Warum Musik nicht nur Spass bringt, sondern auch dem Gehirn gut tut

31. August 2018 by Alexandra Kupferberg
active-1331931_960_720.jpg

Wer ein Instrument zur Hand nimmt oder seine Lieblingssongs hört, erlebt Glücksgefühle und wird mitunter schneller gesund. Forscher können immer besser erklären, wie Musik mit unseren Gehirnen spielt.

Schwarze Linien hüpfen im Zickzack über den Monitor. Daniela Sammler folgt konzentriert ihrem Auf und Ab. Die Linien zeigen ihr, was im Kopf der jungen Frau passiert, die Sammler nebenan im Dienst der Wissenschaft in eine schallisolierte Kabine gesperrt hat. Die Tür ist dicht verschlossen, in der Kabine hängen Lautsprecher. Aus den Lautsprechern erklingt Klaviermusik. Auf dem Kopf der Probandin ist eine Haube befestigt, die mit über 64 Sensoren deren Gehirnaktivität misst und als EEG-Linien auf den Bildschirm überträgt. Damit sie sich nicht langweilt, hat Sammler ihr eine DVD eingelegt, mit Aufnahmen aus dem Ozean, aber ohne Ton. Die Frau soll die Klaviermusik hören. Daniela Sammler hat schiefe Töne in die Sequenzen komponiert. Die Psychologin möchte am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig herausfinden, wie intuitiv Menschen auf Musik reagieren, ob sie, ohne nachzudenken, falsche Töne und Harmonien erkennen. Die Probandin in der Kabine hat nie ein Instrument gelernt. Es ist ein winziges Experiment, das dazu beitragen soll, eine große Frage zu beantworten. Wie wirkt Musik auf das Gehirn des Menschen? In den letzten Jahren ist ein ganzer Forschungszweig um diese Frage herum entstanden. Aufnahmen aus den Gehirnen professioneller Musiker sehen anders aus als die aus den Köpfen von Menschen, die kein Instrument spielen. Mit dieser Erkenntnis ging es los. Bei Profimusikern springt der linke Schläfenlappen an, wenn sie Musik hören, bei Laien der rechte.

Inzwischen weiß man, dass Musiker nicht mit anderen Gehirnen zur Welt kommen. Es ist die Musik, die ihre Gehirne verändert. „Musizieren ist einer der stärksten Anreize für Neuroplastizität“, sagt Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover. Neuroplastizität ist ein Begriff, der die Formbarkeit des Gehirns beschreibt. Nervenzellen verschalten sich neu, ganze Areale wachsen oder schrumpfen. Altenmüller konnte als Erster die unterschiedliche Verschaltung in den Gehirnen der Musiker und Nichtmusiker zeigen. Er ist Neurologe, nebenbei selbst professioneller Flötist – und ein Pionier des Forschungsgebiets. „Es ist noch zu früh, um Musik als Allheilmittel zu erklären. Wir müssen erst herausfinden, warum sie positiv wirkt, um auch die Krankenkassen zu überzeugen“, sagt Daniela Sammler, die Neuropsychologin aus Leipzig. Sammler untersucht auch Musiker beim Spielen. Eine Klaviermanufaktur hat für das Institut einen Flügel zerlegt und aus den Teilen ein Mini-Piano konstruiert. Es enthält kein Metall und ist klein genug, um auf dem Schoß eines Pianisten in einen Computertomografen zu passen. Der Pianist spielt im Liegen. Es sei übrigens nicht schwer, Freiwillige für solche Experimente zu finden, sagt Sammler: „Viele Musiker wollen wissen, was in ihren Köpfen los ist.“

Lutz Jäncke verkabelt von Zeit zu Zeit seinen eigenen Kopf. Der Neurowissenschaftler der Universität Zürich ist dann seine eigene Versuchsperson. Er hört beispielsweise den „Herbst“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, ein Stück, von dem er weiß, dass es starke Gefühle bei ihm auslöst. „In meinem Gehirn bricht ein regelrechtes Gewitter los, wenn ich mich auf meine Lieblingsmusik konzentriere“, hat Jäncke beobachtet. Neben dem Hörzentrum sind in Jänckes Gehirn die Areale für das räumliche Denken, das Sehen und das Riechen aktiv. Jäncke erklärt sich das so: Wenn er Vivaldi hört, denkt er an Boston, dort hörte er vor 20 Jahren gern den „Herbst“. Er war damals das erste Mal in Neuengland, das Stück passte zur Jahreszeit, Jäncke wanderte durch die Wälder, die vom Indian Summer rot und golden gefärbt waren. Noch heute meint er, das Laub unter seinen Füßen zu spüren und das Holz zu riechen, wenn die Violinen einsetzen. „Das ist ein umfassendes Ereignis im Kopf. Das halbe Gehirn ist aktiv“, sagt er. Die Musik und die angenehmen Erinnerungen bringen Jänckes Hormonhaushalt durcheinander. Sein Körper schüttet Glücks- und Bindungshormone aus. Serotonin, Dopamin, Oxytocin. Der Forscher ist vergnügt. Auch wenn Jäncke es nicht spürt, dürfte gleichzeitig der Gehalt an Abwehrstoffen in seinem Blut steigen, Untersuchungen haben gezeigt, dass Musikgenuss das Immunsystem anregt. Die Effekte, die das Hören von Vivaldi auf Jäncke hat, lassen sich noch steigern. Neben seinem Schreibtisch in der Uni steht ein Keyboard, auf dem Jäncke gelegentlich übt. „Das ist eine extreme Geduldsprobe für mich. Ich arbeite in der Forschung schon so lange mit Profi-Musikern, dass ich ein besseres musikalisches Niveau gewöhnt bin als mein eigenes.“ Aber es muss sein, denn Jäncke untersucht sein Gehirn auch, während er Keyboard lernt. In seinem Kopf sind dieselben Areale aktiv, die auch beim Hören von Vivaldi reagieren. Zusätzlich springen Bereiche in der Großhirnrinde an, die motorische Fähigkeiten und Bewegungen steuern. Bei Jäncke ist es das Areal für die Finger, die er beim Keyboardspielen bewegt.Würde Lutz Jäncke zum ersten Mal im Leben auf einem Keyboard spielen, könnte er seinem Gehirn sogar dabei zusehen, wie es neue Netzwerke anlegt. Das passiert immer, wenn ein Mensch zum ersten Mal ein neues Instrument spielt. 20 Minuten reichen, sagen Forscher. Dann sehe man etwas im Gehirn, was vorher nicht da war.

Quelle: https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article153754027/Warum-Musik-unserem-Gehirn-so-guttut.html