Effekte von Hörtraining für Sprachverstehen, Kognition und Neuroplastizität

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13/Jan/2021

Ein Artikel von Dr. Aleksandra Kupferberg, Dr. Pascal Burger, Dr. Matteus Vischer, Dr. Elke Kalbe, Dr. Nicolai Berardi, Dr. Camillo Amodio, Dr. Stefan Hegemann und Dr. Sascha Frühholz; Fachzeitschrift Hörakustik (2020).


Bei älteren Menschen lässt häufig das Sprachverständnis in lauter Umgebung nach. Gründe für diese Altersschwerhörigkeit beziehungsweise Presbyakusis scheinen offensichtlich nicht nur degenerative Veränderungen am Hörorgan selbst, sondern oft auch altersbedingte Abbaupro­ zesse im Gehirn zu sein, die sich auf das Gedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit negativ auswirken. Die Versorgung mit einem Hörgerät, das nur als Verstärker wirkt, führt deshalb nicht immer sofort zur Lösung des Problems. Daher kann begleitend ein aktives kognitives Training zielführend sein. Auch nach einer Cochlea-Implantation kann ein kognitives computerbasiertes Training als Rehabilitationsmaßnahme eingesetzt werden.

Was hat das Sprachverstehen mit der Kognition zu tun?

Es gibt Hinweise darauf, dass ältere Menschen mit Hörverlust ein schlechteres Sprachverstehen haben als junge Erwachsene mit ähnlichen Ergebnissen in der Reintonaudiometrie (Cardin 2016, Wingfield et al. 2005). Der Grund dafür könnte darin lie­gen, dass die kognitiven Funktionen mit dem Altern nachlas­sen. Bei einem intakten Gehör findet beim Hören von Sprache in einer ruhigen Umgebung der Vergleich zwischen den ein­ gehenden neuronalen Aktivitätsmustern und den entsprechen­ den gespeicherten Repräsentationen automatisch, das heißt Silbe für Silbe, statt und erfordert nur wenige kognitive Res­sourcen. Beim Hören von Sprache in einem verrauschten Hintergrund werden, vor allem im Fall eines beeinträchtigten Gehörsystems, die eingehenden neuronalen Aktivitätsmuster verzerrt, sodass die Übereinstimmung mit gespeicherten Re­ präsentationen möglicherweise nicht mehr eindeutig ist (Le­ sica 2018). Diese Verzerrungen finden auch nach einer Hörge­räteversorgung oder Versorgung mit einem Cochlea ­Implantat (CI) statt und beanspruchen große kognitive Anstrengung beim Sprachverstehen. Während Zuhörer mit intakter kognitiver Funktion in der Lage sind, diese Verzerrungen zu kompensie­ ren, kann es zu Problemen bei denjenigen mit einer Reduktion der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit kommen. Wenn die Übereinstimmung zwischen eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern und gespeicherten Repräsentationen nicht eindeutig ist, werden verstärkt kognitive Prozesse in Gang ge­ setzt: Sogenannte Exekutivfunktionen richten die selektive Aufmerksamkeit auf den Sprecher des Interesses und weg von anderen Geräuschen, um Störungen durch Hintergrundgeräu­sche zu reduzieren; das Arbeitsgedächtnis speichert neurona­le Aktivitätsmuster für einige Sekunden, sodass Informationen über mehrere Silben hinweg kombiniert werden können; die Sprachschaltkreise nutzen Kontextinformationen, um die Men­ge der möglichen Übereinstimmungen einzuschränken und fehlende Wörter abzuleiten. Dieses Modell erklärt, warum ein Großteil der Varianz in der Sprachwahrnehmungsfähigkeit bei älteren Personen durch Unterschiede in kognitiven Funktionen erklärt wird (Füllgrabe et al. 2014).

Neuronale Korrelate von erschwertem Sprachverstehen

Die Unterschiede im Sprachverstehen können in Aktivitätsmus­ tern im Gehirn reflektiert werden: Bei älteren Personen werden während der Sprachverarbeitung andere neuronale Netzwerke aktiviert als bei jüngeren Erwachsenen. So zeigen bildgebende Studien bei älteren Probanden im Vergleich zu jüngeren eine geringere Aktivität in Gehirnregionen, die an der auditorischen Verarbeitung beteiligt sind (Bilodeau­Mercure et al. 2015, Cliff et al. 2013, Manan 2015, Wong et al. 2009). Bei älteren Perso­nen werden aber oft andere Gehirnregionen zusätzlich rekru­tiert, möglicherweise, um die geringe Aktivierung der audito­rischen Regionen zu kompensieren. So wurden bei Menschen im Alter von 49 bis 86 Jahren beim einfachen Sprachverstehen ( Tyler et al. 2010), beim Sprachverstehen im Lärm ( Wong et al. 2009) und beim Verstehen von undeutlicher Sprache (Erb und Obleser 2013) präfrontale Regionen stärker aktiviert als bei jüngeren Probanden. Bei diesen drei Studien war zudem die präfrontale Aktivierung mit dem Grad der Leistung positiv kor­ reliert. Ein möglicher Grund dafür könnte darin liegen, dass präfrontale Regionen mit exekutiven Funktionen wie Arbeits­ gedächtnis und selektive Aufmerksamkeit assoziiert sind und bei kognitiver Anstrengung besonders stark beansprucht wer­ den (Bidet­Caulet et al. 2015, Plakke und Romanski 2014). Die­ses deutet auf eine kompensatorische Strategie hin und kann als Hinweis für die im Alter noch erhaltene neuronale Plasti­zität gewertet werden.

Neben dieser kompensatorischen Aktivierung kommt es bei älteren schwerhörigen Erwachsenen vor, dass sie während der Sprachverarbeitung Gehirnregionen aktivieren, die normaler­ weise Signale aus anderen sensorischen Systemen verarbeiten. Während jüngere Erwachsene (<40 Jahre) die Aktivität im vi­ suellen Kortex bei der Erkennung von undeutlichen Wörtern (Kuchinsky et al. 2012) beziehungsweise Worterkennung im Lärm (Vaden et al. 2016) unterdrückten, aktivierten ältere Er­ wachsene (>61 Jahre) gleichzeitig sowohl visuelle als auch auditorische Gehirnregionen. Der Grad der Aktivierung korre­ lierte dabei mit dem Alter und dem Schweregrad der Aufga­ ben. Diese Schwierigkeit, die irrelevante sensorische Aktivität mit zunehmendem Alter zu unterdrücken, könnte daraus re­ sultieren, dass bei Anstrengung alle vorhandenen kognitiven Ressourcen für das Zuhören bereitgestellt werden. Dies wie­derum reduziert die kognitive Reservekapazität (das heißt die Menge der verfügbaren kognitiven Ressourcen) und lässt we­nig Ressourcen für andere Aufgaben übrig (Mishra et al. 2014, Rudner und Lunner 2014). So ist es nicht verwunderlich, dass sich ältere Schwerhörige bei gleichzeitiger Erledigung von Dual­Task­Aufgaben (zwei verschiedene Aufgaben, zum Beispiel ein Ziel mit der Maus auf dem Bildschirm verfolgen und eine Liste von gemerkten Wörtern aufsagen) (Tun et al. 2009) und beim Verständnis von syntaktisch komplexen Sätzen schwertun (DeCaro et al. 2016, Wingfield 2006). Sie können sich oft auch nicht mehr so gut orientieren und weisen ein zwei­ bis drei­ fach höheres Sturzrisiko auf (Lin und Ferrucci 2012). Der mög­ liche Grund für eine höhere Sturzgefahr besteht darin, dass Schwerhörige ihre Umgebung oft nicht so gut wahrnehmen. Sie benötigen mehr Gehirnleistung für das Hören als Normal­ hörende und haben deswegen weniger Ressourcen für das Gehen und für das Halten des Gleichgewichtes.

Nicht nur infolge des Hörverlustes, sondern auch aufgrund des normalen Alterungsprozesses gibt es organische Veränderun­gen in der Gehirnstruktur, wie zum Beispiel die Verringerung des Volumens der grauen Substanz (Betzel et al. 2014). Das kann zu Modifikationen in der Konnektivität zwischen funk­tionalen Netzwerken im Gehirn führen (Bennett und Madden 2014). Solche neuronalen Veränderungen gehen mit einem Rückgang in mehreren kognitiven Bereichen wie Aufmerksam­keit, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit ein­ her (Deary et al. 2009, Tun et al. 2012). Das kann sich negativ auf die auditorische und sprachliche Verarbeitung auswirken und das Sprachverständnis im Lärm erschweren (Anderson et al. 2013a, Arehart et al. 2013, Zekveld et al. 2013). Die gerin­gere Verfügbarkeit kognitiver Ressourcen bei Höranstrengung im höheren Alter und bei steigendem Hörverlust konnte auch mittels Pupillometrie gezeigt werden. Bei normal hörenden Personen erweitert sich die Pupille mit zunehmender kogniti­ver Belastung, zum Beispiel bei Verringerung der Verständlich­keit des Sprachsignals oder wenn es unklar ist, aus welcher Richtung die Sprache kommt (Koelewijn et al. 2015). So ist es nicht verwunderlich, dass höheres Alter (45–73 Jahre) und deutlicher Hörverlust (>25 dB HL) zu einer anhaltenden Pupil­lenerweiterung führen, weil es bei höheren Lärmpegeln zu­ nehmend schwieriger wird, die Sprache zu verstehen (Zekveld et al. 2011). Pupillenerweiterung und kognitive Belastung wa­ren außerdem mit einer erhöhten Aktivierung kortikaler, aber auch frontaler Hörbereiche assoziiert (Zekveld et al. 2014). Die­ se Ergebnisse sind umso außergewöhnlicher, wenn man be­ denkt, dass die Pupillengröße sich meist mit dem Alter ver­ringert (Guillon et al. 2016). In der Zusammenschau sprechen diese Befunde dafür, dass bei älteren Probanden mit Hörverlust wahrscheinlich mehr Ressourcen für das Hören und Verstehen bereitgestellt werden müssen. Die geschilderte Erkenntnislage spricht für eine funktionelle Wechselwirkung zwischen den Auswirkungen von Hörverlust und Alter, und die negativen Auswirkungen scheinen sich besonders zu verstärken, wenn beide Faktoren zusammenspielen.

Hörtraining nach einer Cochlea-Implantation

Im ersten Teil dieses Beitrages zum Hörtraining, der in der Juli­Ausgabe 2019 der „Hörakustik“ veröffentlicht wurde, wur­ den computerbasierte kognitive Trainings für schwerhörige Patienten mit kognitiven Defiziten beschrieben. Ähnlich den Patienten mit kognitiven Einbußen kann ein auditorisches kognitives Training auch Patienten nach einer Cochlea­Implan­ tation helfen, Sprache besser zu verstehen. Denn das Erlernen elektrisch stimulierter Sprachmuster kann für viele Menschen eine neue und schwierige Erfahrung sein, die ihre Bedürfnisse nicht vollständig erfüllt. In der Anfangsphase der Anwendung von CIs müssen sich postlingual taube oder stark schwerhöri­ge CI-­Patienten an die Unterschiede zwischen ihren bisherigen Erfahrungen mit normalem akustischem Hören und dem Ak­tivierungsmuster durch elektrische Stimulation gewöhnen. Fast immer ist eine zusätzliche auditorische Rehabilitation notwen­dig, während der man übt, neue Hörimpulse mit den beste­henden neuronalen Mustern in Einklang zu bringen. Längs­schnittstudien zeigten, dass die meisten Leistungssteigerungen in den ersten drei Monaten der Nutzung auftreten (Fu und Galvin 2007). Bei einigen CI­Patienten wurde jedoch über einen längeren Zeitraum eine kontinuierliche Verbesserung beob­achtet (Tyler et al. 2010). Weiterhin hat eine auditorische Re­habilitation nach einer CI­Versorgung zur Verringerung der Depressionssymptome geführt (Castiglione et al. 2016). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei CI­Patienten, auch nach jahrelanger Erfahrung mit ihrem Gerät, eine erhebliche audi­torische Plastizität vorliegt. Aufgrund der spektral degradierten Sprachmuster des Implantates kann es vorkommen, dass das passive Lernen für das optimale Sprachverständnis nicht aus­ reicht. Durch das aktive Hörtraining kann die auditorische Plastizität für CI­Patienten besser genutzt werden und das Er­ lernen elektrisch stimulierter Sprachmuster erleichtern (Swee­ tow et al. 2005). Aus diesem Grund scheint das Konzept eines kognitiven adaptiven strukturierten auditorischen Trainings (KASAT) für CI­Patienten sehr sinnvoll. Erstens sind die Kosten für so ein Hörtraining deutlich geringer als bei der traditionel­len Hörrehabilitation in Hörkliniken und Krankenhäusern. Zweitens ist KASAT für Patienten leicht zugänglich, da sie jederzeit zu Hause üben können, sofern sie Zugang zu einem Computer oder iPad haben. Drittens kann der Fortschritt der Patienten bei Einverständnis leicht von Ärzten und Therapeuten einge­ sehen werden. Ein älteres computerisiertes Trainingsprogramm für CI­Träger mit dem Namen Contrasts for Auditory and Speech Training (CAST) wurde von der US ­amerikanischen Firma House Ear Institute vor über zehn Jahren entwickelt (Fu und Galvin 2007). Die Trainingsinhalte bestehen aus Konsonantentraining mit einsilbigen Wörtern, Übungen zur Erkennung von reinen Tönen, Umgebungsgeräuschen, einsilbigen Wörtern, länge­ ren vertrauten Wörtern, vertrauten Sätzen, einfachen Melo­dienfolgen und vertrauten Melodien. Für fortgeschrittene Be­nutzer kann CAST auch schwierige Hörumgebungen nach­ ahmen, indem Hintergrundgeräusche oder konkurrierende Sprache hinzugefügt werden. Die Patienten können zu Hause 30 bis 60 Minuten am Tag, fünf Tage pro Woche für die Dauer von einem Monat oder länger trainieren. Der Schwierigkeits­grad wird automatisch an die individuelle Patientenleistung angepasst, indem die Anzahl der Antwortmöglichkeiten erhöht und/oder die akustischen Unterschiede zwischen den Antwort­möglichkeiten reduziert werden. Bei Leistungssteigerung wird der Schwierigkeitsgrad automatisch erhöht. Wenn sich die Leistung nicht verbessert, wird der Schwierigkeitsgrad ver­ringert. Eine regelmäßige Anwendung des Trainings führte zu signifikanten Verbesserungen bei der Sprach­, Musik­ und Tonerkennung von CI­Patienten (Fu und Galvin 2007). Bei Pa­tienten mit mindestens dreijähriger CI-­Erfahrung wurde in ei­ nem Zeitraum von drei Wochen (Stacey et al. 2010) beziehungs­weise einem Monat (Schumann et al. 2014) eine signifikante Verbesserung in der Konsonantendiskrimination in Ruhe fest­ gestellt. Ein tägliches 30-­minütiges Training für die Dauer von einem Monat führte zu einer Verbesserung im Zahlen­ und Satzverstehen auch im Störgeräusch (Oba et al. 2011). Es wur­de zudem gezeigt, dass trainingsbedingte Veränderungen in der neuronalen Aktivität dem Verhaltenslernen vorausgehen können (Tremblay et al. 2009).

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis jetzt kein auf die CI­ Träger zugeschnittenes computerisiertes Hörtraining, das wis­ senschaftlich untersucht wurde. Ein mögliches Paper­Pencil­ Basistraining ist das Listen­up­Training von der Firma MED­EL, in dem Verstehen von Wörtern und Sätzen sowie Beschreibun­ gen bis zu Verständnisfragen zu kleinen Texten mithilfe einer CD und einem Aufgabenheft trainiert werden.

Computerbasierte auditorische Trainings verbessern das Sprachverstehen bei CI­Trägern.

Die Hörtraining­ App von Asklepios beinhaltet Hörübungen, die von einem Schauspieler eingesprochen wurden und die das Verständnis von zweistelligen Zahlen, Nonsenswörtern und Alltagsge­ räuschen trainieren. Diese beiden Trainings eignen sich gut für die Anfangsphase nach einer CI­Implantation, in der der Fokus auf der Gewöhnung an die CIs liegt und nur gröbere Unter­ schiede in der Sprache herausgehört werden müssen. Für fort­ geschrittene und vor allem ältere CI­-Träger bedarf es eines anspruchsvolleren adaptiven Computertrainings wie das aller­dings nur in Englisch verfügbare CAST, in dem zusätzlich zu einfacher Wortdifferenzierung kognitive Funktionen in reali­tätsnahen Alltagssituationen trainiert werden. Als mögliche Grundlage für die Entwicklung eines Computertrainings für CI­Träger könnte das auditorische Training von der Firma KOJ­ Institut für Gehörtherapie dienen. Das kognitive Hörtraining wurde 2013 als begleitende Therapie für Hörgeräteanpassun­ gen entwickelt. Das Training wurde seitdem kontinuierlich angepasst und optimiert und könnte, nach wissenschaftlich fundierter Überprüfung der Wirksamkeit, eigenständig zur Ver­ besserung des Sprachverständnisses in anspruchsvollen Um­ gebungen und Situationen genutzt werden. Das KOJ-­Hörtrai­ning passt sich während der gesamten Trainingszeit adaptiv an die Fähigkeiten jedes Patienten an, wobei in 20 verschie­denen Übungsarten das Sprachverstehen vor allem in schwierigen Situationen, wie bei Hintergrundlärm oder bei Anwesen­heit von mehreren Sprechern, trainiert wird.

Hörtraining bei Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitätsstörung

Auch sind in der weiteren Planung, das Hörtraining an aus­ gewählten Kollektiven außerhalb des primären Oto­Rhino­ Laryngologie(ORL)­Focus einzusetzen und die Auswirkungen auf spezifische Patientengruppen mit Hörstörungen zu beur­ teilen. Betroffene mit Aufmerksamkeits­Defizit­Hyperaktivitäts­störung (ADHS) haben im Kindes­ wie im Erwachsenenalter häufig Sprachverständnisschwierigkeiten durch Probleme im Prozessieren der auditiven Informationen (Fostick 2017), kön­nen die Dauer auditiver Reize nicht adäquat einschätzen (Puy­jarinet et al. 2017) und werden oft als Kinder bereits mit Hör­störungen primär einem Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Arzt vorge­stellt. Die Kinder reagieren auf Anfragen oft erst, wenn diese wiederholt werden, vergessen, was man ihnen aufgetragen hat und sind oft abgelenkt, wenn man mit ihnen spricht (Schwemmle et al. 2007). Durch mangelnde Kooperations­ fähigkeit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern mit ADHS können die Ergebnisse psychoakustischer Tests beim HNO­Arzt beeinflusst werden. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass auch HNO­Ärzte wissen, wie man die Symptome einer ADHS von einer reinen Hörstörung unterscheiden kann und gege­benenfalls eine Untersuchung durch einen Psychiater veran­lassen.

ADHS­betroffene Kinder zeigen hohe Schwankungen in der auditiven Aufmerksamkeit, welche ihre Fähigkeiten und Leis­ tungen weitreichend einschränken können. Zusätzliche visu­ elle Informationen verbessern offenbar das Sprachverständnis trotz Hintergrundgeräuschen (Michalek 2014). Diese Störungen sind wahrscheinlich besonders assoziiert mit der niedrigeren Schwelle bei ADHS, Umgebungsreize wie Geräusche als unan­ genehm oder störend zu empfinden (Fuermaier et al. 2018). Wir sehen zum Beispiel eine Erfolg versprechende Möglich­keit, dass ein gezieltes Training der gerichteten Aufmerksamkeit bei ADHS die Toleranz gegenüber ablenkenden Reizen sowie die Konzentration auf Stimmen und Geräusche verbessern könnte.

Neuroplastizität im Alter nach auditorischem Training

Es gibt nur wenige Studien, die Veränderungen der Gehirnak­ tivität nach kognitiven Hörtrainings untersuchten (Anderson et al. 2013b, Filippini et al. 2012, Gil und Iorio 2010, Tremblay et al. 2009). Eine Kernspintomografiestudie hat Verbesserun­ gen der Aufmerksamkeit nach einem am Smartphone durch­ geführten auditorischen Silbentraining demonstriert, die mit einer entsprechenden Veränderung der Gehirnaktivierung in einer Region einhergingen, die an der auditorischen Verarbei­ tung beteiligt ist (Bless et al. 2014). Neuere Erkenntnisse kom­ men aus den Studien, die multimodale oder visuelle Reize für das Training der kognitiven Funktionen benutzen. Eine andere Kernspintomografiestudie demonstrierte zum Beispiel eine erhöhte Hirnaktivität in frontalen und parietalen Kortices nach dem Üben von Arbeitsgedächtnisaufgaben, die visuell präsen­tiert wurden (Olesen et al. 2004). Eine andere vor Kurzem mit gesunden älteren Erwachsenen (Alter: 64–77 Jahre) mittels Kernspintomografie durchgeführte Studie benutzte compu­terisiertes adaptives Training mit multimodalen Aufgaben über acht Wochen eine Stunde am Tag und an drei Tagen pro Wo­che (Kim et al. 2017). Die Aufgaben zielten auf das Training von Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und den zentralen exekutiven Funktionen – das heißt, die Fähigkeit, Handlungsimpulse zu kontrollieren. Auf der Verhaltensebene brachte das Training, im Vergleich zur passiven Kontrollgruppe, signifikante Verbesserungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen, aber nicht beim Arbeitsgedächt­nis. Die Trainingseffekte korrelierten mit den beobachteten Hirnaktivierungen, im Vergleich zur Kontrollgruppe rekrutierten die Probanden der Trainingsgruppe zusätzliche Regionen im rechten frontalen und parietalen Kortex sowie die linke Insula­ Region – alle genannten Areale spielen bei der kognitiven Kontrolle eine wichtige Rolle. Eine dritte Studie berichtete von einem erhöhten Blutfluss und einer größeren funktionalen Konnektivität im Central Executive Network (zentrale exekuti­ve Gehirnregionen, die unter anderem an kognitiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Problemlösen, Entscheidungsfin­dung beteiligt sind) und Default Mode Network (Ruhezustands­netzwerk, eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden) nach einem Denk­ und Strategietraining (Chap­ man et al. 2015). Als Grund für diese Veränderungen im Gehirn vermuten die Autoren unter anderem einen Zuwachs der An­ zahl von Neurotransmitterrezeptoren als Folge der häufigen Aktivierungen. Auf diese Weise seien die Nervenzellen darauf vorbereitet, auf zukünftige Reize ähnlicher Art auch im Ruhe­ zustand besser zu reagieren. Weiterhin nehmen die Autoren der Studie an, dass die Protein­ und Lipidsynthese in den Ner­venzellen ebenfalls angetrieben werde, was zur Bildung oder Stärkung neuer Synapsen dienen könne. Weil diese Vorgänge Energie bräuchten, stiege die Durchblutung.

Viele wissenschaftliche Studien liefern Hinweise, dass compu­terbasierte auditorische Trainings zu positiven Veränderungen im Sprachverständnis und in der Sprachverarbeitung führen. Obwohl die Ergebnisse dieser Studien ermutigend sind, ist die gewonnene Evidenz bisher aufgrund des begrenzten Stich­probenumfanges und der Designs meist ohne gut vergleich­bare Kontrollgruppen für die Zukunft noch deutlich zu ver­bessern.

In einem systematischen Review wurde die Wirksamkeit indi­ vidueller Hörtrainings überprüft (Sweetow und Palmer 2005). Nur sechs von 42 Artikeln erfüllten die Kriterien ihrer Bewer­ tung. Die Recherche ergab, dass es zwar mehrere Veröffent­ lichungen über die auditorische Ausbildung gibt, aber nur sehr wenige, die die strengen wissenschaftlichen Kriterien erfüllen. Die Autoren schlossen aber, dass die Bestimmung der Wirk­samkeit entscheidend sei und sich weitere Studien auf die Formulierung klar definierter und objektiv messbarer Kriterien konzentrieren müssten, um solidere Ergebnisse zu liefern. Um mögliche Placeboeffekte, bedingt durch die alleinige Durch­führung des Trainings, auszuschließen, wären unter anderem in der Zukunft Studien mit adäquat ausgewählten Aufgaben für die Kontrollgruppen notwendig (Foroughi et al. 2016). Nur randomisierte kontrollierte Studien sind dazu in der Lage, die auf dem Markt befindlichen auditorischen Computertrainings­programme valide zu untersuchen und ihre Wirksamkeit zu bewerten und eine wissenschaftliche Evidenz für die vielver­sprechenden Anwendungen zu schaffen.

In einer kommenden Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie in einem weiteren Teil dieses Artikels über die Herausforderun­gen des strukturierten und personalisierten auditorischen Trai­nings lesen und erfahren mehr darüber, warum Alternativen dazu vermutlich weniger wirksam sind.

Fazit

Die Probleme mit dem Sprachverständnis vieler Patienten mit Altersschwerhörigkeit gehen oft weit über das hinaus, was al­ lein aufgrund von Hörverlust zu erwarten wäre. Das liegt da­ ran, dass zum peripheren Hörverlust Defizite in der zentralen Sprachverarbeitung kommen, die von einem Hörgerät oder einem CI nicht kompensiert werden können. Auch nach einer Versorgung mit einem Hörgerät oder CI laufen ständig kogni­ tive Prozesse, um Verzerrungen in eingehenden neuronalen Aktivitätsmustern auszugleichen. Aktuelle Studien zeigen Ver­besserungen der kognitiven Funktionen und demzufolge des Sprachverstehens durch aktives computerbasiertes Hörtraining. Auch wenn mehr hochwertige Studien Effekte und Mechanis­men der Verbesserungen von kognitiven Funktionen nach ei­ nem kognitiven Training noch bestätigen müssen, erscheint es sinnvoll und empfehlenswert, dass diese Rehabilitations­methode in der Zukunft als fester Bestandteil in die Nachsorge von Hörgeräte­ und CI­-Trägern integriert wird. Hiermit könnte man den Patienten über die Verbesserung des Sprachverste­hens eine verbesserte Lebensqualität entsprechend ihrer in­ dividuellen Voraussetzungen ermöglichen.

Die Autoren

  • Die Neurowissenschaftlerin Dr. Aleksandra Kupferberg erforschte als Postdoktorandin an der Universität Bern bei Professor Gregor Hasler das soziale Verhalten bei psychischen Störungen und übernahm 2017 die wissenschaftliche Leitung des KOJ­ Hearing­Research­Centers. In ihrer Doktorarbeit an der Ludwig­Maximilians­Universität München verwendete sie bildgebende Methoden, um die neuronalen Korrelate des sozialen Verhaltens zu untersuchen. Beim KOJ­Hearing­Research­Center führt sie klinische Studien zur Wirksamkeit des Hörtrainings durch, unterstützt die Weiterentwicklung der Lernprogramme aus psycho­logischer Sicht, betreut die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Kliniken, publiziert über aktuelle Themen in der Hörforschung und ist Ansprechpartnerin für alle forschungsrelevanten Fragen.

 

  • Dr. Pascal Burger promovierte 2008 an der Friedrich­Alexander­Universität Erlangen­Nürnberg unter Professor Johannes Zenk (Hals­Nasen­Ohren­Klinik) zum Doktor der Medizin. Nach dem Erwerb des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie 2013 schloss er im selben Jahr seinen Postgraduiertenstudiengang Master of Medical Education erfolgreich ab und promovierte 2017 im Fach Psychologie an der Universität Bochum. Seit Juni 2018 leitet er das Spezialambulatorium für ADHS an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Weitere seiner Forschungsprojekte befassen sich mit Medizindidaktik und dem Einfluss des Lernverhaltens auf die psychische Gesundheit Studierender.

 

  • Dr. med. Mattheus Vischer führt seit mehr als 20 Jahren eine HNO­Praxis in Gümligen bei Bern mit chirurgischer Tätigkeit an der Privatklinik Siloah und am Operationszentrum Burgdorf. Seine Schwerpunkte sind Erkrankungen des Ohres, Ohrchirurgie, angeborene und erworbene Schwerhörigkeit und HNO­Krankheiten im Kindesalter. In wissenschaftlichen Projekten erforschte er Effekte der künstlichen elektrischen Stimulation des Hörnervs und der Hörbahn. In der klinischen Forschung befasst er sich mit der Auswirkung der Cochlea­Implantation auf die Sprachentwicklung und Ergebnissen der Gehörrehabilitation nach Ertau­ bung. An der HNO Universitätsklinik des Inselspitals Bern operiert er als Senior Consultant Cochlea­-Implantate und implantier­ bare Hörgeräte.

 

  • Professorin Dr. Elke Kalbe ist seit 2015 Professorin für Medizinische Psychologie an der Universitätsklinik Köln. Sie studierte Psychologie, Linguistik, Phonetik an der Universität Bonn und promovierte sowie habilitierte im Fach Psychologie an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen verschiedene Aspekte zum Thema „Kognition im Alter“, unter anderem neuropsychologische Änderungen bei Menschen mit der Parkinson­ oder Alzheimerkrankheit, Demenz, kognitions­ basierten Interventionen, neuropsychologische Demenzdiagnostik und funktionelle Hirnbildgebung. Kalbe wurde 2011 von der Universität Witten/Herdecke mit dem Preis für die Hirnforschung ausgezeichnet und erhielt 2014 einen Forschungspreis der Deutschen Parkinsongesellschaft.

 

  • Nicolai Berardi ist Betriebsleiter der SOS Ärzte Turicum AG und weiterhin tätig als Einsatzleiter und Notfallarzt. Er erforscht am Institut für Notfallmedizin der SOS Ärzte allgemeinmedizinische und psychiatrische Fragestellungen im ambulanten Setting. Während seines Medizinstudiums forschte er an der Universität Zürich im Bereich mi­RNA und deren Einfluss auf zelluläre Regeneration. Er ist weiter verantwortlich für die Aus­ und Weiterbildung neuer Einsatzärzte und die Durchführung von Kur­ sen für Medizinstudenten des Fachvereines Medizin.

 

  • Professor Dr. Stefan Hegemann ist Professor für Hals­Nasen­Ohren(HNO)­Heilkunde mit dem Schwerpunkt Neurootologie an der Universität Zürich. Er hat 1993 an der Ludwig Maximilians­Universität München promoviert, hat 1995 den Facharzttitel für HNO­Heilkunde an der Universitätsklinik der RWTH Aachen und 2002 den für Neurologie an der Friedrich­Schiller­Universität Jena erhalten und war 1997 als visting scientist an der Johns­Hopkins­University in Baltimore, wo er Studien zum oculomoto­ rischen neuralen Integrator durchgeführt hat. Von 2003 bis 2006 war er Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen am Universitätsspital Zürich und ist seit 2006 niedergelassen. Seit 2019 ist er Lehrbeauftragter der ETH und gibt unter anderem Vorlesungen zur Physiologie des Hörens.
  • Professor Dr. Sascha Frühholz ist Professor für Kognitive und Affektive Neurowissenschaften am Psychologischen Institut der Universität Zürich (Schweiz). Er promovierte (2008) und habilitierte (2016) in der Psychologie. Seine Forschung beschäftigt sich mit dem auditorischen System des Menschen während des Sprachverstehens und der Verarbeitung von sozialen Informationen in der Stimme. Er ist Ko­Editor des „Oxford Handbook of Voice Perception“.

 

  • Dr. med. Camillo Amodio hat nach dem Studium an der Universität Zürich seinen Fokus der ärztlichen Grundversorgung gewid­ met. Er durchlief zunächst allgemeinmedizinische Weiterbildungsjahre in unterschiedlichen Fachdisziplinen in der Schweiz. Es folgte von 1993 bis 1995 ein Engagement in der Co­Leitung der medizinischen Versorgung (unter anderem ein Spital, mehrere periphere HealthCenters und ein mobiles Impfteam) in einem ruralen Distrikt im Osten von Lesotho (südliches Afrika). Seit 1997 ist er dem Unternehmen SOS Ärzte Turicum AG verbunden, als Einsatzarzt, im Unternehmensaufbau und in der Geschäftsleitung. SOS Ärzte betreibt eine eigene medizinische Triagezentrale und ein überregional patientenaufsuchendes ärztliches Team rund um die Uhr im Kanton Zürich und angrenzenden Regionen. Es ist eine Weiterbildungsdrehscheibe für junge Ärzte. Die überregionale Einsatzkonzeption mit der entsprechenden Logistik und sinnvollen Ressourcenallokation ist eine Errungenschaft, die in die Neu­organisation des Notfallpflichtdienstes der gesamten Züricher Ärzteschaft 2018 eingeflossen ist.

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13/Jan/2021

Zitiert von HNOmedic, den ORL Spezialisten.

Erzeugte Töne gelangen über Schallwellen der Luft in unser Ohr und werden dort nach Weiterleitung durch das Mittelohr im Innenohr in elektrische Signale umgewandelt.

Diese werden dann über den Hörnerven in das Gehirn weitergeleitet. Erst dort geschieht das eigentliche „Hören”.

Das Gehirn verarbeitet die Signale des Hörnerven nicht nur, sondern führt auch eine emotionale Bewertung durch. In die Verarbeitung der Signale fließen also insbesondere Erinnerungen, positive wie negative Erfahrungen und persönliche Interessen mit ein.

Gehör KOJ
Das Gehör ist ein Wunderwerk an kleinsten Strukturen mit grössten Auswirkungen ©KOJ AG 2014

Erst durch diese „zentrale“ Verarbeitung wird dann eine Stimme oder ein Geräusch als angenehm oder unangenehm empfunden. Das Gehirn ist zu erstaunlichen Leistungen fähig: es kann Unwichtiges ausblenden und Wichtiges verstärken. So ist ein Verstehen von Gesprochenem (wichtig) z.B. im Café trotz lauter Hintergrundgeräusche (unwichtig) für Normalhörende in der Regel möglich, Schwerhörige bemerken hier jedoch häufig die ersten Symptome der Erkrankung. Ist eine Stelle dieses Verarbeitungswegs gestört, ist „richtiges“ Hören nicht mehr möglich. In vielen Fällen kann Betroffene „Schwerhörigen“ jedoch geholfen werden.

Hierzu können Sie jederzeit einen Termin auch online vereinbaren.

HNOmedic | kompetent.menschlich.nah


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13/Jan/2021

Zitiert von Ulrike Gebhardt (NZZ).

Schon bei geringer Schallintensität reduzieren im Innenohr bestimmte Sinneszellen ihre Kontaktstellen zum Hörnerv. Wenn sich dieser in der Folge zurückbildet, entsteht eine Schwerhörigkeit, die mit klassischen Hörtests unerkannt bleibt.

Hörschädigung durch zu laute Musik – ein unterschätztes Problem?

Wer morgens im Tram sitzt, wird junge Mitfahrende wohl kaum ohne «Stöpsel» in den Ohren antreffen. Eine ganze Generation trägt mobile Abspielgeräte oder Telefone mit sich herum wie andere Leute das Schuhwerk. Da scheint die Sorge berechtigt, ob und wie die Ohren unter der Schallflut leiden. Beat Hohmann, Akustikexperte der Suva in Luzern, gibt zwar für die Schweiz Entwarnung: Eine Auswertung von Gehörtests an jährlich 1000 Lehrlingen zeige, dass sich in den letzten 12 Jahren das Hörvermögen der Jugendlichen nicht verschlechtert habe. Doch Studien aus anderen Ländern weisen auf durchaus besorgniserregende Entwicklungen hin. In den USA haben bereits 12 bis 15 Prozent der Schulkinder dauerhafte Hördefekte, die auf eine übermässige Geräuschbelastung zurückzuführen sind. Laut Joachim Förster von der deutschen Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft muss davon ausgegangen werden, dass ohne weitere Präventionsmassnahmen ein Drittel der Jugendlichen im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät brauchen wird

Unterschiedliche Haarzellen

Nach neusten Forschungsarbeiten sind die Schäden am Ohr durch Lärm ausserdem vielschichtiger, als man bisher angenommen hat. Zusätzlich zu den schon bekannten Verlusten der äusseren Haarsinneszellen im Innenohr kann es bereits durch niedrige Schallpegel zu Funktionsstörungen der inneren Haarzellen kommen. Als Folge davon verliert der Hörnerv schleichend an Substanz. Dieser Verlust könne das Risiko stark erhöhen, im fortgeschrittenen Alter schwerhörig zu werden oder einen Tinnitus zu bekommen, sagt Marlies Knipper vom Hearing Research Centre in Tübingen.

Die inneren Haarsinneszellen, die im Mittelpunkt dieser neu entdeckten Hörschäden stehen, fanden bisher wenig Beachtung. Dabei geben sie den Hörreiz an das Gehirn weiter, der zuvor von den äusseren Haarzellen verstärkt wurde. Unter übermässiger Schalleinwirkung bilden sich die Kontaktstellen (Synapsen) dieser inneren Sinneszellen mit den Nervenzellen des Hörnervs jedoch dauerhaft zurück. Das entdeckte Charles Liberman von der Harvard University in Boston erstmals vor drei Jahren im Experiment an Mäusen. Auch Knippers Team in Tübingen beobachtete dieses Phänomen bei Tieren – selbst bei Schallintensitäten, bei denen die äusseren Haarzellen noch keinen Schaden nehmen.

Überträgt man die Ergebnisse auf den Menschen, könnte die derzeitige Zunahme von Patienten mit Tinnitus und solchen, die überempfindlich auf Schall reagieren, neben Stress und anderen Faktoren ihre Ursache auch in der Rückbildung des Hörnervs haben. Möglicherweise reagieren die beteiligten Hirnregionen auf den Rückgang der «Meldungen» aus dem Ohr (durch den Verlust an Nervenfasern) mit einer erhöhten Ansprechbarkeit. Im ungünstigsten Fall feuern dann die Synapsen, obwohl gar kein Hörreiz vorhanden ist: Ein Phantomgeräusch wird wahrgenommen (Tinnitus), oder die betroffene Person reagiert stärker als normal auf ein im Grunde leises Signal (Hyperakusis).

Neue Hörtests

Die KOJ-Institute haben sich der Messtechnik verschrieben. Beispielsweise zeigen eigens entwickelte Phonem-Tests die Sprachwahrnehmung unter Alltagsbelastung auf.

Der Rückgang der Kontaktstellen zwischen dem Hörnerv und dem Ohr könnte noch andere Folgen haben, weil das Gehirn die empfangenen Signale schlechter verarbeiten kann. Das wirkt sich besonders negativ in einer schwierigen Hörumgebung aus, etwa wenn es gilt, eine Stimme inmitten lauter Hintergrundgeräusche zu verstehen. Mit den Hörtests, die heute routinemässig verwendet werden, lassen sich nur Schallschäden am Ohr aufdecken, die die äusseren Haarsinneszellen betreffen. Diagnostische Verfahren, mit denen die Rückbildung des Hörnervs frühzeitig entdeckt werden kann, gibt es nicht. Das Team von Knipper arbeitet an der Entwicklung solcher Methoden. Denn es ist wichtig, die Veränderungen rechtzeitig aufzuspüren, da die Schäden nicht rückgängig zu machen sind. Haarsinneszellen sind ein kostbares Gut. Jeder Mensch wird mit etwa 3500 inneren und 12 000 äusseren Haarzellen geboren. Ihren Namen verdanken die empfindlichen Sensoren ihren langen, haarähnlichen Fortsätzen, die sehr empfindlich auf Lärm reagieren. Bei Knallgeräuschen etwa können sie so stark in Schwingung versetzt werden, dass sie auseinanderreissen und später regelrecht in sich zusammenfallen und nicht mehr funktionieren. Ist der Schaden zu gross, stirbt die Haarzelle ab. Kommen auf diese Weise immer mehr äussere Haarsinneszellen abhanden, steigt die Hörschwelle zunächst vor allem bei höheren Frequenzen (Tonhöhen) an, und der Betroffene hört schlechter. Dies bedeutet einen endgültigen Verlust, denn das menschliche Ohr kann – im Gegensatz zu Vögeln oder Fischen – als Ersatz keine neuen Haarzellen hervorbringen. Zwar berichteten Forscher von der Harvard University Anfang Jahr im Fachmagazin «Neuron» über eine gelungene Neubildung von Haarzellen bei Mäusen, die mit einem Enzym-Hemmer behandelt worden waren. Diese Substanz blockiert einen Signalweg in den Zellen, die die Haarzellen des Innenohrs umgeben, und bewirkt, dass sich diese zu Haarzellen umwandeln

Angepasste Prävention

Ob sich diese Behandlung auch beim Menschen anwenden lässt, ist allerdings noch unklar. Denn bei den Mäusen löste der Hemmstoff starke Nebenwirkungen aus. Zwar sollte diese Art von Forschung weiter vorangetrieben werden, sagt Knipper. Aber mindestens ebenso wichtig sei es, neue Präventionsstrategien zu entwickeln. Während vor Jahren der Fokus auf der Arbeitswelt lag, wo inzwischen meist effektive Regulierungen greifen, gibt es solche Vorschriften im Freizeitbereich noch kaum.

Welche Folgen Hörschäden haben können, sind sich junge Menschen häufig nicht bewusst. So seien Hörschäden – und keinesfalls Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Bewegungsapparates – die Hauptursache dafür, dass sich Menschen wegen der mangelhaften Kommunikationsfähigkeit zurückzögen und mit zunehmendem Alter immobil würden, sagt Knipper.

Im Sinne des Ohrenschutzes und des Wissens darum, dass das Ohr «nichts vergisst», sollte man sich daher überlegen, bei der Nutzung des Laubbläsers, Rasenmähers oder Föhns schalldämpfende Ohrstöpsel zu tragen. Die Lautstärke, bei der Hörschäden durch Verluste der äusseren Haarzellen auftreten können, liegt bei 85 Dezibel (dB), einem Pegel, den auch manches Küchengerät erreicht. Sinnvoll könnte es auch sein, dem Enkelkind kein Feuerwehrauto mit lauter Sirene zu schenken und auf die Spielzeugtrompete zu verzichten.

Die grösste Alltagsgefahr lauert nach Ansicht von Hohmann von der Suva bei den MP3-Playern, die laut Euro-Norm bis zu 100 dB erreichen dürfen. Eine eigene Studie zeige, dass 5 bis 10 Prozent der Nutzer ihrem Gehör mehr als die kritische Wochendosis von 85 dB während 40 Stunden zumuteten, so Hohmann. Sinnvoll und technisch machbar sei es, bei Erreichen der maximalen Schalldosis ein Warnsignal auf der Anzeige des Abspielgerätes erscheinen zu lassen. Bis jetzt findet man eine solche Anwendung jedoch in keinem App-Store. Falls Kopfhörer benützt werden, empfiehlt Hohmann, die Einstellung der Lautstärke in ruhiger Umgebung vorzunehmen und selbst wenn die Aussengeräusche anstiegen, nicht lauter zu stellen.

Lesen Sie auch, was die NZZ zum noch zum Hören und KOJ sagt: Artikel 1 (Zum Hören braucht es mehr als gute Ohren), Artikel 2 (Hören muss gelernt sein)


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13/Jan/2021

Zitiert von RUB – Ruhr Universität Bochum.

NEUROWISSENSCHAFT – Das Gehirn gewöhnt sich nicht an Altersschwerhörigkeit, sodass das Gedächtnis leidet.

Wenn im Alter das Gehör nachlässt, steigt das Risiko für Demenzerkrankungen und kognitiven Verfall. Warum das so ist, war bisher unklar. Ein Team aus der Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat nun mit Untersuchungen an Mäusen herausgefunden, was im Gehirn passiert, wenn das Hörvermögen nach und nach schlechter wird: Hirnbereiche werden umorganisiert, worunter das Gedächtnis leidet. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Cerebral Cortex“ vom 20. März 2020 online veröffentlicht.

An der Studie haben Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo und Prof. Dr. Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie gemeinsam gearbeitet.

Wenn eine Sinneswahrnehmung fehlt

Die Forscherinnen und Forscher untersuchten eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen graduellen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoffrezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

Anpassungsfähigkeit des Gehirns leidet

Es ist wichtig, Schwerhörigkeit zu behandeln, um die geistige Fitness zu erhalten.

Die so gewonnenen Daten zeigten, dass die synaptische Plastizität im Hippocampus durch den graduellen Verlust des Hörvermögens beeinträchtigt ist. Die synaptische Plastizität wiederum ermöglicht die langfristige Speicherung von Erlebnissen, dadurch werden Erinnerungen gebildet und festgehalten. Die Verteilung und Dichte von Botenstoffrezeptoren änderte sich stetig. Mit Fortschreiten der Schwerhörigkeit verstärkten sich auch die Effekte im Gehirn. Darüber hinaus zeigten die schwerhörigen Mäuse zunehmende Einschränkungen bei ihrer Gedächtnisleistung. „Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, so Denise Manahan-Vaughan. „Wir glauben, dass die ständigen Veränderungen der Neurotransmitterrezeptorexpression, die durch fortschreitenden Hörverlust verursacht werden, auf der Ebene der sensorischen Informationsverarbeitung zu einer Art Treibsand führen, der verhindert, dass der Hippocampus effektiv arbeitet“, fügt sie hinzu.

 

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Förderung

Die Studie wurde durch den Sonderforschungsbereich (SFB) 874 der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Der SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ besteht seit 2010 an der RUB. Die Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit der Frage, wie sensorische Signale neuronale Karten generieren, und wie daraus komplexes Verhalten und Gedächtnisbildung resultiert. Daniela Beckmann und Mikro Feldmann haben zudem das MD-Programm speziell für Medizinstudierende des SFB 874 und der International Graduate School of Neuroscience absolviert.

Originalveröffentlichung

Daniela Beckmann, Mirko Feldmann, Olena Shchyglo, Denise Manahan-Vaughan: Hippocampal synaptic plasticity, spatial memory, and neurotransmitter receptor expression are profoundly altered by gradual loss of hearing ability, in: Cerebral Cortex, 2020, DOI: 10.1093/cercor/bhaa061

 

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13/Jan/2021

Ein toller Artikel, zitiert von Brigitte.

Ohne ihn wären wir wortlos. Er ermöglicht Verständigung und Miteinander – und er ist ein kleines Sensibelchen.

Kino im Kopf – Wie Hören uns schützt und gesund hält. Der Hörsinn rettet Leben, deswegen wird er auch nicht abgeschaltet, wenn wir schlafen. Wir hören die Gefahr und die Richtung, aus der sie droht, und bringen uns rechtzeitig in Sicherheit. Schon dieses Alarmsystem hat eine soziale Komponente. Denn wir reagieren nicht erst, wenn wir das bedrohliche Geräusch selbst wahrnehmen, sondern auch, wenn uns andere warnen. Unsere Ohren sind nämlich besonders empfindlich für das, was sie hören wollen: Sprache. Schon Babys faszinieren menschliche Stimmen mehr als alles andere. Bereits vor der Geburt gewöhnen sie sich daran, ihre Mutter zu hören, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Innenohr als erstes Organ unseres Körpers komplett ausgebildet. Und wie Patienten mit Nahtod-Erfahrungen berichten, endet unser Leben oft auch mit akustischen Eindrücken. Hören bedeutet zunächst Sicherheit und Nähe. Wenn ich andere höre, bin ich nicht allein.

Doch Hören ist auch Kommunikation. Unsere Sprache markiert einen kognitiven Quantensprung der Evolution, durch sie sind wir mehr als Affen mit großen Hirnen: “Die Menschwerdung vollzog sich über das Hören”, erklärt

Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen.

Professor Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Wir wollen hören und Gehör finden. Das ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Wenn sich unsere Vorfahren abends um das Feuer versammelten, um Erlebnisse und Geschichten zu teilen, war Zusammengehörigkeit selbstverständlich. Uns geht sie zunehmend verloren. Wir hören zwar immer mehr, aber immer weniger zu – und eher seltener gemeinsam. Doch ohne Gespräche und Austausch untereinander fühlen wir uns allein und unglücklich, selbst wenn wir ständig von Menschen umgeben sind. Nicht nur Hören, sondern richtiges Zuhören ist also Voraussetzung für ein soziales Miteinander – und offenbar auch für gesunde Hirnfunkionen. Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen. So beschäftigt ein und dasselbe Geräusch mal die linke, mal die rechte Gehirnhälfte, je nachdem, welche Gedanken wir damit verbinden. Denn Geräusche haben anders als Objekte nur Symbolcharakter und müssen erst interpretiert werden. Wir sammeln Erfahrungen, bilden Kategorien und entwickeln daraus eine Vorstellung von dem, was wir hören. Visuelle Informationen fordern und fördern unser Gehirn dagegen viel weniger: Wer fernsieht, braucht kaum Fantasie. Hören erzeugt Kino im Kopf. Und weil wir dabei die Bilder speichern, haben wir auch bestimmte klangliche Erwartungen und sind irritiert, wenn diese sich nicht erfüllen. Fällt eine Tür scheppernd ins Schloss, fühlen wir uns in der Wohnung dahinter nicht sicher. Ein Rasierer für Frauen sollte diskret leise sein, für Männer muss er die Bartstoppeln ordentlich sprazzeln lassen. Der Akustiker Friedrich Blutner, der Musikinstrumente baute, bevor er sich dem Sounddesign widmete, ist der Meinung, dass die bevorzugten Geräusche auch das Lebensgefühl einer Generation ausdrücken. Heute müssten Produkte krachen und knacken, damit wir sie gut finden: Leistung werde oft mit Lautstärke gleichgesetzt. Sollte sich unser Leben wieder mehr entspannen, werden wir wahrscheinlich weichere Geräusche schätzen.

Was beeinträchtigt den Sinn?

Wenn zu starke Schallwellen über die Härchen der Hörzellen hinwegbranden, können diese abbrechen oder -knicken. Solche Knalltraumen werden durch Lautstärken ab etwa 130 Dezibel verursacht, also durch Silvesterböller, aber auch Spielzeugpistolen. Die Schäden dabei sind endgültig, denn die Zellen des Innenohrs erneuern sich nicht. Auf Dauer zerstört bereits Schall unterhalb der Schmerzgrenze das Gehör, und zwar umso schneller, je lauter er ist. Oft merken wir davon zunächst nichts. “Diese kleinen Schäden summieren sich aber, bis irgendwann der Point of no Return überschritten ist”, warnt Dr. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

An Lärm gewöhnen sich weder unser Ohr noch unser Körper. Für ihn bedeutet Lärm Stress: Cortisol wird ausgeschüttet, und der Blutdruck steigt. In einer lauten Umwelt zu leben erhöht das Infarktrisiko von Frauen um mehr als das Dreifache, so eine Studie der Charité. Und nachts sind unsere Ohren noch empfindlicher: Einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge steigern schon nächtliche 55 Dezibel – dieser Wert wird auf vielen unserer Straßen erreicht – das Risiko von Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Asthma-Erkrankungen.

Die Macht der Musik

Wie wir unser Gehör einsetzen können, um uns zu heilen

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten.

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten. So sind bei Pianisten beim Hören von Klaviermusik die gleichen Hirnbereiche aktiv, als wenn sie selbst spielen würden. Und sogar bei Nichtmusikern reagieren Nervenzellen, die mit dem Kehlkopf in Verbindung stehen – und singen oder pfeifen lautlos mit. “Erst kommt die Musik, dann die Sprache”, sagt Dr. Stefan Koelsch, Leiter der Forschungsgruppe Neurokognition der Musik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Beim Hören von Musik sind also vor allem Bereiche des Gehirns aktiv, die wir nicht unter Kontrolle haben, und diese beeinflussen unser Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Untersuchungen zeigen, dass Blutdruck, Puls und Atemfrequenz abnehmen, wenn wir ruhigen Klängen lauschen. Das funktioniert unabhängig davon, ob uns das Stück überhaupt gefällt. Aber Musik als Medizin kann noch viel mehr: Sie senkt zum Beispiel die Angst vor und während eines ärztlichen Eingriffs wie einer Magenspiegelung. Forscher der Universität Yale fanden heraus, dass Patienten sogar weniger Narkosemittel brauchen, dürfen sie ihre Lieblingsmusik hören. Und dies liegt tatsächlich an der Musik und nicht daran, dass sie OP-Geräusche übertönt. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen schneller erholen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie nach einer Operation mit Musik aufwachen. Sanfte Musik dämpft außerdem das Schmerzempfinden während der Wehen. Und Frühgeborene, die mehrmals täglich Schlaf- und Kinderlieder vorgespielt bekamen, nahmen schneller an Gewicht zu und konnten so früher von der Intensivstation entlassen werden. “Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie genau Musik im Körper wirkt”, erklärt Stefan Koelsch. “Doch in Zukunft wird Musik in der Medizin immer häufiger eingesetzt werden.” Musik heilt natürlich auch dann, wenn man sie aktiv einsetzt. Heidelberger Therapeuten konnten belegen, dass regelmäßiges Musizieren die Häufigkeit von Migräneanfällen bei Kindern sogar etwas effektiver reduziert als spezielle Medikamente. Bei Demenzkranken können Lieder vergessen geglaubte Erinnerungen und Wörter zurückbringen, Parkinson-Kranken hilft der Rhythmus, ihre Bewegungen zu koordinieren, und Schlaganfallpatienten finden oft über das Singen zurück zur Sprache.

Was, wenn der Sinn gestört ist?

Hörgeräte sind vielen peinlich. Dabei machen sie uns schlau

Mit rund 15 Millionen Betroffenen ist Schwerhörigkeit in Deutschland eine Volkskrankheit. Ein Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung, ein anderer die permanente Lärmüberlastung. Die Zahl der Tinnitus-Patienten wächst ebenfalls, und ein akuter Hörsturz trifft immer häufiger auch junge Menschen.

Moderne Hörsysteme sind trotz Rechenpower dezent.

Hörprobleme sollten möglichst frühzeitig behandelt werden. Denn wer längere Zeit schlecht hört, vergisst auch immer mehr Geräusche und muss sie mühsam neu lernen. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte nachweisen, dass sich Menschen in einem IQ-Test verbessern, sobald sie Hörgeräte bekommen – und ihre geistige Kapazität nicht mehr durch das akustische Verstehen absorbiert ist. Während Hörgeräte Schall verstärken, stimulieren Cochlea-Implantate (winzige Hörprothesen im Innenohr) über Elektroden direkt den Hörnerv. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass dieser Nerv noch funktioniert: Das ist etwa bei Erwachsenen der Fall, die nach einem Hörsturz ertauben, oder bei vielen gehörlos geborenen Kindern.

Etwa zwei von tausend Neugeborenen sind von angeborenen Hörstörungen betroffen. Im Kindesalter ist es noch wichtiger, diese Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn für die Entwicklung des Gehörs und vor allem der Sprache gibt es sensible Phasen. Versäumtes kann manchmal kaum oder überhaupt nicht mehr aufgeholt werden.

So halten Sie Ihr Gehör fit

“Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen.

Die Funktion des Innenohrs können wir nicht steigern, sondern nur bewahren. Trainieren lässt sich aber die Hörverarbeitung im Gehirn. Dies ist oft Teil einer Therapie von Tinnitus und Hörsturz, lässt sich jedoch auch vorbeugend einsetzen. “Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen. Es lohnt sich also, sorgfältig auszuwählen, was wir uns zu Ohren kommen lassen – und dem Gehör ab und zu eine Pause zu verordnen: – SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und lauschen Sie dem Alltag. Etwa im Park oder im Bus. Was hören Sie? Und aus welcher Richtung kommen die Geräusche? – GENIESSEN SIE MUSIK. Akustisches Berieseln nutzt die Hörwahrnehmung im Gehirn eher ab, bewusstes Hinhören aber trainiert sie. Konzentrieren Sie sich dafür zum Beispiel einmal nur auf ein einziges Instrument. – GÖNNEN SIE IHREN OHREN RUHE. Wenn Sie besonderem Lärm ausgesetzt waren, braucht das Gehör Zeit, sich davon zu erholen. – SCHÜTZEN SIE IHR GEHÖR VOR KRACH. Taubheit und Ohrenklingeln nach einem Konzert sind erste Warnzeichen, selbst wenn sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Ohrstöpsel etwa entlasten das Ohr: Sie dämpfen um 15 bis 30 Dezibel und lassen trotzdem noch genug Musikgenuss durch.

Tinnitus oder Hörsturz?

“In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite.

In Deutschland leiden rund drei Millionen Menschen unter Ohrgeräuschen. Dabei senden aufgequollene oder entzündete Hörzellen von selbst Signale ans Gehirn. Ein Tinnitus tritt oft nach Lärmüberlastung auf und kann durch eine Therapie mit Infusionen oder Medikamenten behandelt werden. Hält der Tinnitus jedoch länger als drei Monate an, hat diese Durchblutungsförderung keinen Sinn mehr: Die Tinnitus-Aktivität ist dann im Gehirn fixiert. “In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite. Viele Betroffene leiden besonders unter den Geräuschen, weil sie ihre ganze Wahrnehmung darauf fokussieren. Wer hingegen plötzlich schlecht hört, leidet möglicherweise an einem Hörsturz und sollte spätestens am zweiten Tag zum Arzt gehen. Denn die Ursache ist oft eine Art Innenohr-Infarkt, und die Sinneszellen können absterben, wenn die Therapie nicht rechtzeitig beginnt. Ein Hörsturz kann verschiedene Ursachen haben, wie Birgit Mazurek erklärt: “Stress ist allerdings häufig eine Mitursache.”


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13/Jan/2021

Eine Mitteilung der Bochumer Ruhr-Universität.

Wer Gesprächen nicht folgen kann, dem fehlt geistige Anregung. Folge: Veränderungen im Gehirn. Was dabei genau passiert, berichten Neurowissenschaftler der Bochumer Ruhr-Universität im Fach­blatt Cerebel Cortex. Sie haben Mäuse mit einem ererbtem Hörverlust untersucht, der einer alters­bedingten Schwerhörig­keit beim Menschen ähnelt.

Hörverlust mindert Gedächt­nisleistung

Fazit der Wissenschaftler: Die für die Gedächt­nisbildung im Gehirn zuständigen Boten­stoff­rezeptoren verändern mit zunehmendem Hörverlust ihre Dichte und verteilen sich anders. Darunter leidet die Informations­ver­arbeitung und so die Gedächt­nisleistung.

Hörgerät kann helfen

In früheren Studien wurde bereits bei jungen Menschen mit nur leichtem Hörverlust eine Veränderung der Hirn­aktivität beob­achtet, die Demenz Vorschub leisten könnte. Ein Hörgerät in jungen Jahren kann dem entgegen­wirken.


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13/Jan/2021

Ein Beitrag von Deutsches Ärzteblatt.

Bochum – Wird im Alter das Gehör schlechter, reagiert das Gehirn darauf mit einem Umbau, der das Gedächtnis beeinträchtigen kann. Das berichten Neurowissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der Zeitschrift Cerebral Cortex (DOI 10.1093/cercor/bhaa061).

Einer Hörminderung und einem damit verbundenem kognitivem Abbau kann erfolgreich entgegengewirkt werden.

Die Forscher untersuchten für die Studie eine spezielle Gruppe von Mäusen, die zwar mit einem intakten Hörvermögen geboren werden, jedoch durch einen angeborenen Gendefekt einen allmählichen Hörverlust erleiden, der dem der Altersschwerhörigkeit beim Menschen ähnelt. Sie analysierten die Dichte der für die Gedächtnisbildung relevanten Botenstoff­rezeptoren im Gehirn der Tiere und verglichen die Ergebnisse mit den Gehirnen von gesunden Mäusen. Sie erforschten außerdem, inwieweit die Informationsspeicherung im wichtigsten Gedächtnisorgan des Gehirns, dem Hippocampus, beeinflusst wird.

„Wir beobachteten, dass 2 bis 4 Monate postnatal eine Zunahme der kortikalen und hippokampalen Expression von sogenannten GluN2A- und GluN2B-Untereinheiten des N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptors im Vergleich zu Kontrollmäusen ohne sensorische Defizite auftrat“, berichten die Forscher. Darüber hinaus war die Expression von GABA und des metabotropen Glutamat-Rezeptors signifikant verändert. Die synaptische Plastizität des Hippocampus war stark beeinträchtigt, und die Mäuse wiesen signifikante Defizite im räumlichen Gedächtnis auf.

Diese Daten zeigten, dass während der Anpassung des Gehirns an den zunehmenden Hörverlust die Expression plastizitätsbedingter Neurotransmitter im Kortex und Hippocampus stark verändert ist. Es sei deutlich, dass ein zunehmender sensorischer Verlust die Funktion des Hippocampus deutlich beeinträchtige, so die Forscher.

„Unsere Ergebnisse bieten neue Einblicke in die mutmaßliche Ursache für den Zusammenhang zwischen kognitivem Verfall und altersbedingtem Hörverlust bei Menschen“, erläutert Denise Manahan-Vaughan aus der Abteilung für Neurophysiologie der RUB. © hil/aerzteblatt.de

Ein med. Gehörtraining kann einen entscheidenden Beitrag leisten, die kognitive Leistungsfähigkeit zu erhalten. Mehr Info auf www.khrc.info


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13/Jan/2021

Ein Artikel von Emil Wallimann, Zeitschrift LEBENDIG 04-2020.


Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, ob ich mal einen Fachartikel schreiben könnte betreffend Umgang als Dirigent mit Mitgliedern die weniger gut hören und ein Hörgerät haben. Leider, so muss ich wohl sagen, kann ich auch da aus eigener Erfahrung schreiben. Dazu aber später.

Hörminderung – ein schleichender Prozess

Etwas schlecht gehört zu haben, das ist jedem schon einmal passiert. Aber irgendwann fängt es an, sich zu häufen. Dein Partner/deine Partnerin sagt zum Beispiel: «Hörst du diese Grillen?» und du kannst sie beim besten Willen nicht hören. Zu Beginn lassen sich anspruchsvolle Situationen noch einigermassen kompensieren: Man erhöht die Lautstärke, fragt öfters nach und versucht sich zu konzentrieren, um dem Gespräch noch folgen zu können. Viele Betroffene merken selbst nicht, dass ihr Gehör nachgelassen hat. Erst nach durchschnittlich sieben Jahren macht sich eine Schädigung der Ohren durch Kommuni- kationsprobleme im Alltag so bemerkbar, dass Betroffene aus eigener Initiative reagieren. Zu spät, denn in dieser Zeit ist die komplexe Fähigkeit der Sprache, Wichtiges aufzunehmen und Unwichtiges zu ignorieren, zunehmend verloren gegangen. Durch diese Veränderung wird eine Person plötzlich zum einsamen Wolf. Sie sitzt zwar mitten in einer gemütlichen Runde, zieht sich aber zusehend mehr und mehr in sich zurück. Grund: Sie kann den Gesprächen nicht mehr folgen, sie versteht den Inhalt nicht mehr und irgendwann hängt sie ab.

Hören und Verstehen

Das Gehirn bietet das wahrscheinlich grösste Potenzial zur Reaktivierung der Hörverarbeitung. Genau an diesem Punkt setzt die medizinische KOJ®Gehörtherapie an, bei der Hirnverarbeitung.

Mit dem Hören meinen wir zunächst einmal die akustischen Vorgänge im «Ohr». Doch die Signale von dort müssen im Gehirn aufbereitet werden, damit aus Hören Verstehen – Hörverstehen – werden kann. Das Gehirn unterscheidet die wichtigen von den unwichtigen akustischen Informationen und filtert alles Unwichtige aus. Millionen Nervenzellen in unserem Gehirn entscheiden jede Sekunde, welche gehörten Informationen wir verarbeiten und welche wir ignorieren. Erst so verstehen wir einen bestimmten Gesprächspartner in einer Gruppe von Menschen oder in einem Café. Unsere Ohren sind das wichtigste Sinnesorgan, das wir haben und der grösste Lieferant von Informationen für unser Gehirn. Im Alltag hören wir mehr, als wir in der Summe sehen, riechen, schmecken und fühlen können. Genau diese Fähigkeit verlernen wir aber, wenn die dafür zuständigen Hirnregionen aufgrund einer Hörminderung weniger beansprucht werden.

Meine Situation

Nach einigen Jahren Berufsleben in einem lauten Handwerkerberuf (ohne Gehörschutz) und vielen Jahrzehnten mit unzähligen lauten bis sehr lauten Musikproben, hat sich mein Gehör schleichend und unmerklich verschlechtert. Erst durch Hinweise meiner Frau bemerkte ich, dass ich vieles nicht mehr verstand oder hören konnte. Öfters kam es auch vor, dass ich mich an öffentlichen Anlässen plötzlich aus dem Gespräch zurückzog und relativ teilnahmslos dabeisass. Das hatte wie oben beschrieben damit zu tun, dass ich eine Zeitlang mit grosser Konzentration noch mithalten konnte, aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. An Sitzungen musste ich mir angewöhnen, möglichst einen zentralen Platz einzunehmen um alle anderen wirklich zu verstehen. Mehr und mehr bekam ich auch stimmliche Probleme, die mir absolut keinen Sinn machten. Erst nachdem ich meine Hörgeräte hatte merkte ich, dass ich jahrelang aufgrund des reduzierten Hörfähigkeit viel zu laut gesprochen hatte, was zudem ganz klar meiner Stimme schadete.

Welches Hörgerät

Sobald man sich der Problematik mal bewusst wird, muss man sich überlegen welches Hörgerät man möchte oder in welches Geschäft man gehen soll. Schnell habe ich gemerkt, dass grundsätzlich alle Hörgeräthersteller absolute High-Tech für die Ohren anbieten. Praktisch alle Hörgeräte sind heute über das Handy zu steuern und bieten so zusätzliche Vorteile. Meine Entscheidung wurde einzig durch eine Tatsache beeinflusst. Ich wählte letztendlich jene Firma, die zusätzlich zum Hörgerät auch ein Hörtraining anbietet.

Gehörtraining

Als ich das Geschäft zum ersten Mal mit meinen Hörgeräten verliess, kam das heitere Erwachen. Die schöne Stadt Luzern war nur noch eines: laut! Hörgeräte verbessern das Hören ganz entscheidend, denn diese dezenten technischen Wunderwerke gleichen die Hörminderung der Ohren aus. Plötzlich versteht man nicht nur die Person gegenüber sehr gut, sondern alles was man lieber nicht verstärkt hören möchte wird einem zu laut. An diesem besagten Tag hatte ich aber nicht nur meine Hörgeräte zum ersten Mal in den Ohren, nein ich hatte auch eine Tasche mit einem speziellen iPad mit dabei. Dieses sollte in den kommenden Wochen mein Trainingspartner werden.

Mit dem KOJ-Lerncomputer kann jeder Nutzer individuell nicht nur sein Gehör, sondern seine Kognition trainieren.

Dieses iPad ist mit vielen Lektionen der Hörschulung programmiert. Täglich absolvierte ich eine Lektion von 30 – 45 Minuten. Jedes Jahr kann ich dieses Training über einige Wochen wiederholen, was immer sehr hilfreich ist. Es ist, wie gesagt, nicht in erster Linie die Lautstärke das Problem, es sind die durch die Hörminderung nicht mehr verstanden Vokale und Konsonanten oder deren Verwechslung. So beinhaltete jede Lektion sämtliche Hörfähigkeiten: Unterscheiden von hohen und tiefen Tönen (welcher von vier Tönen war der höchste?), leisen und lauten Tönen (welcher war der lauteste oder leiseste Ton) kurzen und langen Tönen (welcher war der kürzeste oder längste Ton?) Weiter gab es viele Übungen mit Kunstwörtern, die anders aber doch sehr ähnlich klangen: ama, ana, ala, aga, awa etc. Auf dem Display musste das Gehörte angetippt werden. Durch diese Übungen wurde es auch möglich, das Hörgerät möglichst optimal einzustellen. Weiter gab es Zahlenfolgen, die in der korrekten Reihenfolge nachgetippt werden mussten. Meistens fanden die Übungen mit einem Hintergrundgeräusch statt, welches dem in einem Restaurant bei Hochbetrieb sehr nahekam. Ebenfalls gab es immer einen Abschnitt eines Hörbuches, natürlich auch mit Nebengeräusch. Hier mussten Aufgaben gemacht werden wie beispielsweise immer antippen, wenn das Wort «und» im Text vorkam. Am Ende einer jeden Übung wurde das «gehörte» Resultat angezeigt. Es war sehr erstaunlich, wie ich mich über die Wochen dabei steigern konnte. Genau im gleichen Ausmass gelang es mir, im Alltag mit den Hörgeräten besser klar zu kommen. Heute ist für mich klar was schon Dr. Alexandra Kupferberg, eine Neurowissenschaftlerin sagte: «Das Gehör ist trainierbar». Dieses neu erlernte fokussierte Hören ermöglicht einem wieder, sich auf die Worte seines Gesprächspartners zu konzentrieren und die Stimmen am hinteren Tisch auszuschalten. Früher war eine Delegiertenversammlung, ein Volksapéro oder ein Aufenthalt in der Festmeile ein Graus für mich. Auch heute kann das noch schwierig werden, aber in einem normalen Rahmen geht das wirklich sehr gut.

Umgang im Alltag

Wie oben erwähnt ist das Hörgerät über eine App auf dem Natel steuerbar. Ich selber habe da drei Einstellungen: Alltag – Musik hören – Musik machen. Bevor ich meine Jodelprobe beginne, schalte ich auf dem Handy auf «Musik machen» und los geht’s. Am Ende der Probe schalte ich wieder auf «Alltag» und alles wird ein wenig lauter und heller. Wenn ich in ein Konzert gehe, belasse ich es vorerst auf «Alltag». Wenn es mir dann zu laut oder zu grell wird, (je nach Formation und Musikstil) so nehme ich mein Handy und schalte auf «Musik hören».

Umgang mit Sängern mit Hörgerät

In unseren Chören haben wir viele Mitglieder mit einem Hörgerät oder solche die eines haben sollten. Wenn ein Sänger plötzlich zu laut singt, könnte dies ein Anzeichen eines Gehörverlustes sein. Hier lohnt es sich zuerst die Situation zu beobachten und vielleicht vorerst nur mit dem Präsidenten zu besprechen. Wenn sich die Vermutung langsam bestätigt, muss mit diesem Sänger das Gespräch gesucht werden. Mitglieder, die bereits ein Hörgerät haben brauchen in der Regel keine Sonderbehandlung. Wenn aber Unsicherheiten beim Singen festzustellen sind, lohnt sich auch hier die Sache mal anzusprechen. Vielleicht ist das Hörgerät falsch eingestellt oder es hat keine Einstellung für die musikalische Betätigung? So könnte man den Sänger ermutigen, dies mit der entsprechenden Ansprechperson mal anzuschauen und eine Lösung dafür zu suchen.

Was bleibt Ein geschädigtes Gehör kann sich nicht plötzlich erholen und genesen wie andere körperliche Beschwerden dies vielleicht können. Der Schaden bleibt und man muss damit leben können. Ein Hörgerät kann einfach den Alltag wieder erträglich und das Leben lebenswert machen.

Licht und Schatten

Wo es Schatten gibt muss es auch Licht geben. Demzufolge haben auch Hörgeräte ihre Vorteile. Durch die Verbindung mit dem Handy durch Bluetooth brauche ich weder Stöpsel in den Ohren noch riesige Kopfhörer. Ruft mich jemand auf dem Handy an, so läutet das direkt in meinen Ohren und ich kann jederzeit frei sprechen ohne das Telefon an meine Ohren zu halten. Das Hören von Hörbüchern, Radiosendungen und Musik ist immer und überall möglich ohne jemand dabei zu stören. Da ich auf dem Handy eine Klavier-App habe, kann ich auch jederzeit mit dem Handy anstimmen, denn niemand hört diesen Ton meines Natels ausser ich in meinen Ohren. Ja, es gibt bei allem immer auch eine positive Seite!

Ratschlag

Tragt Sorge zu eurem Gehör. Schützt eure Ohren bei lauten Tätigkeiten. Ein geschädigtes Gehör ist nicht mehr zu reparieren. Ein Hörgerät bringt zwar sehr viel und macht den Alltag wieder erträglich, aber es wird nie mehr so wie es einmal war.


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13/Jan/2021


Kognitives Training gegen psychische Folgen der sozialen Distanzierung

Die rasche Umsetzung der sozialen Distanzierung ist notwendig, um die Coronavirus-Kurve abzuflachen und eine Verschlimmerung der aktuellen Pandemie zu verhindern. Aber so wie der Coronavirus-Lockdown eine wirtschaftliche Rezession zu verursachen droht, wird er vermutlich auch zur „sozialen Rezession“ führen: zu einem Zusammenbruch der sozialen Netzwerke, der besonders hart für die Bevölkerungsgruppen ist, die am stärksten von Isolation und Einsamkeit betroffen sind – ältere Erwachsene und Menschen mit Behinderungen oder bereits bestehenden Gesundheitsproblemen und psychischen Störungen. Wenn immer strengere Massnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, warnen Experten für psychische Gesundheit davor, dass der Verlust der alltäglichen sozialen Verbindungen mit bedeutsamen psychologischen Kosten verbunden ist (Friedler, Crapser, and McCullough 2015). Und diese Kosten könnten steigen, je länger sich solche Massnahmen in die Länge ziehen.

 

Soziale Isolation ist für manche Menschen nicht neu

Obwohl eine Pandemie wie die Coronavirus-Pandemie ein extremer, seltener Zustand ist, ist die Art der Abgeschiedenheit, der die Menschen in den letzten Wochen begegnet sind, nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die Auswirkungen der sozialen Isolation auf unseren Körper und Geist wurden bei einer Vielzahl von verschiedenen Menschengruppen bereits untersucht, von Astronauten bis hin zu Inhaftierten, von immungeschwächten Kindern bis hin zu Antarktisforschern. Doch muss man bedenken, dass depressive Symptome besonders intensiv gerade während der Isolation durch das Coronavirus auftreten können. Das ist dadurch bedingt, dass die Zeitspanne, in der man soziale Kontakte ausserhalb der Familie meiden sollen, im Moment nicht definiert werden kann, weil man nicht weiss, wie lang das erhöhte Risiko einer Ansteckung noch bestehen wird. Dagegen wissen viele Menschen, die z. B. in Einzelhaft gehaltenen werden oder in einer abgelegenen Region der Erde arbeiten, wann sie wieder in den Alltag zurückkehren können, sodass sie sich besser auf die Situation einstellen können.

 

Soziale Distanzierung und körperliche Gesundheit 

Soziale Isolation wird definiert als ein Zustand, in dem ein Individuum eine minimale Anzahl von sozialen Kontakten pflegt und das soziale Engagement mit anderen Menschen und der übrigen Gemeinschaft gering ist (Nicholson 2009). Einsamkeit verursacht Stress, und langfristiger oder chronischer Stress führt zu häufigeren Erhöhungen eines wichtigen Stresshormons, des Cortisols. Es ist auch mit einem höheren Entzündungsniveau im Körper verbunden. Dies wiederum schädigt die Blutgefässe und andere Gewebe und erhöht das Risiko von Herzkrankheiten, Diabetes, Gelenkerkrankungen, Depressionen, Fettleibigkeit und vorzeitigem Tod. Bei älteren Menschen scheint die soziale Isolation alle bereits bestehenden Krankheiten, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Hakulinen et al. 2018) bis hin zu Alzheimer, zu verschlimmern, aber ihre negativen Auswirkungen sind nicht nur auf die über 60-Jährigen beschränkt.

 

Abwesenheit von Interaktion ist Gift für geistige Fitness und mentale Gesundheit

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass starke soziale Verbindungen das Risiko eines kognitiven Abbaus verringern und den Ausbruch einer Alzheimer-Erkrankung verzögern können (Stern 2006; Szekely, Breitner, and Zandi 2007). Eine relativ neue systematische Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse aus 51 Studien zusammenfasste, zeigte, dass geringe soziale Aktivitäten und kleinere soziale Netzwerke einen Risikofaktor für kognitive Verlangsamung (Evans et al. 2019) und Verschlechterung des Gedächtnisses (Hsiao, Chang, and Gean 2018; Read, Comas-Herrera, and Grundy 2020) im späteren Leben darstellen. Der soziale Umgang und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten ist kognitiv „herausfordernd“ und „aufwendig“ und stimulierend für das Gehirn. Gespräche mit anderen Menschen und Teilnahme an Gruppenaktivitäten führen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen durch Schulung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis sowie kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit (Aartsen et al. 2002; Brown et al. 2016; Fratiglioni, Paillard-Borg, and Winblad 2004). Mangel an sozialer Interaktion verkleinert die Stimulation des Gehirns und führt einer Verringerung der kognitiven Reserve (Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen pathologische Veränderungen im Alter) und damit zu einem schnelleren kognitiven Rückgang (Evans, Llewellyn, et al., 2018). Abgesehen davon kann soziale Isolation auch zu anhaltendem psychischen Stress führen, der wiederum die kognitive Funktionsfähigkeit einschränken kann (Seeman et al. 2001). Auf der anderen Seite können auch geringere kognitive Reserven und ein kognitiver Rückgang zu einer erschwerten Kommunikation und damit zum Rückzug aus dem sozialen Leben führen  (Bennebroek Evertsz’ et al. 2017) und das Zurückkehren in das normale Gesellschaftsleben für ältere allein lebende Menschen erschweren, nachdem die Massnahmen für soziale Distanzierung gelockert oder aufgehoben sein werden.

Die Abwesenheit von Interaktion mit anderen gilt als Hauptursache für psychosozialen Stress, der zur erhöhten Prävalenz neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen beiträgt (Friedler et al. 2015). Soziale Isolation erhöht auch das Risiko von Morbidität und Mortalität sowie das Risiko des Auftretens vieler neuropsychologischer Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie (Jiang, Cowell, and Nakazawa 2013) oder Manie (Gilman et al. 2015). Bei Nagetieren wurde wiederholt gezeigt, dass soziale Isolation zu einer Verschlechterung des Gedächtnisses führt (Leser and Wagner 2015).

 

Warum ältere Menschen besonders stark von der sozialen Isolation betroffen sind

Mit zunehmendem Alter erfährt man oft Einbussen in der Mobilität und die soziale Unterstützung schrumpft mit dem Tod von Freunden und Familie. Lokale Vereine, religiöse Gottesdienste und Zeit mit der Familie bringen soziale Struktur und Freude in das Leben vieler Menschen, aber sie sind besonders wichtige Anknüpfungspunkte für diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustands nicht arbeiten oder nicht allein unterwegs sein können. Wenn ältere und kranke Menschen monatelang von sozialen Aktivitäten Abstand nehmen müssen, wird sich die Qualität ihres Lebens verschlechtern, und es wird ihnen schwerfallen, die alten Strukturen und Beziehungen wiederaufzubauen. Verlust der gewohnten Routine und verminderter sozialer und physischer Kontakt mit anderen Menschen führen häufig zu Langeweile, Frustration und einem Gefühl der Isolation vom Rest der Welt, wodurch Menschen verunsichert werden (Jeong et al. 2016; Taylor et al. 2008). Diese Frustration kann auch noch dadurch verstärkt werden, dass manche ältere Menschen sogar auf das Einkaufen der Lebensmittel aufgrund der Angst vor der Ansteckung verzichten (Hawryluck et al. 2004).

 

Kognitives Training stimuliert das Gehör und Gehirn und wirkt der geistigen Verlangsamung während der sozialen Isolation entgegen

Trotz der schweren Lage werden einige ältere Menschen mit der sozialen Distanzierung besser zurechtkommen als andere. Bei manchen werden vielleicht die sozialen Kontakte sogar zunehmen, wenn sich Freunde und Familie verstärkt um sie kümmern. Und manche Menschen bleiben durch Telefon- und Videoanrufe, SMS oder den Beitritt zu einer Online-Community in Verbindung.

Auch computerisiertes kognitives Training kann positive Effekte auf die kognitive Fitness während der Isolation haben und als Prävention eines kognitiven Rückgangs dienen. Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat gezeigt, dass computerisiertes kognitives Training einen positiven Effekt auf die Depressionssymptome hat (Motter et al. 2016). In einer anderen Studie wurde kognitives auditorisches Training eingesetzt, um psychische Beschwerden von depressiven Patienten zu verringern und die Alltagsbewältigung und die kognitive Funktion zu verbessern (Preiss et al. 2013). Das Training wurde dreimal wöchentlich, jeweils 20 Minuten lang, acht aufeinander folgende Wochen lang durchgeführt. Eine zweite Gruppe von Patienten (Kontrollgruppe) erhielt nur die Standardbehandlung (Medikamente und psychologische Therapiesitzungen). Der Vergleiche zwischen den Gruppen nach dem Training zeigte, dass die Gruppe, die trainiert hat, ein signifikant reduziertes Depressionsniveau aufwies. Diese Gruppe zeigte auch signifikante Verbesserungen in Bereichen wie Aufmerksamkeit und der Bewältigung des Alltags.

In einer anderen Studie wurde der Effekt von kognitivem Training auf das Demenzrisiko bei 2.802 gesunden älteren Erwachsenen (im Durchschnitt 74 bis 84 Jahre alt) in den Vereinigten Staaten untersucht. Dazu wurden die Probanden 10 Jahre lang beobachtet (Edwards et al. 2017). Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in eine Kontrollgruppe oder eine von drei Interventionsgruppen eingeteilt, wobei verschiedene Arten von kognitivem Training eingesetzt wurden: 1) Training der Strategien für besseres Gedächtnis 2) Training der Strategien für bessere Argumentation 3) individualisiertes computergestütztes Training zur Verbesserung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Bei allen Teilnehmern wurden zu Beginn der Studie, nach den ersten sechs Wochen und jeweils nach 1, 2, 3, 5 und 10 Jahren die kognitiven Fähigkeiten untersucht. Interessanterweise fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied im Demenzrisiko bei den Gruppen, die strategiebasiertes Gedächtnis- oder Argumentationstraining durchgeführt hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe. Jedoch zeigte die Gruppe, die computergestütztes Geschwindigkeitstraining  durchgeführt hatte, ein signifikant geringeres Risiko für Demenz im Vergleich zur Kontrollgruppe – im Durchschnitt eine 29-prozentige Risikoreduktion.

 

eLearning für zu Hause 

Die heutigen innovativen technologischen Werkzeuge im Bereich des E-Learnings und computerbasierten Gehirntrainings ermöglichen es, auf professionelle Art und Weise die kognitiven Fähigkeiten bequem von zu Hause aus zu trainieren und die kognitiven Reserven zu verbessern. Die fortschrittliche Technologie der Koj-Gehörtherapie wurde entwickelt, um die Leistung des Benutzers konsistent zu messen, und passt das Niveau und die Art der Aufgaben automatisch an seine Fähigkeiten und Bedürfnisse an. Die Koj-Gehörtherapie trainiert nicht nur das Sprachverstehen, sondern wichtige kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit, die für das alltägliche Leben und die Kommunikation vor allem bei älteren Menschen mit Hörproblemen entscheidend sind.

® Dr. A. Kupferberg, 04.2020


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13/Jan/2021

Das Tragen von Hörsystemen ist wichtig – aber gerade in den heutigen Tagen ist das häufige in die Stadt Pendeln und das persönliche Besuchen von Fachgeschäften zum einen ein Aufwand und zum anderen nicht nötig. KOJ versteht sich als Lieferant von modernster Spitzentechnologie und ist immer auf der Suche, nach dem Fortschritt.

In diesem Interview erklärt unser Ingenieur Herr Schmid und unsere liebe Gehörtherapeutin Frau Liechti, wie einfach Remote-Fitting funktioniert.

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Zwei Besonderheiten haben wir für Sie erarbeitet: Zum einen haben wir exklusiv die neusten Hörsysteme des führenden amerikanischen Herstellers NuEar. Die mit zahlreichen internationalen Innovationspreisen ausgezeichnete Technik zählt zu den aktuell kleinsten hinter dem Ohr getragenen Hörsystemen. Die Funktionen gehen bereits weit über die eines typischen Hörsystems hinaus: Die neuen KOJ-Circa Hörsysteme haben mehrere Sensoren, mit denen die körperliche Fitness gemessen, oder im Fall eines Unglücks wie einem Sturz automatisch ein Notfall-Alarm ausgelöst werden kann. Zudem sind die Hörsysteme dank künstlicher Intelligenz in der Lage, über 20 Fremdsprachen zu übersetzen. Die KOJ-Circa Hörsysteme können mit verschiedensten Smartphones von Apple bis Android verbunden und sogar eigenhändig bis ins Detail gesteuert werden.

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