Gentherapie gegen angeborene Taubheit?

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17/Feb/2020

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Wissenschaftlern aus Frankreich hat mithilfe der Gentherapie das Gehör bei erwachsenen Mäusen mit DFNB9-Taubheit, einer der häufigsten Formen der erblichen oder angeborenen Taubheit, wiederhergestellt (Akil et al., 2019). Der gentherapeutische Ansatz beugte nicht nur dem Hörverlust bei der sich noch entwickelnden Cochlea bei jungen Mäusen vor, er hat auch die Taubheit bei adulten DFNB9-Mäusen rückgängig gemacht. Bei Letzteren wurden separate virale Vektoren verwendet, um die DNA für die Produktion des Proteins Otoferlin in zwei Hälften in die Zellen einzuschleusen.



Dr. Kupferberg fasst das spannende Thema verständlich in einem kurzen Video zusammen.


Was Forschern bereits heute bei der Maus gelingt, könnte in der Zukunft vielen Betroffenen bei Taubheit helfen – eine Gentherapie.

Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass ihre Arbeit den Weg für Studien zur Humangentherapie bei Patienten mit DFNB9-Taubheit ebnen könnte. „Unsere Ergebnisse dokumentieren sowohl die präventive als auch die heilende Wirkung der lokalen Gentherapie in einem Mausmodell des DFNB9 und erweitern gleichzeitig den Anwendungsbereich der potenziellen Gentherapie für die humane erbliche Form der Gehörlosigkeit“, schrieben sie in ihrem veröffentlichten Beitrag in PNAS mit dem Titel „Dual AAV-vermittelte Gentherapie stellt das Hören in einem DFNB9-Mausmodell wieder her“. Das Team bestand aus Forschern des Institut Pasteur, Inserm, CNRS, Collège de France, der Universität Sorbonne, der University of Clermont Auvergne in Frankreich sowie der University of Florida, Gainesville, Columbia University Medical Center und dem New York Presbyterian Hospital in den USA.

Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass ihre Arbeit den Weg für Studien zur Humangentherapie bei Patienten mit DFNB9-Taubheit ebnen könnte. „Unsere Ergebnisse dokumentieren sowohl die präventive als auch die heilende Wirkung der lokalen Gentherapie in einem Mausmodell des DFNB9 und erweitern gleichzeitig den Anwendungsbereich der potenziellen Gentherapie für die humane erbliche Form der Gehörlosigkeit“, schrieben sie in ihrem veröffentlichten Beitrag in PNAS mit dem Titel „Dual AAV-vermittelte Gentherapie stellt das Hören in einem DFNB9-Mausmodell wieder her“. Das Team bestand aus Forschern des Institut Pasteur, Inserm, CNRS, Collège de France, der Universität Sorbonne, der University of Clermont Auvergne in Frankreich sowie der University of Florida, Gainesville, Columbia University Medical Center und dem New York Presbyterian Hospital in den USA.

Adeno-assoziierte Viren dienen als Vektoren für die Einschleusung von Genen 

Adeno-assoziierte Viren (AAV) sind vielversprechende Vektoren für den Gentransfer in der Gentherapie und könnten durchaus dazu verwendet werden, die Gene zu transportieren, die zur Wiederherstellung des Hörvermögens bei angeborenen Formen der Taubheit benötigt werden. Die nachhaltige Transgenexpression mit AAVs wurde in verschiedenen Tiermodellen erreicht, und das ausgezeichnete Sicherheitsprofil dieser Vektoren wurde in vielen laufenden klinischen Studien nachgewiesen, so die Autoren: „Infolgedessen sind AAVs heute das wichtigste Genverabreichungssystem in der Gentherapie bei genetischen Störungen.“

Gentherapie sollte vor der vollständigen Entwicklung des Hörsinns erfolgen

In den meisten Tests bei Mausmodellen mit Taubheit wurde das erforderliche Gen an die sich entwickelnde Cochlea bei neugeborenen Mäusen appliziert (in der Regel um den postnatalen Tag 1 oder 2), also bevor die Tiere beginnen zu hören – bei Mäusen etwa am Tag 12. Im Gegensatz dazu wird beim Menschen die Cochlea-Entwicklung im Fötus während der Schwangerschaft abgeschlossen, und das Hören entwickelt sich im Laufe von etwa 20 Wochen, und zwar lange vor der Geburt. Dies führt zu einem sehr kleinen Therapiefenster, wenn eine Gentherapie in der sich entwickelnden Cochlea durchgeführt werden soll. Tatsächlich aber müsste die Gentherapie nach der Geburt durchgeführt werden, sobald der Hörverlust und seine Ursache beim Säugling diagnostiziert wurden und wenn die Cochlea vollständig entwickelt ist. Das bedeutet, dass mit der Behandlung eine bereits bestehende Taubheit rückgängig gemacht werden müsste. Dies sollte bei der Entwicklung präklinischer Tests berücksichtigt werden.

Bei Mäusen kann der Hörverlust durch Gentherapie rückgängig gemacht werden

Ihren gentherapeutischen Ansatz gegen bereits bestehende Gehörlosigkeit testeten die Forscher unter der Leitung von Saaïd Safieddine, PhD, einem Forscher im Gebiet der Genetik und Physiologie des Hörorgans (Institut Pasteur/Inserm), an ein Mausmodell des DFNB9, das die Ursache für 2 bis 8 % der angeborenen Gehörlosigkeit beim Menschen ist. Die Erkrankung wird durch Mutationen im Gen für Otoferlin verursacht, einem Protein, das eine Rolle bei der Übertragung von Schallinformationen an den Synapsen der inneren Haarzellen (IHC) in der Cochlear spielt. Gehörlosen Mäusen fehlt das Otoferlin-Gen (Otof-/-Tiere).

Der potenzielle Einsatz der AAV-Technologie zur Übertragung des Otoferlin-Gens wird durch die begrenzte DNA-Packkapazität der AAV-Vektoren – etwa 4,7 kb DNA – erschwert, die nicht ausreichen würde, das gesamte rekombinante Otoferlin-Gen, das etwa 6 kb beträgt, zu transportieren. Das Team von Saffieddine entwickelte einen Weg, indem es einen dualen AAV-Vektor-Ansatz anwandte. Bei diesem wird das Otoferlin-Gen effektiv zwischen zwei verschiedenen AAV-Vektoren aufgeteilt, wobei jeder für eines der beiden gegenüberliegenden Enden des Otoferlin-Gens kodiert. Das Team verabreichte die beiden Vektoren am Postnataltag 10 gleichzeitig direkt in die Cochleas von DFNB9-Mäusen, denen das Otoferlin-Gen fehlte. Dieser Zeitpunkt lag noch vor Abschluss der Cochlea-Entwicklung. Die Analyse des Cochlea-Gewebes acht Wochen nach der einmaligen Injektion beider Vektoren bestätigte, dass die Behandlung in mehr als 60 % der inneren Haarzellen zur Produktion des kompletten Otoferlin-Proteins führte. Auditorische Hirnstammtests 4 Wochen nach der Genübertragung bestätigten, dass das Gehör der Tiere wiederhergestellt worden war, und diese Wiedererlangung war bei den meisten Mäusen mehr als 6 Monate später immer noch sichtbar. „Dreißig Wochen nach der Injektion hatten sechs der acht Mäuse, die Injektionen am Postnataltag 10 erhielten, noch Hörschwellen, die innerhalb von 10 dB von denen der Wildtyp-Mäuse lagen“, schreiben die Autoren. Die Gentherapie vor Hörbeginn verhindere daher bei Otof-/-Mäusen Taubheit.

Erfreulicherweise zeigten Tests an Mäusen, die eine einzige intracochleäre Injektion des Vektorpaares entweder am Postnataltag 17 oder 30 erhielten, dass die Behandlung zu einer Otoferlin-Produktion in IHCs in der gesamten behandelten Cochlea und zu einer Wiederherstellung des Gehörs bereits 3 Wochen nach der Injektion führte. Der erneute Test zeigte, dass der Effekt bis zu 20 Wochen anhielt.

„Wir berichten über den prinzipiellen Nachweis, dass der Transfer einer fragmentierten cDNA über einen Dual-AAV-Vektoransatz im DFNB9-Mausmodell die Produktion des vollwertigen Proteins effektiv wiederherstellen kann, was zu einer lang anhaltenden Korrektur des Phänotyps der hochgradigen Taubheit dieser Mäuse führt“, schlussfolgerten die Autoren. „Wir zeigen, dass die lokale Gentherapie bei mutierten Mäusen nicht nur Taubheit verhindert, wenn sie an noch nicht ausgereiften Hörorganen appliziert wird, sondern auch das Gehör dauerhaft wiederherstellt, wenn sie in einem ausgereiften Stadium verabreicht wird, was Hoffnung auf zukünftige Gentherapie-Studien bei DFNB9-Patienten weckt.“

Hörverlust kann mit Gehörtherapie behandelt werden

Autosomal rezessive genetische Formen der Taubheit machten die meisten Fälle von hochgradigem Hörverlust aus, schrieben die Forscher: „Mehr als die Hälfte der Fälle von nicht-syndromischer schwerer angeborener Taubheit haben eine genetische Ursache, und die meisten (∼80 %) sind autosomal rezessiv (DFNB).“ Cochlea-Implantate sind derzeit die einzige Behandlungsmöglichkeit, und obwohl sie zur Verbesserung des Hörvermögens beitragen können, sind sie nicht perfekt. Patienten haben häufig Probleme, Sprache in lauter Umgebung oder bei Musik zu erkennen. Für Patienten mit altersbedingter Schwerhörigkeit, bei denen am meisten das Sprachverstehen bei Nebengeräuschen erschwert ist, eignet sich als Therapiemethode die Versorgung mit Hörgeräten in Verbindung mit auditorischer kognitiver Gehörtherapie, wie der Koj-Gehörtherapie. Ein interaktives Computerprogramm dient dabei dazu, den optimalen Nutzen bei Anpassung der Hörgeräte zu ermöglichen, indem die Defizite im Sprachverstehen, die beim Training auftreten, bei Einstellungen des Hörgeräts berücksichtigt werden. Das Training wird eingesetzt, um bei den Patienten in Anfangsstadium des Hörverlustes  kognitive Fähigkeiten zu trainieren und so dem kognitiven Verfall entgegenzuwirken. Zu den Basisaufgaben gehören u. a. das Verstehen von einfachen Wörtern aus einem Satz mit und ohne Hintergrundgeräusch, Verstehen einer Stimme, während eine andere Person gleichzeitig spricht, oder das Erkennen von Alltagsgeräuschen. Ebenfalls werden das Verstehen von Hörbüchern und das auditorische Gedächtnis trainiert. Im Moment wird eine wissenschaftliche Studie an der Universität Zürich über die klinische Wirksamkeit dieses Trainings durchgeführt.

Hören ist Hirnsache

Quelle: Akil, O., Dyka, F., Calvet, C., Emptoz, A., Lahlou, G., Nouaille, S., … Lustig, L. R. (2019). Dual AAV-mediated gene therapy restores hearing in a DFNB9 mouse model. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(10), 4496–4501. https://doi.org/10.1073/pnas.1817537116

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© Dr. Kupferberg, KHRC, 01-2020


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Beitrag zitiert von heise online

Verfasst von  Charlotte Jee

Wer eine Hörhilfe benötigt, tut sich oft schwer, wenn mehrere Menschen gleichzeitig sprechen. Ein neues System soll Betroffene besser unterstützen: mit der Auswertung von Hirnsignalen.

Stellen Sie sich, Sie wollen sich in einer lauten Bar von einem Freund die neuesten Geschichten erzählen lassen. Trotz der Ablenkung durch Hintergrundgeräusche sind Sie in der Lage, das Wesentliche herauszufiltern und Ihrem Freund zu folgen. Dieser so genannte “Cocktail-Party Effekt“ ist für die meisten Menschen ganz natürlich – nicht aber für Träger von Hörhilfen: Für sie kann es schwierig und sehr frustrierend sein, mit irrelevanten Geräuschen zurechtzukommen.

Ein potenziell transformatives neues System könnte das jetzt ändern, indem es herausfindet, wem eine Person zuhören möchte, und nur die jeweilige Stimme verstärkt. Um die Absichten des Zuhörers zu erkennen, werden im auditorischen Kortex Elektroden platziert, also in dem Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung von Geräuschen zuständig ist. Wenn sich das Gehirn auf unterschiedliche Stimmen konzentriert, generiert es elektrische Signaturen jedes Sprechers, die sich auswerten lassen.

Passende Stimme verstärken

Ein Algorithmus für “Deep Learning” wurde darauf trainiert, auf diese Weise unterschiedliche Stimmen zu unterscheiden: Er sucht nach der besten Übereinstimmung zwischen der gewünschten Signatur und denen der unterschiedlichen sprechenden Personen in einem Raum. Anschließend wird die am besten passende Stimme verstärkt, was dem Zuhörer hilft, sich darauf zu konzentrieren.

Das jetzt in der Fachzeitschrift “Science Advances” beschriebene System wurde von einem von Forschern der Columbia University angeführten Team entwickelt und an drei Personen ohne Hörprobleme getestet, die am North Shore University Hospital in New York operiert wurden. Im Rahmen einer Therapie gegen Epilepsie setzten Ärzte den Patienten Elektroden in das Gehirn ein, sodass dessen Signale erfasst werden konnten. Den Teilnehmern wurde eine Aufzeichnung mit vier Menschen vorgespielt, die durchgängig sprachen. Zwischendurch hielten die Forscher das Band an und baten die Probanden, den letzten Satz vor der Pause zu wiederholen. Dies sollte sicherstellen, dass sie richtig gehört hatten, was mit einer durchschnittlichen Genauigkeit von 91 Prozent der Fall war.

Allerdings gibt es dabei einen offensichtlichen Nachteil: Beim aktuellen System ist eine Hirnoperation für das Einsetzen der Elektroden erforderlich. Nach Angaben der Forscher lassen sich Hirnsignale jedoch auch durch Sensoren in oder auf dem Ohr erfassen, sodass das System später in eine Hörhilfe integriert werden könnte (wobei es dann weniger genau würde). Zudem könnte es auch von Menschen ohne Hörprobleme verwendet werden, die sich besser auf eine bestimmte Stimme konzentrieren wollen.

Lange zuhören, treffsicher sein

Ein weiteres Problem ist die Zeitverzögerung. Diese beträgt nur ein paar Sekunden, könnte aber trotzdem darauf hinauslaufen, dass man den Anfang eines Satzes verpasst, sagt Nima Mesgarani vom Neural Acoustic Processing Lab der Columbia University, einer der Autoren des Fachaufsatzes. Hier besteht ein Zielkonflikt zwischen Genauigkeit und dem Tempo beim Fokussieren auf einen bestimmten Sprecher, erklärt er.

Mit anderen Worten: Je länger das System zuhören kann, desto treffsicherer wird es. An diesem Thema müsse noch geforscht werden, sagt Mesgarani. Trotzdem könnten derartige Geräte in nur fünf Jahren auf den Markt kommen.

Die aktuelle Studie sollte nur die grundsätzliche Machbarkeit belegen, zeigt aber spannendes Potenzial, sagt Behtash Babadi vom “Department Electrical and Computer Engineering” der University of Maryland, der nicht an der Arbeit beteiligt war. „Der Träger eines solchen Geräts könnte innerhalb weniger Sekunden alles ausblenden außer die Person, die er hören möchte“, so Babadiu. „Diese Arbeit ist die erste, die eine echte Lösung für das Problem bringt, und ein Sprung nach vorn bei dem Versuch, sie zur Realität zu machen.“


Fazit Dr. Kupferberg

Das Tragen von Hörgeräten geht leider oft mit Vorurteilen einher, vor allem bei den Männern. Hörgeräteträger befürchten, dass sie als alt, nicht besonders intelligent oder psychisch krank abgestempelt werden. Obwohl moderne Hörgeräte klein, bequem und fast kaum zu sehen sind, sind ihre Fähigkeiten dennoch begrenzt. Denn trotz erheblicher technologischer Fortschritte in der Digitaltechnik können die winzigen technologischen Wunderwerke oft nur die sensorischen Signale verstärken, ermöglichen aber nicht das vollumfängliche Verstehen der Sprache. So hört man alles zwar lauter, aber nicht unbedingt deutlicher. Deswegen sollte die Anpassung von Hörgeräten immer von einer Gehörtherapie begleitet werden.


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Beitrag zitiert von Healthcare-in-Europe:

Forscher erwecken Zellen im Innenohr zum Leben

Millionen Schwerhörige und Taube können hoffen, ihre Gehörfunktion ganz oder teilweise zurückzugewinnen. Forscher der Harvard University und der University of South California (USC) haben einen Weg gefunden, Zellen tief im Inneren des Ohres wiederzubeleben. Der entscheidende Fortschritt gegenüber früheren Versuchen dieser Art: Die Wissenschaftler können Medikamente, die zerstörte Nerven und Zellen wiederherstellen, zu der Stelle befördern, an der sie wirken sollen.

Tierversuche bereits erfolgreich

“Wir haben herausgefunden, wie wir das Medikament so applizieren können, dass es genau dort seine Heilwirkung entfaltet, an der es nötig ist”, sagt USC-Forscher Charles E. McKenna, der zu den Entwicklern der neuen Therapie gehört. “An der entscheidenden Stelle im Innenohr bildet sich ständig eine Flüssigkeit, die das Medikament hinwegschwemmt. Dieses Problem haben wir gelöst.” Die Anwendung an Menschen steht allerdings noch aus. Die bisherigen Versuche fanden im Labor mit Gewebeproben von Tieren in Petrischalen statt. Doch die Forscher sind zuversichtlich, dass ihre Technik auch in echten Ohren funktioniert, weil sich die Zellen und die eingesetzte Technik stark ähneln. Deshalb planen sie bereits die nächste Phase, in der schwerhörige Tiere behandelt werden sollen.

Die Forscher haben eine Methode entwickelt, mit der Mittel gezielt in die Cochlea gebracht werden. Dort befinden sich Zellen, die Geräusche ans Gehirn übermitteln. Schwerhörigkeit beruht auf der totalen oder teilweisen Zerstörung dieser Zellen. Zudem werden Synapsen und Neuronen geschädigt, die sich auf dem Weg vom Ohr zum Gehirn befinden.

Wirksamer Mix aus zwei Präparaten

Das Medikament ist ein Gemisch aus zwei Wirkstoffen. Der erste heißt 7,8-Dihydroxyflavon, auch Vitamin P genannt. Das Mittel verhindert, dass Nervenzellen, die Bewegungen steuern, absterben. Das haben Versuche an der Ruhr-Universität Bochum ergeben. Das zweite Präparat aus der Gruppe der Bisphosphonate wird normalerweise bei Knochen- und Calcium-Stoffwechselkrankheiten verabreicht. Letzteres verhindert, dass Ersteres von den Flüssigkeiten im Innenohr hinweggeschwemmt wird. Noch sind die Forscher vorsichtig, um keine falschen Hoffnungen, vor allem bei Älteren, zu wecken. Immerhin leiden zwei Drittel der Amerikaner, die älter sind als 70, an Schwerhörigkeit oder Gehörverlust. “Wir sagen nicht, dass unser Präparat ein Heilmittel für Schwerhörigkeit ist”, erläutert McKenna. “Doch wir konnten zeigen, dass unsere Herangehensweise äußerst vielversprechend ist.”


Fazit Dr. Kupferberg:

Zwei Unternehmen arbeiten an der Entwicklung möglicher Medikament gegen Hörverlust. Auris Medical, ein Schweizer biopharmazeutisches Unternehmen, befindet sich in der fortgeschrittenen klinischen Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Innenohrschwerhörigkeit und Tinnitus. Das 2008 gegründete Unternehmen Otonomy mit Sitz in San Diego hat eine medikamentöse Therapie entwickelt, um im Tiermodell Synapsenverbindungen und damit ein funktionales Gehör wiederherzustellen. Die Experten lehnte es ab, vorherzusagen, wie schnell eines oder mehrere Medikamente, die vorübergehend oder dauerhaft Innenohrschäden reparieren und den Hörverlust wiederherstellen könnten, in die klinische Erprobung am Menschen übergehen würden. Obwohl solche Medikamente noch mehrere Jahre von der kommerziellen Verfügbarkeit entfernt sind, rate ich zum Schutz vom Gehör durch das Tragen von Ohrstöpseln und frühzeitigen Gehörtests, sowie kognitiver Gehörtherapie bei den ersten Anzeichen von Problemen beim Sprachverständnis.


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17/Feb/2020

Dass das kognitive Hörtraining zu Veränderungen der Gehirnaktivität führen kann, haben wissenschaftliche Studien bereits vor 10 Jahren gezeigt (Anderson, White-Schwoch, Parbery- Clark, & Kraus, 2013; Filippini, Befi-Lopes, & Schochat, 2012; Gil & Iorio, 2010; Tremblay, Shahin, Picton, & Ross, 2009). Eine Kernspintomographiestudie hat zum Beispiel Verbesserungen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durchgeführten auditorischen Silbentraining demonstriert. Diese Verbesserung ging mit einer entsprechenden Veränderung der Gehirnaktivierung in einer Region einher, die an der auditorischen Verarbeitung beteiligt ist (Bless, Westerhausen, Kompus, Gudmundsen, & Hugdahl, 2014).

Dr. Kupferberg fasst das komplexe Thema in einem kurzen Video zusammen.

Multimodales Training ist am effektivsten

Neuere Erkenntnisse kommen aus den Studien, die multimodale oder visuelle Reize für das Training der kognitiven Funktionen benutzen. Eine Kernspintomographiestudie demonstrierte z. B. eine erhöhte Hirnaktivität in frontalen und parietalen Kortices nach dem Üben von Arbeitsgedächtnisaufgaben, die visuell präsentiert wurden (Olesen, Westerberg, & Klingberg, 2004). Eine neuere mit gesunden älteren Erwachsenen (Alter: 64-77 Jahre) mittels Kernspintomographie durchgeführte Studie benutzte computerisiertes adaptives Training mit multimodalen Aufgaben über 8 Wochen 1 Stunde am Tag und an 3 Tagen pro Woche (Kim, Chey, & Lee, 2017). Die Aufgaben zielten auf das Training von Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und den zentralen exekutiven Funktionen – das heißt, die Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren. Auf der Verhaltensebene brachte das Training, im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe, signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen, aber nicht beim Arbeitsgedächtnis. Die Trainingseffekte korrelierten mit den beobachteten Hirnaktivierungen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula-Region – alle genannten Areale spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle.

 

Wenn das Gehirn stimuliert wird, bauen Zellen neue Verbindungen auf und reagieren schnelle auf neue Reize

Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität im „Central Executive Network“ (zentrale exekutive Gehirnregionen, die u. a. an kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Problemlösen, Entscheidungsfindung beteiligt sind) und Default Mode Network (Ruhezustandsnetzwerk, eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim „Nichtstun“ aktiv werden) nach einem Denk- und Strategietraining (Chapman et al., 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der Anzahl von Neurotransmitter-Rezeptoren als Folge der häufigen Aktivierungen. Auf diese Weise seien die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhezustand „besser“ zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein- und Lipidsynthese in den Nervenzellen ebenfalls angetrieben werde, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen könne. Weil diese Vorgänge Energie bräuchten, stiege die Durchblutung.

 

FAZIT: Viele wissenschaftliche Studien liefern Hinweise, dass computerbasierte auditorische Trainings zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und in der Sprachverarbeitung führen. Obwohl die Ergebnisse dieser Studien ermutigend sind, ist die gewonnene Evidenz bisher aufgrund des begrenzten Stichprobenumfangs und der Designs meist ohne gut vergleichbare Kontrollgruppen für die Zukunft noch deutlich zu verbessern.

Literatur:

Anderson, S., White-Schwoch, T., Parbery-Clark, A., & Kraus, N. (2013). Reversal of age- related neural timing delays with training. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 110(11), 4357–4362. https://doi.org/10.1073/pnas.1213555110

Bless, J. J., Westerhausen, R., Kompus, K., Gudmundsen, M., & Hugdahl, K. (2014). Self- supervised, mobile-application based cognitive training of auditory attention: A behavioral and fMRI evaluation. Internet Interventions, 1(3), 102–110. https://doi.org/10.1016/j.invent.2014.06.001

Chapman, S. B., Aslan, S., Spence, J. S., Hart, J. J., Bartz, E. K., Didehbani, N., … Lu, H.(2015). Neural Mechanisms of Brain Plasticity with Complex Cognitive Training in Healthy Seniors. Cerebral Cortex, 25(2), 396–405. https://doi.org/10.1093/cercor/bht234

Filippini, R., Befi-Lopes, D. M., & Schochat, E. (2012). Efficacy of Auditory Training Using the Auditory Brainstem Response to Complex Sounds: Auditory Processing Disorder and Specific Language Impairment. Folia Phoniatrica et Logopaedica, 64(5), 217–226. https://doi.org/10.1159/000342139

Gil, D., & Iorio, M. C. M. (2010). Formal auditory training in adult hearing aid users. Clinics, 65(2), 165–174. https://doi.org/10.1590/S1807-59322010000200008

Kim, H., Chey, J., & Lee, S. (2017). Effects of multicomponent training of cognitive control on cognitive function and brain activation in older adults. Neuroscience Research, 124, 8–15. https://doi.org/10.1016/j.neures.2017.05.004

Olesen, P. J., Westerberg, H., & Klingberg, T. (2004). Increased prefrontal and parietal activity after training of working memory. Nature Neuroscience, 7(1), 75–79. https://doi.org/10.1038/nn1165

Tremblay, Shahin, A. J., Picton, T., & Ross, B. (2009). Auditory training alters the physiological detection of stimulus-specific cues in humans. Clinical Neurophysiology, 120(1), 128–135. https://doi.org/10.1016/j.clinph.2008.10.005

 

Verfasst von Dr. Alexandra Kupferberg


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Beitrag zitiert von: Thieme-Gruppe

Stuttgart, Dezember 2011 – Stürze scheinen ein fester Bestandteil des normalen Alterungsprozesses zu sein: Fast jeder dritte Mensch über 65 Jahren stürzt mindestens einmal im Jahr; bei den Bewohnern von Pflegeheimen ist es sogar mehr als jeder zweite. Die hohe Sturzneigung älterer Menschen muss jedoch nicht einfach hingenommen werden, wie Schweizer Physiotherapeuten und Bewegungswissenschaftler in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ berichten (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2011). Mit anspruchsvollen Doppelaufgaben, so genannten Dual-Tasks, könne Stürzen effektiv vorgebeugt werden.

„Der Alltag besteht aus motorischen und kognitiven Doppelaufgaben“, erläutern die Züricher Forscher um Eling Douwe de Bruin vom Institut für Bewegungswissenschaften und Sport der ETH Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Das Überqueren einer viel befahrenen Straße etwa erfordere neben der rein motorischen Aufgabe des Gehens auch eine erhöhte Aufmerksamkeit für die sich ständig verändernde Verkehrssituation. Was für junge Menschen selbstverständlich ist, stellt für Ältere eine echte Herausforderung dar. Weil Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Balance im Alter abnehmen, brauchen die Senioren ihre ganze Aufmerksamkeit für die eigene Motorik. Das Beobachten des Verkehrs tritt dabei allzu leicht in den Hintergrund.

Gegen die motorische Unsicherheit im Alter lässt sich jedoch wirkungsvoll antrainieren. „Seit einigen Jahren weiß man, dass sich bis ins hohe Alter neue Nervenzellen im Gehirn bilden können“, sagt de Bruin und verweist auf eine Studie, nach der ein dreimonatiges Jongliertraining bei Erwachsenen bestimmte Gehirnbereiche wachsen lässt. Entsprechend können auch die Gangsicherheit und das Bewältigen von motorischen Alltagsaufgaben trainiert werden.

Besonders geeignet hierfür sei ein Dual-Task-Training, so die Schweizer Wissenschaftler – unter bestimmten Voraussetzungen. Motorische und kognitive Aufgaben nacheinander zu bewältigen, führe nicht zu einer Verbesserung der körperlichen Fähigkeiten, betonen sie. Vielmehr müsse die Aufmerksamkeit gleichmäßig und gleichzeitig auf beide Aufgabenteile gerichtet werden. So verbesserte sich etwa in einer Studie die funktionelle Fitness der Probanden, nachdem sie im Semitandemstand mit geschlossenen Augen einstudierte Wörter aufgezählt hatten. Ähnlich komplex ist die Aufgabe, im Vorwärtsgehen ein Glas Wasser zu balancieren und gleichzeitig in Dreierschritten rückwärts zu zählen. Für Geübte bietet sich eine Übung an, bei der man im Einbeinstand auf einer weichen Matte balancieren, mit zwei Bällen jonglieren und dabei Flussnamen aufzählen soll – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Wichtig dabei ist, dass die Probanden nicht unterfordert werden. „Dual-Task-Training nützt den Patienten, wenn es sich an ihrer Leistungsgrenze orientiert und sie sogar leicht überschreitet“, betont de Bruin. Generell sollten die Aufgaben im Verlauf des Trainings zunächst leicht sein, dann immer schwerer werden, die Unterstützungsfläche für die Probanden immer kleiner und der Bewegungsablauf immer schneller. De Bruin und seine Kollegen plädieren dabei auch durchaus für den Einsatz neuer Computerspiele wie der Nintendo Wii oder elektronischer Tanz-Videospiele.

Welche kausalen physiologischen Zusammenhänge zwischen der Mobilität, kognitiven Funktionen und dem Sturzrisiko bestehen, sei zwar nach wie vor unklar, schreiben die Schweizer Forscher – und demnach auch, wie sich der Effekt des Dual-Task-Trainings erklären lässt. Dennoch lasse die Vielzahl positiver Studien den Schluss zu, dass Physiotherapeuten das Training bereits heute sinnvoll einsetzen können.

S. Rogan et al.: Dual-Tasking-Training mindert Sturzrisiko – Denk-Sport
physiopraxis 2011; 9 (10): S. 34-37


Fazit Dr. Kupferberg:

Dr. A. Kupferberg, Wissenschaftliche Leitung

Der Mögliche Grund für eine höhere Sturzgefahr im Alter besteht darin, dass Schwerhörige ihre Umgebung oft nicht so gut wahrnehmen. Sie benötigen mehr Gehirnleistung für das Hören als normalhörende und haben deswegen weniger Ressourcen für das Gehen und das Halten des Gleichgewichts. Aber die Hörgeräte wirken sich auch direkt auf das Gleichgewicht aus – und können dadurch das Sturzrisiko vermindern. Es scheint, dass die Personen mit Hörhilfen die akustischen Informationen des Hörgeräts zu nutzen, um sich Bezugs- und Orientierungspunkte zu schaffen, die ihnen helfen, die Balance zu halten. Die Probanden mit Hörgerätversorgung mussten versuchen, mit verbunden Augen auf einem dicken Schaumstoffpolster stehend die Balance zu halten. Das Hörgerät wurde während des Tests abwechselnd ein- und ausgeschaltet. Das Ergebnis war erstaunlich: die durchschnittliche Verweildauer auf dem „Wackelbrett“ betrug 17 Sekunden ohne Hörgerät – und 26 Sekunden mit Hörgerät. Die Stürze können also mit einfachen Präventionsmaßnahmen, wie etwa Hörgeräten und kombiniertem Hörtraining, verhindert werden. Doch eine frühzeitige Versorgung ist wichtig, weil mit der Zeit das Gehirn sich immer schlechter regenerieren kann. Je besser das Sprachverstehen vor der Intervention ist, desto schneller zeichnen sich Fortschritte ab.


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17/Feb/2020

Mit jedem Jahr nimmt die Anzahl der Kinder zu, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostiziert wird. Ein möglicher Grund für diesen Anstieg kann der ständig zunehmende schulische Druck auf Kinder sein. Sie müssen immer bessere Leistungen bringen, die Zeit im Auge behalten, sich organisieren, gelernte Prinzipien anwenden und komplexe Inhalte analysieren.

 

Was ist ADHS?

ADHS ist eine unspezifische psychiatrische Erkrankung, die eine Reihe von Symptomen umfasst, die manchmal eher vage wirken und denen verschiedene Ursachen zugrunde liegen können. Durch folgende Verhaltensweisen fällt ein Kind mit ADHS auf:

  • Vernachlässigt Details oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeiten oder anderen Aktivitäten
  • Hat Schwierigkeiten, den Fokus bei unangenehmen oder schwierigen Aufgaben oder Aktivitäten aufrechtzuerhalten
  • Scheint manchmal nicht zuzuhören, wenn man mit ihm spricht
  • Befolgt ungerne Anweisungen und hat Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu führen
  • Hat Schwierigkeiten bei der Organisation von Aufgaben und Aktivitäten
  • Vermeidet Aufgaben, die eine nachhaltige geistige Anstrengung erfordern
  • Ist leicht ablenkbar
Dr. Kupferberg erklärt das komplexe Thema in einem kurzen Video.
Dr. Kupferberg erklärt das komplexe Thema in einem kurzen Video.

Kann Hörverlust bei Kindern wie ADHS aussehen?

Eine der grössten Schwierigkeiten für Kinder mit ADHS im Bereich der schulischen Leistung beruht auf Aufmerksamkeitsproblemen: Sie haben Schwierigkeiten, sich auf die relevanten auditorischen Reize zu konzentrieren, wie zum Beispiel die Anweisungen des Lehrers, insbesondere wenn es laut im Klassenzimmer ist. Es wird geschätzt, dass etwa 75 % des Schultages für Höraktivitäten aufgewendet werden. Wenn ein Kind dem Lehrer nicht zuhören kann oder den Lehrer nicht versteht, wird es Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, aufmerksam zu sein und die Aufgaben richtig zu erledigen. Schauen wir uns einige Auswirkungen der Unaufmerksamkeit an: „Schenkt dem Detail keine besondere Aufmerksamkeit“, „Hat Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten“, „Scheint nicht zuzuhören“, „Befolgt nicht die Anweisungen“. Alle diese Verhaltensweisen können auch durch einen Hörverlust erklärt werden. Kinder mit Hörbehinderung haben es schwer, aufmerksam zu sein, da das Zuhören anstrengend ist. Das Verpassen von Gesprächsdetails kann durch die mangelnde Konzentration des Kindes verursacht werden, weil es dem Gespräch einfach nicht folgen kann. Wenn man Symptome der ADHS wie Hyperaktivität betrachtet, können das Zappeln und Nicht-ruhig-sitzen-Können daraus resultieren, dass das Kind Arbeitsanweisungen nicht versteht und sich langweilt. Und schliesslich könnte ein Kind andere unterbrechen, weil es nicht hört, dass gerade gesprochen wird.

Die Zunahme der Anzahl der ADHS-Diagnosen könnte also auch darauf beruhen, dass es Überschneidungen mit Hörverlust gibt. Schon ein leichter Hörverlust kann dazu führen, dass ein Kind bis zu 50 Prozent des Gesagten im Klassenzimmer verpasst. Eltern fällt manchmal auf, dass gerade in einer Gruppe von Kindern ein ADHS-Kind anscheinend nicht mitbekommt, was gesagt wurde.

 

Einige Indikatoren für Hörverlust, die mit denen für ADHS verwechselt werden können, sind unter anderem:

  • Schlechte schulische Leistungen
  • Unachtsamkeit
  • Keine Reaktion, wenn man angesprochen wird
  • Unangemessene Antworten auf Fragen 
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen

Diese Ähnlichkeit könnte dazu führen, dass beide Erkrankungen miteinander verwechselt werden. Es gibt Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wird, obwohl nie ein ausführlicher Hörtest durchgeführt wurde. Oder ein Kind hat tatsächlich ADHS, seine Symptome sind aber zum grossen Teil auf den Hörverlust zurückzuführen. Insbesondere wenn der Arzt wenig Erfahrung mit den Auswirkungen von Hörverlust auf das Verhalten von Kindern hat, ist Letzteres vorstellbar. Die Durchführung von mehrstufigen Anweisungen und die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit während mündlicher Präsentationen können für Kinder mit ADHS oder mit unentdecktem Hörverlust gleichermassen problematisch sein.

In einigen Fällen kann ein Kind von beiden Erkrankungen betroffen sein, aber es ist wichtig, den Grund für die schlechte Schulleistung oder Unachtsamkeit eines Kindes genau zu bestimmen, um eine Fehldiagnose von ADHS und eine unnötige medikamentöse Therapie zu vermeiden.

 

Eine Schwerhörigkeit und das Aufmerksamkeitsdefizit sind nur schwer voneinander zu unterscheiden
Eine Schwerhörigkeit und das Aufmerksamkeitsdefizit sind nur schwer voneinander zu unterscheiden

Diagnose ist der Schlüssel zum Erfolg

Eine genaue Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist der Schlüssel zur Verbesserung der schulischen Leistungen eines Kindes, gefolgt von einer angemessenen Intervention und Behandlung. Bei Kindern mit Hörverlust und ADHS wird der Hörverlust tendenziell zuerst diagnostiziert, dank obligatorischer Hörscreening-Programme für Neugeborene und beobachtbarer Verhaltensweisen, die aufmerksamen Eltern schnell auffallen. Die Prüfung auf Hörverlust und ADHS laufen sehr unterschiedlich ab, und Hörverlust ist viel einfacher zu diagnostizieren und zu quantifizieren als ADHS, wofür eine Beobachtung von Verhaltens- und psychologischen Symptomen und die Beantwortung von vielen Fragebögen notwendig ist.

Es gibt also viele Ähnlichkeiten zwischen ADHS und Hörverlust, aber auch einige wichtige Unterschiede. Beispielsweise können einige Kinder mit Hörverlust Verzögerungen bei der Entwicklung der Sprache haben. Sofern sie keine Früherkennung, Intervention und Behandlung in Form von Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten sowie eine Sprachtherapie erhalten haben, hinken sie in diesem Bereich oft Gleichaltrigen hinterher. Im Gegensatz dazu haben Kinder mit ADHS im Allgemeinen eine normale Sprachentwicklung auf Augenhöhe mit ihren Altersgenossen. Ein anderer wichtiger Unterschied zwischen ADHS und Hörproblemen besteht darin, dass bei ADHS zwar das Gesagte gehört, nicht aber umgesetzt wird.

 

Was können Eltern tun?

In Fällen, in denen bereits ein Hörverlust diagnostiziert wurde, ist es wichtig, die Wirksamkeit von Programmen zur Intervention, wie z. B. Hörgeräteversorgung, zu beachten. Wenn Sie glauben, dass Ihr Kind Anzeichen von Hörverlust aufweist, kontaktieren Sie einen Ohrenarzt oder einen Akustiker so bald wie möglich. Beide werden umgehend ein Hörscreening durchzuführen, um festzustellen, ob ein Hörverlust vorliegt, wie stark er ist und welche Ursache dem zugrunde liegen kann. Hörverlust kann erfolgreich mit Hörgeräten und kognitiver Hörtherapie behandelt werden. Ausserdem könnten die Kinder im Klassenzimmer auf eine Weise untergebracht werden, dass sie nicht so viel Hintergrundlärm ausgesetzt werden. Zusätzlich könnten sie von den Lehrern schriftliche Arbeitsanweisungen bekommen.

 

Kann ein kognitives auditorisches Training helfen?

Was kann man tun, wenn man feststellt, dass das Kind trotz gesunder Ohren Probleme mit dem Hören und Verstehen hat? Einige Studien haben gezeigt, dass bei Schwerhörigkeit und auch bei ADHS kognitives Training eingesetzt werden kann, um schulische Leistungen bei Kindern zu verbessern. Durch bestimmte Übungen werden spezifische Fähigkeiten wie Arbeitsgedächtnis oder Verarbeitungsgeschwindigkeit trainiert. Das Training basiert auf der Idee der „Neuroplastizität“, einer relativ jungen Theorie, die davon ausgeht, dass das Gehirn formbar ist und durch Erfahrung in jedem Alter verändert werden kann.

Leider gibt es nicht ausreichend sorgfältig durchgeführte Studien zu Auswirkungen von kognitivem Training auf ADHS, um eine definitive Aussage über die Effektivität zu ermöglichen. Daher ist es notwendig, die Wirksamkeit von Trainings gezielter in randomisierten kontrollierten Studien zu untersuchen. Der Gehirntrainingsansatz der Koj-Gehörtherapie lässt auf vielversprechende Studienergebnisse hoffen, aber diese Art von Training verspricht keine schnelle Lösung; es dauert Wochen bis Monate, bis man die ersten Ergebnisse sehen kann. Deswegen ist bei Kindern mit stark ausgeprägten Symptomen ein ergänzender Behandlungsplan sinnvoll und oft notwendig. Es ist auch denkbar, dass einige Kinder ein Gehirntraining ablehnen, weil grossen Anstrengungen und Zeitaufwand verzögerte Erfolge gegenüberstehen. Daher ist es wichtig, sorgfältig zu evaluieren, welche Auswirkungen die Behandlung hat. Das systematische Feedback von Kindern selbst und auch von Eltern und Lehrern zu den betreffenden ADHS-Symptomen und zu anderen Aspekten des Verhaltens eines Kindes ist unerlässlich, um eine fundierte Entscheidung über den Wert einer Behandlung zu treffen.


Fazit:

Die Verarbeitung des Gehirns ist ein sehr komplexer Prozess und Defizite können sich vielfältig zeigen und meist treten die Konsequenzen im Alltag schleichend und langsam in den Vordergrund, was weitere Veränderungen bedingen kann. Es wundert daher nicht, dass der enge Zusammenhang von Hörminderung und kognitivem Abbau bis hin zur Demenz von Experten unbestritten ist.

In einem Punkt sind sich Alle einig: Das Gehör sollte regelmässig geprüft werden, damit alle Optionen offen bleiben.

 

LINK: KOJ.training/Newsletter/NOV2019


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Geschrieben von: Patrick Krauss und Holger Schulze

Wie der Phantomton bei Tinnitus entsteht, ist noch unklar. Ein neues Modell bietet nun eine schlüssige Erklärung – und weist neue Behandlungswege.

Um Sie herum ist es still, doch plötzlich hören Sie etwas: ein leises Pfeifen. Der unangenehme Ton scheint von keiner Geräuschquelle in Ihrer Nähe auszugehen. Noch während Sie sich über seine Ursache wundern, röhrt ein Moped vorbei, und das Pfeifen ist, wenige Sekunden nachdem es begonnen hat, schon wieder verschwunden. Solche kurz andauernden akustischen Phantomwahrnehmungen hat wohl jeder schon einmal erlebt. Sie sind vollkommen normal, und üblicherweise schenken wir ihnen keine größere Beachtung. In manchen Fällen, etwa nach einem lauten Konzert, kann das Pfeifen jedoch bestehen bleiben und im Lauf der Zeit mitunter noch stärker werden – ein chronischer  Tinnitus entsteht.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz leidet rund jeder Siebte zumindest einmal im Leben unter den lang andauernden Phantomgeräuschen. Viele Betroffene entwickeln daraufhin Schlaf- und Konzentrationsprobleme, manche erkranken sogar an Depressionen. Eine Therapie, die an der Wurzel des Phänomens ansetzt, gibt es derzeit nicht. Die meisten Behandlungen zielen darauf ab, dass Patienten lernen, mit dem Tinnitus zu leben.

Um der Störung gezielt entgegenzuwirken, müssen wir erst mehr über ihre Ursachen herausfinden. Die neurophysiologischen Mechanismen, die Tinnitus bedingen, sind nur unzureichend erforscht. Unser Team arbeitet daran, das zu ändern. Unlängst ist es uns gelungen, ein Modell zu entwerfen, das die Entstehung der Phantomwahrnehmungen in ein neues Licht rückt – und darüber hinaus therapeutische Wege eröffnen könnte. Wir gehen davon aus, dass Tinnitus, egal ob vorübergehend oder chronisch, kein rein krankhaftes Phänomen darstellt. Das Pfeifen ist vielmehr ein Nebeneffekt eines Mechanismus, der die Hörfähigkeit verbessern soll.

Bereits seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Tinnitus oft mit Schwerhörigkeit einhergeht. Ein durch dauerhaftes Tragen von Ohrstöpseln simulierter Hörschaden lässt selbst viele gesunde Probanden vorübergehend Phantomtöne hören. Sobald sie die Ohrstöpsel entfernen, verschwindet dieser künstlich erzeugte Tinnitus. Ähnlich ergeht es Patienten mit Hörgerät oder Cochleaimplantat. Ist das Gerät an, verstummt ihr Tinnitus manchmal komplett. Wird die Prothese nachts zum Laden der Batterie ausgeschaltet, kommt der unangenehme Ton aber häufig zurück, um nur wenige Sekunden nach dem Wiedereinschalten erneut zu verebben.

Forscher nutzen dieses Wissen, um Tinnitus bei Versuchstieren auszulösen und zu untersuchen. Dazu setzen sie Nagetiere unter Narkose einem Schalltrauma aus. Das schädigt das Gehör und lässt bei vielen der Tiere Verhaltensanzeichen von Tinnitus entstehen. Ein Forscherteam um den Neurophysiologen M. Charles Liberman von der Harvard Medical School zeigte 2009, dass bereits ein mildes Schalltrauma akustische Sensoren im Innenohr beeinträchtigt. Es zerstört nämlich jene Synapsen, die geräuschempfindliche Haarzellen mit den Nervenzellen des Hörnervs verbinden. Auch im Lauf natürlicher Alterungsprozesse gehen diese Verknüpfungen zusehends verloren.

Die Gruppe um Liberman belegte, dass der gleiche Prozess den »versteckten Hörverlust« bedingt. Davon betroffene Personen schneiden zwar im klassischen Reinton-Hörtest nicht schlechter ab als gut hörende Menschen. Ihr Sprachverständnis ist aber in Umgebungen mit vielen Nebengeräuschen, etwa auf einer Party, bereits stark beeinträchtigt. Die übrig gebliebenen, intakten Synapsen reichen noch aus, um einfache akustische Signale ins Gehirn zu übertragen; ihre Hörschwellen bleiben deshalb unauffällig. Komplexere Informationsmuster – wie die Stimme einer Person in einem Durcheinander von dutzenden – kann das Gehirn jedoch nur zuverlässig entschlüsseln, wenn ein Großteil der Synapsen intakt ist. Hier haben Menschen mit verstecktem Hörverlust Probleme. Bei ihnen tritt zudem gehäuft Tinnitus auf: Der Biophysiker Roland Schaette vom University College London zeigte 2011 mit einer Computersimulation, dass versteckter Hörverlust allein bereits ausreicht, um das Dauerfiepen auszulösen – die beiden gehen also oft Hand in Hand.

Daneben zeichnet sich Tinnitus durch einen weiteren Faktor aus: Bei Betroffenen sind Nervenzellen an nahezu allen Stationen der Hörbahn aktiver als bei Personen ohne Tinnitus. Ihre Neurone feuern öfter spontan und reagieren empfindlicher auf äußere Reize. Jedes Modell, das erklären will, wie Tinnitus entsteht, sollte deshalb berücksichtigen, wie Phantomton, Schwerhörigkeit und erhöhte Nervenzellaktivität zusammenhängen.

Ein klassischer Erklärungsansatz dafür ist das Modell der lateralen Inhibition. Es basiert auf der Tatsache, dass benachbarte Nervenzellen sich gegenseitig hemmen können. Dabei unterdrückt ein Neuron die umliegenden umso mehr, je aktiver es selbst wird; das erhöht den Kontrast im Signal, weil es den Reiz besser vom Hintergrundrauschen abhebt. In den sensorischen Systemen im Gehirn – jenen Schaltkreisen, die Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tastgefühl vermitteln – verarbeiten nah beieinanderliegende Neurone oft vergleichbare Reize. Zum Beispiel reagieren benachbarte Haarzellen im Innenohr auf ähnliche Frequenzen.

Demzufolge entsteht Tinnitus, weil Töne in einem bestimmten Frequenzbereich nicht mehr verarbeitet werden, etwa auf Grund eines Hörschadens. Jene Zellen, die Geräusche in diesem Spektrum abdecken, hemmen ihre Nachbarn dann weniger. Indirekt aktiviert das Neurone, die angrenzende Frequenzen wahrnehmen. Dieses Phänomen wird als Disinhibition bezeichnet und bedingt in dem Modell die bei Tinnitus beobachtete neuronale Überaktivität. An jeder Station entlang der Hörbahn wird das Signal weiter verstärkt. Bringt es Neurone im auditorischen Kortex zum Feuern, nehmen Betroffene die Aktivität als Phantomton wahr.

Das Modell liefert zwar eine Erklärung dafür, wie innerhalb von Minuten oder gar Sekunden ein vermeintliches Pfeifen entstehen kann. Träfe es zu, sollten Betroffene aber zwei verschiedene Tinnitustöne gleichzeitig hören – einen, der in der Tonhöhe über, und einen, der unter dem vom Hörschaden betroffenen Frequenzbereich liegt. Praktisch alle Erkenntnisse in der Tinnitusforschung widersprechen dieser Vorhersage.

Mangelhafte Modelle

Ein zweites gängiges Modell erklärt Tinnitus mit homöostatischer Plastizität. Laut der zentralen Hypothese versucht das Gehirn einen Hörverlust über einen adaptiven Mechanismus auszugleichen. Gelangen über längere Zeit weniger Reize ins Hörsystem, passen sich die Neurone daran an, indem sie ihre Erregbarkeitsschwelle senken, so dass die durchschnittliche Aktivität in der Hörbahn etwa gleich hoch ist wie vor dem Hörverlust. Als Nebeneffekt werden die Zellen anfälliger für erhöhte Spontanaktivität, die dann – so die Hypothese – als Tinnitus wahrgenommen wird. Weil ein solcher Anpassungsprozess Stunden bis Tage dauert, kann dieses Modell aber nicht erklären, wie ein Tinnitus unmittelbar nach dem Besuch eines Rockkonzerts entsteht. Beide Modelle bilden die tatsächliche Situation also nur unvollständig ab und machen zudem falsche Vorhersagen.

Als wir 2014 in Berlin an einer Konferenz zum Thema Tinnitus teilnahmen, kam eine Frage wiederholt auf: Wie kommt es zu der beobachteten erhöhten Nervenzellaktivität? Schließlich dringen nach einem Hörschaden weniger Signale ins Hörsystem. Die Neurone der Hörbahn reagieren darauf paradoxerweise mit stärkerem Feuern. Das zu der Zeit bereits bekannte Erklärungsmodell der homöostatischen Plastizität ließ offen, woher das Hörsystem wissen sollte, wie sehr es Signale verstärken muss, damit diese das »gewünschte« Aktivitätslevel erreichen. Wie war Letzteres überhaupt definiert? Niemand hatte eine plausible Antwort.

Einem von uns (Krauss) kam während einer Kaffeepause der entscheidende Geistesblitz. Was, wenn ein weiterer Mechanismus – die stochastische Resonanz – beteiligt war? Sie macht ein Signal, das für dessen Sensor zu schwach ist, durch Hinzufügen von Rauschen messbar (siehe »Wie stochastische Resonanz funktioniert«). Ist die Summe aus Signal plus Rauschen groß genug, erkennt der Sensor das Signal. Das »Rauschen« ist bei Neuronennetzen eine beliebige Nervenaktivität. Sie trägt entweder keine Information oder eine, die vom zu messenden Signal unabhängig ist. Für ein solches Rauschen gibt es eine optimale Intensität. Denn: Ist es zu gering, erreicht ein schwaches Signal nur unzuverlässig die Detektionsschwelle; ist es zu groß, versinkt das Signal darin, und die Information geht auch verloren.

Noch bevor die Kaffeepause zu Ende war, hatten wir die Idee im Groben ausgearbeitet: Das Hörsystem könnte prinzipiell stochastische Resonanz nutzen und den Pegel des Rauschens mit einem gesonderten Regelkreis steuern. Der würde die Informationsübertragung von der Hörschnecke ins Gehirn überwachen und bei Bedarf die Stärke des Rauschens anpassen. Kämen also über die Haarzellen weniger Signale in das Hörsystem, etwa nach einer Schädigung des Innenohrs, würde der von uns postulierte Regelkreis dem akustischen Signal mehr »inneres« Rauschen beimischen. Die stochastische Resonanz würde das Signal verstärken und den Hörverlust so teilweise kompensieren. Das beigemischte Rauschen führt demzufolge zur neuronalen Überaktivität, die letztlich als Tinnitus wahrgenommen wird. In wenigen Minuten hatten wir einen neuen Erklärungsansatz für die Störung skizziert. Er erklärt das Pfeifen nicht mehr allein als krankhafte Fehlanpassung des Gehörs. Vielmehr wäre es der Nebeneffekt eines Mechanismus, der dem Hörschaden entgegenwirkt und die Hörleistung zu verbessern versucht.

Bevor wir unser Modell in einer Fachzeitschrift veröffentlichen konnten, mussten wir einige entscheidende Fragen klären. Darunter: Kann der Regelkreis überhaupt zumindest im Prinzip funktionieren? Falls ja, wo und wie ist er im Hörsystem realisiert? Welche Vorhersagen ergeben sich aus unserem Modell? Und halten sie einer Überprüfung stand?

Test mit Hindernissen

Um unsere theoretischen Überlegungen zu testen, simulierten wir das Modell zuerst am Computer. Dabei stießen wir schnell auf ein grundsätzliches Problem: Der Regelkreis müsste die Stärke des Rauschens ständig an die aktuelle Geräuschkulisse anpassen, um die Informationsübertragung von der Hörschnecke ins Gehirn zu optimieren. Doch wie bestimmt er den Informationsgehalt eines unbekannten, sich ständig verändernden Signals? Gemeinsam mit Claus Metzner, Biophysiker an der Universität Erlangen-Nürnberg, fanden wir eine mögliche Lösung. Eine bestimmte statistische Eigenschaft des gemessenen Signals, die Autokorrelation, ist umso stärker ausgeprägt, je mehr Informationsgehalt das Signal trägt. Diese Eigenschaft kann in speziellen neuronalen Netzen leicht erkannt werden. Somit war das Hörsystem zumindest theoretisch in der Lage, die notwendigen Informationen zu sammeln. Unklar blieb, wo genau im Hörsystem das passierte und welche Struktur das Rauschen einspeisen könnte.

Wir durchsuchten die Literatur nach möglichen Kandidaten und wurden schnell fündig: Der dorsale cochleare Nukleus (DCN), was so viel bedeutet wie »hinterer Hörschneckenkern«, schien der optimale Kandidat für diese Aufgabe. Zusammen mit dem vorderen Hörschneckenkern bildet er die erste Station im Hörsystem. Wie andere Etappen der Hörbahn ist auch der DCN so organisiert, dass ähnliche Tonhöhen in räumlich benachbarten Zellen verarbeitet werden.

Bereits zwischen 1998 und 2004 veröffentlichte James Kaltenbach, damals an der Wayne State University, mehrere Fachartikel, die den DCN als ersten Ort in der Hörbahn identifizierten, der bei Tinnitus überaktiv ist. Der Neurobiologe entdeckte, dass nur bestimmte Teile des DCN betroffen waren. Diese verarbeiten genau die Frequenzbereiche, die das Schalltrauma in Mitleidenschaft gezogen hat. Die spontane Aktivität der Neurone zeigte starke Ähnlichkeit zu der, die durch einen äußeren Ton hervorgerufen wird. Zudem fand Kaltenbach heraus, dass die Tonhöhe des Tinnitus sich mit der Frequenz deckt, die die überaktiven Zellen im DCN verarbeiten. Der Phantomton wird als umso lauter wahrgenommen, je aktiver diese Neurone sind.

Wenn die stochastische Resonanz hier stattfindet, braucht der DCN eine Quelle für das Rauschen. Als Kandidat boten sich Neurone aus dem somatosensorischen System an, die ebenfalls mit dem Nervenkern verknüpft sind. Sie vermitteln Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung, etwa Berührungs- und Tastempfindungen, aber auch Informationen zu Muskeldehnung und Gelenkstellung. Bisher war unklar, welchen Zweck die Verbindung von somatosensorischen Neuronen zum DCN erfüllen könnte. Uns erscheint plausibel, dass ihre Signale dem Hörsystem als Rauschen dienen. Die ständige Aktivität im somatosensorischen System erzeugt nämlich einen kontinuierlichen Strom von Nervenimpulsen, der praktisch völlig unabhängig von den Signalen aus der Hörschnecke ist.

Der Neurophysiologe David Ryugo, der damals an der Johns Hopkins University School of Medicine forschte, fand 2003 heraus, dass die somatosensorischen Nervenbahnen in den DCN von den dort ansässigen Nervenzellen in der Regel stark gehemmt werden. Für unsere Regelkreis-Hypothese erscheint das sinnvoll: Im Fall eines zu schwachen akustischen Eingangs würden sie enthemmt. Genau das hat die Audiologin Susan E. Shore von der University of Michigan in Ann Arbor im DCN von Meerschweinchen beobachtet. Darüber hinaus entdeckte David Ryugo in dem Nervenkern einen speziellen Neuronentyp, bei dem jeweils mehrere Fasern aus der Hörschnecke und dem somatosensorischen System zusammenlaufen. Unserer Ansicht nach findet in diesen Zellen die stochastische Resonanz statt.

Dass das Hörsystem und das somatosensorische System über den DCN miteinander verbunden sind, hat einige erstaunliche Konsequenzen. Beispielsweise lässt sich die Tinnituswahrnehmung allein durch ein Zähnezusammenbeißen verstärken. Eine Erklärung dafür ist mit unserem Modell recht schnell gefunden. Der Druck auf die Zähne und das Zahnfleisch erhöht die somatosensorische Aktivität und erzeugt so mehr Rauschen im auditiven System. Manche Patienten berichten, dass ihr Tinnitus scheinbar von chronischen Verspannungen – vor allem im Bereich der Kiefer-, Nacken- und Schultermuskulatur abhängt. Ihnen hilft eine geeignete Physiotherapie am besten dabei, die Beschwerden zu lindern oder ganz loszuwerden.

Den wohl merkwürdigsten Effekt, der sich aus unserem Modell ableiten lässt, beschrieb kürzlich der Physiologe Juan Huang. Er und seine Gruppe von der Johns Hopkins University in Baltimore testeten 2017 die Hörschwellen von Personen, die ein Cochleaimplantat erhalten hatten. Als die Forscher die Fingerkuppen der Probanden elektrisch reizten, stellten sie fest: Den Patienten fiel es nun leichter, Gesprochenes zu verstehen!

Unser Modell begreift Tinnitus als Nebeneffekt eines Mechanismus, der Hörschwellen verbessert. Zusammen mit unserem Kollegen Ulrich Hoppe von der HNO-Klinik Erlangen überprüften wir diese Vorhersage. Mit Daten von fast 40 000 hörgeschädigten Patienten belegten wir, dass Menschen mit Tinnitus tatsächlich im sprachrelevanten Frequenzbereich niedrigere Hörschwellen als jene ohne Tinnitus hatten. Der Unterschied betrug im Mittel etwa sechs Dezibel.

Schon 1996 hatte Lutz Wiegrebe von der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Beobachtung gemacht, die unsere These stützt. Er untersuchte, wie die »Zwickerton«-Illusion das Hörvermögen gesunder Probanden beeinflusste. Um diesen Phantomton zu erzeugen, lässt man Probanden für etwa eine Minute einem akustischen Rauschen lauschen, dem bestimmte Frequenzen fehlen. Unmittelbar danach nehmen die meisten Menschen für einige Sekunden ein leises Pfeifen wahr, dessen Tonhöhe in der Mitte des »stummen« Bereichs liegt. Wiegrebe zeigte, dass während der Wahrnehmung eines Zwickertons die Hörschwellen für Geräusche mit ähnlicher Frequenz wie der des Zwickertons um bis zu 13 Dezibel verbessert sind. Unser Modell erklärt das so: Das Hörsystem bemerkt das Fehlen eines Frequenzbereichs, woraufhin es das interne Rauschen in diesem Bereich erhöht. Der Betroffene nimmt das als Zwickerton wahr. Zudem reagiert sein Gehör durch das verstärkte innere Rauschen empfindlicher auf Geräusche im entsprechenden Frequenzbereich.

Heilsames Rauschen

Vielleicht tröstet Tinnituspatienten der Gedanke, dass ihr Leiden nicht nur negative Aspekte besitzt. Darüber hinaus weist unser Modell auch den Weg zu möglichen neuen Behandlungsstrategien. Bereits im Jahr 2000 fand ein Forscherteam um den Ingenieur Fan-Gang Zeng von der University of California in Irvine heraus, dass sich die Hörschwellen von normal hörenden Probanden verbessern lassen, wenn diese akustischem Rauschen ausgesetzt werden. Stimmt unser Modell, könnte ein derartiges »äußerliches« Rauschen unter Umständen das innere ersetzen und damit dem Tinnitus entgegenwirken. In der Tat belegten Tierstudien der Gruppe um den Neurobiologen Karl Kandler von der University of Pittsburgh in Pennsylvania kürzlich genau das. Die Forscher beschallten eine Gruppe von Mäusen unmittelbar nach deren Schalltrauma sieben Tage lang mit akustischem Rauschen bei Zimmerlautstärke. Lediglich zwölf Prozent der so behandelten Nager entwickelten Tinnitus. Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe waren es rund viermal mehr Tiere, also knapp 50 Prozent. Wir testen einen ähnlichen Ansatz gerade an menschlichen Patienten und warten nun auf erste Resultate.

Bis wir diese ausgewertet haben, können Sie selbst ein kleines Experiment machen: Wenn Sie in einer ruhigen Minute plötzlich ein leises Pfeifen hören, beißen Sie doch einmal fest Ihre Zähne zusammen. Achten Sie darauf, wie der Ton daraufhin lauter wird!

 


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Dieser Beitrag wurde zitiert von: Unfallforscher der Versicherer

Die Vorteile beim Training am Computer sind, dass das Computerprogramm dem Übenden unmittelbar Rückmeldung zu seiner Leistung gibt und dass das Training bei Bedarf an die Fähigkeiten des Übenden angepasst werden kann. Diese Trainings gibt es nicht nur PCs, sondern auch für einige Spielkonsolen, oder auf kostenpflichtigen oder aber kostenlos nutzbaren Internetseiten. Nicht alle Trainings sind gleich gut, und nicht alle Übungen in den Programmen sind gleich sinnvoll oder motivierend.

Qualitätsmerkmale bei PC-basierten Übungen sind zum Beispiel eine an den Nutzer angepasste Schwierigkeit, d. h. es wird Schulbildung, Alter usw. abgefragt, und das Programm gibt später Rückmeldung zur Leistung verglichen mit der zugehörigen Leistungsgruppe. So kann der Übende seine Leistung im Verhältnis zu seiner Leistungsgruppe beurteilen, denn es macht wenig Sinn, wenn ein Hochschulprofessor seine Leistungen mit denen eines ungelernten Arbeiters vergleicht.

Ein weiteres Merkmal guter Übungen ist häufige Rückmeldung der Leistung. Dies kann durch ein bestätigendes Feedback bei einer korrekten Reaktion oder Aufgabenlösung erfolgen, oder erst nach der Bearbeitung eines Blocks von Reaktionen oder einer längeren Aufgabe. Ein wie auch immer geartetes Feedback ist ein ungemein wichtiger Faktor zur Erhöhung der Motivation.

Weiterhin ist es oft vorteilhaft, wenn die Schwierigkeit einer Übung fortlaufend an die aktuelle Leistung des Übenden angepasst wird: Bei Fortschritten werden die Übungen schwieriger, bei Rückschritten einfacher. Manche Nutzer mögen diese Anpassung nicht, so dass es für sie vorteilhaft ist, wenn die Schwierigkeit selbst und individuell eingestellt werden kann. Insofern hängt die Güte einer kognitiven Übung auch von individuellen Vorlieben ab, d. h. jeder muss selbst beurteilen, ob ihm die spezifische Struktur eines kognitiven Trainingsprogramms liegt oder nicht.

Ein gutes Programm muss motivierend sein, was nicht unbedingt bedeutet, dass es Spielcharakter haben muss. Übungen mit zu hohem Spaßfaktor können auch dazu führen, dass man zu lange bei ihnen verweilt und andere Übungen vernachlässigt. Motivierend ist eine Übung durch Arbeiten in der Optimalzone, d. h. der Schwierigkeitsgrad ist nicht zu hoch und nicht zu niedrig, ein Ziel wird festgelegt und Rückmeldung gegeben. Beim Sudoku z. B. ist das Ziel das komplette Füllen des Sudokus, d. h. das Annähern an das Ziel erhöht die Motivation.


 

Dr. A. Kupferberg, Wissenschaftliche Leitung

Fazit Dr. Kupferberg: Technologiegestütztes Lernen bietet bereits seit einigen Jahren in vielen Bereichen grosse Vorteile für den Lernenden: Durch die Digitalisierungen ist der Lernprozess exakter planbar, feedbackorientiert, adaptiv und vor allem individuell durchführbar. Die modernen computerbasierten Trainings für besseres Sprachverstehen nutzen immer mehr die Prinzipien des digitalen Lernens in den Bereichen der Akustik und Neurowissenschaften. Hörgeschädigte Patienten erhalten dadurch die Möglichkeit, die Verarbeitung und Interpretation der stark veränderten und subjektiv verfremdeten Sinneseindrücke bei einer Hörgeräteversorgung gezielt zu trainieren. Das bessere Sprachverstehen wirkt sich nicht nur auf die sprachrelevanten Fähigkeiten aus, sondern hat gleichermaßen einen Einfluss auf das Selbstwertgefühl sowie auf die täglichen Aktivitäten und das soziale Leben der Patienten.


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Beitrag zitiert von Aponet.de

 

Wer seine Schwerhörigkeit ignoriert, hat laut einer neuen Studie der Universität Michigan in den USA ein höheres Risiko, in den nächsten drei Jahren zu stürzen oder an Demenz, Depression oder einer Angststörung zu erkranken.

In der Studie zeigte sich auch, dass selbst unter den krankenversicherten Studienteilnehmern mit diagnostiziertem Hörverlust nur zwölf Prozent tatsächlich ein Hörgerät bekamen, Männer (13,3 Prozent) etwas häufiger als Frauen (11,3 Prozent). Bei der Betrachtung der folgenden drei Jahre nach der Diagnose “Hörverlust”, fanden die Forscher klare gesundheitliche Unterschiede zwischen denjenigen, die ein Hörgerät benutzten und denjenigen, die ihre Schwerhörigkeit nicht behandeln ließen: Das Risiko, innerhalb dieser Zeit an Demenz oder der Alzheimer-Krankheit zu erkranken, war bei Hörgeräteträgern 18 Prozent niedriger. Das Risiko für Depressionen oder Angstzustände war um elf Prozent reduziert und das für behandlungsbedürftige sturzbedingte Verletzungen war 13 Prozent niedriger.

Die Gründe hierfür könnten im Verlust von sozialen Interaktionen, der Unabhängigkeit, des Gleichgewichts und einer geringeren Stimulation des Gehirns liegen. Einige Forscher glauben, dass fehlende Signale vom Ohr an das Gehirn und der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit miteinander zusammenhängen und Teil desselben Alterungsprozesses sein könnten.

Die Ergebnisse stammen aus einer Auswertung von Versicherungsdaten von fast 115.000 Personen ab 66 Jahren aus den Jahren 2008 und 2016. Dr. Elham Mahmoudi, Gesundheitsökonomin in der Abteilung für Familienmedizin der Universität Michigan, sagte: “Obwohl nicht behauptet werden kann, dass Hörgeräte diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen komplett verhindern, könnte bereits eine Verzögerung des Ausbruchs von Demenz, Depression und Angstzuständen sowie das Risiko schwerer Stürze für den Patienten sehr bedeutsam sein.


 

Dr. A. Kupferberg, Wissenschaftliche Leitung

Fazit Dr. Kupferberg: Stürze bei älteren Menschen gehören zu den häufigsten Unfällen in Deutschland. Jeder dritte über 60-Jährigen noch selbständig lebenden Senioren stürzt einmal im Jahr und in der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen sind es mehr als die Hälfte. Gerade im hohen Alter koennen die Folgen von Stürzen schwer sein: jedes Jahr kommt es zu 250.000 Knochenbrüchen. Stürze können mit einfachen Präventionsmaßnahmen, wie etwa Hörgeräten und kombiniertem Hörtraining, verhindert werden. Doch eine frühzeitige Versorgung ist wichtig, weil mit der Zeit das Gehirn sich immer schlechter regenerieren kann. Je besser das Sprachverstehen vor der Intervention ist, desto schneller zeichnen sich Fortschritte ab.


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17/Feb/2020

Dr. Aleksandra Kupferberg – Veröffentlicht als Newsletter 07.2019

In den letzten Jahren haben mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer gezeigt, aber es war unklar, ob Hörverlust ein Symptom der Krankheit oder eine der Ursachen ist. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die ein Hörgerät für altersbedingte Hörprobleme tragen, im Laufe der Zeit eine bessere Gehirnfunktion haben als Menschen, die dies nicht tun.

Anne Corbet, PhD, bei der Vorstellung ihrer Studie in Los Angeles. ÜBER IHRE ARBEIT: Die Studie mit dem Titel PROTECT baut auf den jüngsten Erkenntnissen der „Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care“ auf, die darauf hindeuteten, dass Hörverlust ein wichtiger Risikofaktor für Demenz ist. Die Studie wurde von der University of Exeter und dem King’s College London durchgeführt und auf der Alzheimer’s Association International Conference in Los Angeles (14. bis 18. Juli 2019) vorgestellt. Das Poster trägt den Titel „Die Verwendung von Hörgeräten bei älteren Erwachsenen mit Hörverlust ist mit einer verbesserten kognitiven Trajektorie verbunden“.

 

 

Hörgeräte verbessern das Arbeitsgedächtnis

Nach neuesten Erkenntnissen aus einer Studie, an denen 25.000 Menschen im Alter von 50 Jahren und älter beteiligt waren, kann ein Hörgerät das Gehirn schützen und das Demenzrisiko reduzieren. Die Studie umfasste jährliche kognitive Tests über zwei Jahre lang in einer Gruppe von Menschen, die Hörgeräte trug, und einer anderen Gruppe, die dies nicht tat. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, dass das Tragen eines Hörgeräts dazu beitragen kann, das Gehirn zu schützen und das Risiko einer Demenz zu verringern. Die Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die ein Hörgerät für altersbedingte Hörprobleme tragen, ein besseres Kurzzeitgedächtnis haben und sich besser konzentrieren können als diejenigen, die es nicht tun. Nach zwei Jahren des Tragens eines Hörgeräts entsprach die Konzentrationsfähigkeit einer acht Jahre jüngeren Person, so die Untersuchung.

Hörgeräteträger haben weniger Konzentrationsprobleme

Die Probanden mit Hörgeräten hatten schnellere Reaktionszeiten bei bestimmten Aufgaben – im Alltag ist dies ein Spiegelbild der Konzentration –, z. B. „Anstrengung, ein Geräusch zu hören“, „aufmerksamer Blick auf ein interessantes Objekt“, „aufmerksames Zuhören einer Person“. Die Verringerung der Konzentration bei Menschen ohne Hörgeräte ist ein Schlüsselfaktor für den breiteren kognitiven Rückgang, den Menschen mit Demenz erleben. Es ist noch nicht klar, warum Hörgeräte diesen positiven Effekt haben, allerdings meinten die Forscher, dass es daran liegen könnte, dass ein verbessertes Hören einer Person hilft, mehr an ihrer Umgebung teilzunehmen, sodass sie sich besser fühlt und das Gehirn stimuliert. „Hörverlust trägt zur sozialen Isolation und Depression bei, die Risikofaktoren für Demenz sind“, äusserte sich Professor Clive Ballard von der University of Exeter.

Hörgeräte wirken protektiv auf mentale Gesundheit

PROTECT-Leiterin Dr. Anne Corbett von der Universität Exeter betonte ausserdem: „Unsere Arbeit ist eine der grössten Studien, in der Auswirkungen des Tragens eines Hörgeräts untersucht wurden. Sie legt nahe, dass Hörgeräte das Gehirn tatsächlich schützen könnten. Wir brauchen jetzt mehr Forschung und eine randomisierte klinische Studie, um dies zu testen und vielleicht politische Massnahmen einzuführen, um die Gesundheit der Menschen im späteren Leben zu erhalten.“

Professor Clive Ballard von der University of Exeter Medical School führte aus: „Wir wissen, dass wir das Demenzrisiko um ein Drittel senken könnten, wenn wir alle ab der Mitte des Lebens handeln würden. Diese Forschung ist Teil einer wesentlichen Arbeit, um herauszufinden, was wirklich funktioniert, um unser Gehirn gesund zu halten. Dies ist eine frühe Erkenntnis und bedarf weiterer Untersuchungen, sie hat aber ein spannendes Potenzial. Die Botschaft hier ist die folgende: ‚Wenn Ihnen mitgeteilt wird, dass Sie ein Hörgerät benötigen, finden Sie eines, mit dem Sie zufrieden sind. Zumindest wird es Ihr Gehör verbessern und es könnte helfen, Ihr Gehirn auf Trab zu halten.‘“ (Quelle)

Hörtraining wirkt entscheidend

Im Alter kommt es häufig vor, dass das Sprachverständnis in lauter Umgebung nachlässt, selbst wenn der Hörverlust durch Schädigung der Haarzellen im Ohr geringfügig ist. Diese Einschränkung wird typischerweise als „Altersschwerhörigkeit“ bezeichnet. Die Gründe dafür sind zum einen die degenerativen Veränderungen am Hörorgan selbst, zum anderen die altersbedingten Abbauprozesse, die sich auf das Gedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit negativ auswirken. Die Versorgung mit einem Hörgerät, welches nur als Verstärker wirkt, führt deshalb nicht immer sofort zur Lösung des Problems und sollte von einem aktiven kognitiven Training begleitet werden. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Alexandra Kupferberg, die zurzeit die Effizienz des Koj-Hörtrainings in einer Vergleichsstudie in Kollaboration mit 3 verschiedenen Universitäten untersucht, macht auf einen weiteren Aspekt des Hörtrainings aufmerksam: „Wenn man bereits seit längerer Zeit schlecht hört, lassen auch die kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit nach, weil man nicht mehr so gern oder oft kommuniziert. Man zieht sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück. Daher ist es kein Wunder, dass Studien ein höheres Risiko für Demenz und Depression bei älteren Schwerhörigen zeigen. Zusammenfassend lässt es sich also sagen, dass die Hörgeräteversorgung für das Ohr wichtig ist, aber das Hörtraining für das Gehirn. Beides zusammen hilft den Schlechthörenden dabei, bis ins hohe Alter sozial aktiv zu bleiben, und trägt dazu bei, das Risiko für Demenz und Altersdepression zu verkleinern.“ (Mehr Informationen)

 


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ-Hearing-Research-Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ-Hearing-Research-Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.