Neuroplastizität nach auditorischem Training

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17/Okt/2020

Viele wissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise, dass das computerbasierte auditorische Training, wie beispielsweise die Koj-Gehötherapie, zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und der Sprachverarbeitung führt.

Es wurden bereits zahlreiche Studien veröffentlicht, die Veränderungen der Gehirnaktivität nach kognitiven Hörtrainings demonstrierten (Anderson, White-Schwoch, Parbery-Clark, & Kraus, 2013b; Filippini, Befi-Lopes, & Schochat, 2012; Gil & Iorio, 2010; Tremblay et al., 2009). Das bedeutet, dass auditorisches Training nicht nur auf Verhaltensebene wirkt, sondern Gehirnstrukturen auch dauerhaft verändert. Dieser Effekt wurde bereits in 2017 in einer mithilfe einer Kernspintomographie durchgeführten Studie mit gesunden älteren Erwachsenen im Alter von 64 bis 77 Jahren gezeigt (Kim, Chey, & Lee, 2017). Die Fähigkeit der Nervenzellen oder der ganzen Hirnareale, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern, nennt man Neuroplastizität.

Dr. Kupferberg erläutert in diesem 5 Minuten Video das spannende Thema der Neuroplastizität des menschlichen Gehirns.

Kognitives Training rekrutiert neue Gehirnregionen und macht das Gehirn effizienter

Die Probanden der Studie haben 8 Wochen lang 1 Stunde am Tag und an 3 Tagen pro Woche trainiert. Auf der Verhaltensebene zeigte das Training im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe (diese Gruppe bekam kein Training) signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit (Schnelligkeit) und exekutiven Funktionen – das heißt, in der Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu finden. Interessanterweise korrelierten die Trainingseffekte auch mit den beobachteten Hirnaktivierungen. Die kognitiven Tests wurden in beiden Gruppen vor und nach der Trainingszeit durchgeführt, zusammen mit Messungen der aufgabenbezogenen neuronalen Aktivierungen mittels Kernspintomographie. Im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula. Diese Regionen spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass kognitives Training zu einer Aktivierung bestimmter Hirnbereiche führen kann, die zusätzliche Ressourcen für kognitive Leistungen bereitstellen. 

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Eine ältere Kernspintomographiestudie hat Verbesserungen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durchgeführten auditorischen Silbentraining demonstriert (Bless, Westerhausen, Kompus, Gudmundsen, & Hugdahl, 2014). Die Testpersonen in der Trainingsgruppe führten die Trainingsaufgabe 3 Wochen lang zweimal täglich (morgens und abends) auf einem iPad aus. Auch in dieser Studie erhielten die Testpersonen in der Kontrollgruppe kein Training, wurden aber im gleichen Zeitintervall wie die Trainingsgruppe getestet. Die Ergebnisse zeigten eine Leistungssteigerung nach dem Training. Diese Leistungssteigerung korrelierte mit einer Reduktion der Aktivierung in Hirnregionen, die mit selektiver auditorischer Verarbeitung (linker posteriorer temporaler Gyrus) und exekutiven Funktionen (rechter inferiorer frontaler Gyrus) assoziiert sind. Das weist auf eine effizientere Verarbeitung in aufgabenbezogenen neuronalen Netzwerken nach dem Training hin. 

Kognitives Training führt zur besseren Signalübertragung zwischen den Zellen

Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität (gleichzeitige Aktivierung von weiter auseinander liegenden Gehirnbereichen und Default Mode Network, dem Ruhezustandsnetzwerk (eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden)) nach einem Denk- und Strategietraining (Chapman et al., 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der Anzahl von Neurotransmitter-Rezeptoren als Folge häufiger Aktivierungen. Auf diese Weise sind die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhezustand „besser“ zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein- und Lipidsynthese in den Nervenzellen ebenfalls angetrieben wird, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen kann. Weil diese Vorgänge Energie brauchen, steigt die Durchblutung. 

Fazit

Dr. A. Kupferberg, Neurobiologin, Wissenschaftliche Leitung KHRC

Ein Gehörtraining ist in der Lage, die neuropsychologischen Defizite zu mindern, die kognitiver Verlangsamung uns Sprachverständnisproblemen zugrunde liegen. Auditorisches Training wie die Koj-Gehörtherapie verbessert nicht nur die kognitiven Fähigkeiten, sondern kann das Gehirn dauerhaft verändern. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der Plastizität des Gehirns die Koj-Gehörtherapie wesentliche Hirnnetzwerke stärkt und entwickelt und zugrunde liegende kognitive Prozesse in Gang setzt, indem das Gehirn gut definierten Lernaufgaben aussetzt wird. Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, bereits bei den ersten Anzeichen der kognitiven Verlangsamung, die sich auch in Schwerhörigkeit äußern kann, das Gehirn wieder zu aktivieren und herauszufordern – am besten mithilfe eines kontrollierten und individuell angepassten kognitiven Trainings wie der Koj-Gehörtherapie.

Machen Sie Ihr Gehör wieder fit

Unsere Gesundheit sollte unser höchstes Gut sein und die geistige Fitness ist vielleicht der wichtigste Teil, an dem Sie selbst aktiv sein können. Selbst eine beginnende Hörminderung erhöht das Demenzrisiko erheblich, daher ist es nie zu früh aktiv zu werden; Melden Sie sich zu Ihrem Gehörtraining an.


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17/Okt/2020

Ein spannender Beitrag vom Deutschen Ärzteblatt.

Bonn – Einen Mechanismus, der die gestörte Erinnerung bei einer Alzheimer-Erkrankung mitverursachen könnte, beschreiben Wissenschaftler um Martin Fuhrmann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Danach stören Nervenzellen im Gehirn, die für neue Erfahrungen zuständig sind, die Signale von Zellen, die Erinnerungen enthalten und legen eigene Signale darüber.

Die Arbeit ist im Fachjournal Nature Neuroscience erschienen (DOI: 10.1038/s41593-020-0652-4).

Die Wissenschaftler konzentrierten sich bei ihrer Arbeit auf den Hippocampus. Dieser für die Erinnerungen essenzielle Bereich des Gehirns ist bei einer Alzheimer-Demenz sehr früh betroffen. Bislang nahm man an, dass die Zellnetzwerke in bestimmten Hippocam­pus-Arealen bei Alzheimer nicht in geeigneter Weise aktiviert werden können, weil sie krankheitsbedingt geschädigt sind und die Erinnerung somit für immer verloren ist. Nach Studien am Mausmodell kommen die DZNE-Wissenschaftler aber zu anderen Schlussfolgerungen.

Dazu erkundeten gesunde Mäuse und solche mit krankhaften Hirnveränderungen, die in ähnlicher Form bei Alzheimer auftreten, eine unbekannte Umgebung. Mit Hilfe einer besonderen Messtechnik – der 2-Photonen-in-vivo-Mikroskopie – konnten die Forscher dabei die Aktivität einzelner Nervenzellen des Hippocampus erfassen.

Wenn die verschiedenen Mäuse ein paar Tage später wieder derselben Umgebung ausgesetzt waren, verhielten sie sich unterschiedlich: Die gesunden Mäuse erkannten die Umgebung wieder, die Mäuse mit Alzheimer-ähnlichen Hirnschädigungen jedoch nicht.

„Bei den Mäusen mit Alzheimer-ähnlichen Krankheitsbild waren beim zweiten Besuch nicht nur Zellnetzwerke aktiv, die Erinnerungen beinhalteten, sondern auch Netzwerke, in denen keine Erinnerungen gespeichert waren und die eine neue Erfahrung verarbeiteten. Dadurch kam es zu einer Überlagerung, also zu Störsignalen“, erläutert die Erstautorin der Arbeit, Stefanie Poll.

In einem weiteren Versuchsschritt veränderten die Wissenschaftler die Nervenzellen gezielt: „Wir konnten die Nervenzellen, die neue Erfahrungen verarbeiteten, gezielt an- und ausschalten, also ihre Aktivität steuern“, erläutert Fuhrmann. Bei den erkrankten Mäusen haben die Forscher diese Zellnetzwerke ausgeschaltet und bei den gesunden Mäusen haben wir sie angeschaltet.“

Auf diese Weise war es möglich, das Störfeuer im Gehirn zu beseitigen beziehungsweise gezielt auszulösen. Dies zeigte sich im Verhalten. „Die Mäuse mit Alzheimer-ähnlichem Krankheitsbild konnten die Versuchsumgebung nun wiederkennen. Ihr Gedächtnis kam zurück. Die gesunden Mäuse hingegen konnten sich jetzt nicht mehr erinnern“, berichtet Poll.

Die Wissenschaftler vermuten hier einen bislang unbekannten Prozess im Gehirn, der zu Gedächtnisstörungen bei Alzheimer beiträgt – was weitreichende Konsequenzen hätte: „Theoretisch könnte das für Therapien der Zukunft bedeuten, dass Alzheimer-Betroffene und Menschen mit Amnesie womöglich ihr Gedächtnis zurückbekämen, indem man bei ihnen mit Hilfe noch zu etablierender Methoden die Aktivität bestimmter Netzwerke von Nervenzellen dämpft.

Andererseits wäre es vielleicht möglich, dass man bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen die Aktivität dieser Netzwerke verstärkt und dadurch belastende Erinnerungen überschreibt“, erläutert Fuhrmann.

Der Wissenschaftler betont aber, dass die Arbeiten hierzu noch am Anfang stehen und es sich zum Beispiel erst zeigen müsse, ob sich die Erkenntnisse aus den Mausstudien auf den Menschen übertragen lassen. © hil/aerzteblatt.de


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17/Okt/2020

Beitrag vom Deutschen Ärzteblatt.

Alberta – Moderates aerobes Training kann bei älteren Erwachsenen bereits nach 6 Monaten die Hirnleistung verbessern. Das berichten Wissenschaftler um Marc Poulin von der Cumming School of Medicine an der University of Calgary in Alberta in der Fachzeitschrift Neurology (DOI: 10.1212/WNL.0000000000009478). „Selbst wenn Sie spät im Leben mit einem Trainingsprogramm beginnen, kann der Nutzen für Ihr Gehirn immens sein“, sagte Poulin.

An der Studie nahmen 206 Erwachsene teil. Sie hatten ein Durchschnittsalter von 66 Jahren und keine Vorgeschichte von Herz- oder Gedächtnisproblemen. Die Teilnehmer absolvierten zu Beginn der Studie Denk- und Gedächtnistests sowie einen Ultraschall zur Messung des Blutflusses im Gehirn. Nach 3 Monaten wurden die körperlichen Tests wiederholt, und am Ende der 6 Monate erfolgten erneut Denk- und Gedächtnistests.

Die Probanden nahmen an einem beaufsichtigten aeroben Trainingsprogramm teil, das an 3 Tagen in der Woche stattfand. Sie steigerten ihr Training von durchschnittlich 20 Minuten pro Tag auf durchschnittlich mindestens 40 Minuten. Darüber hinaus wurden die Teilnehmer gebeten, einmal pro Woche selbstständig zu trainieren.

Die Forscher fanden heraus, dass sich die Teilnehmer nach 6 Monaten Training bei Tests der exekutiven Funktion, zu denen auch die geistige Flexibilität und die Selbstkorrektur gehören, um 5,7 % verbesserten. Die Sprechfertigkeit stieg um 2,4 %.

Außerdem bestimmten die Wissenschaftler den Blutfluss zum Gehirn. Dieser stieg von durchschnittlich 51,3 Zentimetern pro Sekunde (cm/sec) auf durchschnittlich 52,7 cm/sec, was einem Anstieg von 2,8 % entspricht.

„Unsere Studie zeigte, dass nach 6 Monaten kräftiger Bewegung Blut in Hirnregionen gepumpt werden kann, die speziell Ihre verbalen Fähigkeiten sowie Ihr Gedächtnis und Ihre geistige Schärfe verbessern“, schließt Poulin aus seinen Ergebnissen.

Eine Einschränkung der Studie bestand laut den Forschern darin, dass die Personen, die die Übung machten, nicht mit einer ähnlichen Gruppe von Personen verglichen wurden, die nicht trainierten, so dass die Ergebnisse möglicherweise auf andere Faktoren zurückzuführen waren. © hil/aerzteblatt.de

Weiterführendes: Abstract der Studie in Neurology, Marc Poulin


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17/Okt/2020

Zitiert von RUB – Ruhr Universität Bochum.

NEUROWISSENSCHAFT – Das Gehirn gewöhnt sich nicht an Altersschwerhörigkeit, sodass das Gedächtnis leidet.

Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko für Demenzerkrankungen und kognitiven Verfall. Warum das so ist, war bisher unklar. Ein Team aus der Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat nun mit Untersuchungen an Mäusen herausgefunden, was im Gehirn passiert, wenn das Hörvermögen nach und nach schlechter wird: Hirnbereiche werden umorganisiert, worunter das Gedächtnis leidet. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Cerebral Cortex“ vom 20. März 2020 online veröffentlicht.

An der Studie haben Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo und Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie gemeinsam gearbeitet.

Wenn eine Sinneswahrnehmung fehlt

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen graduellen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoffrezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

Anpassungsfähigkeit des Gehirns leidet

Es ist wichtig, Schwerhörigkeit zu behandeln, um die geistige Fitness zu erhalten.

Die so gewonnenen Daten zeigten, dass die synaptische Plastizität im Hippocampus durch den graduellen Verlust des Hörvermögens beeinträchtigt ist. Die synaptische Plastizität wiederum ermöglicht die langfristige Speicherung von Erlebnissen, dadurch werden Erinnerungen gebildet und festgehalten. Die Verteilung und Dichte von Botenstoffrezeptoren änderte sich stetig. Mit Fortschreiten der Schwerhörigkeit verstärkten sich auch die Effekte im Gehirn. Darüber hinaus zeigten die schwerhörigen Mäuse zunehmende Einschränkungen bei ihrer Gedächtnisleistung. „Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, so Denise Manahan-Vaughan. „Wir glauben, dass die ständigen Veränderungen der Neurotransmitterrezeptorexpression, die durch fortschreitenden Hörverlust verursacht werden, auf der Ebene der sensorischen Informationsverarbeitung zu einer Art Treibsand führen, der verhindert, dass der Hippocampus effektiv arbeitet“, fügt sie hinzu.

 

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Förderung

Die Studie wurde durch den Sonderforschungsbereich (SFB) 874 der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Der SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ besteht seit 2010 an der RUB. Die Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit der Frage, wie sensorische Signale neuronale Karten generieren, und wie daraus komplexes Verhalten und Gedächtnisbildung resultiert. Daniela Beckmann und Mikro Feldmann haben zudem das MD-Programm speziell für Medizinstudierende des SFB 874 und der International Graduate School of Neuroscience absolviert.

Originalveröffentlichung

Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo, Denise Manahan-Vaughan: Hippocampal synaptic plasticity, spatial memory, and neurotransmitter receptor expression are profoundly altered by gradual loss of hearing ability, in: Cerebral Cortex, 2020, DOI: 10.1093/cercor/bhaa061

 

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17/Okt/2020

Ein toller Artikel, zitiert von Brigitte.

Ohne ihn wären wir wortlos. Er ermöglicht Verständigung und Miteinander – und er ist ein kleines Sensibelchen.

Kino im Kopf – Wie Hören uns schützt und gesund hält. Der Hörsinn rettet Leben, deswegen wird er auch nicht abgeschaltet, wenn wir schlafen. Wir hören die Gefahr und die Richtung, aus der sie droht, und bringen uns rechtzeitig in Sicherheit. Schon dieses Alarmsystem hat eine soziale Komponente. Denn wir reagieren nicht erst, wenn wir das bedrohliche Geräusch selbst wahrnehmen, sondern auch, wenn uns andere warnen. Unsere Ohren sind nämlich besonders empfindlich für das, was sie hören wollen: Sprache. Schon Babys faszinieren menschliche Stimmen mehr als alles andere. Bereits vor der Geburt gewöhnen sie sich daran, ihre Mutter zu hören, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Innenohr als erstes Organ unseres Körpers komplett ausgebildet. Und wie Patienten mit Nahtod-Erfahrungen berichten, endet unser Leben oft auch mit akustischen Eindrücken. Hören bedeutet zunächst Sicherheit und Nähe. Wenn ich andere höre, bin ich nicht allein.

Doch Hören ist auch Kommunikation. Unsere Sprache markiert einen kognitiven Quantensprung der Evolution, durch sie sind wir mehr als Affen mit großen Hirnen: “Die Menschwerdung vollzog sich über das Hören”, erklärt

Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen.

Professor Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Wir wollen hören und Gehör finden. Das ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Wenn sich unsere Vorfahren abends um das Feuer versammelten, um Erlebnisse und Geschichten zu teilen, war Zusammengehörigkeit selbstverständlich. Uns geht sie zunehmend verloren. Wir hören zwar immer mehr, aber immer weniger zu – und eher seltener gemeinsam. Doch ohne Gespräche und Austausch untereinander fühlen wir uns allein und unglücklich, selbst wenn wir ständig von Menschen umgeben sind. Nicht nur Hören, sondern richtiges Zuhören ist also Voraussetzung für ein soziales Miteinander – und offenbar auch für gesunde Hirnfunkionen. Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen. So beschäftigt ein und dasselbe Geräusch mal die linke, mal die rechte Gehirnhälfte, je nachdem, welche Gedanken wir damit verbinden. Denn Geräusche haben anders als Objekte nur Symbolcharakter und müssen erst interpretiert werden. Wir sammeln Erfahrungen, bilden Kategorien und entwickeln daraus eine Vorstellung von dem, was wir hören. Visuelle Informationen fordern und fördern unser Gehirn dagegen viel weniger: Wer fernsieht, braucht kaum Fantasie. Hören erzeugt Kino im Kopf. Und weil wir dabei die Bilder speichern, haben wir auch bestimmte klangliche Erwartungen und sind irritiert, wenn diese sich nicht erfüllen. Fällt eine Tür scheppernd ins Schloss, fühlen wir uns in der Wohnung dahinter nicht sicher. Ein Rasierer für Frauen sollte diskret leise sein, für Männer muss er die Bartstoppeln ordentlich sprazzeln lassen. Der Akustiker Friedrich Blutner, der Musikinstrumente baute, bevor er sich dem Sounddesign widmete, ist der Meinung, dass die bevorzugten Geräusche auch das Lebensgefühl einer Generation ausdrücken. Heute müssten Produkte krachen und knacken, damit wir sie gut finden: Leistung werde oft mit Lautstärke gleichgesetzt. Sollte sich unser Leben wieder mehr entspannen, werden wir wahrscheinlich weichere Geräusche schätzen.

Was beeinträchtigt den Sinn?

Wenn zu starke Schallwellen über die Härchen der Hörzellen hinwegbranden, können diese abbrechen oder -knicken. Solche Knalltraumen werden durch Lautstärken ab etwa 130 Dezibel verursacht, also durch Silvesterböller, aber auch Spielzeugpistolen. Die Schäden dabei sind endgültig, denn die Zellen des Innenohrs erneuern sich nicht. Auf Dauer zerstört bereits Schall unterhalb der Schmerzgrenze das Gehör, und zwar umso schneller, je lauter er ist. Oft merken wir davon zunächst nichts. “Diese kleinen Schäden summieren sich aber, bis irgendwann der Point of no Return überschritten ist”, warnt Dr. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

An Lärm gewöhnen sich weder unser Ohr noch unser Körper. Für ihn bedeutet Lärm Stress: Cortisol wird ausgeschüttet, und der Blutdruck steigt. In einer lauten Umwelt zu leben erhöht das Infarktrisiko von Frauen um mehr als das Dreifache, so eine Studie der Charité. Und nachts sind unsere Ohren noch empfindlicher: Einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge steigern schon nächtliche 55 Dezibel – dieser Wert wird auf vielen unserer Straßen erreicht – das Risiko von Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Asthma-Erkrankungen.

Die Macht der Musik

Wie wir unser Gehör einsetzen können, um uns zu heilen

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten.

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten. So sind bei Pianisten beim Hören von Klaviermusik die gleichen Hirnbereiche aktiv, als wenn sie selbst spielen würden. Und sogar bei Nichtmusikern reagieren Nervenzellen, die mit dem Kehlkopf in Verbindung stehen – und singen oder pfeifen lautlos mit. “Erst kommt die Musik, dann die Sprache”, sagt Dr. Stefan Koelsch, Leiter der Forschungsgruppe Neurokognition der Musik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Beim Hören von Musik sind also vor allem Bereiche des Gehirns aktiv, die wir nicht unter Kontrolle haben, und diese beeinflussen unser Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Untersuchungen zeigen, dass Blutdruck, Puls und Atemfrequenz abnehmen, wenn wir ruhigen Klängen lauschen. Das funktioniert unabhängig davon, ob uns das Stück überhaupt gefällt. Aber Musik als Medizin kann noch viel mehr: Sie senkt zum Beispiel die Angst vor und während eines ärztlichen Eingriffs wie einer Magenspiegelung. Forscher der Universität Yale fanden heraus, dass Patienten sogar weniger Narkosemittel brauchen, dürfen sie ihre Lieblingsmusik hören. Und dies liegt tatsächlich an der Musik und nicht daran, dass sie OP-Geräusche übertönt. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen schneller erholen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie nach einer Operation mit Musik aufwachen. Sanfte Musik dämpft außerdem das Schmerzempfinden während der Wehen. Und Frühgeborene, die mehrmals täglich Schlaf- und Kinderlieder vorgespielt bekamen, nahmen schneller an Gewicht zu und konnten so früher von der Intensivstation entlassen werden. “Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie genau Musik im Körper wirkt”, erklärt Stefan Koelsch. “Doch in Zukunft wird Musik in der Medizin immer häufiger eingesetzt werden.” Musik heilt natürlich auch dann, wenn man sie aktiv einsetzt. Heidelberger Therapeuten konnten belegen, dass regelmäßiges Musizieren die Häufigkeit von Migräneanfällen bei Kindern sogar etwas effektiver reduziert als spezielle Medikamente. Bei Demenzkranken können Lieder vergessen geglaubte Erinnerungen und Wörter zurückbringen, Parkinson-Kranken hilft der Rhythmus, ihre Bewegungen zu koordinieren, und Schlaganfallpatienten finden oft über das Singen zurück zur Sprache.

Was, wenn der Sinn gestört ist?

Hörgeräte sind vielen peinlich. Dabei machen sie uns schlau

Mit rund 15 Millionen Betroffenen ist Schwerhörigkeit in Deutschland eine Volkskrankheit. Ein Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung, ein anderer die permanente Lärmüberlastung. Die Zahl der Tinnitus-Patienten wächst ebenfalls, und ein akuter Hörsturz trifft immer häufiger auch junge Menschen.

Moderne Hörsysteme sind trotz Rechenpower dezent.

Hörprobleme sollten möglichst frühzeitig behandelt werden. Denn wer längere Zeit schlecht hört, vergisst auch immer mehr Geräusche und muss sie mühsam neu lernen. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte nachweisen, dass sich Menschen in einem IQ-Test verbessern, sobald sie Hörgeräte bekommen – und ihre geistige Kapazität nicht mehr durch das akustische Verstehen absorbiert ist. Während Hörgeräte Schall verstärken, stimulieren Cochlea-Implantate (winzige Hörprothesen im Innenohr) über Elektroden direkt den Hörnerv. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass dieser Nerv noch funktioniert: Das ist etwa bei Erwachsenen der Fall, die nach einem Hörsturz ertauben, oder bei vielen gehörlos geborenen Kindern.

Etwa zwei von tausend Neugeborenen sind von angeborenen Hörstörungen betroffen. Im Kindesalter ist es noch wichtiger, diese Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn für die Entwicklung des Gehörs und vor allem der Sprache gibt es sensible Phasen. Versäumtes kann manchmal kaum oder überhaupt nicht mehr aufgeholt werden.

So halten Sie Ihr Gehör fit

“Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen.

Die Funktion des Innenohrs können wir nicht steigern, sondern nur bewahren. Trainieren lässt sich aber die Hörverarbeitung im Gehirn. Dies ist oft Teil einer Therapie von Tinnitus und Hörsturz, lässt sich jedoch auch vorbeugend einsetzen. “Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen. Es lohnt sich also, sorgfältig auszuwählen, was wir uns zu Ohren kommen lassen – und dem Gehör ab und zu eine Pause zu verordnen: – SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und lauschen Sie dem Alltag. Etwa im Park oder im Bus. Was hören Sie? Und aus welcher Richtung kommen die Geräusche? – GENIESSEN SIE MUSIK. Akustisches Berieseln nutzt die Hörwahrnehmung im Gehirn eher ab, bewusstes Hinhören aber trainiert sie. Konzentrieren Sie sich dafür zum Beispiel einmal nur auf ein einziges Instrument. – GÖNNEN SIE IHREN OHREN RUHE. Wenn Sie besonderem Lärm ausgesetzt waren, braucht das Gehör Zeit, sich davon zu erholen. – SCHÜTZEN SIE IHR GEHÖR VOR KRACH. Taubheit und Ohrenklingeln nach einem Konzert sind erste Warnzeichen, selbst wenn sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Ohrstöpsel etwa entlasten das Ohr: Sie dämpfen um 15 bis 30 Dezibel und lassen trotzdem noch genug Musikgenuss durch.

Tinnitus oder Hörsturz?

“In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite.

In Deutschland leiden rund drei Millionen Menschen unter Ohrgeräuschen. Dabei senden aufgequollene oder entzündete Hörzellen von selbst Signale ans Gehirn. Ein Tinnitus tritt oft nach Lärmüberlastung auf und kann durch eine Therapie mit Infusionen oder Medikamenten behandelt werden. Hält der Tinnitus jedoch länger als drei Monate an, hat diese Durchblutungsförderung keinen Sinn mehr: Die Tinnitus-Aktivität ist dann im Gehirn fixiert. “In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite. Viele Betroffene leiden besonders unter den Geräuschen, weil sie ihre ganze Wahrnehmung darauf fokussieren. Wer hingegen plötzlich schlecht hört, leidet möglicherweise an einem Hörsturz und sollte spätestens am zweiten Tag zum Arzt gehen. Denn die Ursache ist oft eine Art Innenohr-Infarkt, und die Sinneszellen können absterben, wenn die Therapie nicht rechtzeitig beginnt. Ein Hörsturz kann verschiedene Ursachen haben, wie Birgit Mazurek erklärt: “Stress ist allerdings häufig eine Mitursache.”


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17/Okt/2020

Ein Beitrag von Deutsches Ärzteblatt.

Leipzig – Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissen­schaften (MPI CBS) haben die Hirnbereiche identifiziert, in denen beim Menschen die sogenannten exekutiven Funktionen ablaufen. Dazu gehören die Planung von Hand­lungen, das Lösen von Problemen und die Kontrolle von Emotionen – es sind also grundlegende Prozesse, die das Verhalten steuern.

Auch die selektive Aufmerksamkeit, also die Fähigkeit, sich auf einen Reiz zu konzen­trieren und anderes auszublenden, und das Arbeitsgedächtnis, mit dem wir Informatio­nen behalten und manipulieren können, gehören zu den exekutiven Funktionen.

Die Arbeit ist in der Fachzeitschrift Cortex erschienen (DOI: 10.1016/j.cortex.2020.03.010).

Die Verarbeitung des Gehirns ist plastischer, wie gemein angenommen. Neuste Erkenntnisse belegen die Lernfähigkeit auch bin ins hohe Alter.

Für ihre Studie untersuchten die MPI-Wissenschaftler eine Patientin mit einem sogenannten dysexekutiven Syndrom. Diese 56-jährige Patientin hatte mehrere Schlaganfälle erlitten, welche die sogenannte untere Kreuzungsregion (inferior frontal junction area, IFJ) im Stirnlappen der Großhirnrinde in beiden Gehirnhälften beschädigt hatten. Das Besondere an ihr war, dass die Läsion auf diese Region begrenzt war – und dies in beiden Hirnhälften gleichermaßen.

Durch die Verletzung gelang es ihr nicht mehr, grundlegende psychologische Tests zu bestehen. Darunter die Aufgabe, einen Rundgang durch einen Zoo unter Beachtung verschiedener Vorgaben zu planen, oder den sogenannten Stroop-Test. Dieser misst, wie gut jemand störende, unwichtige Reize ausblenden kann, um sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.

„Aus funktionellen MRT-Untersuchungen an Gesunden wusste man bereits, dass die untere Kreuzungsregion verstärkt aktiviert ist, wenn selektive Aufmerksamkeit, Arbeits­gedächtnis und die anderen exekutiven Funktionen gefordert sind.

Der endgültige Beleg dafür, dass diese exekutiven Fähigkeiten dort verortet sind, stand bislang jedoch aus“, erklärte Matthias Schroeter, Erstautor der Studie und Leiter der Forschungsgruppe „Kognitive Neuropsychiatrie“ am MPI CBS. Dies war mit der betreffenden Patientin laut den Forschern jetzt möglich, weil die betreffende Region in beiden Hirnhälften versagte.

Die Wissenschaftler analysierten außerdem die Daten zehntausender Teilnehmer von psychologischen Tests und den dabei aktivierten Hirnarealen. Diese Big-Data-Analyse wies laut den Forschern ebenfalls auf die IFJ als Träger der exekutiven Funktionen hin.

„Wenn man in Zukunft anhand der Läsionsaufnahmen und den Datenbanken noch detaillierter weiß, welche Regionen und damit Fähigkeiten ausgefallen sind, kann man die Therapie noch gezielter anpassen“, hofft Schröter auf klinische Konsequenzen der Forschung. © hil/aerzteblatt.de

Weiterführende Links:


 

Hirnareale Hören
Hirnareale Hören: Bei der Verarbeitung von akustischen Reizen werden ungeahnt viele Regionen des Gehirns aktiviert.

Auch die Verarbeitung von akustischen Reizen mündet in exekutive Funktionen. Für KOJ ist die Verbesserung von Reaktionszeit, Gedächtnis, Aufmerksamkeitslenkung mit dem besonderem Bezug zur Hörverarbeitung der Forschungsschwerpunkt. Ein med. Gehörtraining kann einen entscheidenden Beitrag leisten, diese kognitive Leistungsfähigkeiten zu erhalten und aufzubauen. Mehr Info auf www.khrc.info

 


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17/Okt/2020

Ein Artikel von Dr. Alexandra Kupferberg.

Während die Schließung der Kindergärten und Schulen aufgrund der COVID-19-Pandemie das Leben von Schülern und Eltern auf der ganzen Welt auf den Kopf stellte, traf die extreme Isolation hörgeschädigte und taube Kinder besonders hart. Den meisten dieser Kinder fällt es schwer, sogar mit ihrer Familie zu kommunizieren, da viele Eltern die Gebärdensprache nie gelernt haben. Auch kann die monatelange Unterbrechung der Wissensvermittlung negative Auswirkung auf soziale Kompetenz und emotionale Verfassung einiger schwerhöriger und tauber Kinder haben. Dieser Newsletter gibt einen Überblick über die Folgen der sozialen Distanzierung für die geistige Gesundheit und die Lebensqualität betroffener Kinder und diskutiert computerbasiertes auditorisches Training als eine Möglichkeit, das Sprachverstehen von zu Hause aus gezielt zu trainieren.

 

 

Warum Kinder mit Hörverlust einer höheren Belastung durch soziale Isolation ausgesetzt sind

Die COVID-19 Krise bedingt erhebliche Einschränkungen für die Jüngsten.

Am 11. März 2020 erklärte die WHO COVID-19 zur globalen Pandemie mit u. a. der Folge, dass am 13. März die meisten Schulen und Kitas geschlossen wurden. Obwohl die Zahl der Neuinfektionen rückläufig ist, hat das Coronavirus das gesellschaftliche Leben hierzulande noch fest im Griff. Viele Kinder, die von Hörverlust betroffen sind, wurden während des Lockdowns nicht nur aus dem öffentlichen und sozialen Leben in besonderem Maße ausgeschlossen. Sie mussten in einer Art doppelten Abgeschiedenheit leben, zusätzlich zur Einschränkung des Hörvermögens erfolgte eine „kommunikative Isolation“ in Haushalten, in denen Familienmitglieder oft Schwierigkeiten haben, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Der Großteil (97,7 %) der taub geborenen Kinder wächst bei hörenden Eltern auf (Bredel and Maaß 2016). Der Großteil derselbigen kann keine Gebärdensprache sprechen, sodass taube Kinder die in der Familie gebräuchliche Sprache, im Gegensatz zu hörenden Kindern, nicht im frühen Kindesalter erlernen können. Bei einigen Eltern herrscht zudem eine Voreingenommenheit gegenüber der Gebärdensprache. Überdies zieht das Frühförderungssystem bei tauben und schwerhörigen Kindern oft die Lautsprache der Gebärdensprache vor. 

Kommunikationsprobleme und soziale Isolierung der schwerhörigen und gehörlosen Kinder in der aktuellen Situation

Der Wunsch nach sozialen Beziehungen entwickelt sich in der frühen Kindheit und bildet eine Grundlage für den Erwerb von sozialer Kompetenz im Erwachsenenalter (Hartup 1983). So korrelieren positive Interaktionen mit Gleichaltrigen in der frühen Kindheit mit einer besseren sozialen Anpassung in der Schule, besserer Emotionskontrolle (McElwain and Volling 2005; Odom, McConnell, and Brown 2007) und dem akademischen Erfolg (Buhs, Ladd, and Herald 2006). Eine Studie zeigte sogar, dass Kinder mit Hörverlust oft Schwierigkeiten haben, ihre Bedürfnisse dem Schulpersonal gegenüber zu kommunizieren, und sich manchmal wegen ihres Hörverlustes missverstanden oder sogar unterdrückt fühlen können (Edmondson and Howe 2019). 

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass taube Kinder oft auf Ablehnung durch Gleichaltrige stoßen (Stinson and Antia 1999), sozial ausgeschlossen werden und bei normalhörenden Altersgenossen unbeliebt sind (Ridsdale and Thompson 2002). Hörende Schülerinnen und Schüler bevorzugen oft hörende Gleichaltrige als Freunde (Nunes, Pretzlik, and Olsson 2001), was zu Isolation und Einsamkeit bei Kindern mit Hörproblemen führen kann (Wauters and Knoors 2008). Unterschiede zwischen tauben und hörenden Kindern in Bezug auf Freundschaften wurden bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten in einer Studie, in der die Interaktionen von Vorschulkindern auf dem Spielplatz über einen Zeitraum von sieben Monaten beobachteten wurden, aufgezeigt (Lederberg et al. 1987). Dabei wurden zwei Arten positiver Interaktionen zwischen Kindern unterschieden: einerseits die sporadische Freundschaft, charakterisiert durch gelegentliche und positive Interaktion und das parallele Spielen, und andererseits die langfristige Freundschaft, charakterisiert durch die gegenseitige Vorliebe füreinander und interaktives Spielen. Obwohl während der Studiendauer bei allen hörenden und gehörlosen Kindern mindestens eine langfristige Freundschaft vorhanden war, gab es einen signifikanten Unterschied zwischen dem Freundschaftsmuster der hörenden und der gehörlosen Kinder. Während die Mehrheit der Freundschaften der hörenden Kinder langfristig angelegt war, war das häufigste Freundschaftsmuster bei den gehörlosen Kindern sporadisch. So waren gehörlose Kinder im Vorschulalter zu genauso vielen positiven Interaktionen mit Gleichaltrigen fähig wie hörende Schüler, wurden aber in deutlich weniger Fällen als Spielpartner von hörenden Kindern bevorzugt. Somit erscheint es nachvollziehbar, dass hörende Schüler*innen sozial erfolgreicher als ihre gehörlosen Altersgenossen sind (Marschark et al. 2012). 

Die moderne Generation von Kindern und Teenagern ist es gewohnt, über ihre Geräte wie Tablets oder Smartphones online zu kommunizieren. Kinder mit starker Hörschädigung ist des nur bedingt möglich.

Die Schließung der Schulen und Kitas während der Corona-Pandemie dürfte wahrscheinlich zusätzliche negative Einflüsse auf die soziale Entwicklung der schwerhörigen und tauben Kinder haben. Es konnte gezeigt werden, dass  Kinder, die eine Kindertagesstätte besuchten, effektiver mit Gleichaltrigen interagieren konnten als Kinder, die keine Tagesstätte besuchten (Stolk et al. 2013). Die moderne Generation von Kindern und Teenagern ist es gewohnt, über ihre Geräte wie Tablets oder Smartphones online zu kommunizieren, sodass für viele von ihnen die soziale Distanzierung wahrscheinlich leichter ist als für ältere Generationen. Viele Kinder und Teenager haben sich während der Pandemie bereits an die neuen sozialen Regeln adaptiert und organisieren „virtuelle Übernachtungen“, lange Video-Chats und Kinoabende über Streaming-Anbieter. 

All diese Coping-Strategien sind für Kinder mit starker Hörschädigung oder Taubheit nur bedingt anwendbar oder möglich. Insbesondere diejenigen, die das Lippenlesen oder die Gebärdensprache verwenden, werden von solchen Interaktionen in gewissem Umfang ausgeschlossen. Auch der Online-Unterricht stellt Kinder, die Technologien wie Hörgeräte oder Cochlea-Implantate verwenden, vor große Herausforderungen. Verständnisschwierigkeiten beim Hören der Lehrperson durch technische Probleme wie Verzerren oder Ausfallen des Tons können bei der elektronischen Übermittlung auftreten. Des Weiteren sind üblicherweise Untertitel beim Online-Unterricht nicht vorhanden und es fehlt die Möglichkeit, bei Schwierigkeiten mit dem Verstehen, die Mitschüler um Hilfe zu bitten.

Auditorisches Training für besseres Sprachverstehen bei Kindern mit Hörminderung

Kinder mit Hörverlust haben bei Abwesenheit von Nebengeräuschen eine ähnliche Entwicklung der auditiven Fähigkeiten aufzuweisen wie ihre normalhörenden Altersgenossen (Sullivan, Thibodeau, and Assmann 2013). Bei komplexeren Höraufgaben, die anspruchsvolle Fähigkeiten erfordern wie z. B. Spracherkennung im Lärm, treten bei Kindern mit Hörverlust jedoch Defizite auf (Jerger 2007). Diese Schwierigkeit, Sprache im Lärm zu verstehen, wirkt sich negativ auf ihre Sprachentwicklung und ihren akademischen Fortschritt aus und ist in der Literatur gut dokumentiert (Dockrell and Shield 2004; Stelmachowicz et al. 2004). 

Mit dem Fortschritt der Technologie und der E-Learning-Programme haben computergestützte Programme für das Trainieren der Hörfähigkeit und des Sprachverstehens bei Lärm große Aufmerksamkeit erregt. Obwohl computergestütztes kognitives Training positive Effekte auf das Sprachverstehen hatte und die Effekte sogar auf der neuronalen Ebene gezeigt werden konnten (Angelucci et al. 2015; Fisher et al. 2016; Kupferberg, Koj, and Radeloff 2019; Sweetow and Palmer 2005), hat man die Wirkung fast ausschließlich bei erwachsenen Kollektiven getestet. Jedoch wurden in den letzten Jahren aufgrund der positiven bisherigen Ergebnisse und der Vorteile einer Anwendung in Heimnutzung auch mehrere computerbasierte Trainings für Kinder auf den Markt gebracht, wie zum Beispiel Angel Sound Training und Otto’s World of Sounds für Hörgeräteträger und Trainings von Advanced Bionics, MED-EL und  Cochlear für Kinder nach Cochleaimplantatversorgung (Nanjundaswamy et al. 2018). 

Bis jetzt gibt jedoch kaum Studien zum Nachweis einer Wirksamkeit dieser Programme bei Kindern. Dennoch ist die Bedeutung der Frühintervention bei Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit eine allgemein anerkannte Tatsache, da es enorm wichtig ist, dass das Kind in seinen frühen Jahren die meiste auditive Stimulation erhält und damit eine altersgerechte auditorische Entwicklung stattfinden kann. 

Die Notwendigkeit der Durchführung zukünftiger Studien zum Nachweis der Wirksamkeit der bestehenden Programme für Kinder und die Anpassung von Trainingsprogrammen für Erwachsene an Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kindern ist aus unserer Sicht in dringendem Maße gegeben. 

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Das Koj-Institut für Gehörtherapie hat bereits die erste Pilotstudie an Kindern für den Sommer 2020 geplant. Hier soll die Auswirkung des Trainings auf Sprachverstehen untersucht werden. Mit der Koj-Gehörtherapie sollen sich nicht nur das Sprachverstehen bei Hintergrundgeräusch, sondern auch wichtige kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit trainieren lassen. Ein angepasstes und effektives Training dieser Aspekte könnte das alltägliche Leben und die Kommunikation der betroffenen Kinder entscheidend positiv beeinflussen.

 

 

 

 

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Referenzen:

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© Dr. Kupferberg, 05-2020, KOJ HEARING RESEARCH CENTER


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17/Okt/2020

Dr. Alexandra Kupferberg, Dr. Pascal Burger, Dr. Anna Buadze, Prof. Dr. Gregor Hasler, Prof. Dr. Tilo Strobach – Veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Hörakustik”, Median Verlag, 05-2020.


Vorspann

In Deutschland hat sich die Kurve der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus in den vergangenen Tagen etwas abgeflacht, doch das Virus breitet sich weiter aus. So wie der Lockdown eine wirtschaftliche Rezession zu verursachen droht, wird er vermutlich auch zur „sozialen Rezession“ führen: Das überwiegend konsequente Praktizieren einer sozialen Distanzierung führt zu einem Zusammenbruch vieler klassischer sozialer Netzwerke, der voraussichtlich besonders hart für jene Bevölkerungsgruppen ist, die schon vor Beginn des Lockdowns am stärksten von Isolation und Einsamkeit betroffen waren. Hierzu zählen vor allem Erwachsene aus der Gruppe der Alten und Ältesten, besonders jene mit bereits bestehenden Gesundheitsproblemen und Behinderungen wie Schwerhörigkeit oder Demenz. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Folgen der sozialen Distanzierung für die mentale Gesundheit und diskutiert kognitives computerbasiertes Training als eine Möglichkeit, den Konsequenzen der Isolation entgegenzuwirken.

Nähe und soziale Unterstützung sind Grundbedürfnisse, die tief im Gehirn verankert sind

Eine rasche Umsetzung der sozialen Distanzierung im Rahmen der Corona-Pandemie war notwendig, um die Ausbreitung des COVID-19 zu verlangsamen und eine Dekompensation der medizinischen Versorgungslage zu verhindern. Vor allem Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und solche ab 65 Jahren sind auch weiterhin angewiesen, möglichst viel zu Hause zu bleiben. Doch die Forderung vor allem an ältere Menschen, soziale Kontakte zu ihrer Familie zu vermeiden, läuft dem zuwider, was evolutionär für uns alle vorgesehen ist: sich gegenseitig als Familie, Freunde und Gemeinschaft zu suchen und zu unterstützen. Man muss davon ausgehen, dass weniger Nähe nicht nur physische, sondern auch soziale Distanz bedeutet. Der Verlust alltäglicher sozialen Bindungen dürfte mit bedeutsamen Kosten für die Behandlung psychischer Folgeschäden verbunden sein (Friedler, Crapser, and McCullough 2015). Man kann mutmaßen, dass diese Kosten umso mehr steigen werden, je länger die Isolationsmaßnahmen andauern. 

Körperwärme und Verhaltensweisen wie Händchenhalten und Umarmen haben einen beruhigenden Effekt auf Menschen. Diese Verbindungen sind primäre Ressourcen, um auf Stress zu reagieren und die Wahrscheinlichkeit für ein Adaptieren und schlussendlich ein Überleben auch in stressgeprägten Zeiten bestmöglich zu erhöhen. 

Senioren die bereits vor der Coronakrise einsam waren, trifft der Lockdown besonders hart.

Es wurde in einer Studie mit 404 Probanden gezeigt, dass häufigere Umarmungen und soziale Unterstützung vor den pathogenen Auswirkungen von Stress schützen können und die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten reduzieren (Cohen et al. 2015). In dieser Studie wurden die Probanden einem Erkältungsvirus ausgesetzt und während der Quarantäne hinsichtlich ihrer Symptome beobachtet. Die Ergebnisse zeigten, dass eine subjektiv stärker wahrgenommene soziale Unterstützung das Infektionsrisiko verringerte. Die positive Wirkung der sozialen Unterstützung ging in den Berechnungen zu 32 % auf die Umarmungen zurück. Bei den infizierten Teilnehmern bedingte eine größere Häufigkeit von Umarmungen jeweils weniger schwere Krankheitszeichen. 

Vor einigen Wochen wurde eine Studie aus Großbritannien publiziert, die zeigen konnte, dass sowohl Einsamkeit als auch Hunger zur Aktivierung der neuronalen Netzwerke in den Mittelhirnregionen führen. Diese Netzwerke sind für die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin zuständig, das umgangssprachlich oft als ein Glückshormon bezeichnet wird, und bereits bei Erwartung der Belohnung freigesetzt wird. Dopamin ist als Botenstoff für die Steuerung grundlegender Impulse für Belohnung und Motivation verantwortlich (Tomova et al. 2020). Nach der Isolation sehnten sich Probanden nach Interaktion genauso wie nach Nahrungsmitteln nach dem Fasten. Man kann also als Hypothese formulieren, dass unser Bedürfnis, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, genauso tief in unserem Gehirn verwurzelt ist wie unser Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme. 

Folgen von sozialer Distanzierung auf körperliche Gesundheit 

Eine chronische soziale Isolation ähnelt der gegenwärtig praktizierten sozialen Distanzierung und wird als ein Zustand definiert, in dem ein Individuum eine minimale Anzahl von sozialen Kontakten pflegt (Nicholson 2009). Vor allem bei alleinlebenden Menschen kann diese Situation schnell zur Einsamkeit führen. Die Ergebnisse einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 deuten darauf hin, dass der negative Einfluss der chronischen sozialen Isolation auf das Sterberisiko mit gut etablierten Risikofaktoren für die Mortalität wie Rauchen und Alkoholkonsum vergleichbar ist. Der negative Effekt anderer Risikofaktoren wie Bewegungsmangel und Adipositas würde sogar von der sozialen Isolation in den Schatten gestellt (Holt-Lunstad et al. 2015). Die Autoren ermittelten, dass chronische soziale Isolation das Sterblichkeitsrisiko um 29 % erhöht. Als Erklärung wurde der Zusammenhang herangezogen, dass Einsamkeit Stress verursache, und langfristiger oder chronischer Stress zu häufigeren Erhöhungen eines wichtigen Stresshormons, des Cortisols, führe. Stress scheint mit einem größeren Sterblichkeitsrisiko, vor allem bei älteren Menschen, assoziiert zu sein (Schoorlemmer et al. 2009). 

Chronischer Stress ist offensichtlich aufgrund einer Glukokortikoidrezeptorresistenz mit einem höheren grundsätzlichen Entzündungsniveau im Körper verbunden. Dies bedingt wiederum das Herunterregulieren der Entzündungsreaktion bei z. B. einem Virusbefall (Cohen et al. 2012). Die Entzündungsreaktionen im Körper schädigen Blutgefäße und andere Gewebe und erhöhen das Risiko von Herzkrankheiten, Diabetes, Gelenkerkrankungen, Fettleibigkeit und vorzeitigem Tod.  

Abwesenheit von sozialer Interaktion hat einen negativen Einfluss auf kognitive Fähigkeiten 

Bezieht man den erwähnten immunologischen Ansatz mit ein, erscheint es logisch, dass soziale Isolation zu anhaltendem psychischen Stress führt (Seeman et al. 2001), welcher wiederum z. B. über die Schädigung cerebraler Gefäße die kognitive Funktionsfähigkeit einschränken kann. Auf diese Weise scheint die soziale Distanzierung bei älteren Menschen alle bereits bestehenden Krankheiten, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Alzheimer, verschlimmern zu können (Hakulinen et al. 2018). 

Bei Nagetieren wurde wiederholt demonstriert, dass soziale Isolation zu einer Verschlechterung des Gedächtnisses führt (Leser and Wagner 2015). Mehrere Studien am Menschen haben gezeigt, dass enge soziale Beziehungen das Risiko des kognitiven Abbaus verringern und den Ausbruch einer Alzheimer-Erkrankung verzögern können (Stern 2006; Szekely, Breitner, and Zandi 2007). Eine relativ neue systematische Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse aus 51 Studien zusammenfasste, zeigt, dass eine geringe Anzahl von sozialen Aktivitäten und kleinere soziale Netzwerke einen Risikofaktor für kognitive Verlangsamung (Evans et al. 2019) und Verschlechterung des Gedächtnisses (Hsiao, Chang, and Gean 2018; Read, Comas-Herrera, and Grundy 2020) im späteren Leben darstellen. Der soziale Umgang und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten ist kognitiv „herausfordernd“, „aufwendig“ und stimulierend für das Gehirn. Gespräche mit anderen Menschen und Teilnahme an Gruppenaktivitäten führen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen durch Schulung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis sowie kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit (Aartsen et al. 2002; Brown et al. 2016; Fratiglioni, Paillard-Borg, and Winblad 2004). 

Soziale Distanzierung kann die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen

Die Abwesenheit von Interaktion mit anderen ist ein wichtiger psychosozialer Stressfaktor, der zur erhöhten Prävalenz neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen beiträgt (Friedler et al. 2015). So wird durch soziale Isolation das Risiko des Auftretens von Schizophrenien (Jiang, Cowell, and Nakazawa 2013) oder Manien (Gilman et al. 2015) erhöht. Mangel an sozialer Interaktion vermindert zudem die Stimulation des Gehirns und führt zu einer Verringerung der kognitiven Reserve (Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen pathologische Veränderungen im Alter), der grauen Substanz (Kiesow et al. 2020) und damit zu einem schnelleren kognitiven Rückgang (Evans, Llewellyn, et al., 2018). 

Eine Einschränkung der kognitiven Funktionsfähigkeit kann aber auch durch die Erzeugung von psychischem Stress durch die soziale Isolation entstehen (Seeman et al. 2001). Geringere kognitive Reserven und ein kognitiver Rückgang können wiederum zu einer erschwerten Kommunikation und damit zum Rückzug aus dem sozialen Leben führen  (Bennebroek Evertsz’ et al. 2017). Dieser Aspekt könnte, auch nachdem die Maßnahmen für soziale Distanzierung gelockert oder aufgehoben sein werden, das Zurückkehren in ein normales Gesellschaftsleben für ältere, alleinlebende Menschen zusätzlich erschweren.  

Ältere Menschen sind während der Corona-Krise besonders stark von der sozialen Isolation betroffen 

Obwohl Menschen jeden Alters anfällig für die negativen Auswirkungen von sozialer Isolation und Einsamkeit sind, sind während der Corona-Krise gerade ältere Menschen betroffen, weil sie oft unter chronischen Krankheiten leiden und damit zur Risikogruppe gehören. Erschwerend kommt hinzu, dass Altersheime und Pflegeeinrichtungen Besuchsverbote erlassen mussten, wodurch die sozialen Kontakte der Bewohner zur Außenwelt wegfallen. Außerdem können einige ältere Menschen jetzt nicht mehr arbeiten oder sind im Home-Office. Dies führt dazu, dass neben den Kontakten im Freundeskreis und in der Familie auch die alltäglichen sozialen Kontakte im beruflichen Umfeld wegfallen.

Bereits in krisenfreien Zeiten erfährt man mit zunehmendem Alter oft Einbußen in der Mobilität und auch die soziale Unterstützung schrumpft mit dem Tod von Freunden und Familie. Lokale Vereine, Treffen in der religiösen Gemeinde und Zeit mit der Familie bringen soziale Struktur und Freude in das Leben vieler Menschen. Sie sind aber auch besonders wichtige Anknüpfungspunkte für diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustands nicht arbeiten oder nicht allein unterwegs sein können. Wenn ältere und kranke Menschen monatelang von sozialen Aktivitäten Abstand nehmen müssen, so wie aktuell, wird sich voraussichtlich die Qualität ihres Lebens deutlich verschlechtern, und es wird ihnen schwerfallen, die alten Strukturen und Beziehungen wiederaufzubauen, selbst wenn die Krise wieder vorbei ist. Verlust der gewohnten Routine und verminderter sozialer und physischer Kontakt mit anderen Menschen führen häufig zu Langeweile, Frustration und einem Gefühl der Isolation vom Rest der Welt, was ein Gefühl der Verunsicherung erzeugt (Jeong et al. 2016; Taylor et al. 2008). Diese Frustration kann auch noch dadurch verstärkt werden, dass manche ältere Menschen sogar auf das Einkaufen von Lebensmitteln aufgrund von Ansteckungsangst verzichten (Hawryluck et al. 2004). 

Die Effekte der sozialen Isolation auf die Neuroplastizität und das Gedächtnis

Viele ältere Menschen halten über die sozialen Netzwerke Kontakt zu Familie und Freunden, Computerisiertes kognitives Training kann darüber hinaus positive Effekte auf die kognitive Fitness während einer Isolation haben.

Es existieren bisher nur relativ wenige Studien an Menschen, welche sich mit den Folgen von sozialer Distanzierung auf das Gehirn beschäftigt haben. Dennoch widmeten sich bereits mehrere Studienansätze den Folgen von sozialer Abgeschiedenheit bei bestimmten Populations- oder Berufsgruppen, wie zum Beispiel Astronauten oder Antarktisforschern. Diese Forschungsansätze erlauben es, gewisse Parallelen zu sehen und so Hypothesen hinsichtlich möglicher Folgen des aktuellen Vorgehens in der Corona-Krise zu generieren. In einer aktuellen Hirnbildgebungsstudie werden die Ergebnisse einer Untersuchung beschrieben, in der neun Personen beobachtet wurden, die 14 Monate auf der isolierten deutschen Polarstation Neumeyer III in der Antarktis verbrachten (Stahn et al. 2019). Während der gesamten Zeit hatten sie den gleichen monotonen Wohn- und Arbeitsraum, und die sozialen Interaktionen waren auf eine kleine Gruppe von Menschen beschränkt. Neben den Daten aus der funktionellen Bildgebung, die vor und nach der Expedition gesammelt wurden, wurde bei den Teilnehmern während ihres Aufenthalts auf der Station die Konzentration eines Schlüsselproteins, des sogenannten Wachstumshormons „Brain Derived Neurotrophic Factor“ (BDNF), überwacht. Seit seiner Entdeckung vor fast vier Jahrzehnten ist bekannt, dass der BDNF an der Differenzierung und dem Überleben von Nervenzellen des Zentralnervensystems (ZNS) beteiligt ist. In jüngerer Zeit hat sich BDNF auch als wichtiger Regulator der Synaptogenese (Bildung von neuen Nervenzellverbindungen) und der Neuroplastizität erwiesen, welche dem Lernen und Gedächtnis im erwachsenen ZNS zugrunde liegen (Cunha, Brambilla, and Thomas 2010). Es ist bekannt, dass chronischer Stress zu einer Abnahme der BDNF-Konzentration im Hippocampus, einer stressempfindlichen Hirnregion, führt, die auch eng mit der Pathophysiologie der Depression zusammenhängt (Zaletel, Filipović, and Puškaš 2017). Die Ergebnisse der oben beschriebenen Studie zeigten, dass nach der Expedition die Konzentration des BDNF im Gehirn der Forscher abgenommen hatte. Die Gehirnscans der Antarktisforscher ergaben, dass das Volumen des Hippocampus, einer für Lernen und Gedächtnis kritischen Hirnstruktur, bei den Teilnehmern der Studie sich deutlich verkleinert hatte. Als eine der wenigen Hirnregionen, die bis ins Erwachsenenalter Neuronen aussprossen lassen kann, „verdrahtet“ der Hippocampus unsere neuronalen Schaltkreise ständig neu, während wir lernen und neue Erinnerungen sammeln. Auch der rechte dorsolaterale präfrontale Kortex und der linke orbitofrontale Kortex wiesen mittlere Abnahmen der grauen Substanz auf. Die Autoren der Studie nehmen an, dass diese Ergebnisse die Folge von geringer Gehirnstimulation darstellen, da die Expeditionsteilnehmer über Monate hinweg mit nur wenigen ausgewählten Personen Kontakt hatten. Die Veränderungen im Gehirn, die im Antarktis-Team beobachtet wurden, sind den Beobachtungen bei Nagetieren ähnlich, die darauf hindeuten, dass längere Perioden sozialer Isolation zur Reduktion der BDNF-Serumkonzentration führen (Murínová et al. 2017; Scaccianoce et al. 2006) und die Fähigkeit des Gehirns, neue Nervenzellen zu bilden, abschwächen (Stranahan, Khalil, and Gould 2006). 

Ein Hauptunterschied der Studienanordnungen zur jetzigen Situation besteht darin, dass die Zeitspanne, in der man soziale Kontakte mit Personen außerhalb des eigenen Haushalts physisch meiden sollte, im Moment noch nicht definiert werden kann. Dies resultiert in einer Unsicherheit, weil im Zuge des ungewissen und ungeplanten Verlaufes der Pandemie über die gegensteuernden Maßnahmen kurzfristig entschieden wird. Allenfalls durch gewisse öffentlich kommunizierte Parameter wie die Ausbreitungsgeschwindigkeit bzw. das Risiko, sich anzustecken, kann ungefähr abgeleitet werden, wie lange die Einschränkung noch bestehen wird. Gleichzeitig sind die Probanden/Probandinnen, in diesem Fall die gesamte Bevölkerung, aber nicht flächendeckend ausreichend kompetent hinsichtlich der Epidemiologie und können in vielen Fällen nur eine subjektive Gewichtung der Informationen vornehmen. Im Gegensatz hierzu kennen die meisten Menschen, die z. B. in einer abgelegenen Region der Erde arbeiten oder sich im Weltraum befinden oder an einem spezifischen Versuch teilnehmen, einen definierten Zeitpunkt, wann sie wieder in den Alltag zurückkehren können, und können sich dadurch besser auf die Situation einstellen. 

Sensorische Deprivation während der Isolation kann zu auditorischen Halluzinationen und Tinnitus führen

Der Effekt von sensorischer Deprivation auf die Wahrnehmung war bereits früher an College-Studenten untersucht (Heron 1957) worden. Die Teilnehmer verbrachten Tage oder Wochen allein in schalldichten Kabinen, ohne menschlichen Kontakt und mit minimaler Wahrnehmungsstimulation. Sie schliefen auf U-förmigen Schaumstoffkissen, um den Lärm einzuschränken, und Klimaanlagen wurden aufgestellt, um durch das Summen minimale Geräusche zu maskieren. Schon nach wenigen Stunden wurden die Studenten unruhig, ängstlich oder emotional und begannen zu sprechen oder zu singen. Unser Gehirn ist nämlich daran gewöhnt, eine Menge an Informationen wie visuelle, auditive und andere Umgebungsreize zu verarbeiten. Wenn diese Reize fehlen, feuern die Sinneszellen weiter, aber auf eine Weise, die wenig Sinn ergibt. Nach einer Weile beginnt das Gehirn, aus spärlichen Signalen, die ihm zur Verfügung stehen, eine neue Realität zu konstruieren, was zu visuellen und auditorischen Halluzinationen führen kann.

Auf einer ähnlichen Theorie basiert die Annahme, dass Tinnitus durch das Ausbleiben des normalen Inputs durch Beschädigungen an den äußeren Haarsinneszellen im Innenohr getriggert wird. Werden zum Beispiel aufgrund von einem „Knalltrauma“ keine Impulse mehr zum Gehirn gesendet, entstehen spontane Signale, die als Klang interpretiert werden und als Tinnitus wahrnehmbar sind (Kaltenbach 2011; Schaette and Kempter 2012). Diese Hypothese konnte mit einer kleinen Pilotstudie mit Normalhörenden belegt werden. Wenn man Testpersonen sieben Tage lang einen Ohrstöpsel in einem Ohr tragen lässt, können die meisten Personen nach Ablauf des Experiments Phantomgeräusche wahrnehmen (Schaette, Turtle, and Munro 2012). Nach der Entfernung des Ohrstöpsels waren die Phantomgeräusche nach wenigen Stunden verschwunden, weil die Teilnehmenden wieder Geräusche von außen hören konnten. Tatsächlich deutet eine große Anzahl von Studien auf einen engen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Tinnitus hin (König et al. 2006; Paul, Bruce, and Roberts 2016; Schaette and McAlpine 2011). Dabei wird deutlich, dass die meisten Tinnitus-Patienten auch an Hörverlust leiden bzw. Hörverlust zu Tinnitus führen kann (Martines et al. 2010; Mazurek et al. 2010). 

Kognitives Training und E-Learning-Programme wirken sich positiv auf Neuroplastizität und Gedächtnis aus

Soziale Kontakte können die negativen Auswirkungen von Stress abfedern – die Anwesenheit von Freunden kann sogar die kardiovaskuläre Reaktion einer Person auf eine stressige Aufgabe verringern (Holt-Lunstad et al. 2015). Die moderne Technologie ermöglicht es, unsere Freunde und Familie auch auf die Distanz zu sehen und zu hören. Textnachrichten, E-Mails und Applikationen zum videogestützten Austausch, wie Skype oder FaceTime, werden als Option erachtet, dass Menschen in Kontakt bleiben. Dennoch können diese Kommunikationsmodi die persönliche Interaktion nicht vollständig ersetzen. Während zwischenmenschlicher Interaktion wird ein großer Teil der Bedeutung des Gesagten nicht durch die eigentlichen Worte, sondern durch Körpersprache, Mimik und Gestik vermittelt. Diese Aspekte können bei elektronischen Medien verloren gehen.

Auch computerisiertes kognitives Training kann positive Effekte auf die kognitive Fitness während einer Isolation haben und als Prävention gegen eine Reduktion der kognitiven Fähigkeiten dienen. Eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigte, dass ein solches Training Depressionssymptome abmildern kann (Motter et al. 2016). In einer anderen Studie wurde kognitives auditorisches Training erfolgreich eingesetzt, um psychische Beschwerden von depressiven Patienten zu verringern und die Alltagsbewältigung und die kognitive Funktion zu verbessern (Preiss et al. 2013). Bei der Testgruppe wurde das Training dreimal wöchentlich, jeweils 20 Minuten lang, acht aufeinander folgende Wochen lang durchgeführt. Eine zweite Gruppe von Patienten (Kontrollgruppe) erhielt nur die Standardbehandlung (Medikamente und psychologische Therapiesitzungen). Der Vergleich zwischen den Gruppen nach dem Training zeigte, dass diejenige Gruppe, die das Training absolviert hatte, ein signifikant reduziertes Niveau depressiver Symptome aufwies. Diese Gruppe zeigte auch signifikante Verbesserungen in Bereichen wie Aufmerksamkeit und Bewältigung des Alltags. 

In einer weiteren Studie wurde der Effekt von kognitivem Training auf das Demenzrisiko bei 2.802 gesunden älteren Erwachsenen (im Durchschnitt 74 bis 84 Jahre alt) untersucht (Edwards et al. 2017). Dazu wurden die Probanden zehn Jahre lang beobachtet. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in eine Kontrollgruppe oder eine von drei Interventionsgruppen eingeteilt, wobei verschiedene Arten von kognitivem Training eingesetzt wurden: 1) Training der Strategien für besseres Gedächtnis 2) Training der Strategien für bessere Argumentation 3) individualisiertes computergestütztes Training zur Verbesserung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Bei allen Teilnehmern wurden zu Beginn der Studie, nach den ersten sechs Wochen und jeweils nach 1, 2, 3, 5 und 10 Jahren die kognitiven Fähigkeiten untersucht. Interessanterweise fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied im Demenzrisiko bei den Gruppen, die strategiebasiertes Gedächtnis- oder Argumentationstraining durchgeführt hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe. Jedoch zeigte die Gruppe, die computergestütztes Geschwindigkeitstraining durchgeführt hatte, ein signifikant geringeres Risiko für Demenz im Vergleich zur Kontrollgruppe – im Durchschnitt eine 29-prozentige Risikoreduktion.

Die Effekte des kognitiven Trainings sind im Gehirn messbar. Die Ergebnisse einer Studie an Parkinson-Patienten, die sich der kognitiven Rehabilitation unterzogen, deuten darauf hin, dass kognitives Training zu einem erhöhten Serum-BDNF-Spiegel im Vergleich zur Placebo-Gruppe führte (Angelucci et al. 2015). Eine andere Studie zeigt eine Verbesserung der kognitiven Funktionen und des BDNF-Serumspiegels nach 24 Sitzungen mit einem computergestützten kognitiven Training bei älteren Frauen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung sowie einen signifikanten Anstieg von BDNF im Blutserum (Damirchi, Hosseini, and Babaei 2018). Eine dritte Studie, an denen Patienten mit Schizophrenie teilnahmen, zeigt, dass sie nach 50 Stunden intensivem computergestütztem auditorischem Training einen erhöhten BDNF-Serumspiegel im Vergleich zu der Kontrollgruppe, die Computerspiele gespielt hat, aufwiesen (Fisher et al. 2016).

Innovative, technologische Werkzeuge im Bereich des E-Learnings und computerbasierten Gehirntrainings, zum Bespiel die Koj-Gehörtherapie oder LACE-Training, ermöglichen es, auf professionelle Art und Weise die kognitiven Fähigkeiten bequem von zu Hause aus zu trainieren und die kognitiven Reserven zu verbessern (Kupferberg, Koj, and Radeloff 2019). Diese Trainings wurden entwickelt, um die Leistung des Benutzers konsistent zu messen, und passen das Niveau und die Art der Aufgaben automatisch an seine Fähigkeiten und Bedürfnisse an. Sie trainieren nicht nur das Sprachverstehen, sondern wichtige kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit, die für das alltägliche Leben und die Kommunikation vor allem bei älteren Menschen mit Hörproblemen entscheidend sind.

Empfehlungen für HNO-Ärzte, Audiologen und Hörgeräteakustiker

Menschen, die unter Quarantäne stehen, befürchten oft, infiziert zu werden oder andere zu infizieren. Außerdem tendieren sie oft zu übertriebenen Beurteilungen aller körperlichen Symptome. Diese Angst kann durch unzureichende Informationen aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Medien noch verschlimmert werden. Eine erst vor wenigen Wochen erschienene wissenschaftliche Arbeit betont, dass vorrangig dafür gesorgt werden sollte, dass vor allem Risikopersonen ein gutes Verständnis der betreffenden Krankheit und der Gründe für die Quarantäne haben (Brooks et al. 2020). Aus diesem Grund ist während der Corona-Krise der Zugang zu verlässlichen Informationen von Gesundheitsbehörden besonders wichtig. Es ist aber nicht immer einfach, Gehörlosen und Menschen mit Hörverlust Informationen zukommen zu lassen, insbesondere in einer Pandemie, wenn die Informationen häufiger aktualisiert werden. Einige Menschen mit Hörverlust sind auf das Lippenlesen angewiesen, was bei TV-Sendungen schwerfällt und bei Radiosendungen oder Telefonaten gar unmöglich ist. Auch mit dem verbreiteten Tragen der Masken und der Notwendigkeit, zwei Meter Distanz einzuhalten, kann ihre Fähigkeit, Gespräche zu verstehen und ihnen zu folgen, beeinträchtigt werden. Eine mögliche Lösung diesbezüglich könnte bereits gefunden worden sein: Eine Studentin der Erziehungswissenschaften für Gehörlose und Schwerhörige aus den USA hat eine spezielle Maske entwickelt, bei der die Mundpartie aus durchsichtigem Plastik besteht, sodass dieser Teil des Gesichts zwar geschützt, aber dennoch sichtbar ist. 

Eine im Februar dieses Jahres veröffentlichte Studie aus China ergab, dass das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit, unabhängig vom Vorhandensein oder Fehlen von Symptomen, mit einem geringeren Grad an Angst und Depression assoziiert war, weil sie ein Gefühl der Sicherheit vermittelt (Wang et al. 2020). 

Auch Methoden wie Fernprogrammierung und Konfiguration von Hörgeräten über das Internet, ohne dass die Patienten ins Geschäft kommen müssen, werden bei manchen Hörgeräteakustikern, u. a. am Koj Institut für Gehörtherapie in der Schweiz, seit Kurzem angeboten (https://koj.training). Das Remote-Fitting stellt eine valide Alternative zu persönlichen Terminen während der Zeiten der sozialen Distanzierung infolge der COVID-19-Pandemie dar, um den Patienten trotz der Beschränkungen audiologische Hilfe anzubieten.  

Trotz der problematischen Lage werden voraussichtlich einige ältere Menschen auch mit der sozialen Distanzierung besser zurechtkommen als andere. Bei manchen werden vielleicht die sozialen Kontakte sogar zunehmen, wenn sich Freunde und Familie verstärkt um sie kümmern, soweit dies im Rahmen der Abstandseinhaltung möglich ist. Manche älteren Menschen bleiben auch durch Telefon- und Videoanrufe, SMS oder den Beitritt zu einer Online-Community in Verbindung. Allerdings ist wohl bei einem Großteil dieser Bevölkerungsgruppe von starken Einschränkungen bis hin zum kognitiven Rückgang auszugehen. Normalerweise erhalten wir während der Arbeit oder bei sozialen Aktivitäten viele Gelegenheiten für kognitive Herausforderungen. Die tiefgreifenden Veränderungen in unserem Lebensstil aufgrund der sozialen Distanzierung wegen COVID-19 machen es notwendig, die Denkfähigkeit und Kognition gezielt und bewusst zu trainieren, wie es von Experten wie Dr. Amit Lampit und Dr. Alex Bahar-Fuchs von der Universität Melbourne, Australien, empfohlen wird. Zu beachten ist aber, dass bei Verwendung kommerzieller Hirntrainingsprodukte es notwendig ist, diese auf ihre wissenschaftlich erwiesene Wirkung zu überprüfen, was nur in placebokontrollierten Studien möglich ist. Studien mit diesen Produkten werden unsererseits gegenwärtig im Koj Hearing Research Center Zürich in Kollaboration mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der psychologischen Fakultät der Universität Zürich, der Uniklinik Köln, der Universität Fribourg und der Hamburg Medical School angestrebt und durchgeführt. 

Auch wenn zum geschilderten Themenfeld der sozialen Isolation noch keine Untersuchungen mit den genannten Trainings spezifisch unternommen wurden, so sehen wir auch hier begründetermaßen großes Potenzial. Soziale Kommunikation und Interaktion und deren gezieltes Üben könnte einen Schlüssel zur Verbesserung der Situation darstellen, gerade bei alten und vorerkrankten Patienten/Patientinnen in der gegenwärtigen Krise, und sollte als Behandlungsoption getestet und einbezogen werden. 


Die Autoren

Dr. Pascal Burger, Universitätsklinik Zürich

Dr. Pascal Burger promovierte 2008 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg unter Professor Johannes Zenk (Hals-Nasen-Ohren-Klinik) zum Doktor der Medizin. Nach dem Erwerb des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 schloss er im selben Jahr seinen Postgraduiertenstudiengang Master of Medical Education erfolgreich ab und promovierte 2017 im Fach Psychologie an der Universität Bochum. Seit Juni 2018 leitet er das Spezialambulatorium für ADHS an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Weitere seiner Forschungsprojekte befassen sich mit Medizindidaktik und dem Einfluss des Lernverhaltens auf die psychische Gesundheit Studierender.

 

 

Prof. Dr. Gregor Hasler, Universitätsklinik Bern

Professor Dr. med. Gregor Hasler ist Chefarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern. Ferner leitet er die Forschungsabteilung Molekulare Psychiatrie an der Universität Bern. In seiner Forschung hat er das Zusammenspiel zwischen sozialem Stress, Resilienz und neurobiologischen Faktoren bei der Entstehung von Angst, Depression und Essstörungen untersucht. Kürzlich ist ein Buch von ihm erschienen mit dem Titel „Resilienz: Der Wir-Faktor“. Darin beschreibt Hasler die große Bedeutung sozialer Beziehungen und der Kommunikation für die psychische Gesundheit.

 

 

Dr. med. Mattheus Vischer

Dr. med. Mattheus Vischer führt seit mehr als 20 Jahren eine HNO-Praxis in Gümligen bei Bern mit chirurgischer Tätigkeit an der Privatklinik Siloah und am Operationszentrum Burgdorf. Seine Schwerpunkte sind Erkrankungen des Ohres, Ohrchirurgie, angeborene und erworbene Schwerhörigkeit und HNO-Krankheiten im Kindesalter. In wissenschaftlichen Projekten erforschte er Effekte der künstlichen elektrischen Stimulation des Hörnervs und der Hörbahn. In der klinischen Forschung befasst er sich mit der Auswirkung der Cochlea-Implantation auf die Sprachentwicklung und Ergebnissen der Gehörrehabilitation nach Ertau­bung. An der HNO-Universitätsklinik des Inselspitals Bern operiert er als Senior Consultant Cochlea-Implantate und implantierbare Hörgeräte.

 

Prof. Dr. Thilo Strobach, Medical School Hamburg

Professor Dr. Tilo Strobach studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin und untersuchte in seiner Promotion die Mechanismen der Optimierung von Doppelaufgabenleistung als Resultat von Übung. Nach einem Postdoktorat an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2009–2011) und an der Humboldt-Universität zu Berlin (2011–2014) sowie einer Vertretungsprofessur an der Fernuniversität in Hagen und einer Gastprofessur an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt ist er seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Zu den Forschungsschwerpunkten von Tilo Strobach zählt die Analyse von kognitiver Plastizität als Resultat von Training (zum Beispiel Videospiel-, Doppelaufgaben-, Arbeitsgedächtnis- und Aufgabenwechseltraining) und von kognitivem Altern.

 

Dr. Alexandra Kupferberg, Wissenschaftliche Leitung KHRC

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ-Hearing-Research-Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ-Hearing-Research-Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psycho­logischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

 

Dr. med. Anna Buadze, Universitätsklinik Zürich

Dr. med. Anna Buadze ist seit 2011 als Oberärztin im Spezialambulatorium für ADHS der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, tätig. 2013 erhielt sie darüber hinaus einen Lehrauftrag der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH/Praktische Ärztin) übernahm sie im Juni 2018 die Leitung der Spezialambulanz. Vor ihrem Eintritt in die PUK studierte sie in Heidelberg (Ruprecht-Karls-Universität) und München (Ludwig-Maximilians-Universität) Humanmedizin und absolvierte einen Teil ihrer klinischen Ausbildung an der medizinischen Fakultät der Tulane University School of Medicine in New Orleans (USA). Die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten wurden in internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht und widmen sich ADHD-spezifischen Fragestellungen unter Verwendung von qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen.

 


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17/Okt/2020

Ein Artikel von Emil Wallimann, Zeitschrift LEBENDIG 04-2020.


Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, ob ich mal einen Fachartikel schreiben könnte betreffend Umgang als Dirigent mit Mitgliedern die weniger gut hören und ein Hörgerät haben. Leider, so muss ich wohl sagen, kann ich auch da aus eigener Erfahrung schreiben. Dazu aber später.

Hörminderung – ein schleichender Prozess

Etwas schlecht gehört zu haben, das ist jedem schon einmal passiert. Aber irgendwann fängt es an, sich zu häufen. Dein Partner/deine Partnerin sagt zum Beispiel: «Hörst du diese Grillen?» und du kannst sie beim besten Willen nicht hören. Zu Beginn lassen sich anspruchsvolle Situationen noch einigermassen kompensieren: Man erhöht die Lautstärke, fragt öfters nach und versucht sich zu konzentrieren, um dem Gespräch noch folgen zu können. Viele Betroffene merken selbst nicht, dass ihr Gehör nachgelassen hat. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren macht sich eine Schädigung der Ohren durch Kommuni- kationsprobleme im Alltag so bemerkbar, dass Betroffene aus eigener Initiative reagieren. Zu spät, denn in dieser Zeit ist die komplexe Fähigkeit der Sprache, Wichtiges aufzunehmen und Unwichtiges zu ignorieren, zunehmend verloren gegangen. Durch diese Veränderung wird eine Person plötzlich zum einsamen Wolf. Sie sitzt zwar mitten in einer gemütlichen Runde, zieht sich aber zusehend mehr und mehr in sich zurück. Grund: Sie kann den Gesprächen nicht mehr folgen, sie versteht den Inhalt nicht mehr und irgendwann hängt sie ab.

Hören und Verstehen

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Mit dem Hören meinen wir zunächst einmal die akustischen Vorgänge im «Ohr». Doch die Signale von dort müssen im Gehirn aufbereitet werden, damit aus Hören Verstehen – Hörverstehen – werden kann. Das Gehirn unterscheidet die wichtigen von den unwichtigen akustischen Informationen und filtert alles Unwichtige aus. Millionen Nervenzellen in unserem Gehirn entscheiden jede Sekunde, welche gehörten Informationen wir verarbeiten und welche wir ignorieren. Erst so verstehen wir einen bestimmten Gesprächspartner in einer Gruppe von Menschen oder in einem Café. Unsere Ohren sind das wichtigste Sinnesorgan, das wir haben und der grösste Lieferant von Informationen für unser Gehirn. Im Alltag hören wir mehr, als wir in der Summe sehen, riechen, schmecken und fühlen können. Genau diese Fähigkeit verlernen wir aber, wenn die dafür zuständigen Hirnregionen aufgrund einer Hörminderung weniger beansprucht werden.

Meine Situation

Nach einigen Jahren Berufsleben in einem lauten Handwerkerberuf (ohne Gehörschutz) und vielen Jahrzehnten mit unzähligen lauten bis sehr lauten Musikproben, hat sich mein Gehör schleichend und unmerklich verschlechtert. Erst durch Hinweise meiner Frau bemerkte ich, dass ich vieles nicht mehr verstand oder hören konnte. Öfters kam es auch vor, dass ich mich an öffentlichen Anlässen plötzlich aus dem Gespräch zurückzog und relativ teilnahmslos dabeisass. Das hatte wie oben beschrieben damit zu tun, dass ich eine Zeitlang mit grosser Konzentration noch mithalten konnte, aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. An Sitzungen musste ich mir angewöhnen, möglichst einen zentralen Platz einzunehmen um alle anderen wirklich zu verstehen. Mehr und mehr bekam ich auch stimmliche Probleme, die mir absolut keinen Sinn machten. Erst nachdem ich meine Hörgeräte hatte merkte ich, dass ich jahrelang aufgrund des reduzierten Hörfähigkeit viel zu laut gesprochen hatte, was zudem ganz klar meiner Stimme schadete.

Welches Hörgerät

Sobald man sich der Problematik mal bewusst wird, muss man sich überlegen welches Hörgerät man möchte oder in welches Geschäft man gehen soll. Schnell habe ich gemerkt, dass grundsätzlich alle Hörgeräthersteller absolute High-Tech für die Ohren anbieten. Praktisch alle Hörgeräte sind heute über das Handy zu steuern und bieten so zusätzliche Vorteile. Meine Entscheidung wurde einzig durch eine Tatsache beeinflusst. Ich wählte letztendlich jene Firma, die zusätzlich zum Hörgerät auch ein Hörtraining anbietet.

Gehörtraining

Als ich das Geschäft zum ersten Mal mit meinen Hörgeräten verliess, kam das heitere Erwachen. Die schöne Stadt Luzern war nur noch eines: laut! Hörgeräte verbessern das Hören ganz entscheidend, denn diese dezenten technischen Wunderwerke gleichen die Hörminderung der Ohren aus. Plötzlich versteht man nicht nur die Person gegenüber sehr gut, sondern alles was man lieber nicht verstärkt hören möchte wird einem zu laut. An diesem besagten Tag hatte ich aber nicht nur meine Hörgeräte zum ersten Mal in den Ohren, nein ich hatte auch eine Tasche mit einem speziellen iPad mit dabei. Dieses sollte in den kommenden Wochen mein Trainingspartner werden.

Mit dem KOJ-Lerncomputer kann jeder Nutzer individuell nicht nur sein Gehör, sondern seine Kognition trainieren.

Dieses iPad ist mit vielen Lektionen der Hörschulung programmiert. Täglich absolvierte ich eine Lektion von 30 – 45 Minuten. Jedes Jahr kann ich dieses Training über einige Wochen wiederholen, was immer sehr hilfreich ist. Es ist, wie gesagt, nicht in erster Linie die Lautstärke das Problem, es sind die durch die Hörminderung nicht mehr verstanden Vokale und Konsonanten oder deren Verwechslung. So beinhaltete jede Lektion sämtliche Hörfähigkeiten: Unterscheiden von hohen und tiefen Tönen (welcher von vier Tönen war der höchste?), leisen und lauten Tönen (welcher war der lauteste oder leiseste Ton) kurzen und langen Tönen (welcher war der kürzeste oder längste Ton?) Weiter gab es viele Übungen mit Kunstwörtern, die anders aber doch sehr ähnlich klangen: ama, ana, ala, aga, awa etc. Auf dem Display musste das Gehörte angetippt werden. Durch diese Übungen wurde es auch möglich, das Hörgerät möglichst optimal einzustellen. Weiter gab es Zahlenfolgen, die in der korrekten Reihenfolge nachgetippt werden mussten. Meistens fanden die Übungen mit einem Hintergrundgeräusch statt, welches dem in einem Restaurant bei Hochbetrieb sehr nahekam. Ebenfalls gab es immer einen Abschnitt eines Hörbuches, natürlich auch mit Nebengeräusch. Hier mussten Aufgaben gemacht werden wie beispielsweise immer antippen, wenn das Wort «und» im Text vorkam. Am Ende einer jeden Übung wurde das «gehörte» Resultat angezeigt. Es war sehr erstaunlich, wie ich mich über die Wochen dabei steigern konnte. Genau im gleichen Ausmass gelang es mir, im Alltag mit den Hörgeräten besser klar zu kommen. Heute ist für mich klar was schon Dr. Alexandra Kupferberg, eine Neurowissenschaftlerin sagte: «Das Gehör ist trainierbar». Dieses neu erlernte fokussierte Hören ermöglicht einem wieder, sich auf die Worte seines Gesprächspartners zu konzentrieren und die Stimmen am hinteren Tisch auszuschalten. Früher war eine Delegiertenversammlung, ein Volksapéro oder ein Aufenthalt in der Festmeile ein Graus für mich. Auch heute kann das noch schwierig werden, aber in einem normalen Rahmen geht das wirklich sehr gut.

Umgang im Alltag

Wie oben erwähnt ist das Hörgerät über eine App auf dem Natel steuerbar. Ich selber habe da drei Einstellungen: Alltag – Musik hören – Musik machen. Bevor ich meine Jodelprobe beginne, schalte ich auf dem Handy auf «Musik machen» und los geht’s. Am Ende der Probe schalte ich wieder auf «Alltag» und alles wird ein wenig lauter und heller. Wenn ich in ein Konzert gehe, belasse ich es vorerst auf «Alltag». Wenn es mir dann zu laut oder zu grell wird, (je nach Formation und Musikstil) so nehme ich mein Handy und schalte auf «Musik hören».

Umgang mit Sängern mit Hörgerät

In unseren Chören haben wir viele Mitglieder mit einem Hörgerät oder solche die eines haben sollten. Wenn ein Sänger plötzlich zu laut singt, könnte dies ein Anzeichen eines Gehörverlustes sein. Hier lohnt es sich zuerst die Situation zu beobachten und vielleicht vorerst nur mit dem Präsidenten zu besprechen. Wenn sich die Vermutung langsam bestätigt, muss mit diesem Sänger das Gespräch gesucht werden. Mitglieder, die bereits ein Hörgerät haben brauchen in der Regel keine Sonderbehandlung. Wenn aber Unsicherheiten beim Singen festzustellen sind, lohnt sich auch hier die Sache mal anzusprechen. Vielleicht ist das Hörgerät falsch eingestellt oder es hat keine Einstellung für die musikalische Betätigung? So könnte man den Sänger ermutigen, dies mit der entsprechenden Ansprechperson mal anzuschauen und eine Lösung dafür zu suchen.

Was bleibt Ein geschädigtes Gehör kann sich nicht plötzlich erholen und genesen wie andere körperliche Beschwerden dies vielleicht können. Der Schaden bleibt und man muss damit leben können. Ein Hörgerät kann einfach den Alltag wieder erträglich und das Leben lebenswert machen.

Licht und Schatten

Wo es Schatten gibt muss es auch Licht geben. Demzufolge haben auch Hörgeräte ihre Vorteile. Durch die Verbindung mit dem Handy durch Bluetooth brauche ich weder Stöpsel in den Ohren noch riesige Kopfhörer. Ruft mich jemand auf dem Handy an, so läutet das direkt in meinen Ohren und ich kann jederzeit frei sprechen ohne das Telefon an meine Ohren zu halten. Das Hören von Hörbüchern, Radiosendungen und Musik ist immer und überall möglich ohne jemand dabei zu stören. Da ich auf dem Handy eine Klavier-App habe, kann ich auch jederzeit mit dem Handy anstimmen, denn niemand hört diesen Ton meines Natels ausser ich in meinen Ohren. Ja, es gibt bei allem immer auch eine positive Seite!

Ratschlag

Tragt Sorge zu eurem Gehör. Schützt eure Ohren bei lauten Tätigkeiten. Ein geschädigtes Gehör ist nicht mehr zu reparieren. Ein Hörgerät bringt zwar sehr viel und macht den Alltag wieder erträglich, aber es wird nie mehr so wie es einmal war.


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Es existieren bisher nur relativ wenige Studien an Menschen, welche sich mit den Folgen von sozialer Distanzierung auf das Gehirn beschäftigt haben. Dennoch widmeten sich bereits mehrere Studienansätze den Folgen von sozialer Abgeschiedenheit bei bestimmten Populations- oder Berufsgruppen, wie zum Beispiel Astronauten oder Antarktisforschern. Diese Forschungsansätze erlauben es, gewisse Parallelen zu sehen und so Hypothesen hinsichtlich möglicher Folgen des aktuellen Vorgehens in der Corona-Krise zu generieren.

Dr. Kupferberg erläutert die komplexen Zusammenhänge in einem kurzen Video.

 


Soziale Abgeschiedenheit verändert die Konzentration der Hirnhormone und das Hirnvolumen

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Verarbeitung von akustischen Reizen eine der am anspruchsvollsten Aufgaben des Gehirns ist.

In einer aktuellen Hirnbildgebungsstudie werden die Ergebnisse einer Untersuchung beschrieben, in der neun Personen beobachtet wurden, die 14 Monate auf der isolierten deutschen Polarstation Neumeyer III in der Antarktis verbrachten (Stahn et al. 2019). Während der gesamten Zeit hatten sie den gleichen monotonen Wohn- und Arbeitsraum, und die sozialen Interaktionen waren auf eine kleine Gruppe von Menschen beschränkt. Neben den Daten aus der funktionellen Bildgebung, die vor und nach der Expedition gesammelt wurden, wurde bei den Teilnehmern während ihres Aufenthalts auf der Station die Konzentration eines Schlüsselproteins, des sogenannten Wachstumshormons „Brain Derived Neurotrophic Factor“ (BDNF), überwacht.

Seit seiner Entdeckung vor fast vier Jahrzehnten ist bekannt, dass der BDNF an der Differenzierung und dem Überleben von Nervenzellen des Zentralnervensystems (ZNS) beteiligt ist. In jüngerer Zeit hat sich BDNF auch als wichtiger Regulator der Synaptogenese (Bildung von neuen Nervenzellverbindungen) und der Neuroplastizität erwiesen, welche dem Lernen und Gedächtnis im erwachsenen ZNS zugrunde liegen (Cunha, Brambilla, and Thomas 2010). Es ist bekannt, dass chronischer Stress zu einer Abnahme der BDNF-Konzentration im Hippocampus, einer stressempfindlichen Hirnregion, führt, die auch eng mit der Pathophysiologie der Depression zusammenhängt (Zaletel, Filipović, and Puškaš 2017). Die Ergebnisse der oben beschriebenen Studie zeigten, dass nach der Expedition die Konzentration des BDNF im Gehirn der Forscher abgenommen hatte. Die Gehirnscans der Antarktisforscher ergaben, dass das Volumen des Hippocampus, einer für Lernen und Gedächtnis kritischen Hirnstruktur, bei den Teilnehmern der Studie sich deutlich verkleinert hatte. Als eine der wenigen Hirnregionen, die bis ins Erwachsenenalter Neuronen aussprossen lassen kann, „verdrahtet“ der Hippocampus unsere neuronalen Schaltkreise ständig neu, während wir lernen und neue Erinnerungen sammeln. Auch der rechte dorsolaterale präfrontale Kortex und der linke orbitofrontale Kortex wiesen mittlere Abnahmen der grauen Substanz auf. Die Autoren der Studie nehmen an, dass diese Ergebnisse die Folge von geringer Gehirnstimulation darstellen, da die Expeditionsteilnehmer über Monate hinweg mit nur wenigen ausgewählten Personen Kontakt hatten. Die Veränderungen im Gehirn, die im Antarktis-Team beobachtet wurden, sind den Beobachtungen bei Nagetieren ähnlich, die darauf hindeuten, dass längere Perioden sozialer Isolation zur Reduktion der BDNF-Serumkonzentration führen (Murínová et al. 2017; Scaccianoce et al. 2006) und die Fähigkeit des Gehirns, neue Nervenzellen zu bilden, abschwächen (Stranahan, Khalil, and Gould 2006).

Kognitives Training kann das Gehirn verändern

Mit dem KOJ-Lerncomputer kann jeder Nutzer individuell nicht nur sein Gehör, sondern seine Kognition trainieren.

Normalerweise erhalten wir während der Arbeit oder bei sozialen Aktivitäten viele Gelegenheiten für kognitive Herausforderungen. Die tiefgreifenden Veränderungen in unserem Lebensstil aufgrund der sozialen Distanzierung wegen COVID-19 machen es notwendig, die Denkfähigkeit und Kognition gezielt und bewusst zu trainieren, wie es von Experten wie Dr. Amit Lampit und Dr. Alex Bahar-Fuchs von der Universität Melbourne, Australien, empfohlen wird.

Computerisiertes kognitives Training kann positive Effekte auf die Neuroplastizität des Gehirns während einer Isolation haben. Die Ergebnisse einer Studie an Parkinson-Patienten, die sich der kognitiven Rehabilitation unterzogen, deuten darauf hin, dass kognitives Training zu einem erhöhten Serum-BDNF-Spiegel im Vergleich zur Placebo-Gruppe führte (Angelucci et al. 2015). Eine andere Studie zeigt eine Verbesserung der kognitiven Funktionen und des BDNF-Serumspiegels nach 24 Sitzungen mit einem computergestützten kognitiven Training bei älteren Frauen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung sowie einen signifikanten Anstieg von BDNF im Blutserum (Damirchi, Hosseini, and Babaei 2018). Eine dritte Studie, an denen Patienten mit Schizophrenie teilnahmen, zeigt, dass sie nach 50 Stunden intensivem computergestütztem auditorischem Training einen erhöhten BDNF-Serumspiegel im Vergleich zu der Kontrollgruppe, die Computerspiele gespielt hat, aufwiesen (Fisher et al. 2016).

Zu beachten ist, dass bei Anwendung kommerzieller Hirntrainingsprodukte es notwendig ist, diese auf ihre wissenschaftlich erwiesene Wirkung zu überprüfen, was nur in placebokontrollierten Studien möglich ist. Studien mit diesen Produkten werden unsererseits gegenwärtig im Koj Hearing Research Center Zug in Kollaboration mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der psychologischen Fakultät der Universität Zürich, der Uniklinik Köln, der Universität Fribourg und der Hamburg Medical School angestrebt und durchgeführt.


Referenzen

  • Angelucci, Francesco, Antonella Peppe, Giovanni A. Carlesimo, Francesca Serafini, Silvia Zabberoni, Francesco Barban, Jacob Shofany, Carlo Caltagirone, and Alberto Costa. 2015. “A Pilot Study on the Effect of Cognitive Training on BDNF Serum Levels in Individuals with Parkinson’s Disease.” Frontiers in Human Neuroscience 9.
  • Cunha, Carla, Riccardo Brambilla, and Kerrie L. Thomas. 2010. “A Simple Role for BDNF in Learning and Memory?” Frontiers in Molecular Neuroscience 3:1.
  • Damirchi, Arsalan, Fatemeh Hosseini, and Parvin Babaei. 2018. “Mental Training Enhances Cognitive Function and BDNF More Than Either Physical or Combined Training in Elderly Women With MCI: A Small-Scale Study.” American Journal of Alzheimer’s Disease and Other Dementias 33(1):20–29.
  • Fisher, Melissa, Synthia H. Mellon, Owen Wolkowitz, and Sophia Vinogradov. 2016. “Neuroscience-Informed Auditory Training in Schizophrenia: A Final Report of the Effects on Cognition and Serum Brain-Derived Neurotrophic Factor.” Schizophrenia Research: Cognition 3:1–7.
  • Murínová, Jana, Nataša Hlaváčová, Magdaléna Chmelová, and Igor Riečanský. 2017. “The Evidence for Altered BDNF Expression in the Brain of Rats Reared or Housed in Social Isolation: A Systematic Review.” Frontiers in Behavioral Neuroscience 11.
  • Scaccianoce, Sergio, Paola Del Bianco, Giovanna Paolone, Daniele Caprioli, Antonella M. E. Modafferi, Paolo Nencini, and Aldo Badiani. 2006. “Social Isolation Selectively Reduces Hippocampal Brain-Derived Neurotrophic Factor without Altering Plasma Corticosterone.” Behavioural Brain Research 168(2):323–25.
  • Stahn, Alexander C., Hanns-Christian Gunga, Eberhard Kohlberg, Jürgen Gallinat, David F. Dinges, and Simone Kühn. 2019. “Brain Changes in Response to Long Antarctic Expeditions.” The New England Journal of Medicine381(23):2273–75.
  • Stranahan, Alexis M., David Khalil, and Elizabeth Gould. 2006. “Social Isolation Delays the Positive Effects of Running on Adult Neurogenesis.” Nature Neuroscience 9(4):526–33.
  • Zaletel, Ivan, Dragana Filipović, and Nela Puškaš. 2017. “Hippocampal BDNF in Physiological Conditions and Social Isolation.” Reviews in the Neurosciences 28(6):675–92.

© Dr. Kupferberg, KHRC