Effekte von Hörtraining für Sprachverstehen, Kognition und Neuroplastizität

9. November 2020 by Andreas Koj
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Ein Artikel von Dr. Aleksandra Kupferberg, Dr. Pascal Burger, Dr. Matteus Vischer, Dr. Elke Kalbe, Dr. Nicolai Berardi, Dr. Camillo Amodio, Dr. Stefan Hegemann und Dr. Sascha Frühholz; Fachzeitschrift Hörakustik (2020).


Bei älteren Menschen lässt häufig das Sprachverständnis in lauter Umgebung nach. Gründe für diese Altersschwerhörigkeit beziehungsweise Presbyakusis scheinen offensichtlich nicht nur degenerative Veränderungen am Hörorgan selbst, sondern oft auch altersbedingte Abbaupro­ zesse im Gehirn zu sein, die sich auf das Gedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit negativ auswirken. Die Versorgung mit einem Hörgerät, das nur als Verstärker wirkt, führt deshalb nicht immer sofort zur Lösung des Problems. Daher kann begleitend ein aktives kognitives Training zielführend sein. Auch nach einer Cochlea-Implantation kann ein kognitives computerbasiertes Training als Rehabilitationsmaßnahme eingesetzt werden.

Was hat das Sprachverstehen mit der Kognition zu tun?

Es gibt Hinweise darauf, dass ältere Menschen mit Hörverlust ein schlechteres Sprachverstehen haben als junge Erwachsene mit ähnlichen Ergebnissen in der Reintonaudiometrie (Cardin 2016, Wingfield et al. 2005). Der Grund dafür könnte darin lie­gen, dass die kognitiven Funktionen mit dem Altern nachlas­sen. Bei einem intakten Gehör findet beim Hören von Sprache in einer ruhigen Umgebung der Vergleich zwischen den ein­ gehenden neuronalen Aktivitätsmustern und den entsprechen­ den gespeicherten Repräsentationen automatisch, das heißt Silbe für Silbe, statt und erfordert nur wenige kognitive Res­sourcen. Beim Hören von Sprache in einem verrauschten Hintergrund werden, vor allem im Fall eines beeinträchtigten Gehörsystems, die eingehenden neuronalen Aktivitätsmuster verzerrt, sodass die Übereinstimmung mit gespeicherten Re­ präsentationen möglicherweise nicht mehr eindeutig ist (Le­ sica 2018). Diese Verzerrungen finden auch nach einer Hörge­räteversorgung oder Versorgung mit einem Cochlea ­Implantat (CI) statt und beanspruchen große kognitive Anstrengung beim Sprachverstehen. Während Zuhörer mit intakter kognitiver Funktion in der Lage sind, diese Verzerrungen zu kompensie­ ren, kann es zu Problemen bei denjenigen mit einer Reduktion der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit kommen. Wenn die Übereinstimmung zwischen eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern und gespeicherten Repräsentationen nicht eindeutig ist, werden verstärkt kognitive Prozesse in Gang ge­ setzt: Sogenannte Exekutivfunktionen richten die selektive Aufmerksamkeit auf den Sprecher des Interesses und weg von anderen Geräuschen, um Störungen durch Hintergrundgeräu­sche zu reduzieren; das Arbeitsgedächtnis speichert neurona­le Aktivitätsmuster für einige Sekunden, sodass Informationen über mehrere Silben hinweg kombiniert werden können; die Sprachschaltkreise nutzen Kontextinformationen, um die Men­ge der möglichen Übereinstimmungen einzuschränken und fehlende Wörter abzuleiten. Dieses Modell erklärt, warum ein Großteil der Varianz in der Sprachwahrnehmungsfähigkeit bei älteren Personen durch Unterschiede in kognitiven Funktionen erklärt wird (Füllgrabe et al. 2014).

Neuronale Korrelate von erschwertem Sprachverstehen

Die Unterschiede im Sprachverstehen können in Aktivitätsmus­ tern im Gehirn reflektiert werden: Bei älteren Personen werden während der Sprachverarbeitung andere neuronale Netzwerke aktiviert als bei jüngeren Erwachsenen. So zeigen bildgebende Studien bei älteren Probanden im Vergleich zu jüngeren eine geringere Aktivität in Gehirnregionen, die an der auditorischen Verarbeitung beteiligt sind (Bilodeau­Mercure et al. 2015, Cliff et al. 2013, Manan 2015, Wong et al. 2009). Bei älteren Perso­nen werden aber oft andere Gehirnregionen zusätzlich rekru­tiert, möglicherweise, um die geringe Aktivierung der audito­rischen Regionen zu kompensieren. So wurden bei Menschen im Alter von 49 bis 86 Jahren beim einfachen Sprachverstehen ( Tyler et al. 2010), beim Sprachverstehen im Lärm ( Wong et al. 2009) und beim Verstehen von undeutlicher Sprache (Erb und Obleser 2013) präfrontale Regionen stärker aktiviert als bei jüngeren Probanden. Bei diesen drei Studien war zudem die präfrontale Aktivierung mit dem Grad der Leistung positiv kor­ reliert. Ein möglicher Grund dafür könnte darin liegen, dass präfrontale Regionen mit exekutiven Funktionen wie Arbeits­ gedächtnis und selektive Aufmerksamkeit assoziiert sind und bei kognitiver Anstrengung besonders stark beansprucht wer­ den (Bidet­Caulet et al. 2015, Plakke und Romanski 2014). Die­ses deutet auf eine kompensatorische Strategie hin und kann als Hinweis für die im Alter noch erhaltene neuronale Plasti­zität gewertet werden.

Neben dieser kompensatorischen Aktivierung kommt es bei älteren schwerhörigen Erwachsenen vor, dass sie während der Sprachverarbeitung Gehirnregionen aktivieren, die normaler­ weise Signale aus anderen sensorischen Systemen verarbeiten. Während jüngere Erwachsene (<40 Jahre) die Aktivität im vi­ suellen Kortex bei der Erkennung von undeutlichen Wörtern (Kuchinsky et al. 2012) beziehungsweise Worterkennung im Lärm (Vaden et al. 2016) unterdrückten, aktivierten ältere Er­ wachsene (>61 Jahre) gleichzeitig sowohl visuelle als auch auditorische Gehirnregionen. Der Grad der Aktivierung korre­ lierte dabei mit dem Alter und dem Schweregrad der Aufga­ ben. Diese Schwierigkeit, die irrelevante sensorische Aktivität mit zunehmendem Alter zu unterdrücken, könnte daraus re­ sultieren, dass bei Anstrengung alle vorhandenen kognitiven Ressourcen für das Zuhören bereitgestellt werden. Dies wie­derum reduziert die kognitive Reservekapazität (das heißt die Menge der verfügbaren kognitiven Ressourcen) und lässt we­nig Ressourcen für andere Aufgaben übrig (Mishra et al. 2014, Rudner und Lunner 2014). So ist es nicht verwunderlich, dass sich ältere Schwerhörige bei gleichzeitiger Erledigung von Dual­Task­Aufgaben (zwei verschiedene Aufgaben, zum Beispiel ein Ziel mit der Maus auf dem Bildschirm verfolgen und eine Liste von gemerkten Wörtern aufsagen) (Tun et al. 2009) und beim Verständnis von syntaktisch komplexen Sätzen schwertun (DeCaro et al. 2016, Wingfield 2006). Sie können sich oft auch nicht mehr so gut orientieren und weisen ein zwei­ bis drei­ fach höheres Sturzrisiko auf (Lin und Ferrucci 2012). Der mög­ liche Grund für eine höhere Sturzgefahr besteht darin, dass Schwerhörige ihre Umgebung oft nicht so gut wahrnehmen. Sie benötigen mehr Gehirnleistung für das Hören als Normal­ hörende und haben deswegen weniger Ressourcen für das Gehen und für das Halten des Gleichgewichtes.

Nicht nur infolge des Hörverlustes, sondern auch aufgrund des normalen Alterungsprozesses gibt es organische Veränderun­gen in der Gehirnstruktur, wie zum Beispiel die Verringerung des Volumens der grauen Substanz (Betzel et al. 2014). Das kann zu Modifikationen in der Konnektivität zwischen funk­tionalen Netzwerken im Gehirn führen (Bennett und Madden 2014). Solche neuronalen Veränderungen gehen mit einem Rückgang in mehreren kognitiven Bereichen wie Aufmerksam­keit, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit ein­ her (Deary et al. 2009, Tun et al. 2012). Das kann sich negativ auf die auditorische und sprachliche Verarbeitung auswirken und das Sprachverständnis im Lärm erschweren (Anderson et al. 2013a, Arehart et al. 2013, Zekveld et al. 2013). Die gerin­gere Verfügbarkeit kognitiver Ressourcen bei Höranstrengung im höheren Alter und bei steigendem Hörverlust konnte auch mittels Pupillometrie gezeigt werden. Bei normal hörenden Personen erweitert sich die Pupille mit zunehmender kogniti­ver Belastung, zum Beispiel bei Verringerung der Verständlich­keit des Sprachsignals oder wenn es unklar ist, aus welcher Richtung die Sprache kommt (Koelewijn et al. 2015). So ist es nicht verwunderlich, dass höheres Alter (45–73 Jahre) und deutlicher Hörverlust (>25 dB HL) zu einer anhaltenden Pupil­lenerweiterung führen, weil es bei höheren Lärmpegeln zu­ nehmend schwieriger wird, die Sprache zu verstehen (Zekveld et al. 2011). Pupillenerweiterung und kognitive Belastung wa­ren außerdem mit einer erhöhten Aktivierung kortikaler, aber auch frontaler Hörbereiche assoziiert (Zekveld et al. 2014). Die­ se Ergebnisse sind umso außergewöhnlicher, wenn man be­ denkt, dass die Pupillengröße sich meist mit dem Alter ver­ringert (Guillon et al. 2016). In der Zusammenschau sprechen diese Befunde dafür, dass bei älteren Probanden mit Hörverlust wahrscheinlich mehr Ressourcen für das Hören und Verstehen bereitgestellt werden müssen. Die geschilderte Erkenntnislage spricht für eine funktionelle Wechselwirkung zwischen den Auswirkungen von Hörverlust und Alter, und die negativen Auswirkungen scheinen sich besonders zu verstärken, wenn beide Faktoren zusammenspielen.

Hörtraining nach einer Cochlea-Implantation

Im ersten Teil dieses Beitrages zum Hörtraining, der in der Juli­Ausgabe 2019 der „Hörakustik“ veröffentlicht wurde, wur­ den computerbasierte kognitive Trainings für schwerhörige Patienten mit kognitiven Defiziten beschrieben. Ähnlich den Patienten mit kognitiven Einbußen kann ein auditorisches kognitives Training auch Patienten nach einer Cochlea­Implan­ tation helfen, Sprache besser zu verstehen. Denn das Erlernen elektrisch stimulierter Sprachmuster kann für viele Menschen eine neue und schwierige Erfahrung sein, die ihre Bedürfnisse nicht vollständig erfüllt. In der Anfangsphase der Anwendung von CIs müssen sich postlingual taube oder stark schwerhöri­ge CI-­Patienten an die Unterschiede zwischen ihren bisherigen Erfahrungen mit normalem akustischem Hören und dem Ak­tivierungsmuster durch elektrische Stimulation gewöhnen. Fast immer ist eine zusätzliche auditorische Rehabilitation notwen­dig, während der man übt, neue Hörimpulse mit den beste­henden neuronalen Mustern in Einklang zu bringen. Längs­schnittstudien zeigten, dass die meisten Leistungssteigerungen in den ersten drei Monaten der Nutzung auftreten (Fu und Galvin 2007). Bei einigen CI­Patienten wurde jedoch über einen längeren Zeitraum eine kontinuierliche Verbesserung beob­achtet (Tyler et al. 2010). Weiterhin hat eine auditorische Re­habilitation nach einer CI­Versorgung zur Verringerung der Depressionssymptome geführt (Castiglione et al. 2016). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei CI­Patienten, auch nach jahrelanger Erfahrung mit ihrem Gerät, eine erhebliche audi­torische Plastizität vorliegt. Aufgrund der spektral degradierten Sprachmuster des Implantates kann es vorkommen, dass das passive Lernen für das optimale Sprachverständnis nicht aus­ reicht. Durch das aktive Hörtraining kann die auditorische Plastizität für CI­Patienten besser genutzt werden und das Er­ lernen elektrisch stimulierter Sprachmuster erleichtern (Swee­ tow et al. 2005). Aus diesem Grund scheint das Konzept eines kognitiven adaptiven strukturierten auditorischen Trainings (KASAT) für CI­Patienten sehr sinnvoll. Erstens sind die Kosten für so ein Hörtraining deutlich geringer als bei der traditionel­len Hörrehabilitation in Hörkliniken und Krankenhäusern. Zweitens ist KASAT für Patienten leicht zugänglich, da sie jederzeit zu Hause üben können, sofern sie Zugang zu einem Computer oder iPad haben. Drittens kann der Fortschritt der Patienten bei Einverständnis leicht von Ärzten und Therapeuten einge­ sehen werden. Ein älteres computerisiertes Trainingsprogramm für CI­Träger mit dem Namen Contrasts for Auditory and Speech Training (CAST) wurde von der US ­amerikanischen Firma House Ear Institute vor über zehn Jahren entwickelt (Fu und Galvin 2007). Die Trainingsinhalte bestehen aus Konsonantentraining mit einsilbigen Wörtern, Übungen zur Erkennung von reinen Tönen, Umgebungsgeräuschen, einsilbigen Wörtern, länge­ ren vertrauten Wörtern, vertrauten Sätzen, einfachen Melo­dienfolgen und vertrauten Melodien. Für fortgeschrittene Be­nutzer kann CAST auch schwierige Hörumgebungen nach­ ahmen, indem Hintergrundgeräusche oder konkurrierende Sprache hinzugefügt werden. Die Patienten können zu Hause 30 bis 60 Minuten am Tag, fünf Tage pro Woche für die Dauer von einem Monat oder länger trainieren. Der Schwierigkeits­grad wird automatisch an die individuelle Patientenleistung angepasst, indem die Anzahl der Antwortmöglichkeiten erhöht und/oder die akustischen Unterschiede zwischen den Antwort­möglichkeiten reduziert werden. Bei Leistungssteigerung wird der Schwierigkeitsgrad automatisch erhöht. Wenn sich die Leistung nicht verbessert, wird der Schwierigkeitsgrad ver­ringert. Eine regelmäßige Anwendung des Trainings führte zu signifikanten Verbesserungen bei der Sprach­, Musik­ und Tonerkennung von CI­Patienten (Fu und Galvin 2007). Bei Pa­tienten mit mindestens dreijähriger CI-­Erfahrung wurde in ei­ nem Zeitraum von drei Wochen (Stacey et al. 2010) beziehungs­weise einem Monat (Schumann et al. 2014) eine signifikante Verbesserung in der Konsonantendiskrimination in Ruhe fest­ gestellt. Ein tägliches 30-­minütiges Training für die Dauer von einem Monat führte zu einer Verbesserung im Zahlen­ und Satzverstehen auch im Störgeräusch (Oba et al. 2011). Es wur­de zudem gezeigt, dass trainingsbedingte Veränderungen in der neuronalen Aktivität dem Verhaltenslernen vorausgehen können (Tremblay et al. 2009).

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis jetzt kein auf die CI­ Träger zugeschnittenes computerisiertes Hörtraining, das wis­ senschaftlich untersucht wurde. Ein mögliches Paper­Pencil­ Basistraining ist das Listen­up­Training von der Firma MED­EL, in dem Verstehen von Wörtern und Sätzen sowie Beschreibun­ gen bis zu Verständnisfragen zu kleinen Texten mithilfe einer CD und einem Aufgabenheft trainiert werden.

Computerbasierte auditorische Trainings verbessern das Sprachverstehen bei CI­Trägern.

Die Hörtraining­ App von Asklepios beinhaltet Hörübungen, die von einem Schauspieler eingesprochen wurden und die das Verständnis von zweistelligen Zahlen, Nonsenswörtern und Alltagsge­ räuschen trainieren. Diese beiden Trainings eignen sich gut für die Anfangsphase nach einer CI­Implantation, in der der Fokus auf der Gewöhnung an die CIs liegt und nur gröbere Unter­ schiede in der Sprache herausgehört werden müssen. Für fort­ geschrittene und vor allem ältere CI­-Träger bedarf es eines anspruchsvolleren adaptiven Computertrainings wie das aller­dings nur in Englisch verfügbare CAST, in dem zusätzlich zu einfacher Wortdifferenzierung kognitive Funktionen in reali­tätsnahen Alltagssituationen trainiert werden. Als mögliche Grundlage für die Entwicklung eines Computertrainings für CI­Träger könnte das auditorische Training von der Firma KOJ­ Institut für Gehörtherapie dienen. Das kognitive Hörtraining wurde 2013 als begleitende Therapie für Hörgeräteanpassun­ gen entwickelt. Das Training wurde seitdem kontinuierlich angepasst und optimiert und könnte, nach wissenschaftlich fundierter Überprüfung der Wirksamkeit, eigenständig zur Ver­ besserung des Sprachverständnisses in anspruchsvollen Um­ gebungen und Situationen genutzt werden. Das KOJ-­Hörtrai­ning passt sich während der gesamten Trainingszeit adaptiv an die Fähigkeiten jedes Patienten an, wobei in 20 verschie­denen Übungsarten das Sprachverstehen vor allem in schwierigen Situationen, wie bei Hintergrundlärm oder bei Anwesen­heit von mehreren Sprechern, trainiert wird.

Hörtraining bei Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitätsstörung

Auch sind in der weiteren Planung, das Hörtraining an aus­ gewählten Kollektiven außerhalb des primären Oto­Rhino­ Laryngologie(ORL)­Focus einzusetzen und die Auswirkungen auf spezifische Patientengruppen mit Hörstörungen zu beur­ teilen. Betroffene mit Aufmerksamkeits­Defizit­Hyperaktivitäts­störung (ADHS) haben im Kindes­ wie im Erwachsenenalter häufig Sprachverständnisschwierigkeiten durch Probleme im Prozessieren der auditiven Informationen (Fostick 2017), kön­nen die Dauer auditiver Reize nicht adäquat einschätzen (Puy­jarinet et al. 2017) und werden oft als Kinder bereits mit Hör­störungen primär einem Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Arzt vorge­stellt. Die Kinder reagieren auf Anfragen oft erst, wenn diese wiederholt werden, vergessen, was man ihnen aufgetragen hat und sind oft abgelenkt, wenn man mit ihnen spricht (Schwemmle et al. 2007). Durch mangelnde Kooperations­ fähigkeit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern mit ADHS können die Ergebnisse psychoakustischer Tests beim HNO­Arzt beeinflusst werden. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass auch HNO­Ärzte wissen, wie man die Symptome einer ADHS von einer reinen Hörstörung unterscheiden kann und gege­benenfalls eine Untersuchung durch einen Psychiater veran­lassen.

ADHS­betroffene Kinder zeigen hohe Schwankungen in der auditiven Aufmerksamkeit, welche ihre Fähigkeiten und Leis­ tungen weitreichend einschränken können. Zusätzliche visu­ elle Informationen verbessern offenbar das Sprachverständnis trotz Hintergrundgeräuschen (Michalek 2014). Diese Störungen sind wahrscheinlich besonders assoziiert mit der niedrigeren Schwelle bei ADHS, Umgebungsreize wie Geräusche als unan­ genehm oder störend zu empfinden (Fuermaier et al. 2018). Wir sehen zum Beispiel eine Erfolg versprechende Möglich­keit, dass ein gezieltes Training der gerichteten Aufmerksamkeit bei ADHS die Toleranz gegenüber ablenkenden Reizen sowie die Konzentration auf Stimmen und Geräusche verbessern könnte.

Neuroplastizität im Alter nach auditorischem Training

Es gibt nur wenige Studien, die Veränderungen der Gehirnak­ tivität nach kognitiven Hörtrainings untersuchten (Anderson et al. 2013b, Filippini et al. 2012, Gil und Iorio 2010, Tremblay et al. 2009). Eine Kernspintomografiestudie hat Verbesserun­ gen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durch­ geführten auditorischen Silbentraining demonstriert, die mit einer entsprechenden Veränderung der Gehirnaktivierung in einer Region einhergingen, die an der auditorischen Verarbei­ tung beteiligt ist (Bless et al. 2014). Neuere Erkenntnisse kom­ men aus den Studien, die multimodale oder visuelle Reize für das Training der kognitiven Funktionen benutzen. Eine andere Kernspintomografiestudie demonstrierte zum Beispiel eine erhöhte Hirnaktivität in frontalen und parietalen Kortices nach dem Üben von Arbeitsgedächtnisaufgaben, die visuell präsen­tiert wurden (Olesen et al. 2004). Eine andere vor Kurzem mit gesunden älteren Erwachsenen (Alter: 64–77 Jahre) mittels Kernspintomografie durchgeführte Studie benutzte compu­terisiertes adaptives Training mit multimodalen Aufgaben über acht Wochen eine Stunde am Tag und an drei Tagen pro Wo­che (Kim et al. 2017). Die Aufgaben zielten auf das Training von Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und den zentralen exekutiven Funktionen – das heißt, die Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren. Auf der Verhaltensebene brachte das Training, im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe, signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen, aber nicht beim Arbeitsgedächt­nis. Die Trainingseffekte korrelierten mit den beobachteten Hirnaktivierungen, im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula­ Region – alle genannten Areale spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität im Central Executive Network (zentrale exekuti­ve Gehirnregionen, die unter anderem an kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Problemlösen, Entscheidungsfin­dung beteiligt sind) und Default Mode Network (Ruhezustands­netzwerk, eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden) nach einem Denk­ und Strategietraining (Chap­ man et al. 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der An­ zahl von Neurotransmitterrezeptoren als Folge der häufigen Aktivierungen. Auf diese Weise seien die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhe­ zustand besser zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein­ und Lipidsynthese in den Ner­venzellen ebenfalls angetrieben werde, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen könne. Weil diese Vorgänge Energie bräuchten, stiege die Durchblutung.

Viele wissenschaftliche Studien liefern Hinweise, dass compu­terbasierte auditorische Trainings zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und in der Sprachverarbeitung führen. Obwohl die Ergebnisse dieser Studien ermutigend sind, ist die gewonnene Evidenz bisher aufgrund des begrenzten Stich­probenumfanges und der Designs meist ohne gut vergleich­bare Kontrollgruppen für die Zukunft noch deutlich zu ver­bessern.

In einem systematischen Review wurde die Wirksamkeit indi­ vidueller Hörtrainings überprüft (Sweetow und Palmer 2005). Nur sechs von 42 Artikeln erfüllten die Kriterien ihrer Bewer­ tung. Die Recherche ergab, dass es zwar mehrere Veröffent­ lichungen über die auditorische Ausbildung gibt, aber nur sehr wenige, die die strengen wissenschaftlichen Kriterien erfüllen. Die Autoren schlossen aber, dass die Bestimmung der Wirk­samkeit entscheidend sei und sich weitere Studien auf die Formulierung klar definierter und objektiv messbarer Kriterien konzentrieren müssten, um solidere Ergebnisse zu liefern. Um mögliche Placeboeffekte, bedingt durch die alleinige Durch­führung des Trainings, auszuschließen, wären unter anderem in der Zukunft Studien mit adäquat ausgewählten Aufgaben für die Kontrollgruppen notwendig (Foroughi et al. 2016). Nur randomisierte kontrollierte Studien sind dazu in der Lage, die auf dem Markt befindlichen auditorischen Computertrainings­programme valide zu untersuchen und ihre Wirksamkeit zu bewerten und eine wissenschaftliche Evidenz für die vielver­sprechenden Anwendungen zu schaffen.

In einer kommenden Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie in einem weiteren Teil dieses Artikels über die Herausforderun­gen des strukturierten und personalisierten auditorischen Trai­nings lesen und erfahren mehr darüber, warum Alternativen dazu vermutlich weniger wirksam sind.

Fazit

Die Probleme mit dem Sprachverständnis vieler Patienten mit Altersschwerhörigkeit gehen oft weit über das hinaus, was al­ lein aufgrund von Hörverlust zu erwarten wäre. Das liegt da­ ran, dass zum peripheren Hörverlust Defizite in der zentralen Sprachverarbeitung kommen, die von einem Hörgerät oder einem CI nicht kompensiert werden können. Auch nach einer Versorgung mit einem Hörgerät oder CI laufen ständig kogni­ tive Prozesse, um Verzerrungen in eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern auszugleichen. Aktuelle Studien zeigen Ver­besserungen der kognitiven Funktionen und demzufolge des Sprachverstehens durch aktives computerbasiertes Hörtraining. Auch wenn mehr hochwertige Studien Effekte und Mechanis­men der Verbesserungen von kognitiven Funktionen nach ei­ nem kognitiven Training noch bestätigen müssen, erscheint es sinnvoll und empfehlenswert, dass diese Rehabilitations­methode in der Zukunft als fester Bestandteil in die Nachsorge von Hörgeräte­ und CI­-Trägern integriert wird. Hiermit könnte man den Patienten über die Verbesserung des Sprachverste­hens eine verbesserte Lebensqualität entsprechend ihrer in­ dividuellen Voraussetzungen ermöglichen.

Die Autoren

  • Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ­ Hearing­Research­Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig­Maximilians­Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ­Hearing­Research­Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psycho­logischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

  • Dr. Pascal Burger promovierte 2008 an der Friedrich­Alexander­Universität Erlangen­Nürnberg unter Professor Johannes Zenk (Hals­Nasen­Ohren­Klinik) zum Doktor der Medizin. Nach dem Erwerb des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 schloss er im selben Jahr seinen Postgraduiertenstudiengang Master of Medical Education erfolgreich ab und promovierte 2017 im Fach Psychologie an der Universität Bochum. Seit Juni 2018 leitet er das Spezialambulatorium für ADHS an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Weitere seiner Forschungsprojekte befassen sich mit Medizindidaktik und dem Einfluss des Lernverhaltens auf die psychische Gesundheit Studierender.

 

  • Dr. med. Mattheus Vischer führt seit mehr als 20 Jahren eine HNO­Praxis in Gümligen bei Bern mit chirurgischer Tätigkeit an der Privatklinik Siloah und am Operationszentrum Burgdorf. Seine Schwerpunkte sind Erkrankungen des Ohres, Ohrchirurgie, angeborene und erworbene Schwerhörigkeit und HNO­Krankheiten im Kindesalter. In wissenschaftlichen Projekten erforschte er Effekte der künstlichen elektrischen Stimulation des Hörnervs und der Hörbahn. In der klinischen Forschung befasst er sich mit der Auswirkung der Cochlea­Implantation auf die Sprachentwicklung und Ergebnissen der Gehörrehabilitation nach Ertau­ bung. An der HNO Universitätsklinik des Inselspitals Bern operiert er als Senior Consultant Cochlea­-Implantate und implantier­ bare Hörgeräte.

 

  • Professorin Dr. Elke Kalbe ist seit 2015 Professorin für Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik Köln. Sie studierte Psychologie, Linguistik, Phonetik an der Universität Bonn und promovierte sowie habilitierte im Fach Psychologie an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen verschiedene Aspekte zum Thema „Kognition im Alter“, unter anderem neuropsychologische Änderungen bei Menschen mit der Parkinson­ oder Alzheimerkrankheit, Demenz, kognitions­ basierten Interventionen, neuropsychologische Demenzdiagnostik und funktionelle Hirnbildgebung. Kalbe wurde 2011 von der Universität Witten/Herdecke mit dem Preis für die Hirnforschung ausgezeichnet und erhielt 2014 einen Forschungspreis der Deutschen Parkinsongesellschaft.

 

  • Nicolai Berardi ist Betriebsleiter der SOS Ärzte Turicum AG und weiterhin tätig als Einsatzleiter und Notfallarzt. Er erforscht am Institut für Notfallmedizin der SOS Ärzte allgemeinmedizinische und psychiatrische Fragestellungen im ambulanten Setting. Während seines Medizinstudiums forschte er an der Universität Zürich im Bereich mi­RNA und deren Einfluss auf zelluläre Regeneration. Er ist weiter verantwortlich für die Aus­ und Weiterbildung neuer Einsatzärzte und die Durchführung von Kur­ sen für Medizinstudenten des Fachvereines Medizin.

 

  • Professor Dr. Stefan Hegemann ist Professor für Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Heilkunde mit dem Schwerpunkt Neurootologie an der Universität Zürich. Er hat 1993 an der Ludwig Maximilians­Universität München promoviert, hat 1995 den Facharzttitel für HNO­Heilkunde an der Universitätsklinik der RWTH Aachen und 2002 den für Neurologie an der Friedrich­Schiller­Universität Jena erhalten und war 1997 als visting scientist an der Johns­Hopkins­University in Baltimore, wo er Studien zum oculomoto­ rischen neuralen Integrator durchgeführt hat. Von 2003 bis 2006 war er Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Universitätsspital Zürich und ist seit 2006 niedergelassen. Seit 2019 ist er Lehrbeauftragter der ETH und gibt unter anderem Vorlesungen zur Physiologie des Hörens.
  • Professor Dr. Sascha Frühholz ist Professor für Kognitive und Affektive Neurowissenschaften am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Schweiz). Er promovierte (2008) und habilitierte (2016) in der Psychologie. Seine Forschung beschäftigt sich mit dem auditorischen System des Menschen während des Sprachverstehens und der Verarbeitung von sozialen Informationen in der Stimme. Er ist Ko­Editor des „Oxford Handbook of Voice Perception“.

 

  • Dr. med. Camillo Amodio hat nach dem Studium an der Universität Zürich seinen Fokus der ärztlichen Grundversorgung gewid­ met. Er durchlief zunächst allgemeinmedizinische Weiterbildungsjahre in unterschiedlichen Fachdisziplinen in der Schweiz. Es folgte von 1993 bis 1995 ein Engagement in der Co­Leitung der medizinischen Versorgung (unter anderem ein Spital, mehrere periphere HealthCenters und ein mobiles Impfteam) in einem ruralen Distrikt im Osten von Lesotho (südliches Afrika). Seit 1997 ist er dem Unternehmen SOS Ärzte Turicum AG verbunden, als Einsatzarzt, im Unternehmensaufbau und in der Geschäftsleitung. SOS Ärzte betreibt eine eigene medizinische Triagezentrale und ein überregional patientenaufsuchendes ärztliches Team rund um die Uhr im Kanton Zürich und angrenzenden Regionen. Es ist eine Weiterbildungsdrehscheibe für junge Ärzte. Die überregionale Einsatzkonzeption mit der entsprechenden Logistik und sinnvollen Ressourcenallokation ist eine Errungenschaft, die in die Neu­organisation des Notfallpflichtdienstes der gesamten Züricher Ärzteschaft 2018 eingeflossen ist.