Computertrainingsprogramme fürs Gehirn

e-learning-3734521_960_720.jpg

Dieser Beitrag wurde zitiert von: Unfallforscher der Versicherer

Die Vorteile beim Training am Computer sind, dass das Computerprogramm dem Übenden unmittelbar Rückmeldung zu seiner Leistung gibt und dass das Training bei Bedarf an die Fähigkeiten des Übenden angepasst werden kann. Diese Trainings gibt es nicht nur PCs, sondern auch für einige Spielkonsolen, oder auf kostenpflichtigen oder aber kostenlos nutzbaren Internetseiten. Nicht alle Trainings sind gleich gut, und nicht alle Übungen in den Programmen sind gleich sinnvoll oder motivierend.

Qualitätsmerkmale bei PC-basierten Übungen sind zum Beispiel eine an den Nutzer angepasste Schwierigkeit, d. h. es wird Schulbildung, Alter usw. abgefragt, und das Programm gibt später Rückmeldung zur Leistung verglichen mit der zugehörigen Leistungsgruppe. So kann der Übende seine Leistung im Verhältnis zu seiner Leistungsgruppe beurteilen, denn es macht wenig Sinn, wenn ein Hochschulprofessor seine Leistungen mit denen eines ungelernten Arbeiters vergleicht.

Ein weiteres Merkmal guter Übungen ist häufige Rückmeldung der Leistung. Dies kann durch ein bestätigendes Feedback bei einer korrekten Reaktion oder Aufgabenlösung erfolgen, oder erst nach der Bearbeitung eines Blocks von Reaktionen oder einer längeren Aufgabe. Ein wie auch immer geartetes Feedback ist ein ungemein wichtiger Faktor zur Erhöhung der Motivation.

Weiterhin ist es oft vorteilhaft, wenn die Schwierigkeit einer Übung fortlaufend an die aktuelle Leistung des Übenden angepasst wird: Bei Fortschritten werden die Übungen schwieriger, bei Rückschritten einfacher. Manche Nutzer mögen diese Anpassung nicht, so dass es für sie vorteilhaft ist, wenn die Schwierigkeit selbst und individuell eingestellt werden kann. Insofern hängt die Güte einer kognitiven Übung auch von individuellen Vorlieben ab, d. h. jeder muss selbst beurteilen, ob ihm die spezifische Struktur eines kognitiven Trainingsprogramms liegt oder nicht.

Ein gutes Programm muss motivierend sein, was nicht unbedingt bedeutet, dass es Spielcharakter haben muss. Übungen mit zu hohem Spaßfaktor können auch dazu führen, dass man zu lange bei ihnen verweilt und andere Übungen vernachlässigt. Motivierend ist eine Übung durch Arbeiten in der Optimalzone, d. h. der Schwierigkeitsgrad ist nicht zu hoch und nicht zu niedrig, ein Ziel wird festgelegt und Rückmeldung gegeben. Beim Sudoku z. B. ist das Ziel das komplette Füllen des Sudokus, d. h. das Annähern an das Ziel erhöht die Motivation.


Fazit Dr. Kupferberg

Technologiegestütztes Lernen bietet bereits seit einigen Jahren in vielen Bereichen grosse Vorteile für den Lernenden: Durch die Digitalisierungen ist der Lernprozess exakter planbar, feedbackorientiert, adaptiv und vor allem individuell durchführbar. Die modernen computerbasierten Trainings für besseres Sprachverstehen nutzen immer mehr die Prinzipien des digitalen Lernens in den Bereichen der Akustik und Neurowissenschaften. Hörgeschädigte Patienten erhalten dadurch die Möglichkeit, die Verarbeitung und Interpretation der stark veränderten und subjektiv verfremdeten Sinneseindrücke bei einer Hörgeräteversorgung gezielt zu trainieren. Das bessere Sprachverstehen wirkt sich nicht nur auf die sprachrelevanten Fähigkeiten aus, sondern hat gleichermaßen einen Einfluss auf das Selbstwertgefühl sowie auf die täglichen Aktivitäten und das soziale Leben der Patienten.


fallilng.jpg

Beitrag zitiert von Aponet.de

 

Wer seine Schwerhörigkeit ignoriert, hat laut einer neuen Studie der Universität Michigan in den USA ein höheres Risiko, in den nächsten drei Jahren zu stürzen oder an Demenz, Depression oder einer Angststörung zu erkranken.

In der Studie zeigte sich auch, dass selbst unter den krankenversicherten Studienteilnehmern mit diagnostiziertem Hörverlust nur zwölf Prozent tatsächlich ein Hörgerät bekamen, Männer (13,3 Prozent) etwas häufiger als Frauen (11,3 Prozent). Bei der Betrachtung der folgenden drei Jahre nach der Diagnose “Hörverlust”, fanden die Forscher klare gesundheitliche Unterschiede zwischen denjenigen, die ein Hörgerät benutzten und denjenigen, die ihre Schwerhörigkeit nicht behandeln ließen: Das Risiko, innerhalb dieser Zeit an Demenz oder der Alzheimer-Krankheit zu erkranken, war bei Hörgeräteträgern 18 Prozent niedriger. Das Risiko für Depressionen oder Angstzustände war um elf Prozent reduziert und das für behandlungsbedürftige sturzbedingte Verletzungen war 13 Prozent niedriger.

Die Gründe hierfür könnten im Verlust von sozialen Interaktionen, der Unabhängigkeit, des Gleichgewichts und einer geringeren Stimulation des Gehirns liegen. Einige Forscher glauben, dass fehlende Signale vom Ohr an das Gehirn und der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit miteinander zusammenhängen und Teil desselben Alterungsprozesses sein könnten.

Die Ergebnisse stammen aus einer Auswertung von Versicherungsdaten von fast 115.000 Personen ab 66 Jahren aus den Jahren 2008 und 2016. Dr. Elham Mahmoudi, Gesundheitsökonomin in der Abteilung für Familienmedizin der Universität Michigan, sagte: “Obwohl nicht behauptet werden kann, dass Hörgeräte diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen komplett verhindern, könnte bereits eine Verzögerung des Ausbruchs von Demenz, Depression und Angstzuständen sowie das Risiko schwerer Stürze für den Patienten sehr bedeutsam sein.


Fazit Dr. Kupferberg

Stürze bei älteren Menschen gehören zu den häufigsten Unfällen in Deutschland. Jeder dritte über 60-Jährigen noch selbständig lebenden Senioren stürzt einmal im Jahr und in der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen sind es mehr als die Hälfte. Gerade im hohen Alter koennen die Folgen von Stürzen schwer sein: jedes Jahr kommt es zu 250.000 Knochenbrüchen. Stürze können mit einfachen Präventionsmaßnahmen, wie etwa Hörgeräten und kombiniertem Hörtraining, verhindert werden. Doch eine frühzeitige Versorgung ist wichtig, weil mit der Zeit das Gehirn sich immer schlechter regenerieren kann. Je besser das Sprachverstehen vor der Intervention ist, desto schneller zeichnen sich Fortschritte ab.


image-1-1200x690.jpg
21/Sep/2019

Dr. Aleksandra Kupferberg – Veröffentlicht als Newsletter 07.2019

In den letzten Jahren haben mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer gezeigt, aber es war unklar, ob Hörverlust ein Symptom der Krankheit oder eine der Ursachen ist. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die ein Hörgerät für altersbedingte Hörprobleme tragen, im Laufe der Zeit eine bessere Gehirnfunktion haben als Menschen, die dies nicht tun.

Anne Corbet, PhD, bei der Vorstellung ihrer Studie in Los Angeles. ÜBER IHRE ARBEIT: Die Studie mit dem Titel PROTECT baut auf den jüngsten Erkenntnissen der „Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care“ auf, die darauf hindeuteten, dass Hörverlust ein wichtiger Risikofaktor für Demenz ist. Die Studie wurde von der University of Exeter und dem King’s College London durchgeführt und auf der Alzheimer’s Association International Conference in Los Angeles (14. bis 18. Juli 2019) vorgestellt. Das Poster trägt den Titel „Die Verwendung von Hörgeräten bei älteren Erwachsenen mit Hörverlust ist mit einer verbesserten kognitiven Trajektorie verbunden“.

 

 

Hörgeräte verbessern das Arbeitsgedächtnis

Nach neuesten Erkenntnissen aus einer Studie, an denen 25.000 Menschen im Alter von 50 Jahren und älter beteiligt waren, kann ein Hörgerät das Gehirn schützen und das Demenzrisiko reduzieren. Die Studie umfasste jährliche kognitive Tests über zwei Jahre lang in einer Gruppe von Menschen, die Hörgeräte trug, und einer anderen Gruppe, die dies nicht tat. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, dass das Tragen eines Hörgeräts dazu beitragen kann, das Gehirn zu schützen und das Risiko einer Demenz zu verringern. Die Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die ein Hörgerät für altersbedingte Hörprobleme tragen, ein besseres Kurzzeitgedächtnis haben und sich besser konzentrieren können als diejenigen, die es nicht tun. Nach zwei Jahren des Tragens eines Hörgeräts entsprach die Konzentrationsfähigkeit einer acht Jahre jüngeren Person, so die Untersuchung.

Hörgeräteträger haben weniger Konzentrationsprobleme

Die Probanden mit Hörgeräten hatten schnellere Reaktionszeiten bei bestimmten Aufgaben – im Alltag ist dies ein Spiegelbild der Konzentration –, z. B. „Anstrengung, ein Geräusch zu hören“, „aufmerksamer Blick auf ein interessantes Objekt“, „aufmerksames Zuhören einer Person“. Die Verringerung der Konzentration bei Menschen ohne Hörgeräte ist ein Schlüsselfaktor für den breiteren kognitiven Rückgang, den Menschen mit Demenz erleben. Es ist noch nicht klar, warum Hörgeräte diesen positiven Effekt haben, allerdings meinten die Forscher, dass es daran liegen könnte, dass ein verbessertes Hören einer Person hilft, mehr an ihrer Umgebung teilzunehmen, sodass sie sich besser fühlt und das Gehirn stimuliert. „Hörverlust trägt zur sozialen Isolation und Depression bei, die Risikofaktoren für Demenz sind“, äusserte sich Professor Clive Ballard von der University of Exeter.

Hörgeräte wirken protektiv auf mentale Gesundheit

PROTECT-Leiterin Dr. Anne Corbett von der Universität Exeter betonte ausserdem: „Unsere Arbeit ist eine der grössten Studien, in der Auswirkungen des Tragens eines Hörgeräts untersucht wurden. Sie legt nahe, dass Hörgeräte das Gehirn tatsächlich schützen könnten. Wir brauchen jetzt mehr Forschung und eine randomisierte klinische Studie, um dies zu testen und vielleicht politische Massnahmen einzuführen, um die Gesundheit der Menschen im späteren Leben zu erhalten.“

Professor Clive Ballard von der University of Exeter Medical School führte aus: „Wir wissen, dass wir das Demenzrisiko um ein Drittel senken könnten, wenn wir alle ab der Mitte des Lebens handeln würden. Diese Forschung ist Teil einer wesentlichen Arbeit, um herauszufinden, was wirklich funktioniert, um unser Gehirn gesund zu halten. Dies ist eine frühe Erkenntnis und bedarf weiterer Untersuchungen, sie hat aber ein spannendes Potenzial. Die Botschaft hier ist die folgende: ‚Wenn Ihnen mitgeteilt wird, dass Sie ein Hörgerät benötigen, finden Sie eines, mit dem Sie zufrieden sind. Zumindest wird es Ihr Gehör verbessern und es könnte helfen, Ihr Gehirn auf Trab zu halten.‘“ (Quelle)

Hörtraining wirkt entscheidend

Im Alter kommt es häufig vor, dass das Sprachverständnis in lauter Umgebung nachlässt, selbst wenn der Hörverlust durch Schädigung der Haarzellen im Ohr geringfügig ist. Diese Einschränkung wird typischerweise als „Altersschwerhörigkeit“ bezeichnet. Die Gründe dafür sind zum einen die degenerativen Veränderungen am Hörorgan selbst, zum anderen die altersbedingten Abbauprozesse, die sich auf das Gedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit negativ auswirken. Die Versorgung mit einem Hörgerät, welches nur als Verstärker wirkt, führt deshalb nicht immer sofort zur Lösung des Problems und sollte von einem aktiven kognitiven Training begleitet werden. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Alexandra Kupferberg, die zurzeit die Effizienz des Koj-Hörtrainings in einer Vergleichsstudie in Kollaboration mit 3 verschiedenen Universitäten untersucht, macht auf einen weiteren Aspekt des Hörtrainings aufmerksam: „Wenn man bereits seit längerer Zeit schlecht hört, lassen auch die kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis und Aufmerksamkeit nach, weil man nicht mehr so gern oder oft kommuniziert. Man zieht sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück. Daher ist es kein Wunder, dass Studien ein höheres Risiko für Demenz und Depression bei älteren Schwerhörigen zeigen. Zusammenfassend lässt es sich also sagen, dass die Hörgeräteversorgung für das Ohr wichtig ist, aber das Hörtraining für das Gehirn. Beides zusammen hilft den Schlechthörenden dabei, bis ins hohe Alter sozial aktiv zu bleiben, und trägt dazu bei, das Risiko für Demenz und Altersdepression zu verkleinern.“ (Mehr Informationen)

 


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ-Hearing-Research-Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ-Hearing-Research-Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.


GT_in_aktion_silben_low.jpg
21/Sep/2019

Dr. Aleksandra Kupferberg, Professor Nicolas Langer, Dr. Mattheus Vischer, Andreas Koj, Professor Tilo Strobach – Veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Hörakustik” 07.2019, Median-Verlag

 

Aktuelle Studien zeigen, dass das Sprachverständnis durch gezieltes Hörtraining, welches sich den Bedürfnissen des Betroffenen anpasst, trainiert werden kann. Im ersten Teil dieser Beitragsreihe werdendie gängigsten in den USA und dem deutschsprachigen Raum verwendeten computerbasierten Hörtrainings vorgestellt und evaluiert. Der zweite Teil geht auf die Frage ein, weshalb Hörverstehenim Alter oft nachlässt und wie das Hörtraining zu Veränderungen im Gehirn führt, die sich dann positivauf das Sprachverstehen auswirken. Der dritte Teil zeigt schließlich Alternativen zu Hörtrainings auf und gibt eine Reihe Empfehlungen für eine erfolgreiche Hörgeräteversorgung.

Geschichte des Hörtrainings

In der Vergangenheit führten Fachkräfte sowohl für Hörgeräte- als auch für Cochlea-Implantat(CI)-Träger auditorische Trainings durch, indem sie Erkennung, Diskriminierung, Identifikation und Verständnis mit den hörbeeinträchtigten Personen gezielt trainierten. Da das individuelle Training jedoch kostenintensiv war und viel Flexibilität erforderte, entwickelte man Ende des 20. Jahrhunderts verstärkt Lösungen für heimbasiertes, selbstständiges Training (Miller et al. 2012, Ptok et al. 2012). In den USA wurden für das Hörtraining verschiedene Computerprogramme wie zum Beispiel das Speech Perception and Training System (SPATS) (Miller et al. 2007) und die Computer Assisted Tracking Stimulation (CATS) (Dempsey et al. 1992) vorgestellt. In Deutschland kamen die ersten typischen Trainings für zu Hause erst vor circa zehn Jahren auf den Markt und bestanden aus einem CD-Player, Trainings-CDs und einem Trainingsheft. Die Übungen in solchen Paper-and-Pencil-Trainings deckten Basisaufgaben wie das Verstehen von Wörtern, Zahlen und Silben sowie verschiedene Übungen zum Satzverstehen in Ruhe und im Störgeräusch ab. Das Ziel war, Konzentrationsfähigkeit, Wortgedächtnis, akustische Merkfähigkeit und auditive Differenzierung zu schulen. Das Training wurde anspruchsvoller gestaltet, indem man die Übungen in die drei Schwierigkeitsgrade „leicht“, „mittel“ und „schwer“ gliederte. Bei einer Fehlerquote von 50 Prozent wurde die Tagesaufgabe am nächsten Tag wiederholt, wodurch sich der gesamte Trainingszeitraum verlängerte. Obwohl die Trainingseinheiten zunehmend schwieriger wurden, war es nicht möglich, die Übungen an die Fortschritte und Bedürfnisse der einzelnen Personen exakt anzupassen. Daher erstaunt es nicht, dass in einer im Rahmen einer Dissertation durchgeführten Studie mit CI-Trägern eines von diesen Paper-and-Pencil-Trainings als „leicht“ bewertet wurde und die Personen angaben, dass sie nur „manchmal“ daran Spaß hatten (Wizemann 2017). Das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass die Probanden Trainingshefte manuell ausfüllen mussten und es kein Feedback zum Trainingsfortschritt gab. Obwohl ein solch einfaches Training durchaus zu Verbesserungen im Sprachverstehen bei Patienten führen kann, die mit Hörgeräten neu versorgt wurden, war ein Trainingserfolg hauptsächlich bei geringgradigem Hörverlust zu beobachten (Brandt 2018). Eine mögliche Erklärung könnte an der geringen Teilnahme der Probanden (Compliance) liegen, die bei Verständnisschwierigkeiten wegen mangelnden Feedbacks und fehlender Anpassungsfähigkeit des Trainings weniger motiviert waren. Die oben beschriebenen Hörtrainings aus den USA und Deutschland haben sich kaum etabliert, weil zum einen die Kosten von den Krankenkassen nicht übernommen wurden und es zum anderen wenige gute Studien gab, die einen positiven Effekt des Hörtrainings wissenschaftlich evident nachweisen konnten.

Analytisches und synthetisches Hörtraining

Hörtrainings wirken sich positiv auf das Sprachverstehen aus.

Das auditorische Training ist neben der Hörgeräteversorgung eine gängige Methode, um die Hörfähigkeit und das Sprachverständnis zu verbessern. Die Übungen zielen darauf ab, die Sprachwahrnehmung und die kognitiven Prozesse, die beim Hören eine Rolle spielen, zu optimieren. Hörtrainings können generell in analytische, synthetische oder gemischte Verfahren (Kombination aus beidem) eingeteilt werden (Sweetow und Palmer 2005). Das analytische Training betont den akustischen Inhalt des Signals (zum Beispiel Frequenzzusammensetzung, Lautstärkeschwankungen oder zeitliche Signale) und hat zum Ziel, Geräusche besser zu identifizieren und zu unterscheiden. Damit soll eine bessere Erkennung von Sprachbausteinen, wie beispielsweise Silben, trainiert werden. Synthetisches Training basiert auf den Prinzipien des Wahrnehmungslernens und wurde entwickelt, um die kognitiven Fähigkeiten und das globale Verständnis der Sätze sowie der Botschaft zu fördern. Es verbessert die Fähigkeiten, Kontextinformationen zu integrieren und zu nutzen. Solche Programme sind oft adaptiv, geben sofortiges Feedback, verwenden sowohl akustische als auch visuelle/orthografische Hinweise und setzen die Zuhörer mehreren Rednern gleichzeitig aus.

Während die empirischen Ergebnisse von Studien zum analytischen Training keine einheitlichen Schlüsse zulassen, gibt es Studien, die den Erfolg des synthetischen Trainings beim Sprachverstehen bei Menschen mit Hörverlust demonstrieren (Tabelle 1). In diesen Trainings werden kognitive Funktionen (unter anderem das Arbeitsgedächtnis) trainiert, die in die Sprachverarbeitung involviert sind. Allerdings gibt es auch Hinweise, dass Hörtrainings nicht immer zu signifikanten Verbesserungen kognitiver Funktionen führen. Darauf wird im dritten Teil dieser Beitragsreihe eingegangen.

Computer- und webbasiertes Hörtraining für zu Hause

Durch Internet- und Smartphonetechnologien können Hörtrainingsprogramme heute über Onlineportale und mobile Anwendungen zugänglich gemacht werden. Da die Erwerbskosten für mobile Apps gering sind und der Zugang zu Smartphones oder Tablets weit verbreitet ist, stellt diese Art von Training eine attraktive Option für Personen mit Hörverlust dar. Insbesondere ältere Schwerhörige können von solchen Anwendungen profitieren, weil sich der Schwierigkeitsgrad adaptiv anpasst und das Training in verschiedenen Schwierigkeitsstufen durchgeführt werden kann. Es gibt Hinweise, dass sich computerbasierte auditorische Trainings positiv auf kognitive Defizite – wie zum Beispiel verlangsamte Reaktions- und Verarbeitungsgeschwindigkeit, schlechtes Kurzzeitgedächtnis und nachlassende Aufmerksamkeit – auswirken. Hier kann smarte Software registrieren, bei welchen kognitiven Fähigkeiten die Probleme am größten sind, sodass das Training sich den Defiziten des Teilnehmers laufend individuell anpasst.

Tabelle 1 bietet eine Übersicht über die aktuell am häufigsten verwendeten computerbasierten Trainings für das Gehör. Angel Sound ist ein PC-basiertes, interaktives Hörrehabilitationsprogramm in englischer Sprache, das von TigerSpeech Technology entwickelt und von der Emily Shannon Fu Foundation kostenlos vertrieben wird. Das Programm eignet sich vor allem als Hörtherapie für CI-Träger. Es bietet ein umfassendes Set an Trainingsmaterialien, mit denen die Erkennung vieler Arten von Geräuschen und auch Sprache trainiert werden kann. Hierzu gehören einfache Töne, Umgebungsgeräusche, einsilbige Wörter, einfache und vertraute Melodien. Die Wörter werden von vier verschiedenen Sprechern abwechselnd gesprochen. Fortgeschrittene Nutzer können auch das Sprachverständnis im Hintergrundgeräusch oder das Verstehen von mehreren Sprechern üben. Wissenschaftliche Studien haben eine Verbesserung des Sprachverständnisses im Störgeräusch bei CI-Trägern gezeigt (Fu et al. 2004, Fu and Galvin 2007, Oba et al. 2011).

TABELLE 1:

Tabelle 1: Übersicht über die gängigsten computergestützten Programme für das Training von besserem Sprachverständnis und dafür notwendigen kognitiven Prozessen

Die am besten wissenschaftlich erforschte Anwendung Listening and Communication Enhancement (LACE) wurde von der Firma NeuroTone (Redwood City/CA) entwickelt und stellt ein selbstgesteuertes Trainingsprogramm dar, das eine Kombination aus analytischen und synthetischen Ansätzen verwendet. Die ersten Lektionen dieses englischsprachigen Hörtrainings werden kostenlos zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt, weitere sind kostenpflichtig. Nach einer Onlineregistrierung lässt sich das Training von zu Hause an PC oder Tablet durchführen. Die Empfehlung lautet, dass man täglich 30 Minuten, fünf Tage pro Woche über einen Zeitraum von vier Wochen trainieren sollte (Miller et al. 2012) – und zwar mit beiden Hörgeräten. Die einzelnen Trainingseinheiten werden in verschiedene Themenfelder – wie Gesundheit, Geldangelegenheiten oder Sport – gegliedert, die man vor jeder Sitzung selbst wählen kann. Während mehrerer Lektionen werden Sprachverstehen im Lärm, Verstehen von schneller Sprache und Verstehen im Störgeräusch (degradierte Sprache) trainiert. Nach jedem gesprochenen Satz muss der Patient am Bildschirm auswählen, ob er alle Wörter verstanden hat. Die korrekte Antwort wird dann im Anschluss präsentiert. Das Training passt sich dem Fortschritt des Nutzers an. Nach einer korrekten Lösung steigt in der nächsten Übung der Schweregrad (-2 dB). Bei falscher Antwort hingegen sinkt der Schweregrad wieder. Das Training beinhaltet auch eine Reihe von Übungen zu Aufmerksamkeit sowie Gedächtnis und unterscheidet dazu zwischen zwei Aufgabentypen: bei dem ersten muss das fehlende Wort in einem Satz ermittelt werden, bei dem zweiten muss nach einem bestimmten vorgegebenen Zielwort in einem dargebotenen Satz gesucht werden. Nachdem der Patient den Satz gehört hat, entscheidet er, welches Wort vor oder nach dem Zielwort auftrat. Durch die Länge der Sätze oder die Zeitspanne, über die man sich das Wort merken kann, wird der Schweregrad individuell angepasst. Zum LACE-Hörtraining wurden die meisten Wirksamkeitsstudien durchgeführt (Olson et al. 2013). Sie konnten Verbesserungen der Wahrnehmungsfähigkeiten und der kognitiven Fähigkeiten nachweisen (Sweetow und Sabes 2006, Olson et al. 2013). Zudem zeigten sich positive Effekte auf das Kurzzeitgedächtnis sowie eine Steigerung der Verarbeitungsgeschwindigkeit (Anderson et al. 2013).

Das Hörtrainingsprogramm ReadMyQuips (RMQ) in englischer Sprache steht den Nutzern von Hörgeräten des amerikanischen Herstellers Starkey zur Verfügung. Auch hier gibt es ein kostenloses Basistraining und eine kommerzielle Vollversion. RMQ besteht aus Kreuzworträtselaufgaben: In jedes Feld muss der Patient ein Wort und in jede Zeile oder Spalte einen lustigen Spruch hineinschreiben (Pizarek et al. 2013). Hinweise zur Lösung erhalten die Teilnehmer in Videoaufzeichnungen von insgesamt vier Sprechern. Die Sprecher sagen den Spruch, der in eine bestimmte Zeile oder Spalte gehört, auf. Das Programm wendet eine Reihe von SNRs an, um die Hintergrundgeräusche bei den Videos zu modulieren und so die Aufgaben mit zunehmender Leistung anspruchsvoller zu gestalten. Demzufolge müssen die Zuhörer lernen, störende Hintergrundgeräusche zu ignorieren, wenn sie ihr Leistungsniveau halten möchten. Das Training wurde in einer Pilotstudie mit zehn Probanden getestet, die nach einer dreiwöchigen Periode mit täglich 30 Minuten Training deutliche Verbesserungen im Sprachverständnis bei Hintergrundgeräuschen zeigten (Levitt et al. 2011).

Ein in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz etabliertes multimodales Hörtherapieprogramm, das auf sehr ähnlichen Grundsätzen wie das LACE-Training basiert, ist die KOJ-Gehörtherapie. Genauso wie das LACE-Training dient das Computerprogramm dazu, den optimalen Nutzen bei Anpassung der Hörgeräte zu ermöglichen: Es berücksichtigt einerseits die beim Training im Sprachverstehen auftretenden Defizite bei den Hörgeräteeinstellungen und passt andererseits die Hörgeräteeinstellungen an Trainingsfortschritte graduell an. Weiterhin kann das Training eingesetzt werden, um bei den Patienten im Anfangsstadium des Hörverlustes kognitive Fähigkeiten zu trainieren. Ziel ist es, dem weiteren Verfall kognitiver Funktionen, die beim Sprachverstehen eine Rolle spielen, entgegenzuwirken. Das Einbeziehen des Patienten in den therapeutischen Prozess wirkt sich positiv auf Vertrauen und Motivation aus. Die verschiedenen Übungen sind auf einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten mit einer täglichen Trainingszeit von ungefähr 30 bis 40 Minuten (eine Lektion) ausgelegt. Das Training beinhaltet 40 Lektionen mit einer Option auf Verlängerung. Jede Lektion besteht aus einer Reihe von Übungen. Insgesamt gibt es 20 verschiedene Übungstypen, in denen verschiedene Aspekte der Sprachwahrnehmung und der kognitiven Fähigkeiten trainiert werden. Ein Überblick über verschiedene Trainingsmodalitäten ist in Tabelle 2 dargestellt.

TABELLE 2:

Tabelle 2: Fähigkeiten, die in der KOJ-Gehörtherapie trainiert werden, sowie die zugehörigen Beispielübungen

Zu den Aufgaben des Trainings gehören unter anderem das Verstehen von einfachen Wörtern aus einem Satz mit und ohne Hintergrundgeräusch, das Fokussieren auf eine Stimme, während eine andere Stimme gleichzeitig ertönt oder das Erkennen von Alltagsgeräuschen. Ebenfalls werden das Verstehen von Hörbüchern und das auditorische Gedächtnis trainiert. Die Wörter und Sätze werden von einer männlichen, einer weiblichen oder der Stimme eines Kindes gesprochen, um akustische Variationen darzustellen. Einige Aufgaben trainieren zudem die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Diese wird durch die Zeit definiert, die eine Person benötigt, um eine kognitive Aufgabe durchzuführen, und hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der eine Person erhaltene Informationen verstehen und darauf reagieren kann. Die Patienten müssen zum Beispiel bei einem laufenden Timer bestimmte auditorische und visuelle Aufgaben lösen.

Das gesamte Training ist derart konzipiert, dass die Schwierigkeit der Aufgaben und die Lautstärke des Störgeräusches schrittweise gesteigert werden. Wenn also eine Aufgabe fehlerfrei gemacht wurde, wird die nächste Aufgabe schwieriger sein und umgekehrt. Auf diese Weise wird das Training an die Bedürfnisse jedes Einzelnen angepasst; Langeweile und Frustration werden dadurch minimiert. Die Entwicklung des Patienten wird erfasst und genau überwacht – mehrmals pro Monat werden Zwischentests zur Kontrolle beim Hörakustiker durchgeführt. Obwohl es bisher keine evidenzbasierte Literatur zur Bewertung der KOJ-Gehörtherapie gibt, ergab eine in eigenen Räumlichkeiten durchgeführte Pilotstudie ein um bis zu 87 Prozent besseres Sprachverständnis bereits nach vier Wochen. Die Messung des Sprachverständnisses wurde mit einem Test durchgeführt, bei dem die Personen mit und ohne Störgeräusch Konsonanten in auditorisch präsentierten Silben identifizieren mussten (Phonemmessung). Der Vorteil der Verwendung von einfachen Silben mittels der Phonemmessung gegenüber den gängigen Sprachtests wie dem Freiburger Sprachtest (Hoth 2016) und dem Oldenburger Satztest (Kollmeier et al. 2011), in denen Wörter und Sätze identifiziert werden müssen, lag darin, dass man bei sinnfreien Silben den richtigen Konsonanten nicht erschließen konnte, sondern genau zuhören musste.

Das KOJ Hearing Research Center führt im Moment eine randomisierte kontrollierte Studie in Kooperation mit der Universität Zürich, Universität Fribourg, Medical School Hamburg und Universität Köln durch. In dieser Studie soll die klinische Wirksamkeit dieses Trainings zum einen bei der Verbesserung des Sprachverstehens – vor allem bei anspruchsvollen Bedingungen wie Lärm oder konkurrierenden Sprechern – untersucht werden und zum anderen die Effekte auf die Verbesserung des Sprachgedächtnisses und der Aufmerksamkeit getestet werden. Außerdem wird die Wirkung des Trainings auf die Anzahl und die Qualität der sozialen Beziehungen durch Fragebögen erhoben. Zur Erhöhung und Verbreitung von digitalem Training wird die KOJ-Gehörtherapie ab Sommer 2019 von verschiedenen Schweizer Hörakustikern angeboten. Dadurch werden weitere Daten gesammelt und ausgewertet, wodurch mehr Betroffene von dem aktuellen Stand der Entwicklung profitieren können.

Fazit

Die gängigsten computerbasierten auditorischen Trainingsprogramme verfolgen das Ziel, kognitive Fähigkeiten zu schulen, die für das Sprachverstehen eine grundlegende Rolle spielen. So können vor allem das Hören und Verstehen in schwierigen Situationen – zum Beispiel bei gleichzeitigem Störlärm – systematisch trainiert werden. Das verbesserte Sprachverständnis ist hilfreich bei der sozialen Integration und wirkt sich dadurch positiv auf die Lebensqualität aus.

Ein Dank gilt Professor Dr. Martin Ptok (Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Medizinische Hochschule Hannover), der sich am Korrekturlesen des Manuskriptes beteiligte.


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ-Hearing-Research-Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ-Hearing-Research-Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

Professor Dr. Tilo Strobach

Professor Dr. Tilo Strobach studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin und untersuchte in seiner Promotion die Mechanismen der Optimierung von Doppelaufgabenleistung als Resultat von Übung. Nach einem Postdoktorat an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2009–2011) und an der Humboldt-Universität zu Berlin (2011–2014) sowie einer Vertretungsprofessur an der Fernuniversität in Hagen und einer Gastprofessur an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt ist er seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Zu den Forschungsschwerpunkten von Tilo Strobach zählt die Analyse von kognitiver Plastizität als Resultat von Training (zum Beispiel Videospiel-, Doppelaufgaben-, Arbeitsgedächtnis- und Aufgabenwechseltraining) und von kognitivem Altern.

 

Professor Nicolas Langer

Professor Nicolas Langer ist Professor für Methoden der Plastizitätsforschung am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Schweiz). 2012 promovierte er in Neuropsychologie. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der menschlichen Gehirn- und Verhaltensplastizität und der Entwicklung neuer Untersuchungsmethoden. Die Forschungsschwerpunkte liegen in der Entwicklung neurowissenschaftlicher Untersuchungsmethoden (unter anderem Machine Learning, Pattern Recognition), Modellierung von anatomischen und funktionellen Netzwerken im Längsschnittverlauf, Interventions- und Trainingsstudien und der Neuroplastizität.

 

Dr. med. Mattheus Vischer

Dr. med. Mattheus Vischer führt seit mehr als 20 Jahren eine HNO-Praxis in Gümligen bei Bern mit chirurgischer Tätigkeit an der Privatklinik Siloah und am Operationszentrum Burgdorf. Seine Schwerpunkte sind Erkrankungen des Ohres, Ohrchirurgie, angeborene und erworbene Schwerhörigkeit und HNO-Krankheiten im Kindesalter. In wissenschaftlichen Projekten erforschte er Effekte der künstlichen elektrischen Stimulation des Hörnervs und der Hörbahn. In der klinischen Forschung befasst er sich mit der Auswirkung der Cochlea-Implantation auf die Sprachentwicklung und Ergebnissen der Gehörrehabilitation nach Ertaubung. An der HNO Universitätsklinik des Inselspitals Bern operiert er als Senior Consultant Cochlea-Implantate und implantierbare Hörgeräte.

 

Andreas Koj, Audiotherapeut und Gründer

Andreas Thomas Koj ist Audiotherapeut und Hörakustikermeister und gründete 2013 das erste KOJ-Institut für Gehörtherapie in Zürich (Schweiz). Weitere Institute folgten in Zug, Winterthur, Luzern und St. Gallen. Koj leitet das interdisziplinäre Team aus Hörakustikern, Neurowissenschaftlern, Ingenieuren, Didaktikern und Programmierern, um die von ihm entwickelte therapeutische Kombination aus Hörgeräteakustik und audiologischem E-Learning weiterzuentwickeln. Das von ihm gegründete KOJ-Hearing-Research-Center betreibt internationale Forschung und führt Studien in Kooperation mit externen Universitäten durch. Seit 2019 vergibt das KOJ-Hearing-Research-Center Lizenzen für die Nutzung der KOJ-Gehörtherapie, schult und zertifiziert Hörakustiker im Bereich des audiologisch-kognitiven Trainings.

 

 

Referenzen & Literatur:

  • Anderson S, White-Schwoch T, Parbery-Clark A, Kraus N (2013) Reversal of age-related neural timing delays with training. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 110, S. 4357–4362, https://doi.org/10.1073/pnas.1213555110
  • Brandt CC (2018) Prospektive Studie zum Effekt eines Hörtrainings auf die binaurale Erstversorgung von Probanden mit einer Schallempfindungsschwerhörigkeit, https://doi.org/10.22032/dbt.37939
  • Chisolm TH, Saunders GH, Frederick MT, McArdle RA, Smith SL, Wilson RH (2013) Learning to listen again: the role of compliance in auditory training for adults with hearing loss. In: American Journal of Audiology 22, S. 339–342, https:// doi.org/10.1044/1059-0889(2013/12-0081)
  • Dempsey JJ, Levitt H, Josephson J, Porrazzo J (1992) Computer-assisted tracking simulation (CATS). In: Journal of the Acoustical Society of America 92, S. 701–710
  • Fu QJ, Galvin J, Wang X, Nogaki G (2004) Effects of auditory training on adult cochlear implant patients: a preliminary report. In: Cochlear Implants International 5, Supplement 1, S. 84–90, https://doi.org/10.1179/cim.2004.5.Supple ment-1.84
  • Fu QJ, Galvin JJ (2007) Perceptual Learning and Auditory Training in Cochlear Implant Recipients. In: Trends in Amplification 11, S. 193–205, https://doi. org/10.1177/1084713807301379
  • Henderson Sabes J, Sweetow RW (2007) Variables predicting outcomes on listening and communication enhancement (LACE) training. In: International Journal of Audiology 46, S. 374–383, https://doi.org/10.1080/14992020701297565
  • Hoth S (2016) Der Freiburger Sprachtest. In: HNO 64, S. 540–548, https://doi. org/10.1007/s00106-016-0150-x
  • Kollmeier B, Lenarz T, Winkler A, Zokoll MA, Sukowski H, Brand T, Wagener KC (2011) Hörgeräteindikation und -überprüfung nach modernen Verfahren der Sprachaudiometrie im Deutschen. In: HNO 59, S. 1012, https://doi. org/10.1007/s00106-011-2345-5
  • Levitt H, Oden C, Simon H, Noack C, Lotze A (2011) Entertainment overcomes barriers of auditory training. In: The Hearing Journal 64, S. 40, https://doi. org/10.1097/01.HJ.0000403510.80465.7b
  • Miller JD, Watson CS, Kewley-Port D, Sillings R, Mills WB, Burleson DF (2007) SPATS: Speech Perception Assessment and Training System. In: Journal of the Acoustical Society of America 122, S. 3063, https://doi.org/10.1121/1.2942927
  • Miller S, Kühn D, Ptok M (2012) Der PC als Hörtherapeut? DAVID, CASPER, CATS, CAST, SPATS, LACE und andere. In: Sprache Stimme Gehör 36, S. 189–191, https://doi.org/10.1055/s-0032-1331178
  • Oba SI, Fu QJ, Galvin JJ (2011) Digit training in noise can improve cochlear implant users’ speech understanding in noise. In: Ear and Hearing 32, S. 573–581, https://doi.org/10.1097/AUD.0b013e31820fc821
  • Olson AD, Preminger JE, Shinn JB (2013) The effect of LACE DVD training in new and experienced hearing aid users. In: American Journal of Audiology 24, S. 214–230, https://doi.org/10.3766/jaaa.24.3.7
  • Pizarek R, Shafiro V, McCarthy P (2013) Effect of Computerized Auditory Training on Speech Perception of Adults With Hearing Impairment. In: Perspectives on Aural Rehabilitation and Its Instrumentation 20, S. 91–106, https://doi. org/10.1044/arri20.3.91
  • Ptok M, Meyer S, Ptok A (2012) Hearing training, hearing therapy and auditory rehabilitation in hearing impaired individuals during the last few centuries. In: HNO 60, S. 913–918, https://doi.org/10.1007/s00106-012-2550-x
  • Sweetow R, Palmer CV (2005) Efficacy of individual auditory training in adults: a systematic review of the evidence. In: American Journal of Audiology 16, S. 494–504
  • Wizemann H (2017) Effekte eines strukturierten intensiven Hörtrainings auf die kommunikative Kompetenz von Cochlea-Implantat-Trägern (Text.PhDThesis). Ludwig-Maximilians-Universität München

Image-1-1200x1200.jpg
21/Sep/2019

Die Human- und Sportphysiologie der ETH Zürich führt jährlich ein Physiologie-Praktikum mit den Studierenden der Pharmazeutischen Wissenschaften, der Gesundheitswissenschaften und Technologie, sowie neu auch mit den Medizinstudierenden der ETH durch.

Das diesjährige Physiologie-Praktikum fand im Sommersemester unter der Leitung von Prof. Dr. Christina Spengler an der Universität Irchel statt und umfasste insgesamt knapp 200 Studenten. In kleinen Gruppen lernten die Teilnehmer alles über Aufbau, Funktion und Diagnosemethoden zum Thema Ohr. Indem sich die Studenten gegenseitig den jeweiligen Messungen unterzogen, wurde das Gelernte angewendet und vertieft. Auch das Thema Gehörtraining war dieses Jahr Teil des Praktikums und stellte eine zukunftsweisende, interessante Schnittstelle zwischen den Disziplinen dar. Denn so wie körperliche Leistung durch Training gesteigert werden kann, kann auch das Verstehen und Interpretieren von Gehörtem durch Übung verbessert werden.

Die Doktorandin Johanna Wörner und Herr Blickinsdorf vom KOJ Institut für Gehörtherapie erläuterte den Studenten die Theorie und demonstrierte wie ein Gehörtraining funktioniert. Anschliessend standen die KOJ-Lerncomputer zur Verfügung um eigene Erfahrungen mit den Trainingsaufgaben zu machen. Beeindruckend für die Studenten waren vor allem die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die ein computerbasiertes, lernfähiges Training bietet.

Wir sagen Danke, dass wir diesen Kurs bereichern durften!


cafe-768771_640.jpg

Dieser Betrag wurde von Klaus Ehringfeld verfasst und veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau.

Café ohne Worte wird Mitte 2017 eröffnet

In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá gibt es ein Café von und für Hörgeschädigte. Auch Hörende, die sich der Welt der Gehörlosen nähern wollen, sind im „Sin palabras“ anzutreffen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normales gemütliches Café: ein schmaler langgezogener Raum, der sich nach hinten verbreitert, Bücherregale, Sofas. Eine lange Bar. Das Café ist an einem Samstagabend gut gefüllt, aber es sind fast keine Stimmen zu hören. Dafür ist die Musik ein wenig zu laut. An den Holztischen sind große Schalter angebracht, darüber hängen Glühbirnen.

Wer etwas bestellen will, ruft den Kellner, indem er den Schalter umlegt und es leuchten lässt. Denn wenn der Gast im Café „Sin palabras“ in Bogotá einen Kaffee oder ein Bier wünscht, dann kommt er mit Worten nicht weit. In der Kaffeebar „Ohne Worte“ in der kolumbianischen Hauptstadt arbeiten nur taubstumme Kellner. Es ist ein Ort von und für Hörgeschädigte, aber Jedermann ist willkommen, ob er hören kann oder nicht.

Vor einem halben Jahr hat das Café ohne Worte eröffnet. „Und es ist jeden Tag voll“, sagt Christian Melo, einer der drei Eigentümer. Melo ist an diesem Tag der einzige aus der Belegschaft, der nicht taubstumm ist. Aber der 32-Jährige beherrscht auch die Gebärdensprache, bespricht sich gestenreich mit seinen Kellnern, macht die Abrechnungen, hilft bei unüberbrückbaren Kommunikationsproblemen mit den Gästen. „Das hier ist ein Platz für Inklusion“, sagt Melo und fügt hinzu: „Hier dreht sich die Welt einmal anders herum.“

In seinem Geschäft sollen die Hörenden sich den Nichthörenden anpassen. „Umgekehrtes Lernen“ nennt er das. So sähen die Hörenden mal, wie es den Schwerhörigen und Tauben draußen in der Welt jeden Tag ergeht.

Wenn der Gast die Lampe über seinem Tisch anknipst, bringt Kellner Juan Carlos die Karte. Im Selbstversuch wird schnell deutlich: die große Herausforderung ist es, mit den Augen zu hören und den Händen zu sprechen. Wer die Gebärdensprache nicht beherrscht, stößt rasch an seine Grenzen. Aber hier hilft der Blick in die Karte. Neben Getränken sind dort die grundlegenden Gesten der Taubstummensprache verzeichnet.

Also begrüßt man den Kellner, als er die Bestellung aufnehmen will mit einem „Hallo“, indem man die flache Hand abgewinkelt an die Stirn führt. Fast wie bei einem militärischen Gruß. Juan Carlos lächelt, Daumen hoch, alles klar. Aber einen Cappuccino bestellt man dann doch besser durch Zeigen auf der Karte.

Im Café ohne Worte sitzen Paare oder größere Gruppen zusammen. Sie unterhalten sich angeregt, gestikulieren mit schnellen und eingeübten Handbewegungen. Sie fühlen sich sichtlich wohl. Als Kellner Juan Carlos den Kaffee bringt, ist dieser bereits gesüßt, wie es in Lateinamerika manchmal passieren kann.

Weltweit, sagt Inhaber Melo, gebe es nur fünf andere Cafés oder Kneipen für Hörgeschädigte. Lediglich in England, Frankreich, Kanada, Nicaragua und Argentinien existieren Freizeit- und Vergnügungsorte von und für Taubstumme.

Aber wie kommt ein Hörender auf die Idee, ein Café für Taubstumme zu eröffnen? Melo lacht: „Zufall, die Suche nach einer Geschäftsidee und das Gefühl, etwas Gutes tun zu wollen.“ Er habe eines Tages zwei Taubstumme kennengelernt, begann sich für das Thema zu interessieren, beriet sich mit seiner Frau und seinem Bruder. Und so entstand die Idee für „Sin palabras“.

Mitte Juni eröffnete das Café im zentralen Stadtteil Chapinero von Bogotá, umgeben von Heavy-Metal-Clubs, Schwulen-Bars und hippen Restaurants. Wie groß das Bedürfnis nach einem Ort für Taubstumme war, merkt Melo jeden Tag. Sein Laden ist immer voll. Tagsüber und unter der Woche ist es ein normales Café. Am Wochenende organisiert er Discoabende, bei denen die Gehörlosen auf den Holzbohlen im hinteren Teil des Cafés tanzen können, weil sie dort die Vibration spüren. „Es ist das erste Mal, dass ich Musik überhaupt empfinden kann“, erklärt die 25-jährige Diana langsam in Gebärdensprache. Sie lacht, und ihr Augen sagen: Das hat uns hier gefehlt, hier fühle ich mich wohl. Alleine in Bogotá leben 54.000 Menschen mit Hörschädigungen. Landesweit sind es laut Volkszählung von 2005 sogar 455.718 Gehörlose und Hörgeschädigte.

Auch deshalb hat sich das Café „Sin palabras“ schnell zu einem Treffpunkt und Kulturzentrum erweitert. Melo und seine Compagnons organisieren Ausstellungen und Poesie-Abende, bei denen Taubstumme ihre Gedichte in Gebärdensprache vortragen. Regelmäßig treffen sich auch Hörende hier und nehmen Unterricht, weil sie Gebärdendolmetscher werden wollen. „Wir wollen zeigen, wie stolz, talentiert und durchsetzungsfähig hörgeschädigte Menschen sind“, sagt Cristian Melo.

Wir sind schon zufrieden, wenn die Hörenden nach einem Besuch bei uns sensibilisiert nach Hause gehen und vielleicht die eine oder andere Geste in Gebärdensprache gelernt haben“, sagt Melo. Und wie bestellt man nun in Gebärdensprache einen Kaffee ohne Zucker? „Mit dem Zeige- und Mittelfinger am Kinn“.


Fazit Dr. Alexandra Kupferberg

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Das Sin Palabras Café Sordo – Ohne Worte Gehörlosencafé – ist die erste Bar in Kolumbien, die für Gehörlose konzipiert wurde. Interessanterweise befindet sich die Bar zwischen Heavy-Metal-, Schwulen- und Reggae-Lokalen in Chapinero, einem coolen Szeneviertel im Osten Bogotás. Kunden können  auf Gebärdensprache Getränke bestellen, während sie auf großen Bildschirmen Musikvideos anschauen, die mit Gebärdensprachübersetzungen versehen sind. Auf der Tanzfläche treffen sie auch auf Hörende Kunden – mit diesen reden sie mit Händen und Gesichtern.


Bildschirmfoto-2019-05-23-um-15.10.02.png
21/Sep/2019

Dr. Aleksandra Kupferberg, Professor Dr. Tilo Strobach, Jan-Patric Schmid, Professor Dr. Elke Kalbe – Veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Hörakustik” 05.2019, Median-Verlag

 

Zur Verbesserung der Akzeptanz von Hörgeräten und zur Vorbeugung kognitiver Einschränkungen besonders bei älteren Schwerhörigen kommt der Audio- oder Hörtherapie eine bedeutende Rolle zu. Als Grundlage für diese Rehabilitationsform dient die Erkenntnis, dass Strukturen der Hörverarbeitung auch im hohen Alter noch regenerationsfähig und damit trainierbar sind. Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit, sich als Reaktion auf Erfahrungen strukturell und physiologisch zu verändern. Diese sogenannte Plastizität bleibt über die gesamte Lebensdauer bis zu einem gewissen Grad erhalten. Das auditorische Training ist darauf ausgelegt, diese lebenslange Plastizität des Gehirnes als Reaktion auf eine strukturierte auditorische Stimulation zu nutzen.

Hörverlust rechtzeitig behandeln

Einer neuen Studie zufolge wird sich die Zahl der Erwachsenen in den Vereinigten Staaten von Amerika, die 20 Jahre oder älter sind und an Hörverlust leiden, in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich fast verdoppeln (Goman et al. 2017). Wie bei den meisten Krankheiten und Störungen führt auch die frühzeitige Erkennung des Hörverlustes zu den besten Behandlungseffekten. Viele Hörgeschädigte warten jedoch Jahre, bevor sie sich einem Hörtest beziehungsweise einer Behandlung unterziehen, sodass die Folgen eines langfristigen sensorischen Mangels nicht mehr kompensiert und rückgängig gemacht werden können. Denn die jahrelange sensorische Deprivation kann mit einem beschleunigten kognitiven Verfall in Verbindung stehen, der das Sprachverstehen zusätzlich erschwert (Amieva et al. 2015).

Zu den degenerativen Veränderungen am Hörorgan selbst kommen beginnende Abbauprozesse hinzu, die sich negativ auf das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit auswirken. Das Sprachverständnis in lauter Umgebung vermindert sich daher selbst dann, wenn der periphere Hörverlust geringfügig ist. So gibt es Hinweise darauf, dass ältere Erwachsene mit Hörverlust ein schlechteres Sprachverstehen haben als junge Erwachsene mit gleich gutem Gehör (Wingfield et al. 2005). Das könnte mitunter daran liegen, dass die Sprachverarbeitung bei älteren Personen andere neuronale Netzwerke aktiviert als bei jüngeren Personen. So zeigen bildgebende Studien bei älteren Erwachsenen eine geringere Aktivität in kortikalen auditorischen Regionen als bei jüngeren Erwachsenen, wenn ihnen Wörter vorgespielt werden (Cliff et al. 2013) beziehungsweise wenn sie Sprache im Hintergrundgeräusch verstehen müssen (Bilodeau-Mercure et al. 2015, Manan et al. 2015, Wong et al. 2009).

Obwohl die Neuroplastizität im Alter abnimmt, hat die Wiederherstellung des Gehöres durch eine Hörgeräteversorgung auch bei älteren Erwachsenen erhebliche positive Auswirkungen auf ihren kognitiven Status. Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass Teilnehmer im Alter von 80 bis 99 Jahren, die eine Hörhilfe verwendeten, bei kognitiven Tests deutlich besser abschnitten als Teilnehmer, die keine Hörhilfe verwendeten (Qian et al. 2016). Hörgeräte können schwerhörigen Senioren auch helfen, trotz ihrer Einschränkung am sozialen Leben teilzuhaben, sodass ihre Lebensqualität steigt. So hatten sich bereits nach drei Monaten Hörgerätenutzung viele psychosoziale und kognitive Funktionen verbessert, und Probleme des Alltagslebens konnten durch erfolgreiche Kommunikation gelöst werden (Acar et al. 2011, de Miranda et al. 2008).

Ein anderer Grund, der dafür spricht, eine Hörgeräteversorgung nicht hinauszuzögern, ergibt sich im eventuell später eintreffenden Fall einer Indikation für ein Cochlea-Implantat (CI). Betroffene, die in den Jahren vor einer erfolgten Cochlea-Implantation ihre starke bis hochgradige Schwerhörigkeit durch Hörgeräte zumindest teilweise ausgeglichen haben, erzielen beim Sprachverstehen mit CI ein besseres Ergebnis (Lazard et al. 2012). Das deutet darauf hin, dass selbst eine minimale auditorische Stimulation sich positiv auf die Erhaltung der für die Sprachverarbeitung relevanten Prozesse auswirkt (Lazard et al. 2012). Es wird zudem spekuliert, dass Hörgeräte eine schützende Wirkung gegen unvorteilhafte Plastizität haben, wie zum Beispiel die Übernahme von Hörarealen durch visuelle Verarbeitungskomponenten (Doucet et al. 2006). Daher sollten Patienten mit einem Hörverlust ermutigt werden, so regelmäßig wie möglich ihre Hörgeräte zu tragen, bevor sie beginnen, sich intensiv an ihre Beeinträchtigung anzupassen.

Hörgeräte werden oft nicht genutzt

Obwohl Hörgeräte Schwerhörigen helfen, besser am sozialen Leben teilzuhaben, kommen diese oft spät und bei manchen auch gar nicht zum Einsatz.

Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit benutzen schätzungsweise 80 Prozent der von Schwerhörigkeit betroffenen Erwachsenen im Alter von 54 bis 75 Jahren ihre Hörgeräte nicht regelmäßig oder überhaupt nicht (McCormack und Fortnum 2013). Einer der meistgenannten Gründe dafür ist, dass die Betroffenen keinen subjektiven Nutzen der Hörgeräteversorgung empfinden. Das Sprachverstehen bei Hintergrundgeräuschen fällt zunehmend schwer mit dem steigenden Alter (Cardin 2016). Um dieses Phänomen zu untersuchen, wurden zwölf ältere Versuchspersonen (61–76 Jahre), die eine normale Hörschwelle hatten, mit Sprachnachrichten beschallt (Hwang et al. 2007). Diese Beschallung fand ohne und mit Hintergrundgeräuschen statt. Währenddessen haben die Autoren dieser Studie mithilfe der Kernspintomographie die Aktivität im Gehirn der Probanden beobachtet. Im Vergleich zu zwölf jungen normal hörenden Personen zeigten ältere Probanden eine geringere Aktivierung im auditorischen Kortex beim Sprachverstehen ohne Störgeräusche. Beim Sprachverstehen mit Störgeräuschen wurde der Unterschied in der Aktivierung noch signifikanter. Im Vergleich zu den jungen Probanden hat sich bei älteren Probanden die Aktivierung noch weiter verkleinert. Die zentrale Sprachverarbeitung verschlechtert sich also im Alter und die Aufmerksamkeit wird verstärkt für die Entschlüsselung von Lauten benötigt. Dadurch nehmen die Merkfähigkeit und die Fähigkeit, gleichzeitig andere Aufgaben auszuführen, ab (Eckert et al. 2012, Thai-Van et al. 2010). Zur Kompensation werden im Gehirn die Bereiche des prä-frontalen und parieto-temporalen Cortex aktiviert (Amieva et al. 2015). Daher können die Hörgeräte vor allem in Situationen mit kompetitiven Geräuschen oder in lauter Umgebung, wie bei einem Essen im Restaurant oder auf einer viel befahrenen Straße, das Sprachverständnis nicht immer ausreichend abdecken – trotz der ständigen Verbesserungen der Hersteller in Bezug auf die Geräuschreduzierungssysteme (Lupsakko et al. 2005).

Hinzu kommt, dass trotz erheblicher technologischer Fortschritte in der Digitaltechnik Hörgeräte nicht immer in der Lage sind, akustische Verzerrungen durch beeinträchtigte Frequenzauflösung und mangelndes Sprachverständnis in lauter Umgebung vollständig zu kompensieren (Gil und Iorio 2010, Olson 2015). Aus diesem Grund kann das Zusammenspiel von peripherem Hörverlust und einem zentralen Hördefizit zur Unzufriedenheit der Patienten mit ihren Hörgeräten beitragen. Die Verbesserung des Gehöres mittels Hörgeräten stellt also unter Umständen nur den ersten Schritt einer Maßnahme respektive einer Behandlung dar. Die erfolgreiche Rehabilitation hängt maßgebend von der Fähigkeit des zentralen auditorischen Systems ab, spektrale und zeitliche Informationen, die im Sprachsignal enthalten sind und vom Hörgerät geliefert werden, darzustellen und zu integrieren.

Es wird davon ausgegangen, dass zwei Formen der Plastizität auftreten, wenn eine Person mit einem Hörgerät versorgt ist. Erstens, wenn ein Hörgerät die Intensität eines Signals erhöht, werden Gehirnregionen im zentralen auditorischen System, die vorher nicht genutzt wurden, wieder stimuliert und beteiligen sich an der Integration der auditorischen Signale. Diese Annahme basiert auf Hinweisen aus Tierversuchen, die zeigen, dass die elektrische und akustische Stimulation eines beeinträchtigten Gehöres auch das zentrale auditorische System verändert (Chang und Merzenich 2003, Kral et al. 2002, Kurkela et al. 2016). Zweitens verändern Hörgeräte die Akustik eines Reizes und liefern ein modifiziertes Signal an das reorganisierte auditorische System. Das führt zu einem anderen Aktivierungsmuster in neuronalen Netzwerken. Beispielsweise ändert sich die Art und Weise, wie spektrale und zeitliche Informationen entlang der Hörbahn kodiert werden. Wenn die für die Verarbei- tung der hohen Frequenzen verantwortlichen Zellen geschädigt sind, reagieren oft intakte Bereiche der tonotopen Karte, die an den beeinträchtigten Hochfrequenzbereich angrenzen. So verändert sich beispielsweise der Klang der Sprache.

Sprachverständnis und auditorisches Training

Einige der Wahrnehmungsschwierigkeiten und Leistungsschwankungen bei Hörgeräte- oder CI-Trägern können mit der Schwierigkeit zusammenhängen, die durch die Technik verzerrten Signale zu nutzen. Der Grad des Nutzens, den eine bestimmte Person von einem Hörgerät oder Cochlea-Implantat erhält, kann zum Teil von der Fähigkeit des zentralen auditorischen Systems abhängen, sich an die von dem Gerät gelieferten veränderten Signale anzupassen. Ein Hörtraining kann dazu dienen, dem Gehirn bei dieser Anpassung zu helfen und neue neuronale Muster mit bestehenden auditorischen Erinnerungen zu verbinden.

Durch das auditorische Training können Veränderungen in der Gehirnphysiologie stattfinden, die mit einer verbesserten Wahrnehmung einhergehen, wie Studien an Ratten (Villers-Sidani et al. 2010) und Menschen (Anderson et al. 2013, Filippini et al. 2012, Gil und Iorio 2010, Tremblay et al. 2001, Tremblay et al. 2009) zeigen konnten. Dies geschieht möglicherweise zum einen durch Vergrößerung der Anzahl von Neuronen, die auf Schallreize reagieren, und zum anderen durch verbesserte neuronale Synchronität. Tierexperimentell konnte die Plastizität im auditorischen System durch ein Hörtraining bereits direkt nachgewiesen werden. So wurden bei Meerschweinchen mittels Konditionierung durch definierte akustische Reize die kortikalen Veränderungen des zentralen Hörsystems untersucht (Bakin und Weinberger 1990). Nach dem Hörtraining fanden sich unter anderem ein besseres Signal-Antwort-Verhalten der „trainierten“ Neurone und ein schlechteres Signal-Antwort- Verhalten der Neurone, die nicht akustisch stimuliert worden waren. Die kortikalen Veränderungen waren bis zu acht Wochen nach dem Training nachweisbar. Sie waren durch eine größere Dichte der Neuronen, die im sensorischen Feld reagieren, eine verbesserte neuronale Synchronisation und die Zunahme autonomer Prozesse einzelner Neuronen gekennzeichnet (Tremblay 2005). Weiterhin können durch das Training neuronale Prozesse in Gang gesetzt werden, bei denen die Aktivität zwischen Neuronen entkoppelt wird, wodurch sich jedes Neuron im Vergleich zu den anderen Neuronen so spezifisch wie möglich verhält. Auf diese Weise führt das Training dazu, dass die Darstellung der einzigartigen Eigenschaften jedes akustischen Reizes maximiert wird.

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass sich auch die selektive Wahrnehmung von Sprache bei Hintergrundgeräusch durch Training mit Wörtern oder Sätzen verbessern lässt (Burk und Humes 2007, Burk et al. 2006, Cainer et al. 2008, Yund und Woods 2010). Die dafür verantwortlichen biologischen Mechanismen sind bereits durch kurzes Training formbar, und die Effekte sind sogar noch Monate nach dem Training sichtbar (Song et al. 2012).

Studien haben gezeigt, dass Übungen zum Sprachverstehen im Hintergrundgeräusch das Sprachverständnis im Lärm verbessern und so Ressourcen für andere Aufgaben freigeben können (Sullivan et al. 2013). Ergebnisse einer Untersuchung haben Hinweise geliefert, dass bereits ein kurzes realitätsnahes Trainingsprogramm physiologische Veränderungen bewirkt, die die Sprachwahrnehmung im Lärm unterstützen könnten (Song et al. 2012). Man nimmt an, dass durch erhöhte Anforderungen von lebensnahen Aufgaben, die zum Beispiel semantisch und syntaktisch komplexe Sätze, auditorisches Arbeitsgedächtnis und selektive Aufmerksamkeit trainieren, kortikale Prozesse in Gang gesetzt werden, welche die Signalwege zwischen dem peripheren und dem zentralen Nervensystem robuster machen.

Training kann langfristige Effekte auf die kognitiven Fähigkeiten haben. Es gibt Hinweise, dass anspruchsvolle und vielfältige Tätigkeiten eine höhere Leistungsfähigkeit fördern können, die bis ins hohe Alter erhalten bleibt (Acevedo und Loewenstein 2007, Strobach und Karbach 2016). Um dem altersbedingten kognitiven Rückgang und Demenz vorzubeugen, haben sich Interventionen, die eine zunehmende komplexe mentale Aktivität fördern, als vielversprechend erwiesen. Einige Studien deuteten darauf hin, dass Personen mit einem höheren Maß an geistiger Aktivität eine reduzierte Rate des kognitiven Abbaues verzeichnen (Valenzuela und Sachdev 2006a, Valenzuela & und Sachdev 2006b). Diese Tatsache unterstützt die Hypothese, dass das Gehirn dazu fähig ist, pathologische altersabhängige Veränderungen auszugleichen. Diese Kompensationsfähigkeit wird als kognitive Reserve bezeichnet. Man nimmt an, dass mental stimulierende Aktivitäten wie höhere Bildung, berufliche Leistung und vielfältige Freizeitaktivitäten zu den Faktoren gehören, die zur kognitiven Reserve beitragen (Verghese et al. 2003, Wilson et al. 2002). Das Gehirn kann sich nämlich an die höheren Anforderungen und eine komplexere Umwelt anpassen. Bei Primaten und Nagetieren wurden zum Beispiel die Steigerung der Synapsenzahl und eine bessere neuronale Organisation als Antwort auf eine Bereicherung der Lebensumgebung gezeigt (Milgram et al. 2006).

Sprachverständnis und kognitives Training

Beim Trainieren von Sprachverständnis muss beachtet werden, dass die Hörleistung multimodal ist, das heißt, sie setzt sich aus verschiedenen Aspekten und kognitiven Fähigkeiten zusammen. Folgende Prozesse sind ausschlaggebend für das gute Sprachverstehen:

  1. Schall-Lokalisation, für welche eine gute Hörfähigkeit beider Ohren notwendig ist.
  2. Auditive Selektion, bei der das Sprachsignal aus verschiedenen Nebengeräuschen und Gesprächen von anderen Personen herausgefiltert wird.
  3. Auditive Separation (dichotisches Hören), bei der gleichzeitig auf beiden Ohren einlaufende, aber unterschiedliche Schallsignale, wie zum Beispiel zwei Wörter, in der Hörbahn voneinander unabhängig verarbeitet werden.
  4. Auditive Differenzierung, bei der das Gehirn ähnlich klingende Schallereignisse voneinander unterscheiden muss.
  5. Auditive Analyse, die es uns ermöglicht, aus Wörtern Einzellaute heraushören zu können.
  6. Auditives Gedächtnis, wodurch die gehörte Information für die bewusste Verarbeitung kurzfristig oder langfristig gemerkt werden soll.

Einige dieser Fähigkeiten und Komponenten, wie zum Beispiel die auditive Selektion und das auditive Gedächtnis, nehmen mit zunehmendem Alter ab und müssen deswegen gezielt trainiert werden. In mehreren Studien wurde bereits gezeigt, dass ein regelmäßiges computerbasiertes Training zur Verbesserung der Aufmerksamkeit (O’Brien et al. 2017), des Arbeitsgedächtnisses (Anderson et al. 2013, Smith et al. 2009, Strobach und Huestegge 2017, Willis et al. 2006) und der Verarbeitungsgeschwindigkeit (Anderson et al. 2013) beiträgt und so zu einer kognitiven Leistungssteigerung führen kann (Burk und Humes 2008, Stecker et al. 2006). Selbst nach zwölf Monaten waren die positiven Effekte eines multimodalen Trainings auf das Gedächtnis bei Personen im Alter von 65 bis 75 Jahren immer noch deutlich sichtbar (Cheng et al. 2012). Weiterhin hat sich das Training positiv auf die neuronale Zeitverzögerung der Signale im Gehirn ausgewirkt (Anderson et al. 2013).

Hörtraining kann nicht nur dazu beitragen, die Akzeptanz von Hörgeräten zu verbessern, sondern auch kognitiven Einschränkungen vorbeugen.

Eine der größten klinischen Studien zu Wirksamkeit und Nachhaltigkeit kognitiver Interventionen auf die kognitive Leistungsfähigkeit umfasste 2 802 gesunde ältere Menschen im Alter von 65 bis 94 Jahren (Ball et al. 2002). Je nach Probandengruppe wurden drei kognitive Bereiche – verbales episodisches Gedächtnis, Problemlösung und Verarbeitungsgeschwindigkeit – in einem Zeitraum von sechs Wochen in zehn 60-minütigen Trainingseinheiten trainiert. Die Ergebnisse zeigten, dass jede dieser Trainingsmaßnahmen zu domänenspezifischen Verbesserungen der grundlegenden kognitiven Messungen führt. Darüber hinaus blieben die domänenspezifischen Verbesse- rungen fünf Jahre nach der Intervention nachweisbar (Willis et al. 2006). Man muss jedoch beachten, dass für das optimale Ergebnis das Training über mehrere Wochen oder Monate durchgeführt werden muss (Eckroth-Bucher und Siberski 2009, Mahncke et al. 2006, Smith et al. 2009). Eine andere umfangreiche Onlinefeldstudie auf dem Gebiet des kognitiven Trainings, die Ergebnisse von 11 430 Teilnehmern analysierte, hat nämlich gezeigt, dass ein circa zehnminütiges Training dreimal die Woche zwar zu Leistungssteigerungen bei den geübten Aufgaben führte, aber die allgemeine Leistungsfähigkeit der Probanden nicht verbessert hat (Owen et al. 2010). Daher ist es unklar, ob durch das Training erzielte Leistungsverbesserungen auch auf andere, nicht trainierte Aufgaben übertragen werden können beziehungsweise es zur generellen Verbesserung der kognitiven Funktionen kommt ( Transfereffekte). Obwohl das Gehirn in Bezug auf Training oft mit einem Muskel verglichen wird, kann es im Gegensatz zum Muskel nicht als Ganzes trainiert werden. Trainingseffekte beziehen sich also auf die trainierten Aufgaben.

Eine Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit für die Transfereffekte zu erhöhen, besteht darin, Strategien zur Aufgabenlösung zu trainieren (Persson und Reuter-Lorenz 2008). Außerdem gibt es Hinweise, dass längere Trainingsperioden und mehr Trainingseinheiten größere Transfererfolge ermöglichen (Jaeggi et al. 2008). Ein weiterer Faktor, der Transfereffekte zu begünstigen scheint, sind hohe Wiederholungszahlen gleicher Aufgaben (Zelinski 2009). Auch die individuelle und ständige Anpassung der Schwierigkeit der Trainingsaufgaben an die Leistung der Probanden (Edwards et al. 2002, Olesen et al. 2003) und Aufgabenvariabilität spielen eine Rolle (Schmiedek 2010). Daher sollten für die Trainingskonzeption die Trainingsparameter und die Aufgabenkriterien sehr sorgfältig gestaltet beziehungsweise ausgewählt werden, um die gewünschten Effekte zu erzielen.

Fazit und Ausblick

Obwohl es durchaus Evidenz dafür gibt, dass kognitives auditorisches Training die Spracherkennung und die Kommunikation um bis zu 80 Prozent verbessert (Ferguson und Henshaw 2015), ist es nicht einfach, festzustellen, welche Veränderungen im zentralen auditorischen System während des Trainings stattfinden und welche Verbesserungen in der Kommunikation durch sie zustande kommen. Allerdings ist jeder Prozess, der einer Verbesserung der Hörfähigkeit, Steigerung des Selbstvertrauens, Minderung der Ermüdung und besserer sozialer Integration dient, von entscheidender Bedeutung, unabhängig von der Art und Weise, wie die positiven Ergebnisse erreicht werden.

Viele Trainingsstudien zeigen statistisch signifikante Leistungsverbesserungen in den trainierten Aufgaben. Dennoch sind die Effekte beim Transfer zu verwandten kognitiven Konstrukten umstritten. Aktuelle Studien zeigen, dass diese Effekte von der Art und Dauer des Trainings, den methodischen Ansätzen und den verwendeten Forschungsdesigns abhängen, weshalb es wichtig ist, methodische Anforderungen an gut kontrollierte Trainingsstudien zu beachten.

In der Zukunft wird es vielleicht möglich sein, ein Hörtraining pharmakologisch zu unterstützen. Weiterhin bleibt es spannend abzuwarten, ob eventuell durch eine transkranielle Magnetstimulation, eine transkranielle Gleichstromstimulation oder ähnliche nichtinvasive Maßnahmen ein Hörtraining sinnvoll unterstützt werden kann. Zukünftige epidemiologische und grundlagenorientierte Forschung sollte darauf abzielen, Faktoren zu spezifizieren, die einen protektiven Effekt auf die psychische Stabilität der Betroffenen mit Schwerhörigkeit darstellen. Außerdem sollte die Behandlung von Hörverlust als Mittel zur Prävention von psychiatrischen Störungen und neurodegenerativen Erkrankungen in sorgfältig konzipierten Studien untersucht werden. Multimodale Neurobildgebungsstudien, die audiometrische, neuropsychologische und klinische Untersuchungen integrieren, sind ebenfalls erforderlich, um das aktuelle Wissen zu erweitern und neue Therapiemodelle zu schaffen.


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und ist momentan der wissenschaftliche Kopf des KOJ-Hearing-Research-Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigte sie sich mit den neuronalen Grundlagen des Intentionsverstehens und verwendete bildgebende Methoden, um relevante Gehirnstrukturen aufzuzeigen. Beim KOJ- Hearing-Research-Center führt sie klinische Studien durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Altersschwerhörigkeit, neuronaler Plastizität, kognitives Training und gesundes Altern.

 

Professor Dr. Tilo Strobach

Professor Dr. Tilo Strobach studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin und untersuchte in seiner Promotion die Mechanismen der Optimierung von Doppelaufgabenleistung als Resultat von Übung. Nach einem Postdoktorat an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2009–2011) und an der Humboldt-Universität zu Berlin (2011–2014) sowie einer Vertretungsprofessur an der Fernuniversität in Hagen und einer Gastprofessur an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt ist er seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Zu den Forschungsschwerpunkten von Tilo Strobach zählt die Analyse von kognitiver Plastizität als Resultat von Training (zum Beispiel Videospiel-, Doppelaufgaben-, Arbeitsge- dächtnis- und Aufgabenwechseltraining) und von kognitivem Altern.

 

Professor Dr. Elke Kalbe

Professorin Dr. Elke Kalbe ist seit 2015 Professorin für Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik Köln. Sie studierte Psychologie, Linguistik, Phonetik an der Universität Bonn und promovierte sowie habilitierte im Fach Psychologie an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen verschiedene Aspekte zum Thema „Kognition im Alter“, unter anderem neuropsychologische Änderungen bei Menschen mit der Parkinson- oder Alzheimerkrankheit, Demenz, kognitionsbasierten Interventionen, neuropsychologische Demenzdiagnostik und funktionelle Hirnbildgebung. Kalbe wurde 2011 von der Universität Witten/Herdecke mit dem Preis für die Hirnforschung ausgezeichnet und erhielt 2014 einen Forschungspreis der Deutschen Parkinsongesellschaft.

 

Dipl.-Ing. Jan-Patric Schmid

Diplom-Ingenieur Jan-Patric Schmid ist Gründer und leitender Entwickler im KOJ-Hearing-Research-Center. Für KOJ entwirft und konstruiert er seit 2013 Lerncomputer, die für eine breite Gruppe an Benutzern universell und intuitiv bedienbar sind. Er entwickelt interaktives und adaptives E-Learning, mit dem Hörbeeinträchtigte ein auditiv-kognitives Training durchführen. Die dabei gesammelten Daten und Rückmeldungen werden sowohl für die Hörakustik als auch für den Lernprozess selbst nutzbar gemacht.

 

 

 

Referenzen:

  • Acar B, Yurekli MF, Babademez MA, Karabulut H, Karasen RM (2011) Effects of hearing aids on cognitive functions and depressive signs in elderly people. In: Archives of Gerontology and Geriatrics 52 (3), S. 250–252, https://doi. org/10.1016/j.archger.2010.04.013
  • Acevedo A, Loewenstein D (2007) Nonpharmacological cognitive interventions in aging and dementia. In: Journal of Geriatric Psychiatry and Neurology 20 (4), S. 239–249, https://doi.org/10.1177/0891988707308808
  • Amieva H, Ouvrard C, Giulioli C, Meillon C, Rullier L, Dartigues, J-F (2015) Self‐ Reported Hearing Loss, Hearing Aids, and Cognitive Decline in Elderly Adults: A 25‐Year Study. In: Journal of the American Geriatrics Society 63 (10), S. 2099–2104, https://doi.org/10.1111/jgs.13649
  • Anderson S, White-Schwoch T, Choi HJ, Kraus N (2013) Training changes pro- cessing of speech cues in older adults with hearing loss. In: Frontiers in Systems Neuroscience, 7, 97, https://doi.org/10.3389/fnsys.2013.00097
  • Anderson S, White-Schwoch T, Parbery-Clark A, Kraus N (2013) Reversal of age- related neural timing delays with training. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 110 (11), S. 4357–4362, https://doi.org/10.1073/pnas.1213555110
  • Bakin JS, Weinberger NM (1990) Classical conditioning induces CS-specific receptive field plasticity in the auditory cortex of the guinea pig. In: Brain Research 536 (1–2), S. 271–286
  • Ball K, Berch DB, Helmers KF, Jobe JB, Leveck MD, Marsiske M, Morris JN, Rebok GW, Smith DM, Tennstedt SL, Unverzagt FW, Willis SL (2002) Effects of Cog- nitive Training Interventions With Older Adults: A Randomized Controlled Trial. In: JAMA 288 (18), S. 2271–2281, https://doi.org/10.1001/jama.288.18.2271
  • Bilodeau-Mercure M, Lortie CL, Sato M, Guitton MJ, Tremblay P (2015) The neurobiology of speech perception decline in aging. In: Brain Structure & Function 220 (2), S. 979–997, https://doi.org/10.1007/s00429-013-0695-3
  • Binzer SM (2002) The Future of the Past in Aural Rehabilitation. In: Seminars in Hearing, 23 (01), S. 3–12, https://doi.org/10.1055/s-2002-24972
  • Burk MH, Humes LE (2007) Effects of training on speech recognition perfor- mance in noise using lexically hard words. In: Journal of Speech, Language, and Hearing Research (JSLHR) 50 (1), S. 25–40, https://doi.org/10.1044/ 1092-4388(2007/003)
  • Burk MH, Humes LE (2008) Effects of Long-Term Training on Aided Speech- Recognition Performance in Noise in Older Adults. In: Journal of Speech, Language, and Hearing Research (JSLHR) 51 (3), S. 759–771, https://doi.org/ 10.1044/1092-4388(2008/054)
  • Burk MH, Humes LE, Amos NE, Strauser LE (2006) Effect of Training on Word- Recognition Performance in Noise for Young Normal-Hearing and Older Hearing-Impaired Listeners. In: Ear and Hearing 27 (3), S. 263, https://doi. org/10.1097/01.aud.0000215980.21158.a2
  • Cainer KE, James C, Rajan R (2008) Learning speech-in-noise discrimination in adult humans. In: Hearing Research 238 (1–2), S. 155–164, https://doi. org/10.1016/j.heares.2007.10.001
  • Cardin V (2016) Effects of Aging and Adult-Onset Hearing Loss on Cortical Auditory Regions. In: Frontiers in Neuroscience 10, https://doi.org/10.3389/ fnins.2016.00199
  • Chang EF, Merzenich MM (2003) Environmental noise retards auditory cortical development. In: Science 300 (5618), S. 498–502, https://doi.org/10.1126/ science.1082163
  • Cheng Y, Wu W, Feng W, Wang J, Chen Y, Shen Y, Li Q, Zhang X, Li C (2012) The effects of multi-domain versus single-domain cognitive training in non- demented older people: a randomized controlled trial. In: BMC Medicine 10, 30, https://doi.org/10.1186/1741-7015-10-30
  • Cliff M, Joyce DW, Lamar M, Dannhauser T, Tracy DK, Shergill SS (2013) Aging effects on functional auditory and visual processing using fMRI with variable sensory loading. In: Cortex; a Journal Devoted to the Study of the Nervous System and Behavior 49 (5), S. 1304–1313, https://doi.org/10.1016/j.cortex. 2012.04.003
  • de Miranda EC, Gil D, Iório MCM (2008) Formal auditory training in elderly hea- ring aid users. In: Brazilian Journal of Otorhinolaryngology 74 (6), S. 919–925, https://doi.org/10.1016/S1808-8694(15)30154-3
  • Eckert MA, Cute SL, Vaden KI, Kuchinsky SE, Dubno JR (2012) Auditory cortex signs of age-related hearing loss. In: Journal of the Association for Research in Otolaryngology (JARO) 13 (5), S. 703–713, https://doi.org/10.1007/ s10162-012-0332-5
  • Eckroth-Bucher M, Siberski J (2009) Preserving cognition through an integrated cognitive stimulation and training program. In: American Journal of Alzheimer’s Disease and other Dementias 24 (3), S. 234–245, https://doi.org/10.1177/ 1533317509332624
  • Edwards JD, Wadley VG, Myers RS, Roenker DL, Cissell GM, Ball KK (2002) Trans- fer of a Speed of Processing Intervention to Near and Far Cognitive Functions. In: Gerontology 48, S. 329–340
  • Ferguson MA, Henshaw H (2015) Auditory training can improve working me- mory, attention, and communication in adverse conditions for adults with hearing loss. In: Frontiers in Psychology 6, https://doi.org/10.3389/fpsyg. 2015.00556
  • Filippini R, Befi-Lopes DM, Schochat E (2012) Efficacy of Auditory Training Using the Auditory Brainstem Response to Complex Sounds: Auditory Processing Disorder and Specific Language Impairment. In: Folia Phoniatrica et Logo- paedica 64 (5), S. 217–226, https://doi.org/10.1159/000342139
  • Geers A (2002) New Frontiers in the Amelioration of Hearing Loss: Part I-Aural Rehabilitation and Sensory Aids. In: Seminars in Hearing 23 (01), S. 1–2, https://doi.org/10.1055/s-2002-24971
  • Gil D, Iorio MCM (2010) Formal auditory training in adult hearing aid users. In: Clinics 65 (2), S. 165–174, https://doi.org/10.1590/S1807-59322010000200008
  • Goman AM, Reed NS, Lin FR (2017) Addressing Estimated Hearing Loss in Adults in 2060. In: JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery 143 (7), S. 733–734, https://doi.org/10.1001/jamaoto.2016.4642
  • Hwang J-H, Li C-W, Wu C-W, Chen J-H, Liu, T-C (2007) Aging effects on the ac- tivation of the auditory cortex during binaural speech listening in white noise: an fMRI study. In: Audiology & Neuro-Otology 12 (5), S. 285–294, https://doi.org/10.1159/000103209
  • Jaeggi SM, Buschkuehl M, Jonides J, Perring WJ (2008) Improving fluid intelli- gence with training on working memory. In: Proceedings of the National Academy of Science 105, S. 6829–6833
  • Kral A, Hartmann R, Tillein J, Heid S, Klinke R (2002) Hearing after congenital deafness: central auditory plasticity and sensory deprivation. In: Cerebral Cortex 12 (8), S. 797–807
  • Kurkela JLO, Lipponen A, Hämäläinen JA, Näätänen R, Astikainen P (2016) Pas- sive exposure to speech sounds induces long-term memory representations in the auditory cortex of adult rats. In: Scientific Reports 6, 38904, https:// doi.org/10.1038/srep38904
  • Lazard DS, Vincent C, Venail F, Van de Heyning P, Truy E, Sterkers O, Skarzynski PH, Skarzynski H, Schauwers K, O‘Leary S, Mawman D, Maat B, Kleine-Punte A, Huber AM, Green K, Govaerts PJ, Fraysse B, Dowell R, Dillier N, Burke E, Beynon A, Bergeron F, Başkent D, Artières F, Blamey PJ (2012) Pre-, Per- and Postoperative Factors Affecting Performance of Postlinguistically Deaf Adults Using Cochlear Implants: A New Conceptual Model over Time. In: PLOS ONE 7 (11), e48739, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0048739
  • Lupsakko TA, Kautiainen HJ, Sulkava R (2005) The non-use of hearing aids in people aged 75 years and over in the city of Kuopio in Finland. In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology: Official Journal of the European Fede- ration of Oto-Rhino-Laryngological Societies (EUFOS): Affiliated with the German Society for Oto-Rhino-Laryngology – Head and Neck Surgery 262 (3), S. 165–169, https://doi.org/10.1007/s00405-004-0789-x
  • Mahncke HW, Connor BB, Appelman J, Ahsanuddin ON, Hardy JL, Wood RA, Joyce NM, Boniske T, Atkins SM, Merzenich MM (2006) Memory enhancement in healthy older adults using a brain plasticity-based training program: A randomized, controlled study. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 103 (33), S. 12523–12528, https://doi.org/10.1073/pnas.0605194103
  • Manan HA, Franz EA, Yusoff AN, Mukari SZ-MS (2015) The effects of aging on the brain activation pattern during a speech perception task: an fMRI study. In: Aging Clinical and Experimental Research 27 (1), S. 27–36, https://doi. org/10.1007/s40520-014-0240-0
  • McCormack A, Fortnum H. (2013) Why do people fitted with hearing aids not wear them? In: International Journal of Audiology 52 (5), S. 360–368, https:// doi.org/10.3109/14992027.2013.769066
  • Milgram NW, Siwak-Tapp CT, Araujo J, Head E (2006) Neuroprotective effects of cognitive enrichment. In: Ageing Research Reviews 5 (3), S. 354–369, https://doi.org/10.1016/j.arr.2006.04.004
  • O’Brien JL, Lister JJ, Fausto BA, Clifton GK, Edwards JD (2017) Cognitive Training Enhances Auditory Attention Efficiency in Older Adults. In: Frontiers in Aging Neuroscience 9, https://doi.org/10.3389/fnagi.2017.00322
  • Olesen PJ, Westerberg H, Klingberg T (2003) Increased prefrontal and parietal activity after training of working memory. In: Nature Neuroscience 7 (1), S. 75–79
  • Olson AD (2015) Options for Auditory Training for Adults with Hearing Loss. In: Seminars in Hearing 36 (4), S. 284–295, https://doi.org/10.1055/s-0035- 1564461
  • Owen AM, Hampshire A, Grahn JA, Stenton R, Dajani S, Burns AS, Howard RJ, Ballard CG (2010) Putting brain training to the test. In: Nature 465 (7299), S. 775
  • Persson J, Reuter-Lorenz PA (2008) Gaining Control. Training Executive Function and Far Transfer of the Ability to Resolve Interference. In: Psychological Science 19 (9), S. 881–888
  • Qian ZJ, Wattamwar K, Caruana FF, Otter J, Leskowitz MJ, Siedlecki B, Spitzer JB, Lalwani AK (2016) Hearing Aid Use is Associated with Better Mini-Mental State Exam Performance. In: The American Journal of Geriatric Psychiatry 24 (9), S. 694–702, https://doi.org/10.1016/j.jagp.2016.03.005
  • Schmiedek F, Lövden M, Lindenberger U (2010) Hundred days of cognitive training enhance broad cognitive abilities in adulthood: findings from the COGITO study. In: Frontiers in Aging, Neuroscience 2, Article 27
  • Smith GE, Housen P, Yaffe K, Ruff R, Kennison RF, Mahncke HW, Zelinski EM (2009) A Cognitive Training Program Based on Principles of Brain Plasticity: Results from the Improvement in Memory with Plasticity-based Adaptive Cognitive Training (IMPACT) Study. In: Journal of the American Geriatrics Society 57 (4), S. 594–603, https://doi.org/10.1111/j.1532-5415.2008.02167.x
  • Song JH, Skoe E, Banai K & Kraus N (2012) Training to Improve Hearing Speech in Noise: Biological Mechanisms. Cerebral Cortex, 22 (5), S. 1180–1190. https://doi.org/10.1093/cercor/bhr196
  • Stecker GC, Bowman GA, Yund EW, Herron TJ, Roup CM, Woods DL (2006) Perceptual training improves syllable identification in new and experienced
  • hearing aid users. In: Journal of Rehabilitation Research and Development 43 (4), S. 537–552
  • Strobach T, Huestegge L (2017) Evaluating the effectiveness of commercial brain game training with working-memory tasks. In: Journal of Cognitive Enhancement 1 (4), S. 539–558
  • Strobach T, Karbach J (2016) Cognitive training: An overview of features and applications. Springer, New York
  • Sullivan JR, Thibodeau LM, Assmann PF (2013) Auditory training of speech re- cognition with interrupted and continuous noise maskers by children with hearing impairment. In: The Journal of the Acoustical Society of America 133 (1), S. 495–501, https://doi.org/10.1121/1.4770247
  • Thai-Van H, Veuillet E, Norena A, Guiraud J, Collet L (2010) Plasticity of tonoto- pic maps in humans: influence of hearing loss, hearing aids and cochlear implants. In: Acta Oto-Laryngologica 130 (3), S. 333–337, https://doi.org/ 10.3109/00016480903258024
  • Tremblay KL (2005) Beyond the Ear: Physiological Perspectives on Auditory Rehabilitation. In: Seminars in Hearing 26 (3), S. 127–136, https://doi. org/10.1055/s-2005-916374
  • Tremblay KL, Kraus N, McGee T, Ponton C, Otis B (2001) Central Auditory Plasti- city: Changes in the N1-P2 Complex after Speech-Sound Training. In: Ear and Hearing 22 (2), S. 79
  • Tremblay KL, Shahin AJ, Picton T, Ross B (2009) Auditory training alters the physiological detection of stimulus-specific cues in humans. In: Clinical Neu- rophysiology 120 (1), S. 128–135, https://doi.org/10.1016/j.clinph.2008.10.005
  • Valenzuela MJ, Sachdev P (2006a) Brain reserve and cognitive decline: A non- parametric systematic review. In: Psychological Medicine 36 (8), S. 1065–1073, https://doi.org/10.1017/S0033291706007744
  • Valenzuela MJ, Sachdev P (2006b) Brain reserve and dementia: A systematic review. In: Psychological Medicine 36 (4), S. 441–454, https://doi.org/10.1017/ S0033291705006264
  • Verghese J, Lipton RB, Katz MJ, Hall CB, Derby CA, Kuslansky G, Buschke H (2003) Leisure Activities and the Risk of Dementia in the Elderly. In: New England Journal of Medicine 348 (25), S. 2508–2516, https://doi.org/10.1056/ NEJMoa022252
  • Villers-Sidani, E de, Alzghoul L, Zhou X, Simpson KL, Lin RCS, Merzenich MM (2010) Recovery of functional and structural age-related changes in the rat primary auditory cortex with operant training. Proceedings of the National Academy of Sciences 107 (31), S. 13900–13905, https://doi.org/10.1073/ pnas.1007885107
  • Willis SL, Tennstedt SL, Marsiske M, Ball K, Elias J, Koepke KM, ACTIVE Study Group (2006) Long-term effects of cognitive training on everyday functional outcomes in older adults. In: JAMA 296 (23), S. 2805–2814, https://doi. org/10.1001/jama.296.23.2805
  • Wilson RS, Mendes De Leon CF, Barnes LL, Schneider JA, Bienias JL, Evans DA, Bennett DA (2002) Participation in cognitively stimulating activities and risk of incident Alzheimer disease. In: JAMA 287 (6), S. 742–748
  • Wingfield A, Tun PA, McCoy SL (2005) Hearing Loss in Older Adulthood: What It Is and How It Interacts with Cognitive Performance. In: Current Directions in Psychological Science 14 (3), S. 144–148, abgerufen von JSTOR
  • Wong PCM, Jin JX, Gunasekera GM, Abel R, Lee ER, Dhar S (2009) Aging and cortical mechanisms of speech perception in noise. In: Neuropsychologia 47 (3), S. 693–703, https://doi.org/10.1016/j.neuropsychologia.2008.11.032
  • Yund EW, Woods DL (2010) Content and Procedural Learning in Repeated Sen- tence Tests of Speech Perception. In: Ear and Hearing 31 (6), S. 769, https:// doi.org/10.1097/AUD.0b013e3181e68e4a
  • Zelinski EM (2009) Far transfer in cognitive training of older adults. In: Resto- rative Neurology and Neuroscience 27, S. 455–471

Bildschirmfoto-2019-05-23-um-12.28.33.png
21/Sep/2019

Dr. Aleksandra Kupferberg und Professor Dr. Sascha Frühholz  – Veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Hörakustik” 01.2019, Median-Verlag

 

Nicht nur die Hörfähigkeit, sondern auch die geistige Leistungsfähigkeit lassen bei vielen Menschen im Alter nach. In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Studien publiziert, die einen Zusammenhang zwischen den beiden Entwicklungen aufzeigen. Viele Untersuchungen zeigen, dass unbehandelte Altersschwerhörigkeit negative Auswirkungen auf die physische Gesundheit und die kognitiven Fähigkeiten haben kann. Denn wenn das Gehirn über längere Zeit hinweg gewisse Höreindrücke nicht mehr empfängt, verlernt es, diese zu interpretieren und zu bewerten. Gerade im Alter ist aber gutes Hören für die Lebensqualität und geistige Fitness wichtig – man spielt öfter mit Enkelkindern auf dem lauten Spielplatz, besucht Vorträge und Veranstaltungen oder geht auf Studienreisen. Hörgeräte können den Rückgang der kognitiven Fähigkeiten aufhalten. Deswegen ist es wichtig, sich rechtzeitig um eine mögliche Behandlung zu kümmern.

Presbyakusis bewirkt eine Verringerung der Lebensqualität mit teilweise dramatischen Folgen, wie zum Beispiel räumliche Orientierungsstörungen, zu spätes Erkennen von Gefahren, erhöhte Sturzgefahr und soziale Isolation (Abbildung 1). Mögliche Konsequenzen von Hörverlust sind zudem Beeinträchtigungen der Merkfähigkeit, des Lernvermögens und der Leistungsfähigkeit im Beruf. Hörprobleme stellen große Anforderungen an kognitive Prozesse und Ressourcen. Viele gesellschaftliche Veranstaltungen finden in Besprechungsräumen, Restaurants und Gesellschaftsräumen statt, in denen ein hoher Geräuschpegel vorhanden ist. Die permanente Anstrengung, die wir beim Hören aufwenden müssen, schafft für schwerhörige Zuhörer eine frustrierende Situation, was sogar zur Minderung des Selbstwertgefühles führen kann (Hogan et al. 2015).

Beim anfänglichen Hörverlust ist das Gehirn noch in der Lage, die sprachlichen Lücken bei anstrengenden Hörsituationen auszugleichen, später jedoch nicht mehr. Am schwerwiegendsten ist jedoch meist, dass der Hörverlust den Betroffenen viele wertvolle und schöne Alltagsmomente raubt. Gespräche mit Freunden, Telefonate mit der Familie, Fernsehsendungen sowie das Hören der Lieblingsmusik im Radio werden nicht mehr als genussvoll, sondern nur noch als anstrengend empfunden. Aber auch der Verlust der Fähigkeit, Klänge zu geniessen, die man früher für selbstverständlich hielt, wie Naturgeräusche und die Stimmen nahestehender Personen, können die Stimmung trüben. Negative Kommunikationserfahrungen mit Normalhörenden, die auf den Schwerhörigen nicht eingehen, und erhöhte psychische Vulnerabilität können zur Reduzierung sozialer Aktivitäten führen. Das erhöht das Risiko für die Entwicklung psychischer Gesundheitsprobleme, wie zum Beispiel Depression und Phobie (Kvam et al. 2007). Der soziale Rückzug begünstigt wiederum die Entstehung von depressiven Gefühlen, Angst und Unsicherheit (Abbildung 1). Eine große Anzahl von Studien bringt Hörverlust auch mit Gedächtnisstörungen und Demenz in Verbindung.

Depression und Angst als Folgen von Hörminderung

Ein Essen in geselliger Runde stellt für hörgeschädigte Menschen eine grosse Herausforderung dar.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass schwere Hörschäden das Risiko einer Depression unabhängig von Alter, Geschlecht, Region, Krankengeschichte und Einkommen erhöhten (Kim et al. 2017). Bei Personen mit schwerem Hörverlust leiden 11,4 Prozent an Depressionen, bei Normalhörenden dagegen nur fünf Prozent. Dabei gab es keinen Unterschied zwischen den gehörlosen Patienten, die Gebärdensprache benutzten, und Patienten mit starker Schwerhörigkeit. Beide Gruppen gaben an, sich deutlich depressiver zu fühlen als die Personen aus der normal hörenden Vergleichsgruppe (Fellinger et al. 2007). Obwohl Depressionen bei Schwerhörigen jeden Alters auftreten können, sind 18- bis 69-Jährige am stärksten gefährdet (Li et al. 2014, Nachtegaal et al. 2009). Das kann daran liegen, dass die psychosozialen Auswirkungen im mittleren Alter vor allem im beruflichen Bereich besonders schwerwiegend sein können.

Die Schwerhörigkeit kann bei Patienten mit schweren oder hochgradigen Hörschäden auch Angstzustände bedingen (Abbildung 1). Schon milder Hörverlust erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine Angststörung um 32 Prozent (Contrera et al. 2017). Moderater bis starker Hörverlust führt sogar zu einem 59 Prozent erhöhten Risiko für Angstgefühle. Auch die Dauer des Hörverlustes hat eine Auswirkung auf den Grad der Angst und der Depression – je länger der Hörverlust, desto stärker sind die beiden Erkrankungen ausgeprägt (Cetin et al. 2010).

Sensorischer Entzug führt zu Psychose und Paranoia

Eine zwei Jahre alte Metaanalyse epidemiologischer Studien hat gezeigt, dass Schwerhörigkeit ein höheres Risiko für Halluzinationen, Wahnvorstellungen, psychotische Symptome und Paranoia darstellt (Almeida et al. 2018, Linszen et al. 2016). Eine Befragung im Rahmen einer allgemeinen Bevölkerungsstichprobe ergab, dass Hörverlust und Schwerhörigkeit mit dem Auftreten von Halluzinationen und/oder wahnhaften Vorstellungen drei Jahre später assoziiert sind (Thewissen et al. 2005). Hörschädigung im jungen Alter kann sogar die Entstehung einer Psychose begünstigen (Werf et al. 2011).

Spricht das für einen kausalen Zusammenhang? Es gibt mehrere Mechanismen, weswegen Kommunikationsschwierigkeiten zu einer Psychose führen können. Erstens sind soziale Isolation und Einsamkeit, die zu Spätfolgen von Hörverlust gehören, Risikofaktoren für die Entwicklung einer Psychose. Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass verbale Missverständnisse zu Fehlinterpretationen von sozialen Hinweisen und Kontextinformationen führen, was Gefühle der Paranoia hervorrufen kann. Wenn ein großer Teil der sprachlich vermittelten Informationen aufgrund der Schwerhörigkeit verloren geht oder reduziert wird, haben die Betroffenen Schwierigkeiten, die Emotionen und die geistigen Zustände ihrer Gesprächspartner zu verstehen. Der sensorische Entzug kann auch schon bei gesunden Menschen Halluzinationen verursachen, da der Anteil der äußeren Reize und Hinweise abnimmt und man das Geschehen in seiner Umwelt nicht mehr so präzise vorhersagen kann (Corlett et al. 2009). Auch könnten Schwierigkeiten bei der Lokalisierung der Schallquelle sowie Missdeutung von Geräuschen die Entstehung von Wahnvorstellungen begünstigen.

Emotionale Belastung durch Tinnitus

Hörverlust kann auch indirekt zu psychischen Störungen führen, weil er oft mit Tinnitus einhergeht (König et al. 2006, Mar- tines et al. 2010, Mazurek et al. 2010, Paul et al. 2016, Schaette and McAlpine 2011). Es besteht sogar eine starke Korrelation zwischen der Intensität des Tinnitus sowie klinischer Depression und Angst (Zöger et al. 2006). Das ständige Ohrgeräusch kann emotional sehr belastend sein. Eine italienische Studie hat vor Kurzem gezeigt, dass bei 45 Prozent der Studienteilnehmer mit Tinnitus die Symptome einer Angsterkrankung und bei 26,3 Prozent depressive Symptome festgestellt wurden (Fetoni et al. 2017). Patienten mit Tinnitus wiesen häufig auch Schallempfindlichkeit und Einschlafstörungen auf (Eysel-Gosepath and Selivanova 2005, Hébert et al. 2013, Wallhäusser-Franke et al. 2013).

Wie entsteht das Phantomgeräusch? Man geht davon aus, dass Tinnitus durch das Ausbleiben des normalen Inputs aus dem Innenohr bedingt wird. Wenn die Haarsinneszellen nicht mehr intakt sind, werden weniger Impulse als sonst zum Gehirn gesendet, was zur Entstehung von spontaner neuronaler Aktivität führt. Diese wird als Geräusch interpretiert und als Tinnitus wahrgenommen (Kaltenbach 2011, Noreña 2015, Schaette and Kempter 2012). Diese Hypothese konnte in einer kleinen Pilotstudie mit Normalhörenden belegt werden. Wenn man gesunde Testpersonen sieben Tage lang einen Ohrstöpsel in einem Ohr tragen lässt, können die meisten Personen nach Ablauf des Experimentes Phantomgeräusche wahrnehmen (Schaette et al. 2012). Nach der Entfernung des Ohrstöpsels waren die Phantomgeräusche nach wenigen Stunden verschwunden, weil die Teilnehmenden wieder Geräusche von außen hören konnten.

Demenz und kognitive Beeinträchtigung

Mehrere Studien zeigten, dass schwerhörige Menschen nicht nur eine schlechtere kognitive Leistung aufweisen, sondern auch häufiger an Demenz erkranken als Menschen ohne Hörprobleme (Davies et al. 2017, Fritze et al. 2016, Heywood et al. 2017, Lin et al. 2011b und 2013). An einer vier Jahre alten longitudinalen Erhebung zu Demenz und Schwerhörigkeit waren 5 092 Personen im Alter ab 65 Jahren ohne manifeste Demenz oder Einschränkung der kognitiven Funktionen beteiligt (Gurgel et al. 2014). Sie wurden zu Studienbeginn sowie nach drei, sechs und neun Jahren mit einem erweiterten Mini-Mental-Status-Test (MMST) auf Demenz getestet. Von den Personen mit einer Hörminderung in der Ausgangserhebung entwickelten 16,3 Prozent eine Demenz, dagegen nur 12,1 Prozent ohne vorbestehende Hörminderung. Auch zeigte sich die Krankheit bei den Schwerhörigen früher als bei Personen ohne Hörprobleme (nach 10,3 Jahren versus nach 11,9 Jahren). Schwerhörigkeit scheint demzufolge ein unabhängiger Prognosefaktor für die Entwicklung einer Demenz zu sein. Auch die neueste systematische Metaanalyse von 36 epidemiologischen Studien und 20 264 Teilnehmern hat altersbedingten Hörverlust mit einem signifikanten Rückgang in allen wichtigen kognitiven Bereichen und mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz assoziiert (Loughrey et al. 2018). Zusätzlich gibt es Hinweise auf den Zusammenhang zwischen dem Grad des Hörverlustes und dem Grad des Demenzrisikos: Ein leichter Hörverlust ist einer wissenschaftlichen Studie zufolge mit einem zweifachen Anstieg des Demenzrisikos verbunden; ein mittlerer mit einem dreifachen Anstieg und ein schwerer mit einem bis zu fünffach größeren Demenzrisiko (Lin et al. 2011b).

Abbildung 1: Zusammenhänge zwischen Faktoren, welche die psychische und die physische Gesundheit bei Schwerhörigkeit und Hörverlust beeinträchtigen

 

Schwerhörigkeit steigert Risiko psychischer Erkrankungen oder umgekehrt?

Offensichtlich gibt es genügend Hinweise auf eine Assoziation von Hörminderung und psychischen Störungen. Allerdings ist wie oft in solchen Fällen der kausale Zusammenhang nicht klar. Auf der einen Seite könnte der Hörverlust einfach ein Frühzeichen von Demenz sein, ohne sie direkt zu verursachen. In so einem Fall könnte die Schwerhörigkeit als möglicher Biomarker für den kognitiven Rückgang, kognitive Beeinträchtigung und Demenz dienen. Auf der anderen Seite können Kommunikationsschwierigkeiten aufgrund der Schwerhörigkeit die soziale Integration stark einschränken, was zu Depression und Demenz führen kann. Schließlich könnte auch ein anderer Faktor beides verursachen. Es sind also mehrere Mechanismen denkbar. Am häufigsten werden vier Hypothesen diskutiert, die den Zusammenhang zwischen Hörminderung und dem kognitiven Verfall zu erklären versuchen.

Hypothese der Fehldiagnose aufgrund der Schwerhörigkeit

Der häufigste Test zur Beurteilung der kognitiven Funktion und Diagnose von Demenz ist der MMST. Dieser Test wird verbal durchgeführt, oft in der Praxis eines Arztes bei möglicherweise vorhandenen Hintergrundgeräuschen. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie hat herausgefunden, dass Schwerhörigkeit die erreichte Punktzahl des MMST signifikant reduziert, was zur Fehldiagnose Demenz führen kann (Jorgensen et al. 2016). Da ein großer Teil der älteren Bevölkerung einen leichten bis mittelschweren Hörverlust hatte, wären 16 Prozent der Studienteilnehmer mit Demenz falsch positiv diagnostiziert worden. Mit zunehmendem Hörverlust steigt die Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose noch höher (Fulton et al. 2015).

Generell kann eine Hörbehinderung zu einer systematischen Verzerrung in allen neuropsychologischen Beurteilungen führen, in denen die Testpersonen mündlichen Anweisungen folgen müssen oder mit der Präsentation von akustisch präsentierten Reizen konfrontiert sind. Eine einfache Erklärung für verminderte Testleistungen könnte darin liegen, dass der an Schwerhörigkeit leidende Befragte eine Frage falsch versteht oder wichtige Testanweisungen überhört (Pichora-Fuller 2015). Allerdings ist dieses Problem den Wissenschaftlern bekannt und wird normalerweise bei Studien, die mit Schwerhörigen durchgeführt werden, berücksichtigt, sodass alle Informationen entsprechend angepasst und vermittelt werden.

Hypothese der gemeinsamen Ursache

Entzündungen, Gefäßpathologie und andere systemische neurodegenerative Prozesse können sowohl zu Hörverlust als auch zu Depressionen und kognitiven Einbußen führen, bedingt durch eine Funktionsbeeinträchtigung des gesamten Zentralnervensystems. So kann eine illusorische kausale Beziehung entstehen. Es wird angenommen, dass strukturelle und biochemische Zell- und Netzwerkveränderungen im Gehirn zu einer allgemeinen Verlangsamung der Hirnfunktionen führen. Aus diesem Grund wird die Fähigkeit zum Sprachverstehen in schwierigen Kommunikationssituationen (wie zum Beispiel bei Hintergrundgeräuschen) beeinträchtigt (Fortunato et al. 2016). Gemäß der Hypothese der gemeinsamen Ursache werden Hörschädigung und kognitive Leistungsfähigkeit getrennt von- einander als mehr oder weniger unabhängige Bereiche bedingt durch einen dritten Faktor betrachtet. Tatsächlich wurde ein genetischer Zusammenhang zwischen Hörverlust und Demenz, zum Beispiel bei der erblichen sensorischen autonomen Neuropathie, bereits aufgezeigt. Klein und Kollegen fanden Genmutationen der DNA-Methyltransferase 1 (DNMT1), die sowohl mit Hörverlust als auch mit Demenz zusammenhängen (Klein et al. 2013). DNMT1 ist ein Enzym, das an der Entwicklung, Erhaltung und Konnektivität von neuronalen Zellen im gesamten zentralen Nervensystem beteiligt ist. Personen, die eine DNMT1-Mutation aufweisen, entwickelten in jungen Jahren einen fortschreitenden Hörverlust und eine sensorische Neuropathie. Später im Leben führte der Gendefekt sogar zu einem kognitiven Rückgang. Diese Assoziation deutet darauf hin, dass ein weit verbreitetes Versagen der neuronalen Funktion sich zunächst durch Hörverlust und erst später durch den klinischen Beginn einer Demenz manifestieren kann.

Hypothese der größeren Höranstrengung

Die Hypothese der größeren Höranstrengung besagt, dass beim Vorliegen einer mehr oder weniger stark ausgeprägten peripheren Hörminderung die Verarbeitung der unvollständigen akustischen Information zusätzliche Aufmerksamkeitsressourcen beansprucht. Das führt zur kognitiven Anstrengung, weil man zur Sprachverarbeitung mehr Kontexthinweise und Informationen aus anderen Sinnessystemen braucht. Damit stehen weniger kognitive Ressourcen für die Bearbeitung von Denkprozessen zur Verfügung, die für die laufende Sprachkommunikation entscheidend sind. Auch nimmt die Fähigkeit ab, gleichzeitig zuzuhören und andere Aufgaben auszuführen (Eckert et al. 2012). Anders gesagt, müssen Schwerhörige mehr Ressourcen für die auditive Verarbeitung nutzen, wodurch andere kognitive Prozesse wie Arbeitsgedächtnis, Merkfähigkeit und Erinnerung vernachlässigt werden. Dabei wird das Langzeitgedächtnis für Wörter und Sätze, die schlecht gehört werden, tendenziell mehr beeinträchtigt als das Gedächtnis für deutlich verstandene Wörter.

Auch die Anwesenheit von Hintergrundgeräuschen beeinflusst die kognitive Leistung. Das geschieht möglicherweise durch die Verringerung der kognitiven Ressourcen, die für die erfolgreiche Durchführung von mehreren gleichzeitigen Aufgaben zur Verfügung stehen. Das haben Mishra und Kollegen in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt (Mishra et al. 2014). Sie verglichen die kognitiven Fähigkeiten bei älteren Schwerhörigen und jungen Erwachsenen mit normalem Hörvermögen (Mishra et al. 2013). Zuerst wurde in Gedächtnistests bei den älteren Schwerhörigen eine Hörverstärkung verwendet, um den Hörverlust auszugleichen, sodass für beide Gruppen optimale Hörbedingungen gewährleistet wurden. Bei diesen Bedingungen haben beide Gruppen eine ähnliche Leistung erbracht. Wenn jedoch die kognitiven Aufgaben mit Hintergrundrauschen präsentiert werden, schnitten die älteren Zuhörer schlechter ab als die jüngeren.

Hypothese der sensorischen Deprivation

Peripherer Hörverlust führt dazu, dass qualitativ hochwertige sensorische Informationen den Hörkortex des Gehirnes nicht mehr erreichen. Im Laufe der Zeit führt dieser Abbau/Entzug zu Veränderungen in der Struktur und Funktion der zentralen auditiven und kognitiven Systeme, wie in Studien an Tieren und Menschen gezeigt wurde (Peelle et al. 2011). Die Abbauerscheinungen betreffen vor allem die Regionen, die für Verarbeitung von Klang und Sprache verantwortlich sind (Lin et al. 2014). So wurde unter Verwendung von bildgebenden Verfahren gezeigt, dass Personen mit ausgeprägter Presbyakusis einen deutlichen Volumenverlust im primären auditorischen Kortex (Eckert et al. 2012) und im rechten Schläfenlappen (Lin et al. 2011a) aufweisen. Da das Volumen der Cerebrospinalflüssigkeit zunahm, könnte man den Hirnvolumenverlust als Atrophie infolge einer neuronalen Degeneration in den Hirnkernen mangels Input aus dem Innenohr interpretieren. Diese pathologischen Veränderungen erhöhten das Depressions- risiko, indem sie die kognitive Reserve reduzierten und die normale Emotionsregulation beeinträchtigten (Rutherford et al. 2017).

Auch eine langsame Abnahme der peripheren Hörfähigkeit und die damit verbundene langfristige sensorische Deprivation führen zu einer Veränderung der Physiologie und der funktionellen Reorganisation im Hörkortex durch neuroplastische Veränderungen. Die Umverteilung kognitiver Ressourcen im Laufe der Zeit kann sogar zu dauerhaften Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Kürzlich haben Forscher der Universität Colorado entdeckt, dass bei tauben Personen für die Verarbeitung von Seh- und Tastsinn Gehirnregionen rekrutiert werden, die normalerweise für die Verarbeitung auditiver Informationen verantwortlich sind (Campbell und Sharma 2014, Sharma et al. 2016, Sharma und Glick 2016). Aber auch bei leichter Schwerhörigkeit beginnt sich das Gehirn bereits nach drei Monaten neu zu organisieren. Dies wird als cross-modale kortikale Reorganisation bezeichnet und spiegelt eine grundlegende Fähigkeit des Gehirnes wider, Verlust von bestimmten Funktionen zu kompensieren. Diese kompensatorische Anpassung verringert jedoch erheblich die verfügbaren Ressourcen des Gehirnes für die Schallverarbeitung und damit die Fähigkeit eines Schwerhörigen, Sprache zu verstehen (Gold und Bajo 2014).

Hörverlust und allgemeine körperliche Gesundheit

Die Hörminderung im Alter wurde in mehreren wissenschaftlichen Studien mit einer allgemeinen Verschlechterung der physischen Gesundheit in Verbindung gebracht. Diese Verschlechterung ist keine direkte Konsequenz der Hörminderung, sondern wird durch indirekte Prozesse wie Stress, Angst und Depression verursacht. Das Stresserleben wegen Hörminderung kann zu verschiedenen körperlichen Symptomen führen, wie zum Beispiel zu erhöhten Blutzuckerwerten oder höherem Blutdruck (Chen et al. 2014). Insbesondere ältere Menschen mit Hörminderung weisen eine schlechtere physische Fitness auf, haben ein höheres Invaliditätsrisiko und sind schneller auf externe Pflege und Unterstützung angewiesen (Chen et al. 2015). Auch eine Zunahme der allgemeinen Gebrechlichkeit und ein höheres Sturzrisiko wurden mit der Hörminderung in Zusammenhang gebracht (Kamil et al. 2016). Bereits eine leichte Schwerhörigkeit erhöhte das Risiko für einen Sturz um das Dreifache (Lin und Ferrucci 2012). Der mögliche Grund für ei- ne höhere Sturzgefahr besteht darin, dass Schwerhörige mehr Gehirnleistung für das Hören aufwenden müssen als Normal- hörende und deswegen über weniger Ressourcen für Koordi- nation und Gleichgewicht verfügen. Eine kürzlich durchgeführte Studie hat sogar eine Assoziation zwischen Hörverlust und Mortalitätsrate gezeigt (Contrera et al. 2017). Studienteilnehmer waren 1666 Senioren im Alter von über 70 Jahren mit normalem Gehör sowie einem leichten (Hörschwelle für Frequenzen von 500dB bis 4000dB ≥25dB <40dB) und starkem (Hörschwelle für Frequenzen von 500 dB bis 4 000 dB ≥ 40 dB) Hörverlust. Im Vergleich zu der normal hörenden Referenzgruppe erhöhte eine leichte Schwerhörigkeit die Sterblichkeit um den Faktor 1,3 und eine stärkere Schwerhörigkeit um den Faktor 1,5. Die Grundlage für diese Assoziation zwischen Schwerhörigkeit und Mortalität bleibt aber unklar.


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforscht als Postdoktorandin an der Universität Bern das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und ist der wissenschaftliche Kopf des KOJ-Institutes für Gehörtherapie. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwigs-Maximilians-Universität beschäftigte sie sich mit den neuronalen Grundlagen des Intentionsverstehens und verwendete bildgebende Methoden, um relevante Gehirnstrukturen aufzuzeigen. Am KOJ-Institut führt sie klinische Studien durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

Professor Dr. Sascha Früholz

Professor Dr. Sascha Frühholz ist Professor für Kognitive und Affektive Neurowissen- schaften am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Schweiz). Er promovierte (2008) und habilitierte (2016) in der Psycho- logie. Seine Forschung beschäftigt sich mit dem auditorischen System des Menschen während des Sprachverstehens und der Verarbeitung von sozialen Informationen in der Stimme. Er ist Ko-Editor des „Oxford Handbook of Voice Perception“.

 

 

 

Referenzen

  • Almeida OP, Ford AH, Hankey GJ, Yeap BB, Golledge J, Flicker L (2018) Hearing loss and incident psychosis in later life: The Health in Men Study (HIMS). In: International Journal of Geriatric Psychiatry, https://doi.org/10.1002/ gps.5028
  • Campbell J, Sharma A (2014) Cross-Modal Re-Organization in Adults with Ear- ly Stage Hearing Loss. In: PLOS ONE 9, e90594
  • Cetin B, Uguz F, Erdem M, Yildirim A (2010) Relationship between Quality of Life, Anxiety and Depression in Unilateral Hearing Loss. In: Journal of the American Advanced Otology 6(2), S. 252−257
  • Chen DS, Betz J, Yaffe K, Ayonayon HN, Kritchevsky S, Martin KR, Harris TB, Purchase-Helzner E, Satterfield S, Xue QL, Pratt S, Simonsick EM, Lin FR (2015) Health ABC study. Association of hearing impairment with declines in phy- sical functioning and the risk of disability in older adults. In: The journals of gerontology Series A, Biological sciences and medical sciences 70, S. 654–661, https://doi.org/10.1093/gerona/glu207
  • Chen DS, Genther DJ, Betz J, Lin FR (2014) Association between hearing im- pairment and self-reported difficulty in physical functioning. In: Journal of the American Geriatrics Society 62, S. 850–856, https://doi.org/10.1111/ jgs.12800
  • Contrera KJ, Betz J, Deal J, Choi JS, Ayonayon HN, Harris T, Helzner E, Martin KR, Mehta K, Pratt S, Rubin SM, Satterfield S, Yaffe K, Simonsick EM, Lin FR (2017) Association of Hearing Impairment and Anxiety in Older Adults. In: Journal of Aging and Health 29, S. 172–184, https://doi.org/10.1177/0898264316634571, 10.1177/0898264316634571
  • Corlett PR, Frith CD, Fletcher PC (2009) From drugs to deprivation: a Bayesian framework for understanding models of psychosis. In: Psychopharmacology 206, S. 515–530, https://doi.org/10.1007/s00213-009-1561-0
  • Davies HR, Cadar D, Herbert A, Orrell M, Steptoe A (2017) Hearing Impairment and Incident Dementia: Findings from the English Longitudinal Study of Ageing. In: Journal of the American Geriatrics Society 65, S. 2074–2081, https://doi.org/10.1111/jgs.14986
  • Eckert MA, Cute SL, Vaden KI, Kuchinsky SE, Dubno JR (2012) Auditory cortex signs of age-related hearing loss. In: Journal of the Association for Research in Otolaryngology 13, S. 703–713
  • Eysel-Gosepath K, Selivanova O (2005) Characterization of sleep disturbance in patients with tinnitus. In: Laryngo-Rhino-Otologie 84, S. 323–327, https:// doi.org/10.1055/s-2005-861020
  • Fellinger J, Holzinger D, Gerich J, Goldberg D (2007) Mental distress and quality of life in the hard of hearing. In: Acta Psychiatrica Scandinavica 115, S. 243–245, https://doi.org/10.1111/j.1600-0447.2006.00976.x
  • Fetoni AR, Lucidi D, Corso ED, Fiorita A, Conti G, Paludetti G (2017) Relation- ship between Subjective Tinnitus Perception and Psychiatric Discomfort. In: The International Tinnitus Journal 20, S. 76–82
  • Fortunato S, Forli F, Guglielmi V, De Corso E, Paludetti G, Berrettini S, Fetoni AR (2016) A review of new insights on the association between hearing loss and cognitive decline in ageing. In: Acta otorhinolaryngologica Italica 36, S. 155–166, https://doi.org/10.14639/0392-100X-993
  • Fritze T, Teipel S, Óvári A, Kilimann I, Witt G, Doblhammer G (2016) Hearing Impairment Affects Dementia Incidence. An Analysis Based on Longitudinal Health Claims Data in Germany. In: PLOS ONE 11, e0156876, https://doi. org/10.1371/journal.pone.0156876
  • Fulton SE, Lister JJ, Bush ALH, Edwards JD, Andel R (2015) Mechanisms of the Hearing–Cognition Relationship. In: Seminars in Hearing 36, S. 140–149, https://doi.org/10.1055/s-0035-1555117
  • Gold JR, Bajo VM (2014) Insult-induced adaptive plasticity of the auditory sys- tem. In: Front Neurosci 8, S. 110, https://doi.org/10.3389/fnins.2014.00110
  • Gurgel RK, Ward PD, Schwartz S, Norton MC, Foster NL, Tschanz JT (2014) Re- lationship of Hearing loss and Dementia: a Prospective, Population-based Study. In: Otology & Neurotology 35, S. 775–781, https://doi.org/10.1097/ MAO.0000000000000313
  • Hébert S, Fournier P, Noreña A (2013) The auditory sensitivity is increased in tinnitus ears. In: The Journal of Neuroscience 33, S. 2356–2364, https:// doi.org/10.1523/JNEUROSCI.3461-12.2013
  • Heywood R, Gao Q, Nyunt MSZ, Feng L, Chong MS, Lim WS, Yap P, Lee TS, Yap KB, Wee SL, Ng TP (2017) Hearing Loss and Risk of Mild Cognitive Impairment and Dementia: Findings from the Singapore Longitudinal Ageing Study. In: Dementia and geriatric cognitive disorders 43, S. 259–268, https:// doi.org/10.1159/000464281
  • Hogan A, Phillips RL, Brumby SA, Williams W, Mercer-Grant C (2015) Higher social distress and lower psycho-social wellbeing: examining the coping capacity and health of people with hearing impairment. In: Disability and Rehabilitation 37, S. 2070–2075, https://doi.org/10.3109/09638288.2014.99 6675
  • Jorgensen LE, Palmer CV, Pratt S, Erickson KI, Moncrieff D (2016) The Effect of Decreased Audibility on MMSE Performance: A Measure Commonly Used for Diagnosing Dementia. In: Journal of the American Academy of Audiolo- gy 27, S. 311–323, https://doi.org/10.3766/jaaa.15006
  • Kaltenbach JA (2011) Tinnitus: Models and mechanisms. In: Hearing Research 276, S. 52–60, https://doi.org/10.1016/j.heares.2010.12.003
  • Kamil RJ, Betz J, Powers BB, Pratt S, Kritchevsky S, Ayonayon HN, Harris TB, Helzner E, Deal JA, Martin K, Peterson M, Satterfield S, Simonsick EM, Lin FR (2016) Association of Hearing Impairment With Incident Frailty and Falls in Older Adults. In: Journal of Aging and Health 28, S. 644–660, https://doi. org/10.1177/0898264315608730
  • Kim SY, Kim HJ, Park EK, Joe J, Sim S, Choi HG (2017) Severe hearing impairment and risk of depression: A national cohort study. In: PLOS ONE 12, e0179973, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0179973
  • Klein CJ, Bird T, Ertekin-Taner N, Lincoln S, Hjorth R, Wu Y, Kwok J, Mer G, Dyck PJ, Nicholson GA (2013) DNMT1 mutation hot spot causes varied phenotypes of HSAN1 with dementia and hearing loss. In: Neurology 80, S. 824–828, https://doi.org/10.1212/WNL.0b013e318284076d
  • König O, Schaette R, Kempter R, Gross M (2006) Course of hearing loss and occurrence of tinnitus. In: Hearing Research 221, S. 59–64, https://doi. org/10.1016/j.heares.2006.07.007
  • Kvam MH, Loeb M, Tambs K (2007) Mental Health in Deaf Adults: Symptoms of Anxiety and Depression Among Hearing and Deaf Individuals. In: Journal of deaf studies and deaf education 12, S. 1–7, https://doi.org/10.1093/deafed/ enl015
  • Li CM, Zhang X, Hoffman HJ, Cotch MF, Themann CL, Wilson MR (2014) Hearing Impairment Associated With Depression in US Adults, National Health and Nutrition Examination Survey 2005-2010. In: JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery 140, S. 293–302, https://doi.org/10.1001/jamaoto.2014.42
  • Lin FR, Ferrucci L (2012) Hearing Loss and Falls Among Older Adults in the Uni- ted States. In: Archives of Internal Medicine 172, S. 369–371, https://doi. org/10.1001/archinternmed.2011.728
  • Lin FR, Ferrucci L, An Y, Goh JO, Doshi J, Metter EJ, Davatzikos C, Kraut MA, Res- nick SM (2014) Association of hearing impairment with brain volume chan- ges in older adults. In: NeuroImage 90, S. 4–92, https://doi.org/10.1016/j. neuroimage.2013.12.059
  • Lin FR, Ferrucci L, Metter EJ, An Y, Zonderman AB, Resnick SM (2011a) Hearing loss and cognition in the Baltimore Longitudinal Study of Aging. Journal of Neuropsychology 25, S. 763–770, https://doi.org/10.1037/a0024238
  • Lin FR, Metter EJ, O’Brien RJ, Resnick SM, Zonderman AB, Ferrucci L (2011b) Hearing loss and incident dementia. In: Archives Of Neurology 68, S. 214–220, https://doi.org/10.1001/archneurol.2010.362
  • Lin FR, Yaffe K, Xia J, Xue QL, Harris TB, Purchase-Helzner E, Satterfield S, Ayo- nayon HN, Ferrucci L, Simonsick EM (2013) Hearing Loss and Cognitive De- cline in Older Adults. In: JAMA Internal Medicine 173, https://doi.org/10.1001/ jamainternmed.2013.1868
  • Linszen MMJ, Brouwer RM, Heringa SM, Sommer IE (2016) Increased risk of psychosis in patients with hearing impairment: Review and meta-analyses. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews 62, S. 1–20, https://doi.org/10.1016/j. neubiorev.2015.12.012
  • Loughrey DG, Kelly ME, Kelley GA, Brennan S, Lawlor BA (2018) Association of Age-Related Hearing Loss With Cognitive Function, Cognitive Impairment, and Dementia: A Systematic Review and Meta-analysis. In: JAMA Otolaryn- gology – Head & Neck Surgery 144, S. 115–126
  • Martines F, Bentivegna D, Martines E, Sciacca V, Martinciglio G (2010) Assessing audiological, pathophysiological and psychological variables in tinnitus patients with or without hearing loss. In: European Archives Of Oto-Rhino- Laryngology 267, S. 1685–1693, https://doi.org/10.1007/s00405-010-1302-3
  • Mazurek B, Olze H, Haupt H, Szczepek AJ (2010) The more the worse: the grade of noise-induced hearing loss associates with the severity of tinnitus. In: International Journal of Environmental Research and Public Health 7, S. 3071–3079, https://doi.org/10.3390/ijerph7083071
  • Mishra S, Stenfelt S, Lunner T, Rönnberg J, Rudner M (2014) Cognitive spare capacity in older adults with hearing loss. In: Frontiers in Aging Neuro- science 6, https://doi.org/10.3389/fnagi.2014.00096
  • Nachtegaal J, Smit JH, Smits C, Bezemer PD, van Beek JHM, Festen JM, Kramer SE (2009) The Association Between Hearing Status and Psychosocial Health Before the Age of 70 Years: Results From an Internet-Based National Survey on Hearing. In: Ear and Hearing 30, S. 302, https://doi.org/10.1097/ AUD.0b013e31819c6e01
  • Noreña AJ (2015) Revisiting the Cochlear and Central Mechanisms of Tinni- tus and Therapeutic Approaches. In: Journal of Audiology and Otology 20 (suppl 1), S. 53–59, https://doi.org/10.1159/000380749
  • Paul BT, Bruce I, Roberts L (2016) Hidden hearing loss in tinnitus with normal hearing thresholds. In: Journal of the Acoustical Society of America 139, S. 2075–2075, https://doi.org/10.1121/1.4950154
  • Peelle JE, Troiani V, Grossman M, Wingfield A (2011) Hearing loss in older adults affects neural systems supporting speech comprehension. In: Journal of Neu- roscience, S. 12638–12643, https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.2559-11.2011
  • Pichora-Fuller MK (2015) Cognitive Decline and Hearing Health Care for Older Adults. In: American Journal of Audiology 24, S. 108–111, https://doi. org/10.1044/2015_AJA-14-0076
  • Rutherford BR, Brewster K, Golub JS, Kim AH, Roose SP (2017) Sensation and Psychiatry: Linking Age-Related Hearing Loss to Late-Life Depression and Cognitive Decline. In: American Psychiatric Association 175, S. 215–224, https://doi.org/10.1176/appi.ajp.2017.17040423
  • Schaette R, Kempter R (2012) Computational models of neurophysiological correlates of tinnitus. In: Frontiers in Systems Neuroscience 6, S. 34, https:// doi.org/10.3389/fnsys.2012.00034
  • Schaette R, McAlpine D (2011) Tinnitus with a normal audiogram: physiological evidence for hidden hearing loss and computational model. In: Journal of Neuroscience 31, S. 13452–13457, https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.2156- 11.2011
  • Schaette R, Turtle C, Munro KJ (2012) Reversible Induction of Phantom Audi- tory Sensations through Simulated Unilateral Hearing Loss. In: PLOS ONE 7, e35238, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0035238
  • Sharma A, Glick H (2016) Cross-Modal Re-Organization in Clinical Popula- tions with Hearing Loss. In: Brain Sciences 6
  • Sharma A, Glick H, Campbell J, Torres J, Dorman M, Zeitler DM (2016) Cortical Plasticity and Reorganization in Pediatric Single-sided Deafness Pre- and Postcochlear Implantation: A Case Study. In: Otology & Neurotology 37, e26−34, https://doi.org/10.1097/MAO.0000000000000904
  • Thewissen V, Myin-Germeys I, Bentall R, de Graaf R, Vollebergh W, van Os J (2005) Hearing impairment and psychosis revisited. In: Schizophrenia Research 76, S. 99–103, https://doi.org/10.1016/j.schres.2004.10.013
  • Wallhäusser-Franke E, Schredl M, Delb W (2013) Tinnitus and insomnia: Is hyperarousal the common denominator? In: Sleep Medicine Reviews 17, S. 65–74, https://doi.org/10.1016/j.smrv.2012.04.003
  • Werf M van der, Thewissen V, Dominguez MD, Lieb R, Wittchen H, Os J van (2011) Adolescent development of psychosis as an outcome of hearing impairment: a 10-year longitudinal study. In: Psychological Medicine 41, S. 477–485, https://doi.org/10.1017/S0033291710000978
  • Zöger S, Svedlund J, Holgers KM (2006) Relationship between tinnitus severity and psychiatric disorders. In: Psychosomatics 47, S. 282–288, https://doi. org/10.1176/appi.psy.47.4.282

Bildschirmfoto-2019-05-21-um-14.06.19.png
21/Sep/2019

Dr. Aleksandra Kupferberg und Professor Dr. Gregor Hasler – Veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Hörakustik” 10.2018, Median-Verlag

 

Das Ohr kann als das „sozialste“ Organ des Menschen bezeichnet werden, Kommunikation mit anderen Menschen ist lebensnotwendig. Doch jeder zehnte Deutsche, darunter ein Drittel aller über 65-Jährigen, ist schwerhörig. Nachlassendes Hörvermögen im Alter beeinträchtigt die Lebensqualität maßgeblich. Vielen ist unbekannt, dass Hörbeeinträchtigung nicht nur das Ohr betrifft. Nach neueren Studien weisen Schwerhörige auch Defizite der Sprachverarbeitung im Gehirn auf. Diese Beitragsreihe beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Altersschwerhörigkeit auf das soziale Verhalten und die neuronale Verarbeitung im Gehirn und zeigt, was man unternehmen kann, um den Hörverlust aufzuhalten und das Sprachverstehen zu verbessern.

Aufgrund der steigenden Lebenserwartung werden immer mehr ältere Menschen von Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis) betroffen sein. Diese Erkrankung gilt als die häufigste sensorische Beeinträchtigung im Alter. So werden sieben Prozent der 50- bis 59-Jährigen, 20 Prozent der 60- bis 69-Jährigen, 42 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und 72 Prozent der über 80-Jährigen in Deutschland als schwerhörig gemäß den Kriterien der World Health Organization (WHO) eingestuft (Gablenz und Holube 2015). Europaweit haben 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen über 70 Jahren einen mittleren Hörverlust von über 30 dB; bei den über 80-Jährigen sind es bereits 55 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen (Roth et al. 2011).

Heutzutage nehmen ältere Menschen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Dafür ist gutes Hören – wenn nötig mithilfe von Hörgeräten – immens wichtig.

Die Presbyakusis umfasst alle Zustände, die bei älteren Menschen zu Hörverlust führen. Aufgrund seines allmählichen progressiven Voranschreitens wird die Schwerhörigkeit von den Betroffenen oft erst nach mehreren Jahren bemerkt. Der anfängliche Hörverlust schleicht sich langsam ein und beginnt in den höchsten Frequenzen, was sich negativ auf das Sprachverstehen in lauter Umgebung oder in hallenden Räumen auswirkt. Sobald der Verlust im Bereich von 2 bis 4 kHz liegt, werden bestimmte Konsonanten wie f, s, d, sch, t und st schlecht oder gar nicht gehört. Die häufigste Beschwerde bei Presbyakusis ist aber nicht, dass der Patient grundsätzlich nicht hören kann, sondern dass er Probleme hat, das Gehörte zu verstehen (Moser et al. 2017). Die Erkrankung ist außerdem gekennzeichnet durch eine verminderte Hörsensitivität und Sprachverständlichkeit in lauten Umgebungen, eine verlangsamte zentrale Verarbeitung akustischer Informationen und eine beeinträchtigte Lokalisierung von Schallquellen. Gespräche in größeren Gruppen oder mit Hintergrundkulisse, schnelle Rede, Sprechen mit Akzent oder Telefonieren bereitet den Betroffenen Schwierigkeiten. Die Betroffenen beklagen sich oft darüber, dass Menschen in ihrem Umfeld undeutlich sprechen oder nuscheln. Mit der Zeit fällt es den Patienten auch schwer, Geräusche zu identifizieren und zu lokalisieren. Nicht nur Telefonanrufe und Türklingeln, sondern auch Warntöne, Alarmsignale, Fahrgeräusche eines Autos oder eine leckende Gasleitung können überhört werden. Auch die emotional- ästhetischen Klänge und Laute wie Vogelgezwitscher, Rauschen des Laubes oder eines Wasserfalles können nicht mehr genossen werden. Der Klang der Musik ist auch nicht mehr wie früher, was dazu führt, dass man auf das Hören von Musik gänzlich verzichtet (Moser et al. 2017). Ein detailliertes Verständnis der Auswirkungen von Schwerhörigkeit und Hörverlust auf die Lebensqualität ist daher von großer Bedeutung.

Kommunikationsschwierigkeiten und Ausgrenzung

Weil das Gehirn am Anfang der Erkrankung zunächst noch in der Lage ist, die sprachlichen Lücken auszugleichen, nehmen sich lediglich 20 Prozent der über 65-Jährigen mit mäßig- bis schwergradigem Hörverlust als schwerhörig wahr. Oft warten die Patienten fünf bis sieben Jahre, bis sie aufgrund der Hörprobleme einen Arzt aufsuchen. Aber auch dort erhalten die Betroffenen manchmal keine genauen Untersuchungen und nachfolgende Therapie − wahrscheinlich, weil Schwerhörigkeit oft lediglich als ein Teil des Eintrittes in das höhere Lebensalter betrachtet wird. Gerade in der letzten Zeit sind aber ältere Menschen auf gutes Sprachverständnis angewiesen, weil sie im Gegensatz zu früheren Generationen nicht mehr so stark in den Familienkontext eingebunden sind und immer mehr Medien für Kommunikation und als Informationsquelle nutzen (Internettelefonie, Radio, Fernsehen). Viele ältere Menschen leben allein oder in Pflegeheimen und geben auch an, dass die modernen Kommunikationsmedien ihnen helfen, Unterstützung zu bekommen und soziale Beziehungen zu pflegen (Chopik 2016). Zugleich steigt der Anspruch an eigene Fähigkeiten. Dank der modernen medizinischen Versorgung sind ältere Menschen immer rüstiger und bewegungsfähiger als ihre Mütter und Väter es im gleichen Alter waren − sie wollen daher auch am öffentlichen Leben mehr teilhaben. Gerade nach der Pensionierung finden viele endlich Zeit und Ruhe, sich interessanten Begegnungen zu widmen, in Gesprächen auszutauschen, Vorträge zu hören oder Studienreisen zu ma- chen. Das setzt aber voraus, dass das Gehör gut funktioniert und so die Kommunikation mit Menschen ohne große Anstrengung ermöglicht.

Eine neuere Studie hat Interviews verwendet, um die Selbsteinschätzung der Hörhandicaps von altersschwerhörigen Menschen und deren Auswirkungen auf den Lebensalltag zu erfassen (Moser et al. 2017). Die Untersuchung hat ergeben, dass die Betroffenen in vielen Bereichen Probleme haben. Zum Beispiel war es für die Befragten nicht so einfach, die Sprechenden in den Sendungen zu verstehen, sobald man die Person nicht direkt sehen konnte oder Hintergrundmusik eingeblendet wurde. Telefongespräche funktionieren oft nur, wenn die andere Person laut und leise genug sprach und die Stimme vertraut war. In Gruppen fühlten sich viele Personen nicht wohl, weil mehrere Menschen gleichzeitig sprachen und es unmöglich war, nur einer Person zu folgen. Kirchenbesuche oder andere Veranstaltungen wie Theater, Vorträge, Kurse und Konzerte bereiteten den Betroffenen keine Freude, da sie diese trotz Verwendung von Hörgeräten akustisch nicht im vollen Ausmaß erfassen beziehungsweise genießen konnten.

Bereits eine leichte Hörminderung von 10 dB macht es für Be- troffene doppelt so schwer, mit anderen Menschen vor allem bei gesellschaftlichen Veranstaltungen oder bei der Arbeit zu kommunizieren (Mick und Pichora-Fuller 2016). Nicht selten empfinden sie ihre sozialen Fähigkeiten als schlecht, was eine negative Auswirkung auf ihr Selbstwertgefühl hat (Lotfi et al. 2009). Diejenigen, die keine Hörgeräte verwenden wollen, greifen zu anderen Methoden, um ihre Schwerhörigkeit zu kompensieren. Manche Betroffene versuchen, von den Lippen abzulesen oder einfach aus dem Kontext zu raten. Sie versuchen, den lückenhaft erfassten Sätzen einen inhaltlichen Sinn zu geben, was jedoch nicht immer gelingt. Andere reden einfach selbst mehr, damit ihr Hörproblem nicht auffällt und erzeugen damit das Gefühl, am Gegenüber nicht interessiert zu sein. Dieses Verhalten kann dazu führen, dass Kommunikationsschwierigkeiten von ihrem Gegenüber als mangelnde Konzentration oder Kommunikationsbereitschaft fehlinterpretiert werden (Donaldson et al. 2004). Manchmal werden Betroffene beschuldigt, dass „sie nur das hören, was sie hören wollen“ oder bekommen von frustrierten Familienmitgliedern Sätze wie „Vergiss es einfach!“ gesagt.

Da schwerhörige Menschen ihren Gesprächspartner immer wieder darum bitten müssen, das Gesagte zu wiederholen, oder auch unangemessen auf etwas antworten, entwickeln sie mitunter Schamgefühle (Moser et al. 2017). Sogar in einer gewohnten Umgebung im Kreise der Familie können Menschen mit Hörverlust das Gefühl bekommen, dass sie unerwünscht sind oder ignoriert werden. Manchmal werden schwerhörige Personen fälschlicherweise als begriffsstutzig empfunden, weil gut Hörende davon ausgehen, dass Hörgeräte volle Hörfähigkeit wieder herstellen (Moser et al. 2017). Je größer der Hörverlust, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Gesprächspartner das Gesagte häufig entweder lauter, langsamer oder im schlimmsten Fall vereinfacht noch einmal wiederholt. Die Betroffenen fühlen sich in solchen „abwertenden“ Situationen nicht wohl und ziehen sich oft zurück. Das führt dazu, dass sie versuchen, sich solchen − in ihrer Wahrnehmung abwertenden − Situationen nicht mehr auszusetzen. Sie entziehen sich daher oft sozialen Situationen, nicht nur, weil sie diese als anstrengend empfinden, sondern auch, um Zurückweisung zu vermeiden. Leider führt der Rückzug dazu, dass sie immer weniger Unterstützung von der Familie und Freunden bekommen. Außerdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der sozialen Isolation, die nicht nur die eigene Lebensqualität verringert, sondern auch die des Partners (Lazzarotto et al. 2016).

Intimitätsverlust in der Paarbeziehung

Ehepartner von Schwerhörigen beschweren sich darüber, dass man nicht mehr so oft miteinander spricht und die Gespräche nicht so stark in die Tiefe gehen wie vor dem Auftreten des Hörproblems (Govender et al. 2014). Weil man sich nicht mehr geheime Botschaften oder Witze zuflüstern kann, verliert die Beziehung an Spontanität und Spaß. Die Freizeit- und Gesellschaftsaktivitäten, die das Paar einmal gemeinsam unternommen haben, können bei Schwerhörigkeit aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten nicht mehr von beiden Partnern im gleichen Maße genossen werden und werden seltener besucht beziehungsweise manchmal ganz aufgegeben. Manche Ehepartner von schwerhörigen Personen fungieren bei Gesprächen mit Dritten als Dolmetscher und antworten im Namen des hörgeschädigten Partners, was ein Gefühl der Bemutterung und Abhängigkeit erzeugen kann (Govender et al. 2014, Sca- rinci et al. 2008). Diese Abhängigkeit wird durch die Besorgnis verstärkt, dass den Betroffenen Gefahren im Straßenverkehr drohen, sie Warnsignale nicht hören oder häufiger stürzen und nicht in der Lage sind, Anweisungen ihres Arztes richtig zu verstehen (Govender et al. 2014).

Probleme am Arbeitsplatz

Diskussionen und Meetings am Arbeitsplatz fordern von Schwerhörigen extrem viel Konzentration.

Zu Hause oder mit Freunden können Schwerhörige oft mit Unterstützung, Geduld und Verständnis rechnen, wenn sie etwas mehrmals nachfragen müssen, die Lautstärke vom Radio oder Fernseher aufdrehen oder im Gespräch die Stimme erhöhen. Am Arbeitsplatz müssen sie sich aber an gesellschaftliche Regeln halten und damit rechnen, dass man auf ihren Hörverlust nicht immer Rücksicht nehmen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass es vielen Betroffenen peinlich ist, den Kollegen oder Vorgesetzten von ihrem Hörverlust zu erzählen. Diskussionen und Meetings am Arbeitsplatz erfordern von Schwerhörigen extrem viel Konzentration und verbrauchen viel Energie, was zu Müdigkeit und beeinträchtigter Effizienz führen kann. Das Verstehen an vielen Arbeitsorten wird zusätzlich erschwert, etwa weil Büroräume mit vielen glatten Flächen aus- gestattet sind, von denen der Schall reflektiert und nicht absorbiert wird. So entsteht ein Nachhall, der das Gesagte verfremdet. Auch Nebengeräusche und ein vom Zuhörer weit entfernter Redner in Konferenzen oder Vorträgen machen den Arbeitsalltag schwer. Betroffene, deren Richtungshören nicht mehr funktioniert, können bei schnellen Sprecherwechseln den Unterhaltungen kaum noch folgen. Außerdem befürchten Hörgeschädigte oft, eine Bitte oder einen wichtigen Telefonanruf verpasst zu haben oder etwas Wichtiges in einem Meeting missverstanden zu haben.

Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit einem hochgradigen Hörverlust öfter arbeitslos sind oder weniger Geld verdienen als ihre Arbeitskollegen mit gutem Gehör (Wyatt et al. 1996). Sie sind auch seltener in hoch qualifizierten Berufen anzutreffen (Hogan et al. 2009). Die gute Nachricht ist, dass der Gebrauch von Hörgeräten die negativen Auswirkungen von Schwerhörigkeit auf das Gehalt fast um die Hälfte verringern kann (Kochkin 2005). Natürlich muss man bedenken, dass die Auswirkungen von Hörverlusten auf das soziale Funktionieren stark von den Anforderungen der individuellen Umgebung abhängen. Das gleiche Ausmaß an Hörverlust kann für eine Person, die in einem lauten Büro arbeitet und auf viel Menschenkontakt angewiesen ist oder viele Geschäftstreffen in lauten Restaurants besuchen muss, viel schwerwiegender sein als für eine Person, die ein eigenes ruhiges Büro hat und ihre Aufgaben allein erledigen kann.

Rolle des Geschlechtes

In einer neuen Studie wurde gezeigt, dass Frauen aufgrund von Schwerhörigkeit mehr Einbußen in ihrer Lebensqualität erleben als Männer (Turunen-Taheri et al. 2018). Zwei Untersuchungen haben ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit einer sozialen Isolation mit der Schwere des Hörverlustes bei Frauen, aber nicht bei Männern zunahm, selbst wenn soziodemografische Faktoren, medizinische Komorbiditäten und funktionelle Einschränkungen berücksichtigt wurden (Mick et al. 2016). Das könnte unter anderem daran liegen, dass Frauen stärker das verbale Kommunizieren nutzen, um emotionale Unterstützung zu geben und zu erhalten. Diese Ergebnisse könnten auch teilweise dadurch erklärt werden, dass Frauen soziale Medien (Internetanrufe) und das Telefon häufiger benutzen als Männer, um zu kommunizieren und Schwerhörigkeit vor allem dann die Kommunikation beeinträchtigt, wenn man den Partner nicht sehen kann (Friebel und Seabright 2011; Kimbrough et al. 2013). Eine Studie mit 337 Teilnehmern aus der University von Massachusets hat zudem ergeben, dass Männer und Frauen unterschiedlich mit ihrem Hörverlust umgehen (West et al. 2016). Die Untersuchung ergab, dass Männer im Gegensatz zu Frauen dazu neigten, den Gesprächspartner über die Schwerhörigkeit zu informieren, aber keinerlei weitere Erklärung hinzufügen, die dem Gegenüber bei der Kommunikation weiterhelfen könnte oder ihm erklären, was das für die Kommunikation bedeutet. Mehr als doppelt so häufig wie Männer berichten Frauen ihrem Gegenüber nicht nur von der Tatsache, dass sie schwerhörig sind, sondern erklären ihren Gesprächs- partnern auch, worauf diese in Bezug auf die Kommunikation achten sollten, sodass einer guten Verständigung nichts im Wege steht. Die Strategie der Frauen ist also deutlich besser, weil sie dem Gesprächspartner die Möglichkeiten aufzeigt, die Verständigung zu erleichtern.

Frauen und Männer unterscheiden sich auch bezüglich der Motivation, ein Hörgerät zu tragen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der Anteil von Frauen, die ein Hörgerät tragen, signifikant größer ist als bei Männern. Von allen Frauen, die eigentlich ein Hörgerät benötigten, waren 19,4 Prozent der Frauen versorgt; bei den Männern waren es hingegen nur 14,5 Prozent (Hesse 2004). Während Männer darüber besorgt sind, verschiedene Machtpositionen aufgeben zu müssen und Schwierigkeiten mit dem Altern haben, ist das für Frauen we- niger problematisch. Möglicherweise scheuen sich Männer mehr davor, Hörgeräte zu tragen, weil sie das als ein Zeichen der Schwäche sehen. Eine andere Erklärung könnte darin liegen, dass sich Männer langsamer auf das Altern einstellen. Aufgrund gesellschaftlicher Konventionen sind Frauen bereits daran gewöhnt, Zeichen des Alterns zu verbergen. Sie beginnen schon früh damit, graue Haare zu färben, verwenden Make-up oder unterziehen sich einer kosmetischen Operation, um Falten und schlaffe Haut zu entfernen. Für Männer hingegen ist das Tragen eines Hörgerätes die erste künstliche Verbesserung, die dem Alterungsprozess entgegenwirkt.

Trotz all der genannten Schwierigkeiten haben einige Studien berichtet, dass sich Schwerhörige der sozialen Konsequenzen der Hörminderung nicht immer bewusst sind (Dalton et al. 2003, Moser et al. 2017). Deswegen sind objektive Messungen des Hörverlustes anhand von audiometrischen Tests nicht ausreichend, um das Ausmaß der Schwerhörigkeit auf den Lebensalltag der Betroffenen zu erfassen. Stattdessen sollten zusätzlich zu den objektiven Hörmessungen umfassende subjektive Befragungen durchgeführt werden, um den psychosozialen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden und ihre Lebensqualität zu verbessern.

Im zweiten Teil dieser Beitragsreihe erfahren Sie, welche kognitiven Einschränkungen und neurologischen und psychischen Auswirkungen die Altersschwerhörigkeit nach sich zieht. Außerdem werden die Folgen von Hörminderung für die körperliche Gesundheit aufgezeigt. Im dritten Teil erfahren Sie, wie sich das Gehirn im Alter verändert und wie man dem kognitiven Verfall und der Altersschwerhörigkeit entgegenwirken kann.


Die Autoren

Dr. Alexandra Kupferberg
Dr. Alexandra Kupferberg

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Alexandra Kupferberg erforscht als Postdoktorandin an der Universität Bern das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und ist der wissenschaftliche Kopf des KOJ-Institutes für Gehörtherapie. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwigs-Maximilians-Universität beschäftigte sie sich mit den neuronalen Grundlagen des Intentionsverstehens und verwendete bildgebende Methoden, um relevante Gehirnstrukturen aufzuzeigen. Am KOJ-Institut führt sie klinische Studien durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psychologischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

 

Professor Gregor Hasler

Professor Dr. med. Gregor Hasler ist Chefarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern. Ferner leitet er die Forschungsabteilung Molekulare Psychiatrie an der Universität Bern. In seiner Forschung hat er das Zusammenspiel zwischen sozialem Stress, Resilienz und neurobiologischen Faktoren bei der Entstehung von Angst, Depression und Essstörungen untersucht. Kürzlich ist ein Buch von ihm erschienen mit dem Titel „Resilienz: Der Wir-Faktor“. Darin beschreibt Hasler die große Bedeutung sozialer Beziehungen und der Kommunikation für die psychische Gesundheit.

 

Referenzen

  • Chopik WJ (2016) The Benefits of Social Technology Use Among Older Adults Are Mediated by Reduced Loneliness. In: Cyberpsychology, Behavior and Social Networking, 19 (9), S. 551–556, https://doi.org/10.1089/cyber.2016.0151
  • Dalton DS, Cruickshanks KJ, Klein BEK, Klein R, Wiley TL, Nondahl, DM (2003) The impact of hearing loss on quality of life in older adults. In: The Geron- tologist 43(5), S. 661–668
  • Donaldson N, Worrall L, Hickson L (2004) Older People with Hearing Impair- ment: A Literature Review of the Spouseis Perspective. In: The Australian and New Zealand Journal of Audiology 26 (1), S. 30
  • Friebel G, Seabright P (2011) Do women have longer conversations? Telepho- ne evidence of gendered communication strategies. In: Journal of Economic Psychology 32 (3), S. 348–356, https://doi.org/10.1016/j.joep.2010.12.008
  • Gablenz P von, Holube I (2015) Prävalenz von Schwerhörigkeit im Nordwes- ten Deutschlands. In: HNO 63 (3), S. 195–214, https://doi.org/10.1007/ s00106-014-2949-7
  • Govender N, Maistry N, Soomar N, Paken J (2014) Hearing loss within a mar- riage: perceptions of the spouse with normal hearing. In: South African Family Practice 56 (1), S. 50–56, https://doi.org/10.1080/20786204.2014. 10844583
  • Hesse G (2004) Hörgeräte im Alter. In: HNO 52 (4), S. 321–328, https://doi. org/10.1007/s00106-004-1058-4
  • Hogan A, O’Loughlin K, Davis A, Kendig H (2009) Hearing loss and paid em- ployment: Australian population survey findings. In: International Journal of Audiology 48 (3), S. 117–122. https://doi.org/10.1080/14992020802449008
  • Kimbrough AM, Guadagno RE, Muscanell NL, Dill J (2013) Gender differences in mediated communication: Women connect more than do men. In: Com- puters in Human Behavior, 29 (3), S. 896–900, https://doi.org/10.1016/j. chb.2012.12.005
  • Kochkin S (2005) The impact of untreated hearing loss on household income. In: Better Hearing Institute, S. 1–10
  • Lazzarotto S, Baumstarck K, Loundou A, Hamidou Z, Aghababian V, Leroy T, Auquier P (2016) Age-related hearing loss in individuals and their caregivers: effects of coping on the quality of life among the dyads. In: Patient Pre- ference and Adherence 10, S. 2279–2287, https://doi.org/10.2147/PPA. S112750
  • Lotfi Y, Mehrkian S, Moossavi A, Faghih-Zadeh S (2009) Quality of life improve- ment in hearing-impaired elderly people after wearing a hearing aid. In: Archives of Iranian Medicine 12 (4), S. 365–370
  • Mick P, Kawachi I, Lin, FR (2014) The association between hearing loss and so- cial isolation in older adults. In: Otolaryngology-Head and Neck Surgery: Official Journal of American Academy of Otolaryngology-Head and Neck Surgery 150 (3), S. 378–384, https://doi.org/10.1177/0194599813518021
  • Mick P, Pichora-Fuller MK (2016) Is Hearing Loss Associated with Poorer Health in Older Adults Who Might Benefit from Hearing Screening? In: Ear and Hearing 37 (3), S. e194-201, https://doi.org/10.1097/AUD.0000000000000267
  • Moser S, Luxenberger W, Freidl W (2017) Wahrnehmung von Hörproblemen bei älteren Menschen. In: HNO 65 (8), S. 671–679, https://doi.org/10.1007/ s00106-017-0334-z
  • Ramage-Morin PL (2016) Hearing difficulties and feelings of social isolation among Canadians aged 45 or older. In: Health Reports 27 (11), S. 3–12
  • Roth TN, Hanebuth D, Probst R (2011) Prevalence of age-related hearing loss in Europe: a review. In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology 268 (8), S. 1101–1107, https://doi.org/10.1007/s00405-011-1597-8
  • Scarinci N, Worrall L, Hickson L (2008) The effect of hearing impairment in older people on the spouse. In: International Journal of Audiology 47 (3), S. 141–151, https://doi.org/10.1080/14992020701689696
  • Turunen-Taheri S, Carlsson PI, Johnson AC, Hellström S (2018) Severe-to-pro- found hearing impairment: demographic data, gender differences and benefits of audiological rehabilitation. In: Disability and Rehabilitation 0 (0), S. 1–9, https://doi.org/10.1080/09638288.2018.1477208
  • West JS, Low JCM, Stankovic KM (2016) Revealing Hearing Loss: A Survey of How People Verbally Disclose Their Hearing Loss. In: Ear and Hearing 37 (2), S. 194–205, https://doi.org/10.1097/AUD.0000000000000238
  • Wyatt JR, Niparko JK, Rothman M, deLissovoy G (1996) Cost utility of the mul- tichannel cochlear implants in 258 profoundly deaf individuals. In: The Laryngoscope 106 (7), S. 816–821

frogs-1274769_640.jpg
21/Sep/2019

Unsere Sinne scheinen voneinander getrennt zu sein. Beim Wandern können wir die Landschaft nur sehen, das Zirpen der Grillen nur hören und den Geruch des Heus nur riechen. Und tatsächlich: Zunächst wird jeder Sinneseindruck ganz für sich ausgewertet – in der Sehrinde am Hinterende des Grosshirns, in der Hörrinde auf dem Schläfenlappen und im Riechhirn direkt über der Nase. Doch dann werden Landschaft, Geräusche und Geruch zu einem Gesamteindruck verbunden.

 

Dr. Alexandra Kupferberg


Wissenschaftliche Leitung und Redaktion: Dr. Alexandra Kupferberg

Als Neurowissenschaftlerin und Leiterin des «KOJ hearing research center» ist es ihre Aufgabe und Passion, die zentrale Verarbeitung des Gehirns und die Auswirkung von Hörminderung, respektive den therapeutischen Nutzen von Gehörtraining wissenschaftlich zu untersuchen. Dabei stehen ihr in ihrem weiten Netzwerk geschätzte Kollegen der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Professoren der Neurowissenschaften beratend zur Seite. Sie alle haben dasselbe Ziel: Die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern.

Blinde Menschen haben oft ein besonders gutes Hörvermögen. Ihr Gehirn hat sich verändert.

Unsere Sinne scheinen voneinander getrennt zu sein. Beim Wandern können wir die Landschaft nur sehen, das Zirpen der Grillen nur hören und den Geruch des Heus nur riechen. Und tatsächlich: Zunächst wird jeder Sinneseindruck ganz für sich ausgewertet – in der Sehrinde am Hinterende des Grosshirns, in der Hörrinde auf dem Schläfenlappen und im Riechhirn direkt über der Nase. Doch dann werden Landschaft, Geräusche und Geruch zu einem Gesamteindruck verbunden.

Auch bei den meisten Gesprächen, die wir führen, sind mehrere Sinne gleichzeitig wichtig für das Verständnis. Selbst wenn wir gut hören können, sehen wir unserem Gegenüber oft beim Reden zu, lesen wir instinktiv und automatisch von den Lippen ab.

Wir wissen heute: Sehen und Hören beeinflussen sich gegenseitig. So können Blinde besser hören als Sehende. Da liegt die Frage nah: Wie kommt das zustande? Arbeiten die Hörbereiche im Gehirn von Blinden besser, weil sie mehr gefordert werden als die Sehbereiche? Oder wird die nutzlos gewordene Sehrinde nun für die Hörverarbeitung beansprucht? Beide Annahmen treffen zu. Einerseits arbeiten die Hörbereiche des Gehirns bei blinden Menschen schneller und präziser. Andererseits werden die Gehirnbereiche, die bei den Sehenden die visuellen Sinneseindrücke auswerten, für das Hören mitgenutzt.

Menschen mit beeinträchtigter Sehkraft oder Blinde entnehmen dem, was sie hören, mehr Informationen. Sie können zum Beispiel den Ort der Schallquelle oder die Entfernung hören. Für Blinde ist gutes Hören eine Frage der Sicherheit, wenn sie beispielsweise eine Strasse überqueren. Sie hören die Verkehrssituation so, wie Sehende sie sehen. Manche können sich hervorragend über Schnalzlaute und deren Echos zurechtfinden. Sie schnalzen mit der Zunge und erkennen an den zurückgeworfenen Echos, wie ihre Umgebung aussieht. Es gelingt ihnen, Bäume von Autos zu unterscheiden, da verschiedene Formen und Grössen der Gegenstände verschiedene Echos zurückwerfen. Mit dieser Fähigkeit können sie sogar Rad fahren. Blinde und Sehbehinderte können auch die Emotionen in einer Unterhaltung besser hören als Normalsehende. Während Normalsehende auf Gestik und Körperhaltung achten, nehmen Blinde Sprachnuancen wahr und ordnen ihnen Emotionen zu.

Wenn die Sehrinde keine Informationen mehr von den Augen erhält, sucht sie sich andere Aufgaben, und genauso verhält es sich auch mit der Hörrinde. Diesen Prozess nennt man „kreuzmodale Reorganisation bzw. Plastizität“. Vor allem wenn man früh die Sehfähigkeit verliert, wird die Sehrinde auch fürs Hören benutzt, das kann man mit modernen Bildgebungsverfahren zeigen. Diese Reorganisation des Gehirns ist umso stärker, je grösser der Hörverlust ist und je länger er besteht. Denn die für das Hören wichtigen neuronalen Netzwerke verlernen das Hören. Und sie lernen das Sehen. So nutzen Gehörlose ihre Sehfähigkeit viel effizienter als Menschen mit normalem Gehör, weil einige Bereiche ihres Hörsystems vom Sehsystem übernommen werden. Sie können besser Lippen lesen und Gesichter erkennen. Wenn man einem tauben Erwachsenen eine Aufgabe gibt, die Lippenlesen erfordert, werden bei ihm auch Bereiche aktiviert, die normalerweise dem Hören dienen. Nach einer Versorgung mit Hörimplantaten und/oder Hörgeräten dagegen werden die Hörbereiche wieder gefordert und es findet eine Art „umgekehrte“ Reorganisation statt. Die Neuroplastizität in der Hörrinde wird vor allem durch gezielte akustische Reize und Training gefördert, wie Studien an Nagetieren und an Menschen gezeigt haben.

Die Übernahme der Hörbereiche fürs Sehen kann bereits bei leichtem Hörverlust auftreten. Deswegen ist es wichtig, sein Gehör zu trainieren und sich nicht auf das Lippenlesen zu verlassen. Denn wer nicht mehr gut hört, muss darauf achten, dass seine Hörbereiche eben nicht als Sehbereiche genutzt werden und weiterhin dem Hören zur Verfügung stehen.


 

 

Reportage Tagesanzeiger, Mai 2019

Der Tagesanzeiger hat das KOJ-Institut getestet: Das KOJ-Gehörtraining wirkt.

Journalist Christian Bernhart ist selbst von einer Schwerhörigkeit betroffen und von seinen ersten Hörgeräten nicht sehr überzeugt. Er hat im  KOJ-Institut das Gehörtraining durchgeführt und von unseren Akustikspezialisten seine Hörgeräte optimieren lassen. Lesen Sie seinen Bericht. „Für mich ist aber schon jetzt klar: Mir hat es etwas gebracht. Erstaunlich vor allem, wie das Gehirn dank dem Hörtraining fortlaufend differenzierter zu hören lernt und auch die körperliche Sicherheit und das Auftreten besser werden.“

Hier der ganze Artikel: LINK ZUM TAGESANZEIGER


 

 

11. Mai 2019 – Winterthur

„Hallo Gesundheit!“ – am 11. Mai ist der Winterthurer Gesundheitstag

Am Samstag den 11. Mai findet im Herzen von Winterthur (Gate 27)der Gesundheitstag statt. Lokale Spezialisten aus Gesundheit und Medizintechnik bieten den Besuchern einen spannenden Einblick in alle relevanten Bereiche des Körpers und bei öffentlichen Vorträgen referieren Experten über Prävention und neueste Forschungsergebnisse. Der Eintritt ist frei. Auch das KOJ-Institut ist mit dabei und am Informationsstand „Gehör“ kann jeder das Gehörtraining ausprobieren. Unsere spannenden Vorträge:

11.00 Uhr | Johanna Wörner, Doktorandin Uni Zürich

Thema: Hören ist Hirnsache – Neues aus der Hörforschung

Die Neurobiologin Frau Johanna Wörner, Doktorandin an der Universität Zürich, widmet sich in ihrer aktuellen Forschungsarbeit dem Wunderwerk des menschlichen Gehörs. Millionen von Nervenreizen werden in einem Bruchteil einer Sekunde und einem Feuerwerk an kognitiver Verarbeitung zu einem zwitschernden Vogel, einem lachendem Kind und einen wunderbaren Konzert interpretiert. Was aber, wenn wir einen Hörverlust erleiden? Welche Konsequenzen hat das für das Gehirn? Wie sehr und wie schnell baut das Gehirn bei einer Hörminderung ab und kann das rückgängig gemacht werden? Und wie hängt dies alles mit Demenz zusammen? Diesen und anderen spannenden Fragen widmet sich Frau Wörner in ihrem Vortrag. Bei audiologisch-kognitiven Übungen können Zuhörer Ihre Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und Merkfähigkeit austesten und dadurch mehr über die eigene auditive Leistungsfähigkeit erfahren.

 Zum Vortrag anmelden

 

15.00 Uhr | Dr. Alexandra Kupferberg, Neurowissenschaftlerin

Thema: Besser Hören ohne Hörgeräte, denn das Gehör ist trainierbar

Wir hören mit den Ohren, aber verstehen mit dem Gehirn. Unser Ohren erzeugen 24 Stunden am Tag unzählige Sinnesreize, können diese aber nicht entschlüsseln. Das passiert erst im Gehirn, denn Hören ist ein kognitiver Prozess. 100 Millionen Nervenzellen arbeiten dort zusammen, um aus einfachen Reizen Sprache, Musik und Emotionen zu erzeugen. Unser Gehör ist unser ausgeprägtestes Sinnesorgan, wir hören mehr als wir in Summe riechen, schmecken und sehen können. Aber erst ist die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und zu kommunizieren war der kognitive Quantensprung in unserer Evolution.

Umso wichtiger ist es, für Kommunikation und geistige Gesundheit, das Gehör fit zu halten. Neurowissenschaftlerin Dr. Alexandra Kupferberg präsentiert bei einem spannenden Vortrag fortschrittliche Methoden um das Hören und Verstehen durch modernstes und Computergestütztes Training zu verbessern. Bei Übungen zum Mitmachen können Zuhörer ihr Gehör testen und bekommen einen Einblick, wie ein Gehörtraining abläuft.

 Zum Vortrag anmelden

 

16.30 Uhr | Dipl.-Ing. Jan-Patric Schmid, Entwickler

Thema: Fortschrittliche Medizintechnik – Was Hörsysteme der Zukunft leisten werden

Hörgeräte machen alles nur lauter, sind gross und sehen nicht schön aus? „Nein“, sagt Jan-Patric Schmid, Entwickler und Dipl.-Ing. im KOJ-hearing research center. Bei seinem Vortrag beweist er Zuhörern das Gegenteil: Hörsysteme können so klein sein, dass sie von aussen nicht mehr sichtbar sind, können versteckt in einem Ohrring sein oder sogar als Implantat am Schädelknochen verankert sein. Und weiter noch – was können Hörsysteme schon jetzt oder in naher Zukunft: Eine Email vorlesen? Strom selbst erzeugen? Den Puls messen und rechtzeitig einen Krankenwagen rufen? Das sind keine Fantasien, sondern technische Realität die bereits im Labor getestet wird. Zuhörer erfahren, auf was sie bei einem Hörgerät achten müssen und welches die aktuell fortschrittlichsten Technologien sind.

 Zum Vortrag anmelden

 

Im Anschluss stehen alle Referenten für Fragen zur Verfügung. Weitere Infos, Vorträge und Aussteller auf www.hallogesundheit.ch
* Der Eintritt ist frei *

___________
Quelle: https://koj.training/?na=v&nk=17-0890866b16&id=32