Nahtod-Erfahrungen berichten, endet unser Leben oft auch mit akustischen Eindrücken. Hören bedeutet zunächst Sicherheit und Nähe. Wenn ich andere höre, bin ich nicht allein.

Doch Hören ist auch Kommunikation. Unsere Sprache markiert einen kognitiven Quantensprung der Evolution, durch sie sind wir mehr als Affen mit großen Hirnen: “Die Menschwerdung vollzog sich über das Hören”, erklärt

Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen.

Professor Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Wir wollen hören und Gehör finden. Das ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Wenn sich unsere Vorfahren abends um das Feuer versammelten, um Erlebnisse und Geschichten zu teilen, war Zusammengehörigkeit selbstverständlich. Uns geht sie zunehmend verloren. Wir hören zwar immer mehr, aber immer weniger zu – und eher seltener gemeinsam. Doch ohne Gespräche und Austausch untereinander fühlen wir uns allein und unglücklich, selbst wenn wir ständig von Menschen umgeben sind. Nicht nur Hören, sondern richtiges Zuhören ist also Voraussetzung für ein soziales Miteinander – und offenbar auch für gesunde Hirnfunkionen. Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen. So beschäftigt ein und dasselbe Geräusch mal die linke, mal die rechte Gehirnhälfte, je nachdem, welche Gedanken wir damit verbinden. Denn Geräusche haben anders als Objekte nur Symbolcharakter und müssen erst interpretiert werden. Wir sammeln Erfahrungen, bilden Kategorien und entwickeln daraus eine Vorstellung von dem, was wir hören. Visuelle Informationen fordern und fördern unser Gehirn dagegen viel weniger: Wer fernsieht, braucht kaum Fantasie. Hören erzeugt Kino im Kopf. Und weil wir dabei die Bilder speichern, haben wir auch bestimmte klangliche Erwartungen und sind irritiert, wenn diese sich nicht erfüllen. Fällt eine Tür scheppernd ins Schloss, fühlen wir uns in der Wohnung dahinter nicht sicher. Ein Rasierer für Frauen sollte diskret leise sein, für Männer muss er die Bartstoppeln ordentlich sprazzeln lassen. Der Akustiker Friedrich Blutner, der Musikinstrumente baute, bevor er sich dem Sounddesign widmete, ist der Meinung, dass die bevorzugten Geräusche auch das Lebensgefühl einer Generation ausdrücken. Heute müssten Produkte krachen und knacken, damit wir sie gut finden: Leistung werde oft mit Lautstärke gleichgesetzt. Sollte sich unser Leben wieder mehr entspannen, werden wir wahrscheinlich weichere Geräusche schätzen.

Was beeinträchtigt den Sinn?

Wenn zu starke Schallwellen über die Härchen der Hörzellen hinwegbranden, können diese abbrechen oder -knicken. Solche Knalltraumen werden durch Lautstärken ab etwa 130 Dezibel verursacht, also durch Silvesterböller, aber auch Spielzeugpistolen. Die Schäden dabei sind endgültig, denn die Zellen des Innenohrs erneuern sich nicht. Auf Dauer zerstört bereits Schall unterhalb der Schmerzgrenze das Gehör, und zwar umso schneller, je lauter er ist. Oft merken wir davon zunächst nichts. “Diese kleinen Schäden summieren sich aber, bis irgendwann der Point of no Return überschritten ist”, warnt Dr. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

An Lärm gewöhnen sich weder unser Ohr noch unser Körper. Für ihn bedeutet Lärm Stress: Cortisol wird ausgeschüttet, und der Blutdruck steigt. In einer lauten Umwelt zu leben erhöht das Infarktrisiko von Frauen um mehr als das Dreifache, so eine Studie der Charité. Und nachts sind unsere Ohren noch empfindlicher: Einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge steigern schon nächtliche 55 Dezibel – dieser Wert wird auf vielen unserer Straßen erreicht – das Risiko von Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Asthma-Erkrankungen.

Die Macht der Musik

Wie wir unser Gehör einsetzen können, um uns zu heilen

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten.

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten. So sind bei Pianisten beim Hören von Klaviermusik die gleichen Hirnbereiche aktiv, als wenn sie selbst spielen würden. Und sogar bei Nichtmusikern reagieren Nervenzellen, die mit dem Kehlkopf in Verbindung stehen – und singen oder pfeifen lautlos mit. “Erst kommt die Musik, dann die Sprache”, sagt Dr. Stefan Koelsch, Leiter der Forschungsgruppe Neurokognition der Musik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Beim Hören von Musik sind also vor allem Bereiche des Gehirns aktiv, die wir nicht unter Kontrolle haben, und diese beeinflussen unser Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Untersuchungen zeigen, dass Blutdruck, Puls und Atemfrequenz abnehmen, wenn wir ruhigen Klängen lauschen. Das funktioniert unabhängig davon, ob uns das Stück überhaupt gefällt. Aber Musik als Medizin kann noch viel mehr: Sie senkt zum Beispiel die Angst vor und während eines ärztlichen Eingriffs wie einer Magenspiegelung. Forscher der Universität Yale fanden heraus, dass Patienten sogar weniger Narkosemittel brauchen, dürfen sie ihre Lieblingsmusik hören. Und dies liegt tatsächlich an der Musik und nicht daran, dass sie OP-Geräusche übertönt. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen schneller erholen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie nach einer Operation mit Musik aufwachen. Sanfte Musik dämpft außerdem das Schmerzempfinden während der Wehen. Und Frühgeborene, die mehrmals täglich Schlaf- und Kinderlieder vorgespielt bekamen, nahmen schneller an Gewicht zu und konnten so früher von der Intensivstation entlassen werden. “Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie genau Musik im Körper wirkt”, erklärt Stefan Koelsch. “Doch in Zukunft wird Musik in der Medizin immer häufiger eingesetzt werden.” Musik heilt natürlich auch dann, wenn man sie aktiv einsetzt. Heidelberger Therapeuten konnten belegen, dass regelmäßiges Musizieren die Häufigkeit von Migräneanfällen bei Kindern sogar etwas effektiver reduziert als spezielle Medikamente. Bei Demenzkranken können Lieder vergessen geglaubte Erinnerungen und Wörter zurückbringen, Parkinson-Kranken hilft der Rhythmus, ihre Bewegungen zu koordinieren, und Schlaganfallpatienten finden oft über das Singen zurück zur Sprache.

Was, wenn der Sinn gestört ist?

Hörgeräte sind vielen peinlich. Dabei machen sie uns schlau

Mit rund 15 Millionen Betroffenen ist Schwerhörigkeit in Deutschland eine Volkskrankheit. Ein Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung, ein anderer die permanente Lärmüberlastung. Die Zahl der Tinnitus-Patienten wächst ebenfalls, und ein akuter Hörsturz trifft immer häufiger auch junge Menschen.

Moderne Hörsysteme sind trotz Rechenpower dezent.

Hörprobleme sollten möglichst frühzeitig behandelt werden. Denn wer längere Zeit schlecht hört, vergisst auch immer mehr Geräusche und muss sie mühsam neu lernen. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte nachweisen, dass sich Menschen in einem IQ-Test verbessern, sobald sie Hörgeräte bekommen – und ihre geistige Kapazität nicht mehr durch das akustische Verstehen absorbiert ist. Während Hörgeräte Schall verstärken, stimulieren Cochlea-Implantate (winzige Hörprothesen im Innenohr) über Elektroden direkt den Hörnerv. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass dieser Nerv noch funktioniert: Das ist etwa bei Erwachsenen der Fall, die nach einem Hörsturz ertauben, oder bei vielen gehörlos geborenen Kindern.

Etwa zwei von tausend Neugeborenen sind von angeborenen Hörstörungen betroffen. Im Kindesalter ist es noch wichtiger, diese Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn für die Entwicklung des Gehörs und vor allem der Sprache gibt es sensible Phasen. Versäumtes kann manchmal kaum oder überhaupt nicht mehr aufgeholt werden.

So halten Sie Ihr Gehör fit

“Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen.

Die Funktion des Innenohrs können wir nicht steigern, sondern nur bewahren. Trainieren lässt sich aber die Hörverarbeitung im Gehirn. Dies ist oft Teil einer Therapie von Tinnitus und Hörsturz, lässt sich jedoch auch vorbeugend einsetzen. “Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen. Es lohnt sich also, sorgfältig auszuwählen, was wir uns zu Ohren kommen lassen – und dem Gehör ab und zu eine Pause zu verordnen: – SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und lauschen Sie dem Alltag. Etwa im Park oder im Bus. Was hören Sie? Und aus welcher Richtung kommen die Geräusche? – GENIESSEN SIE MUSIK. Akustisches Berieseln nutzt die Hörwahrnehmung im Gehirn eher ab, bewusstes Hinhören aber trainiert sie. Konzentrieren Sie sich dafür zum Beispiel einmal nur auf ein einziges Instrument. – GÖNNEN SIE IHREN OHREN RUHE. Wenn Sie besonderem Lärm ausgesetzt waren, braucht das Gehör Zeit, sich davon zu erholen. – SCHÜTZEN SIE IHR GEHÖR VOR KRACH. Taubheit und Ohrenklingeln nach einem Konzert sind erste Warnzeichen, selbst wenn sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Ohrstöpsel etwa entlasten das Ohr: Sie dämpfen um 15 bis 30 Dezibel und lassen trotzdem noch genug Musikgenuss durch.

Tinnitus oder Hörsturz?

“In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite.

In Deutschland leiden rund drei Millionen Menschen unter Ohrgeräuschen. Dabei senden aufgequollene oder entzündete Hörzellen von selbst Signale ans Gehirn. Ein Tinnitus tritt oft nach Lärmüberlastung auf und kann durch eine Therapie mit Infusionen oder Medikamenten behandelt werden. Hält der Tinnitus jedoch länger als drei Monate an, hat diese Durchblutungsförderung keinen Sinn mehr: Die Tinnitus-Aktivität ist dann im Gehirn fixiert. “In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite. Viele Betroffene leiden besonders unter den Geräuschen, weil sie ihre ganze Wahrnehmung darauf fokussieren. Wer hingegen plötzlich schlecht hört, leidet möglicherweise an einem Hörsturz und sollte spätestens am zweiten Tag zum Arzt gehen. Denn die Ursache ist oft eine Art Innenohr-Infarkt, und die Sinneszellen können absterben, wenn die Therapie nicht rechtzeitig beginnt. Ein Hörsturz kann verschiedene Ursachen haben, wie Birgit Mazurek erklärt: “Stress ist allerdings häufig eine Mitursache.”


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18/Okt/2020

Eine Mitteilung der Bochumer Ruhr-Universität.

Wer Gesprächen nicht folgen kann, dem fehlt geistige Anregung. Folge: Veränderungen im Gehirn. Was dabei genau passiert, berichten Neurowissenschaftler der Bochumer Ruhr-Universität im Fach­blatt Cerebel Cortex. Sie haben Mäuse mit einem ererbtem Hörverlust untersucht, der einer alters­bedingten Schwerhörig­keit beim Menschen ähnelt.

Hörverlust mindert Gedächt­nisleistung

Fazit der Wissenschaftler: Die für die Gedächt­nisbildung im Gehirn zuständigen Boten­stoff­rezeptoren verändern mit zunehmendem Hörverlust ihre Dichte und verteilen sich anders. Darunter leidet die Informations­ver­arbeitung und so die Gedächt­nisleistung.

Hörgerät kann helfen

In früheren Studien wurde bereits bei jungen Menschen mit nur leichtem Hörverlust eine Veränderung der Hirn­aktivität beob­achtet, die Demenz Vorschub leisten könnte. Ein Hörgerät in jungen Jahren kann dem entgegen­wirken.


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18/Okt/2020

Ein Artikel von Dr. Alexandra Kupferberg.

Während die Schließung der Kindergärten und Schulen aufgrund der COVID-19-Pandemie das Leben von Schülern und Eltern auf der ganzen Welt auf den Kopf stellte, traf die extreme Isolation hörgeschädigte und taube Kinder besonders hart. Den meisten dieser Kinder fällt es schwer, sogar mit ihrer Familie zu kommunizieren, da viele Eltern die Gebärdensprache nie gelernt haben. Auch kann die monatelange Unterbrechung der Wissensvermittlung negative Auswirkung auf soziale Kompetenz und emotionale Verfassung einiger schwerhöriger und tauber Kinder haben. Dieser Newsletter gibt einen Überblick über die Folgen der sozialen Distanzierung für die geistige Gesundheit und die Lebensqualität betroffener Kinder und diskutiert computerbasiertes auditorisches Training als eine Möglichkeit, das Sprachverstehen von zu Hause aus gezielt zu trainieren.

 

 

Warum Kinder mit Hörverlust einer höheren Belastung durch soziale Isolation ausgesetzt sind

Die COVID-19 Krise bedingt erhebliche Einschränkungen für die Jüngsten.

Am 11. März 2020 erklärte die WHO COVID-19 zur globalen Pandemie mit u. a. der Folge, dass am 13. März die meisten Schulen und Kitas geschlossen wurden. Obwohl die Zahl der Neuinfektionen rückläufig ist, hat das Coronavirus das gesellschaftliche Leben hierzulande noch fest im Griff. Viele Kinder, die von Hörverlust betroffen sind, wurden während des Lockdowns nicht nur aus dem öffentlichen und sozialen Leben in besonderem Maße ausgeschlossen. Sie mussten in einer Art doppelten Abgeschiedenheit leben, zusätzlich zur Einschränkung des Hörvermögens erfolgte eine „kommunikative Isolation“ in Haushalten, in denen Familienmitglieder oft Schwierigkeiten haben, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Der Großteil (97,7 %) der taub geborenen Kinder wächst bei hörenden Eltern auf (Bredel and Maaß 2016). Der Großteil derselbigen kann keine Gebärdensprache sprechen, sodass taube Kinder die in der Familie gebräuchliche Sprache, im Gegensatz zu hörenden Kindern, nicht im frühen Kindesalter erlernen können. Bei einigen Eltern herrscht zudem eine Voreingenommenheit gegenüber der Gebärdensprache. Überdies zieht das Frühförderungssystem bei tauben und schwerhörigen Kindern oft die Lautsprache der Gebärdensprache vor. 

Kommunikationsprobleme und soziale Isolierung der schwerhörigen und gehörlosen Kinder in der aktuellen Situation

Der Wunsch nach sozialen Beziehungen entwickelt sich in der frühen Kindheit und bildet eine Grundlage für den Erwerb von sozialer Kompetenz im Erwachsenenalter (Hartup 1983). So korrelieren positive Interaktionen mit Gleichaltrigen in der frühen Kindheit mit einer besseren sozialen Anpassung in der Schule, besserer Emotionskontrolle (McElwain and Volling 2005; Odom, McConnell, and Brown 2007) und dem akademischen Erfolg (Buhs, Ladd, and Herald 2006). Eine Studie zeigte sogar, dass Kinder mit Hörverlust oft Schwierigkeiten haben, ihre Bedürfnisse dem Schulpersonal gegenüber zu kommunizieren, und sich manchmal wegen ihres Hörverlustes missverstanden oder sogar unterdrückt fühlen können (Edmondson and Howe 2019). 

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass taube Kinder oft auf Ablehnung durch Gleichaltrige stoßen (Stinson and Antia 1999), sozial ausgeschlossen werden und bei normalhörenden Altersgenossen unbeliebt sind (Ridsdale and Thompson 2002). Hörende Schülerinnen und Schüler bevorzugen oft hörende Gleichaltrige als Freunde (Nunes, Pretzlik, and Olsson 2001), was zu Isolation und Einsamkeit bei Kindern mit Hörproblemen führen kann (Wauters and Knoors 2008). Unterschiede zwischen tauben und hörenden Kindern in Bezug auf Freundschaften wurden bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten in einer Studie, in der die Interaktionen von Vorschulkindern auf dem Spielplatz über einen Zeitraum von sieben Monaten beobachteten wurden, aufgezeigt (Lederberg et al. 1987). Dabei wurden zwei Arten positiver Interaktionen zwischen Kindern unterschieden: einerseits die sporadische Freundschaft, charakterisiert durch gelegentliche und positive Interaktion und das parallele Spielen, und andererseits die langfristige Freundschaft, charakterisiert durch die gegenseitige Vorliebe füreinander und interaktives Spielen. Obwohl während der Studiendauer bei allen hörenden und gehörlosen Kindern mindestens eine langfristige Freundschaft vorhanden war, gab es einen signifikanten Unterschied zwischen dem Freundschaftsmuster der hörenden und der gehörlosen Kinder. Während die Mehrheit der Freundschaften der hörenden Kinder langfristig angelegt war, war das häufigste Freundschaftsmuster bei den gehörlosen Kindern sporadisch. So waren gehörlose Kinder im Vorschulalter zu genauso vielen positiven Interaktionen mit Gleichaltrigen fähig wie hörende Schüler, wurden aber in deutlich weniger Fällen als Spielpartner von hörenden Kindern bevorzugt. Somit erscheint es nachvollziehbar, dass hörende Schüler*innen sozial erfolgreicher als ihre gehörlosen Altersgenossen sind (Marschark et al. 2012). 

Die moderne Generation von Kindern und Teenagern ist es gewohnt, über ihre Geräte wie Tablets oder Smartphones online zu kommunizieren. Kinder mit starker Hörschädigung ist des nur bedingt möglich.

Die Schließung der Schulen und Kitas während der Corona-Pandemie dürfte wahrscheinlich zusätzliche negative Einflüsse auf die soziale Entwicklung der schwerhörigen und tauben Kinder haben. Es konnte gezeigt werden, dass  Kinder, die eine Kindertagesstätte besuchten, effektiver mit Gleichaltrigen interagieren konnten als Kinder, die keine Tagesstätte besuchten (Stolk et al. 2013). Die moderne Generation von Kindern und Teenagern ist es gewohnt, über ihre Geräte wie Tablets oder Smartphones online zu kommunizieren, sodass für viele von ihnen die soziale Distanzierung wahrscheinlich leichter ist als für ältere Generationen. Viele Kinder und Teenager haben sich während der Pandemie bereits an die neuen sozialen Regeln adaptiert und organisieren „virtuelle Übernachtungen“, lange Video-Chats und Kinoabende über Streaming-Anbieter. 

All diese Coping-Strategien sind für Kinder mit starker Hörschädigung oder Taubheit nur bedingt anwendbar oder möglich. Insbesondere diejenigen, die das Lippenlesen oder die Gebärdensprache verwenden, werden von solchen Interaktionen in gewissem Umfang ausgeschlossen. Auch der Online-Unterricht stellt Kinder, die Technologien wie Hörgeräte oder Cochlea-Implantate verwenden, vor große Herausforderungen. Verständnisschwierigkeiten beim Hören der Lehrperson durch technische Probleme wie Verzerren oder Ausfallen des Tons können bei der elektronischen Übermittlung auftreten. Des Weiteren sind üblicherweise Untertitel beim Online-Unterricht nicht vorhanden und es fehlt die Möglichkeit, bei Schwierigkeiten mit dem Verstehen, die Mitschüler um Hilfe zu bitten.

Auditorisches Training für besseres Sprachverstehen bei Kindern mit Hörminderung

Kinder mit Hörverlust haben bei Abwesenheit von Nebengeräuschen eine ähnliche Entwicklung der auditiven Fähigkeiten aufzuweisen wie ihre normalhörenden Altersgenossen (Sullivan, Thibodeau, and Assmann 2013). Bei komplexeren Höraufgaben, die anspruchsvolle Fähigkeiten erfordern wie z. B. Spracherkennung im Lärm, treten bei Kindern mit Hörverlust jedoch Defizite auf (Jerger 2007). Diese Schwierigkeit, Sprache im Lärm zu verstehen, wirkt sich negativ auf ihre Sprachentwicklung und ihren akademischen Fortschritt aus und ist in der Literatur gut dokumentiert (Dockrell and Shield 2004; Stelmachowicz et al. 2004). 

Mit dem Fortschritt der Technologie und der E-Learning-Programme haben computergestützte Programme für das Trainieren der Hörfähigkeit und des Sprachverstehens bei Lärm große Aufmerksamkeit erregt. Obwohl computergestütztes kognitives Training positive Effekte auf das Sprachverstehen hatte und die Effekte sogar auf der neuronalen Ebene gezeigt werden konnten (Angelucci et al. 2015; Fisher et al. 2016; Kupferberg, Koj, and Radeloff 2019; Sweetow and Palmer 2005), hat man die Wirkung fast ausschließlich bei erwachsenen Kollektiven getestet. Jedoch wurden in den letzten Jahren aufgrund der positiven bisherigen Ergebnisse und der Vorteile einer Anwendung in Heimnutzung auch mehrere computerbasierte Trainings für Kinder auf den Markt gebracht, wie zum Beispiel Angel Sound Training und Otto’s World of Sounds für Hörgeräteträger und Trainings von Advanced Bionics, MED-EL und  Cochlear für Kinder nach Cochleaimplantatversorgung (Nanjundaswamy et al. 2018). 

Bis jetzt gibt jedoch kaum Studien zum Nachweis einer Wirksamkeit dieser Programme bei Kindern. Dennoch ist die Bedeutung der Frühintervention bei Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit eine allgemein anerkannte Tatsache, da es enorm wichtig ist, dass das Kind in seinen frühen Jahren die meiste auditive Stimulation erhält und damit eine altersgerechte auditorische Entwicklung stattfinden kann. 

Die Notwendigkeit der Durchführung zukünftiger Studien zum Nachweis der Wirksamkeit der bestehenden Programme für Kinder und die Anpassung von Trainingsprogrammen für Erwachsene an Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kindern ist aus unserer Sicht in dringendem Maße gegeben. 

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Das Koj-Institut für Gehörtherapie hat bereits die erste Pilotstudie an Kindern für den Sommer 2020 geplant. Hier soll die Auswirkung des Trainings auf Sprachverstehen untersucht werden. Mit der Koj-Gehörtherapie sollen sich nicht nur das Sprachverstehen bei Hintergrundgeräusch, sondern auch wichtige kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit trainieren lassen. Ein angepasstes und effektives Training dieser Aspekte könnte das alltägliche Leben und die Kommunikation der betroffenen Kinder entscheidend positiv beeinflussen.

 

 

 

 

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Referenzen:

  • Angelucci, Francesco, Antonella Peppe, Giovanni A. Carlesimo, Francesca Serafini, Silvia Zabberoni, Francesco Barban, Jacob Shofany, Carlo Caltagirone, and Alberto Costa. 2015. “A Pilot Study on the Effect of Cognitive Training on BDNF Serum Levels in Individuals with Parkinson’s Disease.” Frontiers in Human Neuroscience 9.
  • Bredel, Ursula, and Christiane Maaß. 2016. Leichte Sprache: Theoretische Grundlagen ?Orientierung für die Praxis. Bibliographisches Institut GmbH.
  • Buhs, Eric S., Gary W. Ladd, and Sarah L. Herald. 2006. “Peer Exclusion and Victimization: Processes That Mediate the Relation Between Peer Group Rejection and Children’s Classroom Engagement and Achievement?” Journal of Educational Psychology 98(1):1–13.
  • Dockrell, Julie E., and Bridget Shield. 2004. “Children’s Perceptions of Their Acoustic Environment at School and at Home.” The Journal of the Acoustical Society of America 115(6):2964–73.
  • Edmondson, Suzanne, and Julia Howe. 2019. “Exploring the Social Inclusion of Deaf Young People in Mainstream Schools, Using Their Lived Experience.” Educational Psychology in Practice 35(2):216–28.
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  • Hartup, W. 1983. Peer Relations. Handbook of Child Psychology. Wiley York NY.
  • Jerger, Susan. 2007. “Current State of Knowledge: Perceptual Processing by Children with Hearing Impairment.” Ear and Hearing 28(6):754–65.
  • Kupferberg, Aleksandra, Andreas Koj, and Andreas Radeloff. 2019. “Auditorisches Training Verbessert Sprachverstehen Und Kognitive Leistung.” HNO Nachrichten 49:32–37.
  • Lederberg, Amy R., Victor Rosenblatt, Deborah Lowe Vandell, and Steven L. Chapin. 1987. “Temporary and Long-Term Friendships in Hearing and Deaf Preschoolers.” Merrill-Palmer Quarterly 33(4):515–33.
  • Marschark, Marc, Rebecca Bull, Patricia Sapere, Emily Nordmann, Wendy Skene, Jennifer Lukomski, and Sarah Lumsden. 2012. “Do You See What I See? School Perspectives of Deaf Children, Hearing Children, and Their Parents.” European Journal of Special Needs Education 27(4):483–97.
  • McElwain, Nancy L., and Brenda L. Volling. 2005. “Preschool Children’s Interactions with Friends and Older Siblings: Relationship Specificity and Joint Contributions to Problem Behavior.” Journal of Family Psychology: JFP: Journal of the Division of Family Psychology of the American Psychological Association (Division 43) 19(4):486–96.
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  • Nunes, Terezinha, Ursula Pretzlik, and Jenny Olsson. 2001. “Deaf Children’s Social Relationships in Mainstream Schools.” Deafness & Education International 3(3):123–36.
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  • Ridsdale, Jacky, and David Thompson. 2002. “Perceptions of Social Adjustment of Hearing-Impaired Pupils in an Integrated Secondary School Unit.” Educational Psychology in Practice 18(1):21–34.
  • Stelmachowicz, Patricia G., Andrea L. Pittman, Brenda M. Hoover, Dawna E. Lewis, and Mary Pat Moeller. 2004. “The Importance of High-Frequency Audibility in the Speech and Language Development of Children with Hearing Loss.” Archives of Otolaryngology–Head & Neck Surgery 130(5):556–62.
  • Stinson, M., and S. Antia. 1999. “Considerations in Educating Deaf and Hard-of-Hearing Students in Inclusive Settings.” Journal of Deaf Studies and Deaf Education 4(3):163–75.
  • Stolk, Arjen, Sabine Hunnius, Harold Bekkering, and Ivan Toni. 2013. “Early Social Experience Predicts Referential Communicative Adjustments in Five-Year-Old Children.” PLOS ONE 8(8):e72667.
  • Sullivan, Jessica R., Linda M. Thibodeau, and Peter F. Assmann. 2013. “Auditory Training of Speech Recognition with Interrupted and Continuous Noise Maskers by Children with Hearing Impairment.” The Journal of the Acoustical Society of America 133(1):495–501.
  • Sweetow, Robert, and Catherine V. Palmer. 2005. “Efficacy of Individual Auditory Training in Adults: A Systematic Review of the Evidence.” Journal of the American Academy of Audiology 16(7):494–504.

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© Dr. Kupferberg, 05-2020, KOJ HEARING RESEARCH CENTER


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18/Okt/2020

Ein Beitrag von Deutsches Ärzteblatt.

Bochum – Wird im Alter das Gehör schlechter, reagiert das Gehirn darauf mit einem Umbau, der das Gedächtnis beeinträchtigen kann. Das berichten Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der Zeitschrift Cerebral Cortex (DOI 10.1093/cercor/bhaa061).

Einer Hörminderung und einem damit verbundenem kognitivem Abbau kann erfolgreich entgegengewirkt werden.

Die Forscher untersuchten für die Studie eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen allmählichen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoff­rezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

„Wir beobachteten, dass 2 bis 4 Monate postnatal eine Zunahme der kortikalen und hippokampalen Expression von sogenannten GluN2A- und GluN2B-Untereinheiten des N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptors im Vergleich zu Kontrollmäusen ohne sensorische Defizite auftrat“, berichten die Forscher. Darüber hinaus war die Expression von GABA und des metabotropen Glutamat-Rezeptors signifikant verändert. Die synaptische Plastizität des Hippocampus war stark beeinträchtigt, und die Mäuse wiesen signifikante Defizite im räumlichen Gedächtnis auf.

Diese Daten zeigten, dass während der Anpassung des Gehirns an den zunehmenden Hörverlust die Expression plastizitätsbedingter Neurotransmitter im Kortex und Hippocampus stark verändert ist. Es sei deutlich, dass ein zunehmender sensorischer Verlust die Funktion des Hippocampus deutlich beeinträchtige, so die Forscher.

„Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, erläutert Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie der RUB. © hil/aerzteblatt.de

Ein med. Gehörtraining kann einen entscheidenden Beitrag leisten, die kognitive Leistungsfähigkeit zu erhalten. Mehr Info auf www.khrc.info