Hirnprozesse unterscheiden sich bei Jazz- und Klassikpianisten

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13/Jan/2021

Ein Bericht von aezteblatt.de.

Leipzig – Musik zu machen, erfordert ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Fähigkeiten, das sich in ausgeprägten Hirnstrukturen widerspiegelt. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben nun herausgefunden, dass sich diese Fähigkeiten viel feinabgestimmter im Gehirn zeigen, als bisher angenommen – und sich sogar je nach Stilrichtung des Musikers unterscheiden. Ihre Arbeit ist in der Fachzeitschrift Neuroimage erschienen (2017; doi: 10.1016/j.neuroimage.2017.12.058). Danach laufen bei Jazzpianisten andere Hirnprozesse ab als bei klassischen Pianisten, selbst wenn sie das gleiche Musikstück spielen.

Für ihre Studie untersuchten die Forscher 30 professionelle Pianisten, die Hälfte davon seit mindestens zwei Jahren spezialisiert auf Jazz, die andere auf klassische Musik. Diese bekamen auf einem Bildschirm eine Hand zu sehen, die eine Abfolge von Akkorden auf einem Klavier spielte, gespickt mit gezielten Stolperfallen in den Harmonien und den Fingersätzen. Die Profipianisten sollten es dem Vorbild auf dem Bildschirm nachtun und entsprechend flexibel auf die Unregelmäßigkeiten reagieren, während ihre Hirnsignale mit EEG-Sensoren auf ihrem Kopf erfasst wurden. Um dabei Störsignale wie akustische Signale auszuschließen, lief das Ganze ohne Töne als stummes Klavierspiel ab. „Wir konnten die bei Jazzpianisten trainierte Flexibilität beim Planen von Harmonien während des Klavierspiels auch im Gehirn sehen“, erklärte Roberta Bianco, Erstautorin der Studie. Als die Jazzmusiker während einer logischen Abfolge von Akkorden plötzlich einen harmonisch unerwarteten Akkord spielen mussten, begann ihr Gehirn laut dem EEG-Befund früher die Handlung umzuplanen als das klassischer Pianisten.

Entsprechend schneller konnten sie auch auf die unerwartete Situation reagieren und ihr Spiel fortsetzen. Aber als es darum ging, ungewöhnliche Fingersätze zu nutzen, hatten die klassischen Pianisten die Nase vorn: In dem Falle zeigte ihr Gehirn stärkere Aufmerksamkeit für den Fingersatz und entsprechend weniger Fehler unterliefen ihnen bei der Nachahmung.

„Anhand dieser Tests haben wir gesehen, wie feinjustiert sich unser Gehirn auf die Anforderungen seiner Umwelt einstellt“, sagte Daniela Sammler, Neurowissenschaft­lerin am MPI CBS. Wer verstehen wolle, was im Gehirn geschehe, während Menschen Musik machten, dürfe sich nicht nur auf einen Musikstil konzentrieren. Das sei ähnlich wie in der Sprachforschung: Um zu erkennen, welche Mechanismen universell gelten, um Sprache zu verarbeiten, könne man sich nicht nur auf Deutsch oder Englisch beschränken, hieß es aus dem Institut. © hil/aerzteblatt.de


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13/Jan/2021

Aktueller Wissensstand und Bedeutung für HNO-Ärzte; Ein Fortbildungsartikel der HNO-Nachrichten 2020. Geschrieben von Dr. med. Anna Buadze, Dr. med. Pascal Burger, Dr. rer. nat. Alexandra Kupferberg und Prof. Dr. med. Gregor Hasler.


Hörstörungen entpuppen sich manchmal als Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Diese Erfahrung haben schon viele HNO-Ärzte gemacht. Deswegen sollten sie in der Lage sein, die Symptome einer ADHS von einer reinen Hörstörung oder einer Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung oder einer Rechtschreib- sowie Sprachentwicklungsstörung zu unterscheiden. Gegebenenfalls empfiehlt sich dann eine Überweisung an einen Psychiater, bei dem die weiterführende Diagnostik, Beratung und Behandlung erfolgen kann.

Schlechte schulische Leistungen? Kinder mit Hörverlust zeigen oft ähnliche Probleme wie die mit ADHS.

Wenn Kinder „nicht zuhören“ oder verzögert reagieren, wenn sie angesprochen wurden, liegt der Verdacht auf eine Hörstörung nahe. Meistens suchen besorgte Eltern einen HNO-Arzt auf. Manchmal ergibt die pädaudiologische Untersuchung dann aber keine auffälligen Befunde. In diesem Fall sollte der HNO-Arzt, insbesondere bei ausgeprägter motorischer Unruhe des Kindes sowie mangelnder Konzentration und Ausdauer, nicht nur an eine Schwerhörigkeit, sondern auch an eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) denken. Tatsächlich zeigen Kinder, die mit nicht diagnostiziertem Hörverlust kämpfen, oft ähnliche Probleme wie Kinder mit ADHS: unzureichende schulische Leistungen, Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit oder Konflikte in sozialen Beziehungen. In einigen Fällen ist ein Kind von ADHS und Schwerhörigkeit betroffen. Es ist wichtig, die Gründe für die schlechten schulischen Leistungen oder die fehlende Aufmerksamkeit genau zu bestimmen, um eine Fehldiagnose von ADHS und die damit verbundenen Konsequenzen zu vermeiden.

Erschwertes Sprachverstehen bei Hintergrundgeräuschen

Die Fähigkeit, Sprache während der täglichen Kommunikation präzise zu verarbeiten, ist komplex und hängt ab von einer intakten Hörfähigkeit und gesunden kognitiven Funktionen wie der angemessenen Zuteilung von Aufmerksamkeitsressourcen und der gleichzeitigen Manipulation und Aufrechterhaltung der auditorischen Information durch das Arbeitsgedächtnis [1]. Üblicherweise erreicht die Sprache im normalen Gespräch durch das auditorische System mit 140 bis 180 Wörtern pro Minute das Gehirn [2]. Die auditorische Information wird kodiert und zur weiteren Verarbeitung an die kortikalen Bereiche weitergeleitet, woraufhin die phonologische Analyse und lexikalische Identifizierung erfolgen. Komplexe Hörbedingungen mit Hin­tergrundgeräuschen oder mehreren Spre­chern machen den normalerweise auto­matischen Prozess der Dekodierung und lexikalischen Extraktion von Informati­onen, die zum Verstehen gesprochener Worte und zur Erkennung von Klangun­terschieden benötigt werden, aufwendig [3, 4, 5]. Es werden mehr kognitive Res­sourcen wie Aufmerksamkeit und Ar­beitsgedächtnis benötigt. Bei mehreren Sprechern muss der Zuhörer seine Auf­merksamkeit auf mehrere Schallquellen aufteilen und gleichzeitig mehrere audi­tive Informationen verarbeiten, während das Arbeitsgedächtnis benötigt wird, um das Gehörte präsent zu halten und gleich­zeitig Repräsentationen im Langzeitge­dächtnis zu aktivieren [6].

Es ist also nicht verwunderlich, dass ein überlastetes Arbeitsgedächtnis [7, 8, 9] als mögliche Ursache für eine gestör­te Unterdrückung von ablenkenden Rei­zen diskutiert wurde [10]. In der Tat gibt es empirische Belege für eine starke Korrelation zwischen Messungen der Arbeitsgedächtniskapazität und der Spracherkennung im Lärm [6, 11].

Aufgrund von Aufmerksamkeitspro­blemen haben Kinder mit ADHS Schwie­ rigkeiten, sich auf die relevanten audito­rischen Stimuli zu konzentrieren, insbe­sondere, wenn Hintergrundgeräusche vorhanden sind. Darüber hinaus gelingt es ihnen nicht, sich in Gegenwart „interessanterer“ auditorischer und/oder visu­eller Umgebungsreize – wie zum Beispiel Flüstern, Bewegung im Raum oder auch Verkehrslärm beim offenen Fenster – auf die relevanten auditorischen Stimuli zu fokussieren, ihre Aufmerksamkeit wird leicht von der eigentlichen Aufgabe abge­lenkt [12]. Ein Grund für diese scheinbare Ab­lenkbarkeit könnte die verringerte Fä­higkeit sein, Stimuli zu hemmen, die für die aktuelle Aufgabe irrelevant sind [10], und sich ausschließlich auf die relevan­ten akustischen Zielsignale zu konzen­trieren [13]. Beispielsweise konnte ge­zeigt werden, dass bei Kindern mit ADHS aufgabenirrelevante neuartige Umgebungsgeräusche die Leistung bei einer visuellen Diskriminationsaufgabe stärker einschränken als bei gesunden Kontrollpersonen [14].

Andere Studien haben einen negativen Effekt irrelevanter Geräusche auf die se­rielle Gedächtnisleistung bei ADHS im Vergleich zu Kontrollteilnehmern [15] sowie eine Überempfindlichkeit gegen­ über lauten Geräuschen gezeigt [16, 17]. Darüber hinaus machten Kinder mit ADHS im Vergleich zu Kontrollgruppen von Kindern ohne ADHS bei Aufmerk­samkeitstests mehr Fehler, wenn sie durch kombinierte visuelle und auditive Stimuli abgelenkt wurden [18]. Bei aka­demischen Aufgaben wie beim Lesen und Schreiben berichteten junge Erwachsene mit ADHS, denen Klassen­ zimmergeplapper als Hintergrundge­räusch präsentiert wurde, über signifi­kant höhere Schwierigkeiten im Ver­gleich zu ruhigen Bedingungen [19].

Eine andere Studie hat eine stärkere Abnahme der Leistungsgenauigkeit bei einer auditorischen Diskriminationsauf­gabe (Unterscheidung von Tierlauten) durch aufgabenirrelevante Geräusche bei Kindern mit ADHS im Vergleich zu Kontrollgruppen gezeigt [20]. Eine mangelhafte Inhibition wird durch die mangelhafte exekutive Kon­ trolle erklärt. Diese Kontrollprozesse sind notwendig, um gleichzeitig den pho­ nologischen Input aufrechtzuerhalten, ir­ relevante akustische Informationen zu ig­ norieren und visuelle Sprachhinweise zu integrieren, damit die genauen sprachli­ chen Darstellungen aus dem Langzeitge­ dächtnis abgerufen werden können [21]. So nutzen junge Erwachsene mit ADHS in Gegenwart von störenden Hinter­ grundgeräuschen weniger audiovisuelle Hinweise zur Sprachverarbeitung als ge­ sunde Kontrollpersonen [22]. Die Schwierigkeiten, in einer lauten Umgebung den Gesprächspartner gut zu verstehen, führen dazu, dass Betroffene Details verpassen. Bei Kindern werden dieselben Mängel häufig als oppositio­ nelles Verhalten empfunden, wenn eine Bitte nicht gehört wird. Bei Erwachse­ nen können Kommunikationsprobleme zu Schwierigkeiten mit Ehepartner und Familie führen [23, 24]. Obwohl Kinder mit ADHS im Ver­gleich zu Kontrollgruppen Gesunder als anfälliger für Ablenkungen durch Hin­tergrundgeräusche gelten, konnte auch gezeigt werden, dass Studienteilnehmer mit ADHS unter bestimmten Umstän­den sogar einen Vorteil durch Lärm und andere aufgabenirrelevante Geräusche, die gleichzeitig mit der Zielaufgabe prä­sentiert wurden, gewinnen konnten. Beispielsweise wurden Kinder mit ADHS nicht durch Hintergrundmusik abgelenkt, sondern zeigten stattdessen eine Verbesserung beim Lösen einer Re­chenaufgabe [25].

Darüber hinaus konnte ein weißes Rauschen (Rauschen mit einem kon­ stanten Leistungsdichtespektrum in ei­ nem bestimmten Frequenzbereich) die Leistung bei einer Free­Recall­Aufgabe verbessern. Weißes Rauschen wird als ein stark höhenbetontes Geräusch emp­ funden. Weißes, in der Bandbreite be­ schränktes Rauschen wird in den Inge­nieur­ und Naturwissenschaften häufig verwendet, um Störungen in einem sonst idealen Modell abzubilden, um etwa zufällige Störungen in einen Über­tragungskanal zu beschreiben [26].

So scheint die Maskierung mit wei­ßem Rauschen oder Musik in der Tat ei­nen positiven Effekt auf die Aufmerk­samkeitsleistung zu haben, wenn die Maskierung die negativen Auswirkun­gen anderer konkurrierender Geräu­sche, wie beispielsweise potenziell ab­lenkende Stimmen in der Umgebung, übertönt und es ermöglicht, sich effizi­enter auf die Aufgabe zu konzentrieren. In einer Studie wurde gezeigt, dass ein bedeutungsfreier Lärm mit einer Laut­stärke von 65 bis 80 dB den maximal po­sitiven Effekt für die Konzentration bie­tet. Bei einem Geräuschpegel von 70 dB konnten Kinder mit ADHS schneller schreiben und lesen als in einer ruhigen Umgebung oder bei leisen Hintergrund­ geräuschen [27].

Pharmako- und Verhaltenstherapie als Behandlungsansatz

Leitlinien zur ADHS­-Therapie bei Kin­dern und Jugendlichen empfehlen eine multimodale Behandlung einschließlich Verhaltenstherapie und Pharmakothera­pie [28]. Der Standardansatz zur Be­handlung der schlechten auditorischen Verarbeitungsleistung bei ADHS ist die Verwendung von stimulierenden Medi­kamenten (Methylphenidat und Dexam­phetamin) [29]. Obwohl diese Medikati­on einen positiven Effekt auf die Linderung von ADHS-Symptomen aufweist und die Akzeptanz von Hintergrundgeräuschen erhöhen könnte [30], gibt es Einschränkungen. Eine davon ist die allgemeine Verstärkung der neurokognitiven Funktionen durch Medikamente [31].

Weiterhin zeigen Medikamente nur geringe Effekte auf die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten [32], und führen in einigen Fällen sogar zu einer gesteigerten Ablenkbarkeit [33]. Ein ungenügendes Ansprechen [34] sowie unerwünschte Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit [35] führen dazu, dass etwa 20% der Personen mit ADHS die Einnahme von Stimulanzien innerhalb des ersten Jahres nach der Einnahme einstellen [36].

Tab. 1: Übersicht der Übungsarten der KOJ-Gehörtherapie
Trainierte Fähigkeiten Beispielübungen
einfaches Sprachverstehen Erkennen von Toncharakteristika, Verstehen von Zahlen und Silben, Verstehen von einsilbigen und zweisilbigen Wörtern
akustische Lokalisation Erkennen, aus welcher Richtung die Stimuli kommen, wenn zwei verschiedene Wörter jeweils von rechts und links zeitgleich ertönen
auditives und visuelles Gedächtnis
  • Hörmemory – Paare von akustisch präsentierten Wörtern finden
  • Merken von sinnfreien Silbenfolgen
    Silben sortieren und zu einem Wort zusammenfügen
  • Zahlen und Wörter merken (vorgegebene Reihenfolge und
    rückwärts)
  • Hören von Passagen aus Hörbüchern mit anschließender
    sofortiger und verzögerter Beantwortung von Fragen, die sich auf den Inhalt beziehen
auditive Analyse Verstehen schneller Sprache und unterschiedlicher Dialekte
akustische Separation Verstehen von zwei gleichzeitig gesprochenen Wörtern
akustische Selektion Verstehen von einer Stimme und Ausblenden einer anderen bei zwei gleichzeitig sprechenden Personen
auditive Aufmerksamkeit Detektion von bestimmten Wörtern in einem längeren gesprochenen Text

 

Bedeutung kognitiven Trainings bei ADHS

Es wird angenommen, dass das kognitive Training die ADHS-Symptomatik reduzieren und die Funktionsfähigkeit verbessern kann, indem es neuropsychologische Defizite mindert, die den Symptomen zugrundeliegen [37]. Man geht davon aus, dass aufgrund der Plastizität des Gehirns das kognitive Training wesentliche Hirnnetzwerke stärkt und ent- wickelt [38] und zugrundeliegende kognitive Prozesse in Gang setzt, indem das Gehirn gut definierten Lernaufgaben ausgesetzt wird [37, 39].

In Übereinstimmung mit der komplexen Natur der Neuropsychologie bei ADHS zielen die in den kognitiven Trainings vorgestellten Aufgaben darauf ab, eine Fülle von Fähigkeiten wie Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, inhibitorische Kontrolle, Planung und Verarbeitungsgeschwindigkeit zu verbessern. Das Training kann am Computer oder mit Stift und Papier präsentiert werden. Dabei ist es wichtig, den Teilnehmer engagiert und motiviert zu halten und auf einem Niveau zu üben, das seinen aktuellen Fähigkeiten entspricht oder leicht darüber liegt [40, 41]. Das Training ist außerdem adaptiv. Das bedeutet, die Schwierigkeit der Aufgabe wird an die Leistung des Teilnehmers angepasst.

Studien konnten zeigen, dass computergestütztes Training, das insbesondere auf die Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses ausgerichtet war, zu einer Verringerung der von den Eltern bewerteten aufmerksamkeitsbezogenen Symptome von ADHS [42] und zu einer Verbesserung der Sprachwahrnehmung bei gleichzeitigem Lärm führen kann [43, 44, 45]. Es konnten jedoch keine Verbesserungen in anderen Bereichen der allgemeinen Funktionalität [46], der schulischen Leistungen, des Verhaltens im Unterricht oder der Lebensqualität fest- gestellt werden [47].

Eine weitere Studie zeigte eine Verbesserung der inhibitorischen Kontrolle und der Ausprägung der allgemeinen ADHS-Symptome bei Kindern nach der Verwendung eines neuartigen computergestützten Trainingsprogramms, in welchem die adaptive Unterdrückung von auditiven und visuellen Distraktoren (ablenkenden Stimuli) trainiert wurde [48]. Eine aktuelle Metaanalyse von 14 Studien [49], die Effekte des kognitiven Trainings bei ADHS untersuchten, zeigte positive Ergebnisse in Bereichen Aufmerksamkeit [47, 50, 51, 52, 53], Arbeitsgedächtnis [47, 52, 54, 55], Inhibition [47, 50, 51, 52, 54, 56], visuell-räumliches Kurzzeitgedächtnis [50, 54], verbales Kurzzeitgedächtnis [50], Aufmerksamkeitskontrolle [57], Verarbeitungsgeschwindigkeit [58] und logisches Denken [50].

KOJ-Gehörtherapie als auditorisches kognitives Training

Die gängigsten computerbasierten auditorischen Trainingsprogramme verfolgen das Ziel, kognitive Fähigkeiten zu schulen, die für das Sprachverstehen eine grundlegende Rolle spielen. So können vor allem das Hören und Verstehen in schwierigen Situationen, etwa bei gleichzeitigem Hintergrundgeräusch oder Störlärm, systematisch trainiert werden. Parallel dazu werden wichtige kognitive Funktionen wie die Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis, exekutive Funktionen und Verarbeitungsgeschwindigkeit trainiert, deren Verbesserung sich positiv auf allgemeine ADHS-Symptome auswirkt.

Das am besten wissenschaftlich erforschte auditorische Training LACE (Listening and Communication Enhancement) wurde von der Firma NeuroTone entwickelt, ist jedoch nur in englischer Sprache erwerbbar. Im deutschsprachigen Raum hat sich die KOJ-Gehörtherapie etabliert, die vom „KOJ Hearing Research Center“ entwickelt wurde. Das Training umfasst 40 Einheiten mit einer täglichen Trainingszeit von 30 bis 40 Minuten pro Lektion. Idealerweise sollte das Training innerhalb von zwei Monaten absolviert werden. Jede Lektion besteht aus bis zu sieben Übungen von jeweils drei bis fünf Minuten Dauer, die der Patient bei sich zu Hause durchführt. Insgesamt gibt es 20 verschiedene Übungstypen, in denen verschiedene Aspekte der Sprachwahrnehmung trainiert werden. Diese Übungen sind zudem darauf ausgelegt, Defizite in kognitiven Kernbereichen wie selektive Aufmerksamkeit, auditives Arbeitsgedächtnis und Unterdrückung störender auditiver Informationen zu trainieren.

Die KOJ-Gehörtherapie besteht aus adaptiven Trainingsmodulen. Der Schwierigkeitsgrad während jeder Trainingssitzung wird kontinuierlich entsprechend der Leistungsfähigkeit der Versuchsperson angepasst, indem der Pegel der Hintergrundgeräusche beim nachfolgenden Versuch erhöht wird (umgekehrt nimmt der Pegel der Hintergrundgeräusche nach nicht erfolgreichen Versuchen ab). So kann das Signal- Rausch-Verhältnis von 65dB (starkes Hintergrundrauschen) bis – 5 dB (kein Hintergrundrauschen) variiert werden. Darüber hinaus werden die Übungen im Laufe des Trainings immer anspruchs- voller (längere Listen von Wörtern, die man sich merken muss, mehr fehlende Wörter, die ergänzt werden müssen, Fragen mit freier Antwort versus Multiple- Choice-Fragen). Einen Überblick überverschiedene Trainingsmodalitäten und Übungsarten bietet Tab. 1.

Zu den Aufgaben dieser Gehörtherapie gehören unter anderem das Verstehen von einfachen Wörtern aus einem Satz mit und ohne Hintergrundgeräusch, das Fokussieren auf eine Stimme, während eine andere Stimme gleichzeitig ertönt, oder das Erkennen von Alltagsgeräuschen. Ebenfalls werden das Verstehen von Hörbüchern und das auditorische Gedächtnis trainiert. In einigen Aufgaben des Trainings wird auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit trainiert. Sie wird durch die Zeit definiert, die eine Person benötigt, um eine kognitive Aufgabe durchzuführen und hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der eine Person erhaltene Information verstehen und darauf reagieren kann. Die Versuchspersonen müssen zum Beispiel bei einem laufenden Timer bestimmte auditorische und visuelle Aufgaben lösen. Das gesamte KOJ-Training ist so konzipiert, dass die Schwierigkeit der Aufgaben und die Lautstärke des Störgeräusches schrittweise gesteigert werden. Wenn also eine Aufgabe fehlerfrei erledigt wurde, wird die nächste Aufgabe schwieriger sein und umgekehrt. Auf diese Weise wird das Training an die Bedürfnisse jedes Einzelnen genau angepasst und Langeweile als auch Frustration wer- den minimiert. Die Entwicklung jedes Patienten während des Trainings wird erfasst und genau überwacht. Mehrmals pro Monat werden Zwischentests zur Kontrolledurchgeführt.

Obwohl es bisher keine evidenzbasierte Literatur zur Bewertung der KOJ-Gehörtherapie gibt, ergab eine in eigenen Räumlichkeiten durchgeführte Pilotstudie ein um bis zu 87% besseres Sprachverständnis bereits nach vier Wochen. Die Messung des Sprachverständnisses wurde mit einem Test durchgeführt, bei dem die Personen mit und ohne Störgeräusch Konsonanten in auditorisch präsentierten Silben identifizieren mussten (sogenannte Phonemmessung). Der Vorteil der Verwendung von einfachen Silben in der Phonemmessung gegenüber den gängigen Sprachtests wie dem Freiburger Sprachtest [59] und dem Oldenburger Satztest [60], in welchen Wörter und Sätze identifiziert werden müssen, lag darin, dass man bei sinnfreien Silben den richtigen Konsonanten nicht erschließen konnte, sondern genau zuhören musste.

Zukünftige Studien

Das kognitive auditorische und audiovisuelle Training stellt eine effektive Intervention für Kinder und Erwachsene mit ADHS dar und kann als Ergänzung zur medikamentösen Therapie dienen [49]. Dennoch sollten die Schlussfolgerungen wegen wichtiger methodischer Fragen bei den oben vorgestellten Studien mit Vorsicht interpretiert werden. Die bereits verfügbaren Ergebnisse rechtfertigen jedoch weitere Untersuchungen, welche die Wirksamkeit der kognitiven Trainingsprogramme für die Milderung der ADHS-Symptome bewerten. Aus diesem Grund plant das „KOJ HearingResearch Center“ in Kooperation mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich die Durchführung einer randomisierten kontrollierten Studie, in welcher die klinische Wirksamkeit der KOJ-Gehörtherapie für die Verbesserung des Sprachverstehens vor allem bei anspruchsvollen Bedingungen wie Lärm oder konkurrierenden Sprechern untersucht werden soll.

Fazit

Sollten sich die positiven Effekte des auditorischen Trainings auf das Sprachverstehen und andere kognitive Funktionen in zukünftigen Studien bestätigen, könnte die KOJ-Gehörtherapie bei ADHS als Ergänzung zur psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung eingesetzt werden. Neben den klassischen Hörtests und Speech-in-Noise-Tests kann es für die Diagnostik von Hörstörungen auch von Vorteil sein, ADHS-Screenings wie die Wender Utah Rating Scale (WURS-k) [61] einzusetzen. Denn genau wie schwerhörige Kinder reagieren Kinder mit ADHS auf Anfragen oft erst, wenn diese wiederholt werden [62]. Im Gegensatz zu Kindern mit Hörstörung, die „immer“ Probleme mit dem Sprachverstehen aufweisen, berichten die Eltern der Kinder mit ADHS häufig über ein wechselhaftes Hörvermögen im Alltag. Eine Abgrenzung zwischen den beiden Diagnosen besteht zudem darin, dass ein Kind mit Hörverlust wahrscheinlich eine Verzögerung in der Sprachentwicklung aufweist, während ein Kind mit ADHS relativ normale Meilensteine in der Sprachentwicklung erreicht.

Literatur und Autoren

Das Quellenverzeichnis ist als Zusatzmaterial online unter www.springermedizin.de/hno-nachrichten abzurufen.

  • Dr. rer. nat. Alexandra Kupferberg
    Universität Freiburg
    Abteilung Medizin
    Chemin du Cardinal-Journet 3
    1752 Villars-sur-Glâne
    Freiburg
    E-Mail: a.kupferberg@khrc.info
  • Dr. med. Anna Buadze
    Dr. med. Pascal Burger
    Spezialambulatorium für ADHS der
    Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich
    Lenggstrasse 31, 8032 Zürich, Schweiz
  • Prof. Dr. med. Gregor Hasler
    Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit
    L‘Hôpital 140, 1633 Marsens, Schweiz

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13/Jan/2021

Ein Artikel von Dr. Aleksandra Kupferberg, Dr. Pascal Burger, Dr. Matteus Vischer, Dr. Elke Kalbe, Dr. Nicolai Berardi, Dr. Camillo Amodio, Dr. Stefan Hegemann und Dr. Sascha Frühholz; Fachzeitschrift Hörakustik (2020).


Bei älteren Menschen lässt häufig das Sprachverständnis in lauter Umgebung nach. Gründe für diese Altersschwerhörigkeit beziehungsweise Presbyakusis scheinen offensichtlich nicht nur degenerative Veränderungen am Hörorgan selbst, sondern oft auch altersbedingte Abbaupro­ zesse im Gehirn zu sein, die sich auf das Gedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit negativ auswirken. Die Versorgung mit einem Hörgerät, das nur als Verstärker wirkt, führt deshalb nicht immer sofort zur Lösung des Problems. Daher kann begleitend ein aktives kognitives Training zielführend sein. Auch nach einer Cochlea-Implantation kann ein kognitives computerbasiertes Training als Rehabilitationsmaßnahme eingesetzt werden.

Was hat das Sprachverstehen mit der Kognition zu tun?

Es gibt Hinweise darauf, dass ältere Menschen mit Hörverlust ein schlechteres Sprachverstehen haben als junge Erwachsene mit ähnlichen Ergebnissen in der Reintonaudiometrie (Cardin 2016, Wingfield et al. 2005). Der Grund dafür könnte darin lie­gen, dass die kognitiven Funktionen mit dem Altern nachlas­sen. Bei einem intakten Gehör findet beim Hören von Sprache in einer ruhigen Umgebung der Vergleich zwischen den ein­ gehenden neuronalen Aktivitätsmustern und den entsprechen­ den gespeicherten Repräsentationen automatisch, das heißt Silbe für Silbe, statt und erfordert nur wenige kognitive Res­sourcen. Beim Hören von Sprache in einem verrauschten Hintergrund werden, vor allem im Fall eines beeinträchtigten Gehörsystems, die eingehenden neuronalen Aktivitätsmuster verzerrt, sodass die Übereinstimmung mit gespeicherten Re­ präsentationen möglicherweise nicht mehr eindeutig ist (Le­ sica 2018). Diese Verzerrungen finden auch nach einer Hörge­räteversorgung oder Versorgung mit einem Cochlea ­Implantat (CI) statt und beanspruchen große kognitive Anstrengung beim Sprachverstehen. Während Zuhörer mit intakter kognitiver Funktion in der Lage sind, diese Verzerrungen zu kompensie­ ren, kann es zu Problemen bei denjenigen mit einer Reduktion der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit kommen. Wenn die Übereinstimmung zwischen eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern und gespeicherten Repräsentationen nicht eindeutig ist, werden verstärkt kognitive Prozesse in Gang ge­ setzt: Sogenannte Exekutivfunktionen richten die selektive Aufmerksamkeit auf den Sprecher des Interesses und weg von anderen Geräuschen, um Störungen durch Hintergrundgeräu­sche zu reduzieren; das Arbeitsgedächtnis speichert neurona­le Aktivitätsmuster für einige Sekunden, sodass Informationen über mehrere Silben hinweg kombiniert werden können; die Sprachschaltkreise nutzen Kontextinformationen, um die Men­ge der möglichen Übereinstimmungen einzuschränken und fehlende Wörter abzuleiten. Dieses Modell erklärt, warum ein Großteil der Varianz in der Sprachwahrnehmungsfähigkeit bei älteren Personen durch Unterschiede in kognitiven Funktionen erklärt wird (Füllgrabe et al. 2014).

Neuronale Korrelate von erschwertem Sprachverstehen

Die Unterschiede im Sprachverstehen können in Aktivitätsmus­ tern im Gehirn reflektiert werden: Bei älteren Personen werden während der Sprachverarbeitung andere neuronale Netzwerke aktiviert als bei jüngeren Erwachsenen. So zeigen bildgebende Studien bei älteren Probanden im Vergleich zu jüngeren eine geringere Aktivität in Gehirnregionen, die an der auditorischen Verarbeitung beteiligt sind (Bilodeau­Mercure et al. 2015, Cliff et al. 2013, Manan 2015, Wong et al. 2009). Bei älteren Perso­nen werden aber oft andere Gehirnregionen zusätzlich rekru­tiert, möglicherweise, um die geringe Aktivierung der audito­rischen Regionen zu kompensieren. So wurden bei Menschen im Alter von 49 bis 86 Jahren beim einfachen Sprachverstehen ( Tyler et al. 2010), beim Sprachverstehen im Lärm ( Wong et al. 2009) und beim Verstehen von undeutlicher Sprache (Erb und Obleser 2013) präfrontale Regionen stärker aktiviert als bei jüngeren Probanden. Bei diesen drei Studien war zudem die präfrontale Aktivierung mit dem Grad der Leistung positiv kor­ reliert. Ein möglicher Grund dafür könnte darin liegen, dass präfrontale Regionen mit exekutiven Funktionen wie Arbeits­ gedächtnis und selektive Aufmerksamkeit assoziiert sind und bei kognitiver Anstrengung besonders stark beansprucht wer­ den (Bidet­Caulet et al. 2015, Plakke und Romanski 2014). Die­ses deutet auf eine kompensatorische Strategie hin und kann als Hinweis für die im Alter noch erhaltene neuronale Plasti­zität gewertet werden.

Neben dieser kompensatorischen Aktivierung kommt es bei älteren schwerhörigen Erwachsenen vor, dass sie während der Sprachverarbeitung Gehirnregionen aktivieren, die normaler­ weise Signale aus anderen sensorischen Systemen verarbeiten. Während jüngere Erwachsene (<40 Jahre) die Aktivität im vi­ suellen Kortex bei der Erkennung von undeutlichen Wörtern (Kuchinsky et al. 2012) beziehungsweise Worterkennung im Lärm (Vaden et al. 2016) unterdrückten, aktivierten ältere Er­ wachsene (>61 Jahre) gleichzeitig sowohl visuelle als auch auditorische Gehirnregionen. Der Grad der Aktivierung korre­ lierte dabei mit dem Alter und dem Schweregrad der Aufga­ ben. Diese Schwierigkeit, die irrelevante sensorische Aktivität mit zunehmendem Alter zu unterdrücken, könnte daraus re­ sultieren, dass bei Anstrengung alle vorhandenen kognitiven Ressourcen für das Zuhören bereitgestellt werden. Dies wie­derum reduziert die kognitive Reservekapazität (das heißt die Menge der verfügbaren kognitiven Ressourcen) und lässt we­nig Ressourcen für andere Aufgaben übrig (Mishra et al. 2014, Rudner und Lunner 2014). So ist es nicht verwunderlich, dass sich ältere Schwerhörige bei gleichzeitiger Erledigung von Dual­Task­Aufgaben (zwei verschiedene Aufgaben, zum Beispiel ein Ziel mit der Maus auf dem Bildschirm verfolgen und eine Liste von gemerkten Wörtern aufsagen) (Tun et al. 2009) und beim Verständnis von syntaktisch komplexen Sätzen schwertun (DeCaro et al. 2016, Wingfield 2006). Sie können sich oft auch nicht mehr so gut orientieren und weisen ein zwei­ bis drei­ fach höheres Sturzrisiko auf (Lin und Ferrucci 2012). Der mög­ liche Grund für eine höhere Sturzgefahr besteht darin, dass Schwerhörige ihre Umgebung oft nicht so gut wahrnehmen. Sie benötigen mehr Gehirnleistung für das Hören als Normal­ hörende und haben deswegen weniger Ressourcen für das Gehen und für das Halten des Gleichgewichtes.

Nicht nur infolge des Hörverlustes, sondern auch aufgrund des normalen Alterungsprozesses gibt es organische Veränderun­gen in der Gehirnstruktur, wie zum Beispiel die Verringerung des Volumens der grauen Substanz (Betzel et al. 2014). Das kann zu Modifikationen in der Konnektivität zwischen funk­tionalen Netzwerken im Gehirn führen (Bennett und Madden 2014). Solche neuronalen Veränderungen gehen mit einem Rückgang in mehreren kognitiven Bereichen wie Aufmerksam­keit, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit ein­ her (Deary et al. 2009, Tun et al. 2012). Das kann sich negativ auf die auditorische und sprachliche Verarbeitung auswirken und das Sprachverständnis im Lärm erschweren (Anderson et al. 2013a, Arehart et al. 2013, Zekveld et al. 2013). Die gerin­gere Verfügbarkeit kognitiver Ressourcen bei Höranstrengung im höheren Alter und bei steigendem Hörverlust konnte auch mittels Pupillometrie gezeigt werden. Bei normal hörenden Personen erweitert sich die Pupille mit zunehmender kogniti­ver Belastung, zum Beispiel bei Verringerung der Verständlich­keit des Sprachsignals oder wenn es unklar ist, aus welcher Richtung die Sprache kommt (Koelewijn et al. 2015). So ist es nicht verwunderlich, dass höheres Alter (45–73 Jahre) und deutlicher Hörverlust (>25 dB HL) zu einer anhaltenden Pupil­lenerweiterung führen, weil es bei höheren Lärmpegeln zu­ nehmend schwieriger wird, die Sprache zu verstehen (Zekveld et al. 2011). Pupillenerweiterung und kognitive Belastung wa­ren außerdem mit einer erhöhten Aktivierung kortikaler, aber auch frontaler Hörbereiche assoziiert (Zekveld et al. 2014). Die­ se Ergebnisse sind umso außergewöhnlicher, wenn man be­ denkt, dass die Pupillengröße sich meist mit dem Alter ver­ringert (Guillon et al. 2016). In der Zusammenschau sprechen diese Befunde dafür, dass bei älteren Probanden mit Hörverlust wahrscheinlich mehr Ressourcen für das Hören und Verstehen bereitgestellt werden müssen. Die geschilderte Erkenntnislage spricht für eine funktionelle Wechselwirkung zwischen den Auswirkungen von Hörverlust und Alter, und die negativen Auswirkungen scheinen sich besonders zu verstärken, wenn beide Faktoren zusammenspielen.

Hörtraining nach einer Cochlea-Implantation

Im ersten Teil dieses Beitrages zum Hörtraining, der in der Juli­Ausgabe 2019 der „Hörakustik“ veröffentlicht wurde, wur­ den computerbasierte kognitive Trainings für schwerhörige Patienten mit kognitiven Defiziten beschrieben. Ähnlich den Patienten mit kognitiven Einbußen kann ein auditorisches kognitives Training auch Patienten nach einer Cochlea­Implan­ tation helfen, Sprache besser zu verstehen. Denn das Erlernen elektrisch stimulierter Sprachmuster kann für viele Menschen eine neue und schwierige Erfahrung sein, die ihre Bedürfnisse nicht vollständig erfüllt. In der Anfangsphase der Anwendung von CIs müssen sich postlingual taube oder stark schwerhöri­ge CI-­Patienten an die Unterschiede zwischen ihren bisherigen Erfahrungen mit normalem akustischem Hören und dem Ak­tivierungsmuster durch elektrische Stimulation gewöhnen. Fast immer ist eine zusätzliche auditorische Rehabilitation notwen­dig, während der man übt, neue Hörimpulse mit den beste­henden neuronalen Mustern in Einklang zu bringen. Längs­schnittstudien zeigten, dass die meisten Leistungssteigerungen in den ersten drei Monaten der Nutzung auftreten (Fu und Galvin 2007). Bei einigen CI­Patienten wurde jedoch über einen längeren Zeitraum eine kontinuierliche Verbesserung beob­achtet (Tyler et al. 2010). Weiterhin hat eine auditorische Re­habilitation nach einer CI­Versorgung zur Verringerung der Depressionssymptome geführt (Castiglione et al. 2016). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei CI­Patienten, auch nach jahrelanger Erfahrung mit ihrem Gerät, eine erhebliche audi­torische Plastizität vorliegt. Aufgrund der spektral degradierten Sprachmuster des Implantates kann es vorkommen, dass das passive Lernen für das optimale Sprachverständnis nicht aus­ reicht. Durch das aktive Hörtraining kann die auditorische Plastizität für CI­Patienten besser genutzt werden und das Er­ lernen elektrisch stimulierter Sprachmuster erleichtern (Swee­ tow et al. 2005). Aus diesem Grund scheint das Konzept eines kognitiven adaptiven strukturierten auditorischen Trainings (KASAT) für CI­Patienten sehr sinnvoll. Erstens sind die Kosten für so ein Hörtraining deutlich geringer als bei der traditionel­len Hörrehabilitation in Hörkliniken und Krankenhäusern. Zweitens ist KASAT für Patienten leicht zugänglich, da sie jederzeit zu Hause üben können, sofern sie Zugang zu einem Computer oder iPad haben. Drittens kann der Fortschritt der Patienten bei Einverständnis leicht von Ärzten und Therapeuten einge­ sehen werden. Ein älteres computerisiertes Trainingsprogramm für CI­Träger mit dem Namen Contrasts for Auditory and Speech Training (CAST) wurde von der US ­amerikanischen Firma House Ear Institute vor über zehn Jahren entwickelt (Fu und Galvin 2007). Die Trainingsinhalte bestehen aus Konsonantentraining mit einsilbigen Wörtern, Übungen zur Erkennung von reinen Tönen, Umgebungsgeräuschen, einsilbigen Wörtern, länge­ ren vertrauten Wörtern, vertrauten Sätzen, einfachen Melo­dienfolgen und vertrauten Melodien. Für fortgeschrittene Be­nutzer kann CAST auch schwierige Hörumgebungen nach­ ahmen, indem Hintergrundgeräusche oder konkurrierende Sprache hinzugefügt werden. Die Patienten können zu Hause 30 bis 60 Minuten am Tag, fünf Tage pro Woche für die Dauer von einem Monat oder länger trainieren. Der Schwierigkeits­grad wird automatisch an die individuelle Patientenleistung angepasst, indem die Anzahl der Antwortmöglichkeiten erhöht und/oder die akustischen Unterschiede zwischen den Antwort­möglichkeiten reduziert werden. Bei Leistungssteigerung wird der Schwierigkeitsgrad automatisch erhöht. Wenn sich die Leistung nicht verbessert, wird der Schwierigkeitsgrad ver­ringert. Eine regelmäßige Anwendung des Trainings führte zu signifikanten Verbesserungen bei der Sprach­, Musik­ und Tonerkennung von CI­Patienten (Fu und Galvin 2007). Bei Pa­tienten mit mindestens dreijähriger CI-­Erfahrung wurde in ei­ nem Zeitraum von drei Wochen (Stacey et al. 2010) beziehungs­weise einem Monat (Schumann et al. 2014) eine signifikante Verbesserung in der Konsonantendiskrimination in Ruhe fest­ gestellt. Ein tägliches 30-­minütiges Training für die Dauer von einem Monat führte zu einer Verbesserung im Zahlen­ und Satzverstehen auch im Störgeräusch (Oba et al. 2011). Es wur­de zudem gezeigt, dass trainingsbedingte Veränderungen in der neuronalen Aktivität dem Verhaltenslernen vorausgehen können (Tremblay et al. 2009).

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis jetzt kein auf die CI­ Träger zugeschnittenes computerisiertes Hörtraining, das wis­ senschaftlich untersucht wurde. Ein mögliches Paper­Pencil­ Basistraining ist das Listen­up­Training von der Firma MED­EL, in dem Verstehen von Wörtern und Sätzen sowie Beschreibun­ gen bis zu Verständnisfragen zu kleinen Texten mithilfe einer CD und einem Aufgabenheft trainiert werden.

Computerbasierte auditorische Trainings verbessern das Sprachverstehen bei CI­Trägern.

Die Hörtraining­ App von Asklepios beinhaltet Hörübungen, die von einem Schauspieler eingesprochen wurden und die das Verständnis von zweistelligen Zahlen, Nonsenswörtern und Alltagsge­ räuschen trainieren. Diese beiden Trainings eignen sich gut für die Anfangsphase nach einer CI­Implantation, in der der Fokus auf der Gewöhnung an die CIs liegt und nur gröbere Unter­ schiede in der Sprache herausgehört werden müssen. Für fort­ geschrittene und vor allem ältere CI­-Träger bedarf es eines anspruchsvolleren adaptiven Computertrainings wie das aller­dings nur in Englisch verfügbare CAST, in dem zusätzlich zu einfacher Wortdifferenzierung kognitive Funktionen in reali­tätsnahen Alltagssituationen trainiert werden. Als mögliche Grundlage für die Entwicklung eines Computertrainings für CI­Träger könnte das auditorische Training von der Firma KOJ­ Institut für Gehörtherapie dienen. Das kognitive Hörtraining wurde 2013 als begleitende Therapie für Hörgeräteanpassun­ gen entwickelt. Das Training wurde seitdem kontinuierlich angepasst und optimiert und könnte, nach wissenschaftlich fundierter Überprüfung der Wirksamkeit, eigenständig zur Ver­ besserung des Sprachverständnisses in anspruchsvollen Um­ gebungen und Situationen genutzt werden. Das KOJ-­Hörtrai­ning passt sich während der gesamten Trainingszeit adaptiv an die Fähigkeiten jedes Patienten an, wobei in 20 verschie­denen Übungsarten das Sprachverstehen vor allem in schwierigen Situationen, wie bei Hintergrundlärm oder bei Anwesen­heit von mehreren Sprechern, trainiert wird.

Hörtraining bei Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitätsstörung

Auch sind in der weiteren Planung, das Hörtraining an aus­ gewählten Kollektiven außerhalb des primären Oto­Rhino­ Laryngologie(ORL)­Focus einzusetzen und die Auswirkungen auf spezifische Patientengruppen mit Hörstörungen zu beur­ teilen. Betroffene mit Aufmerksamkeits­Defizit­Hyperaktivitäts­störung (ADHS) haben im Kindes­ wie im Erwachsenenalter häufig Sprachverständnisschwierigkeiten durch Probleme im Prozessieren der auditiven Informationen (Fostick 2017), kön­nen die Dauer auditiver Reize nicht adäquat einschätzen (Puy­jarinet et al. 2017) und werden oft als Kinder bereits mit Hör­störungen primär einem Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Arzt vorge­stellt. Die Kinder reagieren auf Anfragen oft erst, wenn diese wiederholt werden, vergessen, was man ihnen aufgetragen hat und sind oft abgelenkt, wenn man mit ihnen spricht (Schwemmle et al. 2007). Durch mangelnde Kooperations­ fähigkeit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern mit ADHS können die Ergebnisse psychoakustischer Tests beim HNO­Arzt beeinflusst werden. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass auch HNO­Ärzte wissen, wie man die Symptome einer ADHS von einer reinen Hörstörung unterscheiden kann und gege­benenfalls eine Untersuchung durch einen Psychiater veran­lassen.

ADHS­betroffene Kinder zeigen hohe Schwankungen in der auditiven Aufmerksamkeit, welche ihre Fähigkeiten und Leis­ tungen weitreichend einschränken können. Zusätzliche visu­ elle Informationen verbessern offenbar das Sprachverständnis trotz Hintergrundgeräuschen (Michalek 2014). Diese Störungen sind wahrscheinlich besonders assoziiert mit der niedrigeren Schwelle bei ADHS, Umgebungsreize wie Geräusche als unan­ genehm oder störend zu empfinden (Fuermaier et al. 2018). Wir sehen zum Beispiel eine Erfolg versprechende Möglich­keit, dass ein gezieltes Training der gerichteten Aufmerksamkeit bei ADHS die Toleranz gegenüber ablenkenden Reizen sowie die Konzentration auf Stimmen und Geräusche verbessern könnte.

Neuroplastizität im Alter nach auditorischem Training

Es gibt nur wenige Studien, die Veränderungen der Gehirnak­ tivität nach kognitiven Hörtrainings untersuchten (Anderson et al. 2013b, Filippini et al. 2012, Gil und Iorio 2010, Tremblay et al. 2009). Eine Kernspintomografiestudie hat Verbesserun­ gen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durch­ geführten auditorischen Silbentraining demonstriert, die mit einer entsprechenden Veränderung der Gehirnaktivierung in einer Region einhergingen, die an der auditorischen Verarbei­ tung beteiligt ist (Bless et al. 2014). Neuere Erkenntnisse kom­ men aus den Studien, die multimodale oder visuelle Reize für das Training der kognitiven Funktionen benutzen. Eine andere Kernspintomografiestudie demonstrierte zum Beispiel eine erhöhte Hirnaktivität in frontalen und parietalen Kortices nach dem Üben von Arbeitsgedächtnisaufgaben, die visuell präsen­tiert wurden (Olesen et al. 2004). Eine andere vor Kurzem mit gesunden älteren Erwachsenen (Alter: 64–77 Jahre) mittels Kernspintomografie durchgeführte Studie benutzte compu­terisiertes adaptives Training mit multimodalen Aufgaben über acht Wochen eine Stunde am Tag und an drei Tagen pro Wo­che (Kim et al. 2017). Die Aufgaben zielten auf das Training von Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und den zentralen exekutiven Funktionen – das heißt, die Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren. Auf der Verhaltensebene brachte das Training, im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe, signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen, aber nicht beim Arbeitsgedächt­nis. Die Trainingseffekte korrelierten mit den beobachteten Hirnaktivierungen, im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula­ Region – alle genannten Areale spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität im Central Executive Network (zentrale exekuti­ve Gehirnregionen, die unter anderem an kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Problemlösen, Entscheidungsfin­dung beteiligt sind) und Default Mode Network (Ruhezustands­netzwerk, eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden) nach einem Denk­ und Strategietraining (Chap­ man et al. 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der An­ zahl von Neurotransmitterrezeptoren als Folge der häufigen Aktivierungen. Auf diese Weise seien die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhe­ zustand besser zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein­ und Lipidsynthese in den Ner­venzellen ebenfalls angetrieben werde, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen könne. Weil diese Vorgänge Energie bräuchten, stiege die Durchblutung.

Viele wissenschaftliche Studien liefern Hinweise, dass compu­terbasierte auditorische Trainings zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und in der Sprachverarbeitung führen. Obwohl die Ergebnisse dieser Studien ermutigend sind, ist die gewonnene Evidenz bisher aufgrund des begrenzten Stich­probenumfanges und der Designs meist ohne gut vergleich­bare Kontrollgruppen für die Zukunft noch deutlich zu ver­bessern.

In einem systematischen Review wurde die Wirksamkeit indi­ vidueller Hörtrainings überprüft (Sweetow und Palmer 2005). Nur sechs von 42 Artikeln erfüllten die Kriterien ihrer Bewer­ tung. Die Recherche ergab, dass es zwar mehrere Veröffent­ lichungen über die auditorische Ausbildung gibt, aber nur sehr wenige, die die strengen wissenschaftlichen Kriterien erfüllen. Die Autoren schlossen aber, dass die Bestimmung der Wirk­samkeit entscheidend sei und sich weitere Studien auf die Formulierung klar definierter und objektiv messbarer Kriterien konzentrieren müssten, um solidere Ergebnisse zu liefern. Um mögliche Placeboeffekte, bedingt durch die alleinige Durch­führung des Trainings, auszuschließen, wären unter anderem in der Zukunft Studien mit adäquat ausgewählten Aufgaben für die Kontrollgruppen notwendig (Foroughi et al. 2016). Nur randomisierte kontrollierte Studien sind dazu in der Lage, die auf dem Markt befindlichen auditorischen Computertrainings­programme valide zu untersuchen und ihre Wirksamkeit zu bewerten und eine wissenschaftliche Evidenz für die vielver­sprechenden Anwendungen zu schaffen.

In einer kommenden Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie in einem weiteren Teil dieses Artikels über die Herausforderun­gen des strukturierten und personalisierten auditorischen Trai­nings lesen und erfahren mehr darüber, warum Alternativen dazu vermutlich weniger wirksam sind.

Fazit

Die Probleme mit dem Sprachverständnis vieler Patienten mit Altersschwerhörigkeit gehen oft weit über das hinaus, was al­ lein aufgrund von Hörverlust zu erwarten wäre. Das liegt da­ ran, dass zum peripheren Hörverlust Defizite in der zentralen Sprachverarbeitung kommen, die von einem Hörgerät oder einem CI nicht kompensiert werden können. Auch nach einer Versorgung mit einem Hörgerät oder CI laufen ständig kogni­ tive Prozesse, um Verzerrungen in eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern auszugleichen. Aktuelle Studien zeigen Ver­besserungen der kognitiven Funktionen und demzufolge des Sprachverstehens durch aktives computerbasiertes Hörtraining. Auch wenn mehr hochwertige Studien Effekte und Mechanis­men der Verbesserungen von kognitiven Funktionen nach ei­ nem kognitiven Training noch bestätigen müssen, erscheint es sinnvoll und empfehlenswert, dass diese Rehabilitations­methode in der Zukunft als fester Bestandteil in die Nachsorge von Hörgeräte­ und CI­-Trägern integriert wird. Hiermit könnte man den Patienten über die Verbesserung des Sprachverste­hens eine verbesserte Lebensqualität entsprechend ihrer in­ dividuellen Voraussetzungen ermöglichen.

Die Autoren

  • Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ­ Hearing­Research­Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig­Maximilians­Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ­Hearing­Research­Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psycho­logischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

  • Dr. Pascal Burger promovierte 2008 an der Friedrich­Alexander­Universität Erlangen­Nürnberg unter Professor Johannes Zenk (Hals­Nasen­Ohren­Klinik) zum Doktor der Medizin. Nach dem Erwerb des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 schloss er im selben Jahr seinen Postgraduiertenstudiengang Master of Medical Education erfolgreich ab und promovierte 2017 im Fach Psychologie an der Universität Bochum. Seit Juni 2018 leitet er das Spezialambulatorium für ADHS an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Weitere seiner Forschungsprojekte befassen sich mit Medizindidaktik und dem Einfluss des Lernverhaltens auf die psychische Gesundheit Studierender.

 

  • Dr. med. Mattheus Vischer führt seit mehr als 20 Jahren eine HNO­Praxis in Gümligen bei Bern mit chirurgischer Tätigkeit an der Privatklinik Siloah und am Operationszentrum Burgdorf. Seine Schwerpunkte sind Erkrankungen des Ohres, Ohrchirurgie, angeborene und erworbene Schwerhörigkeit und HNO­Krankheiten im Kindesalter. In wissenschaftlichen Projekten erforschte er Effekte der künstlichen elektrischen Stimulation des Hörnervs und der Hörbahn. In der klinischen Forschung befasst er sich mit der Auswirkung der Cochlea­Implantation auf die Sprachentwicklung und Ergebnissen der Gehörrehabilitation nach Ertau­ bung. An der HNO Universitätsklinik des Inselspitals Bern operiert er als Senior Consultant Cochlea­-Implantate und implantier­ bare Hörgeräte.

 

  • Professorin Dr. Elke Kalbe ist seit 2015 Professorin für Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik Köln. Sie studierte Psychologie, Linguistik, Phonetik an der Universität Bonn und promovierte sowie habilitierte im Fach Psychologie an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen verschiedene Aspekte zum Thema „Kognition im Alter“, unter anderem neuropsychologische Änderungen bei Menschen mit der Parkinson­ oder Alzheimerkrankheit, Demenz, kognitions­ basierten Interventionen, neuropsychologische Demenzdiagnostik und funktionelle Hirnbildgebung. Kalbe wurde 2011 von der Universität Witten/Herdecke mit dem Preis für die Hirnforschung ausgezeichnet und erhielt 2014 einen Forschungspreis der Deutschen Parkinsongesellschaft.

 

  • Nicolai Berardi ist Betriebsleiter der SOS Ärzte Turicum AG und weiterhin tätig als Einsatzleiter und Notfallarzt. Er erforscht am Institut für Notfallmedizin der SOS Ärzte allgemeinmedizinische und psychiatrische Fragestellungen im ambulanten Setting. Während seines Medizinstudiums forschte er an der Universität Zürich im Bereich mi­RNA und deren Einfluss auf zelluläre Regeneration. Er ist weiter verantwortlich für die Aus­ und Weiterbildung neuer Einsatzärzte und die Durchführung von Kur­ sen für Medizinstudenten des Fachvereines Medizin.

 

  • Professor Dr. Stefan Hegemann ist Professor für Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Heilkunde mit dem Schwerpunkt Neurootologie an der Universität Zürich. Er hat 1993 an der Ludwig Maximilians­Universität München promoviert, hat 1995 den Facharzttitel für HNO­Heilkunde an der Universitätsklinik der RWTH Aachen und 2002 den für Neurologie an der Friedrich­Schiller­Universität Jena erhalten und war 1997 als visting scientist an der Johns­Hopkins­University in Baltimore, wo er Studien zum oculomoto­ rischen neuralen Integrator durchgeführt hat. Von 2003 bis 2006 war er Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Universitätsspital Zürich und ist seit 2006 niedergelassen. Seit 2019 ist er Lehrbeauftragter der ETH und gibt unter anderem Vorlesungen zur Physiologie des Hörens.
  • Professor Dr. Sascha Frühholz ist Professor für Kognitive und Affektive Neurowissenschaften am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Schweiz). Er promovierte (2008) und habilitierte (2016) in der Psychologie. Seine Forschung beschäftigt sich mit dem auditorischen System des Menschen während des Sprachverstehens und der Verarbeitung von sozialen Informationen in der Stimme. Er ist Ko­Editor des „Oxford Handbook of Voice Perception“.

 

  • Dr. med. Camillo Amodio hat nach dem Studium an der Universität Zürich seinen Fokus der ärztlichen Grundversorgung gewid­ met. Er durchlief zunächst allgemeinmedizinische Weiterbildungsjahre in unterschiedlichen Fachdisziplinen in der Schweiz. Es folgte von 1993 bis 1995 ein Engagement in der Co­Leitung der medizinischen Versorgung (unter anderem ein Spital, mehrere periphere HealthCenters und ein mobiles Impfteam) in einem ruralen Distrikt im Osten von Lesotho (südliches Afrika). Seit 1997 ist er dem Unternehmen SOS Ärzte Turicum AG verbunden, als Einsatzarzt, im Unternehmensaufbau und in der Geschäftsleitung. SOS Ärzte betreibt eine eigene medizinische Triagezentrale und ein überregional patientenaufsuchendes ärztliches Team rund um die Uhr im Kanton Zürich und angrenzenden Regionen. Es ist eine Weiterbildungsdrehscheibe für junge Ärzte. Die überregionale Einsatzkonzeption mit der entsprechenden Logistik und sinnvollen Ressourcenallokation ist eine Errungenschaft, die in die Neu­organisation des Notfallpflichtdienstes der gesamten Züricher Ärzteschaft 2018 eingeflossen ist.

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13/Jan/2021

Viele wissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise, dass das computerbasierte auditorische Training, wie beispielsweise die Koj-Gehötherapie, zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und der Sprachverarbeitung führt.

Es wurden bereits zahlreiche Studien veröffentlicht, die Veränderungen der Gehirnaktivität nach kognitiven Hörtrainings demonstrierten (Anderson, White-Schwoch, Parbery-Clark, & Kraus, 2013b; Filippini, Befi-Lopes, & Schochat, 2012; Gil & Iorio, 2010; Tremblay et al., 2009). Das bedeutet, dass auditorisches Training nicht nur auf Verhaltensebene wirkt, sondern Gehirnstrukturen auch dauerhaft verändert. Dieser Effekt wurde bereits in 2017 in einer mithilfe einer Kernspintomographie durchgeführten Studie mit gesunden älteren Erwachsenen im Alter von 64 bis 77 Jahren gezeigt (Kim, Chey, & Lee, 2017). Die Fähigkeit der Nervenzellen oder der ganzen Hirnareale, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern, nennt man Neuroplastizität.

Dr. Kupferberg erläutert in diesem 5 Minuten Video das spannende Thema der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns.

Kognitives Training rekrutiert neue Gehirnregionen und macht das Gehirn effizienter

Die Probanden der Studie haben 8 Wochen lang 1 Stunde am Tag und an 3 Tagen pro Woche trainiert. Auf der Verhaltensebene zeigte das Training im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe (diese Gruppe bekam kein Training) signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit (Schnelligkeit) und exekutiven Funktionen – das heißt, in der Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu finden. Interessanterweise korrelierten die Trainingseffekte auch mit den beobachteten Hirnaktivierungen. Die kognitiven Tests wurden in beiden Gruppen vor und nach der Trainingszeit durchgeführt, zusammen mit Messungen der aufgabenbezogenen neuronalen Aktivierungen mittels Kernspintomographie. Im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula. Diese Regionen spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass kognitives Training zu einer Aktivierung bestimmter Hirnbereiche führen kann, die zusätzliche Ressourcen für kognitive Leistungen bereitstellen. 

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Eine ältere Kernspintomographiestudie hat Verbesserungen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durchgeführten auditorischen Silbentraining demonstriert (Bless, Westerhausen, Kompus, Gudmundsen, & Hugdahl, 2014). Die Testpersonen in der Trainingsgruppe führten die Trainingsaufgabe 3 Wochen lang zweimal täglich (morgens und abends) auf einem iPad aus. Auch in dieser Studie erhielten die Testpersonen in der Kontrollgruppe kein Training, wurden aber im gleichen Zeitintervall wie die Trainingsgruppe getestet. Die Ergebnisse zeigten eine Leistungssteigerung nach dem Training. Diese Leistungssteigerung korrelierte mit einer Reduktion der Aktivierung in Hirnregionen, die mit selektiver auditorischer Verarbeitung (linker posteriorer temporaler Gyrus) und exekutiven Funktionen (rechter inferiorer frontaler Gyrus) assoziiert sind. Das weist auf eine effizientere Verarbeitung in aufgabenbezogenen neuronalen Netzwerken nach dem Training hin. 

Kognitives Training führt zur besseren Signalübertragung zwischen den Zellen

Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität (gleichzeitige Aktivierung von weiter auseinander liegenden Gehirnbereichen und Default Mode Network, dem Ruhezustandsnetzwerk (eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden)) nach einem Denk- und Strategietraining (Chapman et al., 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der Anzahl von Neurotransmitter-Rezeptoren als Folge häufiger Aktivierungen. Auf diese Weise sind die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhezustand „besser“ zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein- und Lipidsynthese in den Nervenzellen ebenfalls angetrieben wird, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen kann. Weil diese Vorgänge Energie brauchen, steigt die Durchblutung. 

Fazit

Dr. A. Kupferberg, Neurobiologin, Wissenschaftliche Leitung KHRC

Ein Gehörtraining ist in der Lage, die neuropsychologischen Defizite zu mindern, die kognitiver Verlangsamung uns Sprachverständnisproblemen zugrunde liegen. Auditorisches Training wie die Koj-Gehörtherapie verbessert nicht nur die kognitiven Fähigkeiten, sondern kann das Gehirn dauerhaft verändern. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der Plastizität des Gehirns die Koj-Gehörtherapie wesentliche Hirnnetzwerke stärkt und entwickelt und zugrunde liegende kognitive Prozesse in Gang setzt, indem das Gehirn gut definierten Lernaufgaben aussetzt wird. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, bereits bei den ersten Anzeichen der kognitiven Verlangsamung, die sich auch in Schwerhörigkeit äußern kann, das Gehirn wieder zu aktivieren und herauszufordern – am besten mithilfe eines kontrollierten und individuell angepassten kognitiven Trainings wie der Koj-Gehörtherapie.

Machen Sie Ihr Gehör wieder fit

Unsere Gesundheit sollte unser höchstes Gut sein und die geistige Fitness ist vielleicht der wichtigste Teil, an dem Sie selbst aktiv sein können. Selbst eine beginnende Hörminderung erhöht das Demenzrisiko erheblich, daher ist es nie zu früh aktiv zu werden; Melden Sie sich zu Ihrem Gehörtraining an.


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13/Jan/2021

Die Ernährung ist für die Gesundheit von grundlegender Bedeutung, aber die Beziehung zwischen Nahrung und dem Gehör ist nicht sofort offensichtlich. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass man sein Gehör verbessern kann, wenn man nur einige wenige Nahrungsmittel zu der täglichen Ernährung hinzufügt und damit  Nährstoffe ergänzt, die einem aufgrund bestimmter Essensgewohnheiten fehlen. Einige Lebensmittel können auch als eine wichtige Quelle von Antioxidantien dienen, welche vor Zellschäden durch oxidativen Stress schützen. Viele Obst- und Gemüsesorten enthalten wichtige antioxidative Vitamine und Mineralien, die unser Körper nicht selbst herstellen kann. Die wichtigsten von ihnen sind unten aufgeführt.

Dr. Kupferberg fasst das spannende Thema in einem kurzen Video für Sie zusammen.

Kalium, Zink und Magnesium

Kalium – ein Mineral, das in Bananen, Kartoffeln und schwarzen Bohnen vorkommt – spielt eine große Rolle bei der Funktionsweise des Innenohrs und bei der Umwandlung von Geräuschen in Signale, die das Gehirn interpretieren kann. Die Ergebnisse einer neuen Studie deuten darauf hin, dass eine hohe Kaliumaufnahme mit einer geringeren Prävalenz bzgl. Hörverlust verbunden ist (Jung et al. 2019).

Zink stärkt das körpereigene Immunsystem und ist zusätzlich für das Zellwachstum und die Wundheilung verantwortlich. So hilft Zink, Keime abzuwehren, die Erkältungen und sogar lästige Ohrinfektionen verursachen. Einige Studien legen nahe, dass es auch bei der Behandlung von Tinnitus wirksam ist (Yang et al. 2011). Zink hat jedoch Wechselwirkungen mit Antibiotika und Diuretika, daher sollte man vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln einen Arzt aufsuchen. Zu den zinkreichen Nahrungsmitteln gehören Rindfleisch, Schweinefleisch und Hühnerfleisch, Cashewnüsse, Mandeln, Erdnüsse, Bohnen, Erbsenspalten, Linsen, Austern und dunkle Schokolade. 

Untersuchungen am University of Michigan Hearing Research Institute haben gezeigt, dass Menschen, die mit Magnesium (zusammen mit den Vitaminen A, C und E) vorbehandelt wurden, vor lärmbedingtem Hörverlust besser geschützt waren (Le Prell, Hughes, and Miller 2007). Die Wissenschaftler glauben, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass Magnesium die Auswirkungen freier Radikale, die bei lauten Geräuschen freigesetzt werden, bekämpft – fast wie eine Schutzbarriere für die empfindlichen Haarzellen im Innenohr. Außerdem führt ein Mangel an Magnesium im Innenohr dazu, dass die Blutgefäße schrumpfen und die Zellen nicht genügend Sauerstoff bekommen. Zu den magnesiumreichen Lebensmitteln gehören Obst und Gemüse wie Bananen, Artischocken, Kartoffeln, Spinat, Tomaten und Brokkoli. 

Folsäure

Folsäure verlangsamt nachweislich auch die Entwicklung von Hörverlust. Der Blutfluss wird durch die Aminosäure Homocystein eingeschränkt, welche beim Eiweissabbau entsteht und die Arteriosklerose begünstigt. Folsäure hilft dabei, Homocystein zu beseitigen und den Blutfluss zu regulieren. Laut Dr. Jane Durga vom Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne, Schweiz, ist Folsäure äußerst wichtig, da das Innenohr auf einen regelmäßigen Blutfluss angewiesen ist.

Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die Ergänzung der Ernährung älterer Männer mit Folsäure dazu beiträgt, das Risiko eines Hörverlustes zu senken (Durga et al. 2007). Zu den Lebensmitteln mit hohem Folsäuregehalt gehören unter anderem Spinat, Brokkoli und Spargel.

Fazit

DIE DARM-HIRN-CONNECTION von Prof. Dr. Gregor Hasler und Co-Autorin Dr. Alexandra Kupferberg

Als Co-Autorin des Buchs „Darm-Hirn-Connection“, das in 2019 herauskam, habe ich mich mit dem Thema Ernährung intensiv beschäftigt und weiß, wie wichtig es ist, den Gesundheitszustand eines Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven zu betrachten.

Die Ernährung ist für jeden Aspekt der Gesundheit von entscheidender Bedeutung, und das gilt auch für das Gehör. Wenn Sie sich nicht mehr sicher sind, ob Sie noch gut hören bzw. in Lärm gut verstehen könnten, sollten Sie Experten zurate ziehen. Bei uns im KOJ-Institut für Gehörtherapie können Sie jederzeit einen Gehörtest machen lassen und eine Beratung wegen eines Hörtrainings einholen, bei dem nicht nur Ihr Gehör, sondern auch Ihre Aufmerksamkeit und Gedächtnis trainiert werden. 

Neu ist auch, dass die KOJ-Gehörtherapie immer mehr Anhänger findet; Was 2013 mit einem kleinen Team in Zürich begonnen hat, wird nun inzwischen in über 70 speziell geschulten und zertifizierten Fachzentren in der Schweiz, Liechtenstein und in Deutschland angeboten. Mehr Info auf: www.koj.training

© Dr. Kupferberg, 08-2020, KHRC

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Referenzen

Durga, Jane, Petra Verhoef, Lucien J. C. Anteunis, Evert Schouten, and Frans J. Kok. 2007. “Effects of Folic Acid Supplementation on Hearing in Older Adults: A Randomized, Controlled Trial.” Annals of Internal Medicine 146(1):1–9.

Jung, Da Jung, Jae Young Lee, Kyu Hyang Cho, Kyu-Yup Lee, Jun Young Do, and Seok Hui Kang. 2019. “Association between a High-Potassium Diet and Hearing Thresholds in the Korean Adult Population.” Scientific Reports 9(1):1–11.

Le Prell, Colleen, Larry Hughes, and Josef Miller. 2007. “Free Radical Scavengers Vitamins A, C, and E plus Magnesium Reduce Noise Trauma.” Free Radical Biology & Medicine 42:1454–63.

Yang, Chao-Hui, Ming-Tse Ko, Jyh-Ping Peng, and Chung-Feng Hwang. 2011. “Zinc in the Treatment of Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss.” The Laryngoscope 121:617–21.

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13/Jan/2021

Zitiert von HNOmedic, den ORL Spezialisten.

Erzeugte Töne gelangen über Schallwellen der Luft in unser Ohr und werden dort nach Weiterleitung durch das Mittelohr im Innenohr in elektrische Signale umgewandelt.

Diese werden dann über den Hörnerven in das Gehirn weitergeleitet. Erst dort geschieht das eigentliche „Hören”.

Das Gehirn verarbeitet die Signale des Hörnerven nicht nur, sondern führt auch eine emotionale Bewertung durch. In die Verarbeitung der Signale fließen also insbesondere Erinnerungen, positive wie negative Erfahrungen und persönliche Interessen mit ein.

Gehör KOJ
Das Gehör ist ein Wunderwerk an kleinsten Strukturen mit grössten Auswirkungen ©KOJ AG 2014

Erst durch diese „zentrale“ Verarbeitung wird dann eine Stimme oder ein Geräusch als angenehm oder unangenehm empfunden. Das Gehirn ist zu erstaunlichen Leistungen fähig: es kann Unwichtiges ausblenden und Wichtiges verstärken. So ist ein Verstehen von Gesprochenem (wichtig) z.B. im Café trotz lauter Hintergrundgeräusche (unwichtig) für Normalhörende in der Regel möglich, Schwerhörige bemerken hier jedoch häufig die ersten Symptome der Erkrankung. Ist eine Stelle dieses Verarbeitungswegs gestört, ist „richtiges“ Hören nicht mehr möglich. In vielen Fällen kann Betroffene „Schwerhörigen“ jedoch geholfen werden.

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13/Jan/2021

Zitiert von Ulrike Gebhardt (NZZ).

Schon bei geringer Schallintensität reduzieren im Innenohr bestimmte Sinneszellen ihre Kontaktstellen zum Hörnerv. Wenn sich dieser in der Folge zurückbildet, entsteht eine Schwerhörigkeit, die mit klassischen Hörtests unerkannt bleibt.

Hörschädigung durch zu laute Musik – ein unterschätztes Problem?

Wer morgens im Tram sitzt, wird junge Mitfahrende wohl kaum ohne «Stöpsel» in den Ohren antreffen. Eine ganze Generation trägt mobile Abspielgeräte oder Telefone mit sich herum wie andere Leute das Schuhwerk. Da scheint die Sorge berechtigt, ob und wie die Ohren unter der Schallflut leiden. Beat Hohmann, Akustikexperte der Suva in Luzern, gibt zwar für die Schweiz Entwarnung: Eine Auswertung von Gehörtests an jährlich 1000 Lehrlingen zeige, dass sich in den letzten 12 Jahren das Hörvermögen der Jugendlichen nicht verschlechtert habe. Doch Studien aus anderen Ländern weisen auf durchaus besorgniserregende Entwicklungen hin. In den USA haben bereits 12 bis 15 Prozent der Schulkinder dauerhafte Hördefekte, die auf eine übermässige Geräuschbelastung zurückzuführen sind. Laut Joachim Förster von der deutschen Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft muss davon ausgegangen werden, dass ohne weitere Präventionsmassnahmen ein Drittel der Jugendlichen im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät brauchen wird

Unterschiedliche Haarzellen

Nach neusten Forschungsarbeiten sind die Schäden am Ohr durch Lärm ausserdem vielschichtiger, als man bisher angenommen hat. Zusätzlich zu den schon bekannten Verlusten der äusseren Haarsinneszellen im Innenohr kann es bereits durch niedrige Schallpegel zu Funktionsstörungen der inneren Haarzellen kommen. Als Folge davon verliert der Hörnerv schleichend an Substanz. Dieser Verlust könne das Risiko stark erhöhen, im fortgeschrittenen Alter schwerhörig zu werden oder einen Tinnitus zu bekommen, sagt Marlies Knipper vom Hearing Research Centre in Tübingen.

Die inneren Haarsinneszellen, die im Mittelpunkt dieser neu entdeckten Hörschäden stehen, fanden bisher wenig Beachtung. Dabei geben sie den Hörreiz an das Gehirn weiter, der zuvor von den äusseren Haarzellen verstärkt wurde. Unter übermässiger Schalleinwirkung bilden sich die Kontaktstellen (Synapsen) dieser inneren Sinneszellen mit den Nervenzellen des Hörnervs jedoch dauerhaft zurück. Das entdeckte Charles Liberman von der Harvard University in Boston erstmals vor drei Jahren im Experiment an Mäusen. Auch Knippers Team in Tübingen beobachtete dieses Phänomen bei Tieren – selbst bei Schallintensitäten, bei denen die äusseren Haarzellen noch keinen Schaden nehmen.

Überträgt man die Ergebnisse auf den Menschen, könnte die derzeitige Zunahme von Patienten mit Tinnitus und solchen, die überempfindlich auf Schall reagieren, neben Stress und anderen Faktoren ihre Ursache auch in der Rückbildung des Hörnervs haben. Möglicherweise reagieren die beteiligten Hirnregionen auf den Rückgang der «Meldungen» aus dem Ohr (durch den Verlust an Nervenfasern) mit einer erhöhten Ansprechbarkeit. Im ungünstigsten Fall feuern dann die Synapsen, obwohl gar kein Hörreiz vorhanden ist: Ein Phantomgeräusch wird wahrgenommen (Tinnitus), oder die betroffene Person reagiert stärker als normal auf ein im Grunde leises Signal (Hyperakusis).

Neue Hörtests

Die KOJ-Institute haben sich der Messtechnik verschrieben. Beispielsweise zeigen eigens entwickelte Phonem-Tests die Sprachwahrnehmung unter Alltagsbelastung auf.

Der Rückgang der Kontaktstellen zwischen dem Hörnerv und dem Ohr könnte noch andere Folgen haben, weil das Gehirn die empfangenen Signale schlechter verarbeiten kann. Das wirkt sich besonders negativ in einer schwierigen Hörumgebung aus, etwa wenn es gilt, eine Stimme inmitten lauter Hintergrundgeräusche zu verstehen. Mit den Hörtests, die heute routinemässig verwendet werden, lassen sich nur Schallschäden am Ohr aufdecken, die die äusseren Haarsinneszellen betreffen. Diagnostische Verfahren, mit denen die Rückbildung des Hörnervs frühzeitig entdeckt werden kann, gibt es nicht. Das Team von Knipper arbeitet an der Entwicklung solcher Methoden. Denn es ist wichtig, die Veränderungen rechtzeitig aufzuspüren, da die Schäden nicht rückgängig zu machen sind. Haarsinneszellen sind ein kostbares Gut. Jeder Mensch wird mit etwa 3500 inneren und 12 000 äusseren Haarzellen geboren. Ihren Namen verdanken die empfindlichen Sensoren ihren langen, haarähnlichen Fortsätzen, die sehr empfindlich auf Lärm reagieren. Bei Knallgeräuschen etwa können sie so stark in Schwingung versetzt werden, dass sie auseinanderreissen und später regelrecht in sich zusammenfallen und nicht mehr funktionieren. Ist der Schaden zu gross, stirbt die Haarzelle ab. Kommen auf diese Weise immer mehr äussere Haarsinneszellen abhanden, steigt die Hörschwelle zunächst vor allem bei höheren Frequenzen (Tonhöhen) an, und der Betroffene hört schlechter. Dies bedeutet einen endgültigen Verlust, denn das menschliche Ohr kann – im Gegensatz zu Vögeln oder Fischen – als Ersatz keine neuen Haarzellen hervorbringen. Zwar berichteten Forscher von der Harvard University Anfang Jahr im Fachmagazin «Neuron» über eine gelungene Neubildung von Haarzellen bei Mäusen, die mit einem Enzym-Hemmer behandelt worden waren. Diese Substanz blockiert einen Signalweg in den Zellen, die die Haarzellen des Innenohrs umgeben, und bewirkt, dass sich diese zu Haarzellen umwandeln

Angepasste Prävention

Ob sich diese Behandlung auch beim Menschen anwenden lässt, ist allerdings noch unklar. Denn bei den Mäusen löste der Hemmstoff starke Nebenwirkungen aus. Zwar sollte diese Art von Forschung weiter vorangetrieben werden, sagt Knipper. Aber mindestens ebenso wichtig sei es, neue Präventionsstrategien zu entwickeln. Während vor Jahren der Fokus auf der Arbeitswelt lag, wo inzwischen meist effektive Regulierungen greifen, gibt es solche Vorschriften im Freizeitbereich noch kaum.

Welche Folgen Hörschäden haben können, sind sich junge Menschen häufig nicht bewusst. So seien Hörschäden – und keinesfalls Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Bewegungsapparates – die Hauptursache dafür, dass sich Menschen wegen der mangelhaften Kommunikationsfähigkeit zurückzögen und mit zunehmendem Alter immobil würden, sagt Knipper.

Im Sinne des Ohrenschutzes und des Wissens darum, dass das Ohr «nichts vergisst», sollte man sich daher überlegen, bei der Nutzung des Laubbläsers, Rasenmähers oder Föhns schalldämpfende Ohrstöpsel zu tragen. Die Lautstärke, bei der Hörschäden durch Verluste der äusseren Haarzellen auftreten können, liegt bei 85 Dezibel (dB), einem Pegel, den auch manches Küchengerät erreicht. Sinnvoll könnte es auch sein, dem Enkelkind kein Feuerwehrauto mit lauter Sirene zu schenken und auf die Spielzeugtrompete zu verzichten.

Die grösste Alltagsgefahr lauert nach Ansicht von Hohmann von der Suva bei den MP3-Playern, die laut Euro-Norm bis zu 100 dB erreichen dürfen. Eine eigene Studie zeige, dass 5 bis 10 Prozent der Nutzer ihrem Gehör mehr als die kritische Wochendosis von 85 dB während 40 Stunden zumuteten, so Hohmann. Sinnvoll und technisch machbar sei es, bei Erreichen der maximalen Schalldosis ein Warnsignal auf der Anzeige des Abspielgerätes erscheinen zu lassen. Bis jetzt findet man eine solche Anwendung jedoch in keinem App-Store. Falls Kopfhörer benützt werden, empfiehlt Hohmann, die Einstellung der Lautstärke in ruhiger Umgebung vorzunehmen und selbst wenn die Aussengeräusche anstiegen, nicht lauter zu stellen.

Lesen Sie auch, was die NZZ zum noch zum Hören und KOJ sagt: Artikel 1 (Zum Hören braucht es mehr als gute Ohren), Artikel 2 (Hören muss gelernt sein)


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13/Jan/2021

Ein schöner Betrag über die Hörentwicklung in Säuglingsalter.

Können Babys schon im Bauch hören?

Jung und Alt – vor einem Hörverlust ist keine Alterskategorie geschützt.

Bereits im Mutterleib, etwa ab der 18. Schwangerschaftswoche, ist das Gehör des Babys so ausgeprägt, dass es Töne wahrnehmen kann. Neugeborene reagieren vor allem auf menschliche Stimmen und erkennen bereits die Stimme der Mutter. Natürlich muss das Gehör noch trainiert werden, damit es ausreifen kann. Babys mögen vertraute Stimmen sehr gerne, weshalb Eltern von Anfang an viel mit dem Baby sprechen, ihm vorsingen oder kleine Geschichten erzählen sollten. Lange Zeit wurde angenommen, dass Neugeborene noch nicht hören können. Da im Mittelohr noch Flüssigkeit besteht und das gesamte Hörsystem unausgereift ist, wurde diese Vermutung lange an Eltern und Ärzte weitergegeben.

Die Hörkraft des Babys testen lassen

Für Neugeborene wird ein Hörscreening angeboten. Diese Untersuchung zeigt frühzeitig Hörprobleme, die oft gut behoben werden können. Doch auch ein gutes Ergebnis sollte Eltern nicht dazu verleiten, nicht mehr auf das Hörvermögen des Babys zu achten: Eine Ohrinfektion oder eine Erkältung können das Hören beim Baby beeinträchtigen.Deshalb sollte immer wieder darauf geachtet werden, ob und wie das Kind auf Geräusche reagiert. Vor allem Musik ist für Babys interessant. Die Spieluhr am Kinderbett ist also nicht nur eine schöne Dekoration, sondern auch sehr nützlich.

Klänge und Töne für das Baby

Mit rund drei Monaten kann das Baby bereits viele Klänge auseinanderhalten und versucht, darauf zu reagieren. Eltern stellen in dieser Zeit fest, dass das Baby versucht zu antworten, wenn es angesprochen wird. Es entwickelt eine Reihe von Lauten, die es bei Bedarf einsetzt. Immer, wenn Eltern in der Entwicklung das Gefühl haben, das Baby hört nicht gut, ist ein kurzer Besuch beim Kinderarzt sinnvoll. Das Neugeborenen-Hörscreening ist bereits der erste Schritt in die richtige Richtung: Da nämlich auch gehörlose Kinder anfangs plappern, merken viele Eltern nicht, dass mit dem Gehör des Kindes etwas nicht stimmt.

So funktioniert das Hörscreening beim Baby

Durch die Technik sieht der Hörtest ein wenig seltsam aus, ist aber für das Baby absolut schmerzfrei. Das Neugeborene bekommt über eine kleine Sonde Töne in das Ohr, die sehr leise sind und das empfindliche Gehör nicht schädigen. Die gemessenen Reaktionen des Innenohrs geben Aufschluss, ob mit Babys Gehör alles in Ordnung ist. Ein nicht so gut ausgefallenes Hörscreening ist übrigens noch kein Grund zur Beunruhigung: Erst eine weitere Untersuchung, die Hirnstammaudiometrie, liefert endgültige Ergebnisse. Hierbei wird mithilfe von Elektroden das Hörvermögen in den Hirnströmen quasi sichtbar gemacht.

So erkennen Eltern, ob sich das Hörvermögen ihres Kindes gut entwickelt

Trotz aller Tests, die das Hörvermögen messen, ist die ständige Beobachtung im Alltag unerlässlich. Ab dem ersten Monat erschrecken Babys bei lauten Geräuschen. Knallende Türen, herabfallende Gegenstände oder ungewohnter Straßenlärm irritieren das Kind. Mit drei Monaten reagiert das Baby aktiv auf Geräusche und ahmt Laute mit rund sechs Monaten nach. Wenn der Säugling in diesem Rahmen auf Töne und Klänge reagiert, ist davon auszugehen, dass mit dem Hörvermögen alles in Ordnung ist. Trotzdem sollten Eltern die schmerzfreien Hörtests, die von den Krankenkassen angeboten werden, unbedingt nutzen.


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13/Jan/2021

Zitiert von RUB – Ruhr Universität Bochum.

NEUROWISSENSCHAFT – Das Gehirn gewöhnt sich nicht an Altersschwerhörigkeit, sodass das Gedächtnis leidet.

Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko für Demenzerkrankungen und kognitiven Verfall. Warum das so ist, war bisher unklar. Ein Team aus der Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat nun mit Untersuchungen an Mäusen herausgefunden, was im Gehirn passiert, wenn das Hörvermögen nach und nach schlechter wird: Hirnbereiche werden umorganisiert, worunter das Gedächtnis leidet. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Cerebral Cortex“ vom 20. März 2020 online veröffentlicht.

An der Studie haben Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo und Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie gemeinsam gearbeitet.

Wenn eine Sinneswahrnehmung fehlt

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen graduellen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoffrezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

Anpassungsfähigkeit des Gehirns leidet

Es ist wichtig, Schwerhörigkeit zu behandeln, um die geistige Fitness zu erhalten.

Die so gewonnenen Daten zeigten, dass die synaptische Plastizität im Hippocampus durch den graduellen Verlust des Hörvermögens beeinträchtigt ist. Die synaptische Plastizität wiederum ermöglicht die langfristige Speicherung von Erlebnissen, dadurch werden Erinnerungen gebildet und festgehalten. Die Verteilung und Dichte von Botenstoffrezeptoren änderte sich stetig. Mit Fortschreiten der Schwerhörigkeit verstärkten sich auch die Effekte im Gehirn. Darüber hinaus zeigten die schwerhörigen Mäuse zunehmende Einschränkungen bei ihrer Gedächtnisleistung. „Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, so Denise Manahan-Vaughan. „Wir glauben, dass die ständigen Veränderungen der Neurotransmitterrezeptorexpression, die durch fortschreitenden Hörverlust verursacht werden, auf der Ebene der sensorischen Informationsverarbeitung zu einer Art Treibsand führen, der verhindert, dass der Hippocampus effektiv arbeitet“, fügt sie hinzu.

 

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Förderung

Die Studie wurde durch den Sonderforschungsbereich (SFB) 874 der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Der SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ besteht seit 2010 an der RUB. Die Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit der Frage, wie sensorische Signale neuronale Karten generieren, und wie daraus komplexes Verhalten und Gedächtnisbildung resultiert. Daniela Beckmann und Mikro Feldmann haben zudem das MD-Programm speziell für Medizinstudierende des SFB 874 und der International Graduate School of Neuroscience absolviert.

Originalveröffentlichung

Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo, Denise Manahan-Vaughan: Hippocampal synaptic plasticity, spatial memory, and neurotransmitter receptor expression are profoundly altered by gradual loss of hearing ability, in: Cerebral Cortex, 2020, DOI: 10.1093/cercor/bhaa061

 

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13/Jan/2021

Ein toller Artikel, zitiert von Brigitte.

Ohne ihn wären wir wortlos. Er ermöglicht Verständigung und Miteinander – und er ist ein kleines Sensibelchen.

Kino im Kopf – Wie Hören uns schützt und gesund hält. Der Hörsinn rettet Leben, deswegen wird er auch nicht abgeschaltet, wenn wir schlafen. Wir hören die Gefahr und die Richtung, aus der sie droht, und bringen uns rechtzeitig in Sicherheit. Schon dieses Alarmsystem hat eine soziale Komponente. Denn wir reagieren nicht erst, wenn wir das bedrohliche Geräusch selbst wahrnehmen, sondern auch, wenn uns andere warnen. Unsere Ohren sind nämlich besonders empfindlich für das, was sie hören wollen: Sprache. Schon Babys faszinieren menschliche Stimmen mehr als alles andere. Bereits vor der Geburt gewöhnen sie sich daran, ihre Mutter zu hören, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Innenohr als erstes Organ unseres Körpers komplett ausgebildet. Und wie Patienten mit Nahtod-Erfahrungen berichten, endet unser Leben oft auch mit akustischen Eindrücken. Hören bedeutet zunächst Sicherheit und Nähe. Wenn ich andere höre, bin ich nicht allein.

Doch Hören ist auch Kommunikation. Unsere Sprache markiert einen kognitiven Quantensprung der Evolution, durch sie sind wir mehr als Affen mit großen Hirnen: “Die Menschwerdung vollzog sich über das Hören”, erklärt

Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen.

Professor Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Wir wollen hören und Gehör finden. Das ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Wenn sich unsere Vorfahren abends um das Feuer versammelten, um Erlebnisse und Geschichten zu teilen, war Zusammengehörigkeit selbstverständlich. Uns geht sie zunehmend verloren. Wir hören zwar immer mehr, aber immer weniger zu – und eher seltener gemeinsam. Doch ohne Gespräche und Austausch untereinander fühlen wir uns allein und unglücklich, selbst wenn wir ständig von Menschen umgeben sind. Nicht nur Hören, sondern richtiges Zuhören ist also Voraussetzung für ein soziales Miteinander – und offenbar auch für gesunde Hirnfunkionen. Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen. So beschäftigt ein und dasselbe Geräusch mal die linke, mal die rechte Gehirnhälfte, je nachdem, welche Gedanken wir damit verbinden. Denn Geräusche haben anders als Objekte nur Symbolcharakter und müssen erst interpretiert werden. Wir sammeln Erfahrungen, bilden Kategorien und entwickeln daraus eine Vorstellung von dem, was wir hören. Visuelle Informationen fordern und fördern unser Gehirn dagegen viel weniger: Wer fernsieht, braucht kaum Fantasie. Hören erzeugt Kino im Kopf. Und weil wir dabei die Bilder speichern, haben wir auch bestimmte klangliche Erwartungen und sind irritiert, wenn diese sich nicht erfüllen. Fällt eine Tür scheppernd ins Schloss, fühlen wir uns in der Wohnung dahinter nicht sicher. Ein Rasierer für Frauen sollte diskret leise sein, für Männer muss er die Bartstoppeln ordentlich sprazzeln lassen. Der Akustiker Friedrich Blutner, der Musikinstrumente baute, bevor er sich dem Sounddesign widmete, ist der Meinung, dass die bevorzugten Geräusche auch das Lebensgefühl einer Generation ausdrücken. Heute müssten Produkte krachen und knacken, damit wir sie gut finden: Leistung werde oft mit Lautstärke gleichgesetzt. Sollte sich unser Leben wieder mehr entspannen, werden wir wahrscheinlich weichere Geräusche schätzen.

Was beeinträchtigt den Sinn?

Wenn zu starke Schallwellen über die Härchen der Hörzellen hinwegbranden, können diese abbrechen oder -knicken. Solche Knalltraumen werden durch Lautstärken ab etwa 130 Dezibel verursacht, also durch Silvesterböller, aber auch Spielzeugpistolen. Die Schäden dabei sind endgültig, denn die Zellen des Innenohrs erneuern sich nicht. Auf Dauer zerstört bereits Schall unterhalb der Schmerzgrenze das Gehör, und zwar umso schneller, je lauter er ist. Oft merken wir davon zunächst nichts. “Diese kleinen Schäden summieren sich aber, bis irgendwann der Point of no Return überschritten ist”, warnt Dr. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

An Lärm gewöhnen sich weder unser Ohr noch unser Körper. Für ihn bedeutet Lärm Stress: Cortisol wird ausgeschüttet, und der Blutdruck steigt. In einer lauten Umwelt zu leben erhöht das Infarktrisiko von Frauen um mehr als das Dreifache, so eine Studie der Charité. Und nachts sind unsere Ohren noch empfindlicher: Einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge steigern schon nächtliche 55 Dezibel – dieser Wert wird auf vielen unserer Straßen erreicht – das Risiko von Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Asthma-Erkrankungen.

Die Macht der Musik

Wie wir unser Gehör einsetzen können, um uns zu heilen

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten.

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten. So sind bei Pianisten beim Hören von Klaviermusik die gleichen Hirnbereiche aktiv, als wenn sie selbst spielen würden. Und sogar bei Nichtmusikern reagieren Nervenzellen, die mit dem Kehlkopf in Verbindung stehen – und singen oder pfeifen lautlos mit. “Erst kommt die Musik, dann die Sprache”, sagt Dr. Stefan Koelsch, Leiter der Forschungsgruppe Neurokognition der Musik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Beim Hören von Musik sind also vor allem Bereiche des Gehirns aktiv, die wir nicht unter Kontrolle haben, und diese beeinflussen unser Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Untersuchungen zeigen, dass Blutdruck, Puls und Atemfrequenz abnehmen, wenn wir ruhigen Klängen lauschen. Das funktioniert unabhängig davon, ob uns das Stück überhaupt gefällt. Aber Musik als Medizin kann noch viel mehr: Sie senkt zum Beispiel die Angst vor und während eines ärztlichen Eingriffs wie einer Magenspiegelung. Forscher der Universität Yale fanden heraus, dass Patienten sogar weniger Narkosemittel brauchen, dürfen sie ihre Lieblingsmusik hören. Und dies liegt tatsächlich an der Musik und nicht daran, dass sie OP-Geräusche übertönt. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen schneller erholen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie nach einer Operation mit Musik aufwachen. Sanfte Musik dämpft außerdem das Schmerzempfinden während der Wehen. Und Frühgeborene, die mehrmals täglich Schlaf- und Kinderlieder vorgespielt bekamen, nahmen schneller an Gewicht zu und konnten so früher von der Intensivstation entlassen werden. “Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie genau Musik im Körper wirkt”, erklärt Stefan Koelsch. “Doch in Zukunft wird Musik in der Medizin immer häufiger eingesetzt werden.” Musik heilt natürlich auch dann, wenn man sie aktiv einsetzt. Heidelberger Therapeuten konnten belegen, dass regelmäßiges Musizieren die Häufigkeit von Migräneanfällen bei Kindern sogar etwas effektiver reduziert als spezielle Medikamente. Bei Demenzkranken können Lieder vergessen geglaubte Erinnerungen und Wörter zurückbringen, Parkinson-Kranken hilft der Rhythmus, ihre Bewegungen zu koordinieren, und Schlaganfallpatienten finden oft über das Singen zurück zur Sprache.

Was, wenn der Sinn gestört ist?

Hörgeräte sind vielen peinlich. Dabei machen sie uns schlau

Mit rund 15 Millionen Betroffenen ist Schwerhörigkeit in Deutschland eine Volkskrankheit. Ein Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung, ein anderer die permanente Lärmüberlastung. Die Zahl der Tinnitus-Patienten wächst ebenfalls, und ein akuter Hörsturz trifft immer häufiger auch junge Menschen.

Moderne Hörsysteme sind trotz Rechenpower dezent.

Hörprobleme sollten möglichst frühzeitig behandelt werden. Denn wer längere Zeit schlecht hört, vergisst auch immer mehr Geräusche und muss sie mühsam neu lernen. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte nachweisen, dass sich Menschen in einem IQ-Test verbessern, sobald sie Hörgeräte bekommen – und ihre geistige Kapazität nicht mehr durch das akustische Verstehen absorbiert ist. Während Hörgeräte Schall verstärken, stimulieren Cochlea-Implantate (winzige Hörprothesen im Innenohr) über Elektroden direkt den Hörnerv. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass dieser Nerv noch funktioniert: Das ist etwa bei Erwachsenen der Fall, die nach einem Hörsturz ertauben, oder bei vielen gehörlos geborenen Kindern.

Etwa zwei von tausend Neugeborenen sind von angeborenen Hörstörungen betroffen. Im Kindesalter ist es noch wichtiger, diese Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn für die Entwicklung des Gehörs und vor allem der Sprache gibt es sensible Phasen. Versäumtes kann manchmal kaum oder überhaupt nicht mehr aufgeholt werden.

So halten Sie Ihr Gehör fit

“Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen.

Die Funktion des Innenohrs können wir nicht steigern, sondern nur bewahren. Trainieren lässt sich aber die Hörverarbeitung im Gehirn. Dies ist oft Teil einer Therapie von Tinnitus und Hörsturz, lässt sich jedoch auch vorbeugend einsetzen. “Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen. Es lohnt sich also, sorgfältig auszuwählen, was wir uns zu Ohren kommen lassen – und dem Gehör ab und zu eine Pause zu verordnen: – SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und lauschen Sie dem Alltag. Etwa im Park oder im Bus. Was hören Sie? Und aus welcher Richtung kommen die Geräusche? – GENIESSEN SIE MUSIK. Akustisches Berieseln nutzt die Hörwahrnehmung im Gehirn eher ab, bewusstes Hinhören aber trainiert sie. Konzentrieren Sie sich dafür zum Beispiel einmal nur auf ein einziges Instrument. – GÖNNEN SIE IHREN OHREN RUHE. Wenn Sie besonderem Lärm ausgesetzt waren, braucht das Gehör Zeit, sich davon zu erholen. – SCHÜTZEN SIE IHR GEHÖR VOR KRACH. Taubheit und Ohrenklingeln nach einem Konzert sind erste Warnzeichen, selbst wenn sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Ohrstöpsel etwa entlasten das Ohr: Sie dämpfen um 15 bis 30 Dezibel und lassen trotzdem noch genug Musikgenuss durch.

Tinnitus oder Hörsturz?

“In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite.

In Deutschland leiden rund drei Millionen Menschen unter Ohrgeräuschen. Dabei senden aufgequollene oder entzündete Hörzellen von selbst Signale ans Gehirn. Ein Tinnitus tritt oft nach Lärmüberlastung auf und kann durch eine Therapie mit Infusionen oder Medikamenten behandelt werden. Hält der Tinnitus jedoch länger als drei Monate an, hat diese Durchblutungsförderung keinen Sinn mehr: Die Tinnitus-Aktivität ist dann im Gehirn fixiert. “In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite. Viele Betroffene leiden besonders unter den Geräuschen, weil sie ihre ganze Wahrnehmung darauf fokussieren. Wer hingegen plötzlich schlecht hört, leidet möglicherweise an einem Hörsturz und sollte spätestens am zweiten Tag zum Arzt gehen. Denn die Ursache ist oft eine Art Innenohr-Infarkt, und die Sinneszellen können absterben, wenn die Therapie nicht rechtzeitig beginnt. Ein Hörsturz kann verschiedene Ursachen haben, wie Birgit Mazurek erklärt: “Stress ist allerdings häufig eine Mitursache.”