KHNKann Gehirntraining Demenz verzögern? – Was die Forschung sagt und was das für Hörtraining bedeutet.

Neue Langzeit-Forschung aus einer der grössten kognitiven Interventionsstudien (Coe NB, Miller KEM, Sun C, Taggert E, Gross AL, Jones RN, Felix C, Albert MS, Rebok GW, Marsiske M, Ball KK, Willis SL. Impact of cognitive training on claims-based diagnosed dementia over 20 years: evidence from the ACTIVE study. Alzheimer’s Dement (N Y). 2026;12(1):e70197. doi:10.1002/trc2.70197. PMID:41669119. PMCID:PMC12884427) liefert klare Hinweise auf den potenziellen Nutzen gezielter mentaler Trainingsprogramme – und dieser Nutzen ist besonders relevant, wenn wir Hör- und Gehirntraining miteinander verbinden.

Demenz kann sich in verschiedener Art und als unterschiedlich-ausgeprägter Leistungsabbau zeigen.

Die Frage, ob kognitives Training das Risiko einer Demenz tatsächlich beeinflussen kann, wurde lange kontrovers diskutiert. Mit der 20-Jahres-Nachbeobachtung der ACTIVE-Studie liegt nun erstmals eine randomisierte, kontrollierte Langzeituntersuchung vor, die eine substanzielle Risikoreduktion zeigt. Entscheidend war dabei nicht irgendein Gedächtnistraining, sondern ein spezifisches Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Teilnehmer, die dieses sogenannte Speed-of-Processing-Training absolvierten und zusätzlich Auffrischungseinheiten erhielten, hatten ein signifikant geringeres Risiko, im Verlauf eine Diagnose aus dem Spektrum der Alzheimer-Krankheit oder verwandter Demenzen zu erhalten. Gedächtnis- oder reines Logiktraining zeigten diesen Effekt nicht. Diese Differenzierung ist zentral, denn sie verdeutlicht, dass nicht „Gehirntraining“ an sich schützt, sondern gezielt fordernde, adaptive Trainingsformen, die Verarbeitungsgeschwindigkeit, geteilte Aufmerksamkeit und exekutive Kontrolle aktivieren.

Warum ist gerade die Verarbeitungsgeschwindigkeit so relevant? Neurobiologisch betrachtet gehört sie zu den sensibelsten Indikatoren für altersbedingte kognitive Veränderungen. Sie spiegelt die Effizienz neuronaler Netzwerke wider und ist eng mit Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und exekutiven Funktionen verknüpft – also genau jenen Systemen, die in frühen Phasen neurodegenerativer Prozesse besonders vulnerabel sind. Wird diese Netzwerkdynamik regelmässig herausgefordert, scheint dies über Jahre hinweg eine Art kognitive Reserve zu stabilisieren. Die ACTIVE-Daten legen nahe, dass kontinuierliche, adaptive Stimulation hier einen protektiven Effekt entfalten kann. Entscheidend ist dabei die Wiederholung: Ohne Booster-Einheiten verschwand der Effekt. Prävention ist also kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess.

DICODI-STUDY – HNO 02.2026

An diesem Punkt wird die Verbindung zum auditiven System hochinteressant. Hören ist kein rein peripherer Vorgang, sondern ein komplexer kognitiver Prozess. Sprachverstehen – insbesondere unter Störlärm – verlangt schnelle Reizselektion, inhibitorische Kontrolle irrelevanter Signale, geteilte Aufmerksamkeit und rasche neuronale Verarbeitung. Genau diese Mechanismen entsprechen funktionell dem Speed-Training der ACTIVE-Studie. Modernes Hörtraining, das adaptiv aufgebaut ist und die Verarbeitungsgeschwindigkeit systematisch fordert, aktiviert somit dieselben kognitiven Ressourcen, die in der Langzeitstudie mit einem reduzierten Demenzrisiko assoziiert waren. Damit verschiebt sich die Perspektive: Hörtraining ist nicht nur Rehabilitation eines Sinnesorgans, sondern potenziell gezieltes kognitives Netzwerktraining.

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein strukturiertes Früh-Screening besondere Bedeutung. Der DICODI (Digitaler Cognitive-Decline-Indikator) bietet hier ein ideales Instrument, um frühe Veränderungen in Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeitssteuerung und kognitiver Belastbarkeit zu erfassen, bevor klinisch manifeste Defizite auftreten. Gerade weil die ACTIVE-Studie zeigt, dass Intervention vor dem Eintreten einer Demenzdiagnose wirksam sein kann, ist ein sensibles, alltagsnahes Screening entscheidend. Wird eine beginnende Verlangsamung oder erhöhte kognitive Hörbelastung früh erkannt, kann gezielt interveniert werden – nicht erst im Stadium klarer Defizite, sondern präventiv. Der DICODI fungiert damit als Bindeglied zwischen Risikodetektion und Intervention (Ballasch I, Meka M, Kalbe E, Schmid J-P, Vorstius C, Koj A, Kessler J. Digital cognitive diagnostics (DiCoDi®): A tablet-based cognitive test for people with and without hearing loss. HNO. 2026 Feb 2. doi:10.1007/s00106-026-01722-8. PMID:41627389).

Hörtraining kann die kognitive Verarbeitung stärken
CCAT-STUDY – Audiology Research, Volume 15, Issue 5

Die Interventionsseite wird durch Trainingsprogramme wie die KOJ®Gehörtherapie mit dem CCAT-Ansatz (Cognitive-Communicative Auditory Training) besonders interessant. In Untersuchungen zum CCAT-basierten Training (Péus D, Schmid J-P, Koj A, Radeloff A, Schulte M. Increased Listening Effort: Is Hearing Training a Solution? Results of a Pilot Study on Individualized Computer-Based Auditory Training (CCAT) in Subjects Not (Yet) Fitted With Hearing Aids. Audiol Res. 2025;15(5):124. doi:10.3390/audiolres15050124. PMID:41148750. PMCID:PMC12561151) zeigen sich Verbesserungen in auditiver Verarbeitung, Aufmerksamkeitssteuerung und kognitiver Flexibilität. Das Training arbeitet adaptiv, steigert systematisch die Anforderung an Geschwindigkeit und Reizselektion und fordert duale Aufgabenstellungen – also exakt jene Komponenten, die auch im erfolgreichen Arm der ACTIVE-Studie zentral waren. Während die ACTIVE-Studie den langfristigen Zusammenhang zwischen Speed-Training und reduzierter Demenzdiagnosewahrscheinlichkeit demonstriert, liefert die CCAT-Forschung Hinweise darauf, dass gezieltes auditiv-kognitives Training diese Ressourcen messbar stärken kann. Hier schliesst sich der Bogen: Wenn Verarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit trainierbar sind und ihre Stärkung mit geringerem Demenzrisiko assoziiert ist, dann wird ein strukturiertes Hör- und Kognitionstraining zu einem plausiblen präventiven Instrument.

Besonders relevant ist dabei der Aspekt der kognitiven Reserve. Diese beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, trotz pathologischer Veränderungen funktional leistungsfähig zu bleiben. Trainingsformen, die mehrere Netzwerke gleichzeitig beanspruchen – sensorisch, attentional, exekutiv – scheinen diese Reserve nachhaltiger zu stabilisieren als isolierte Gedächtnisstrategien. Hörtraining nach CCAT-Prinzip fordert genau diese Mehrfachaktivierung: akustische Differenzierung, schnelle Entscheidung, inhibitorische Kontrolle, Arbeitsgedächtnis und kommunikative Integration. Dadurch entsteht ein ganzheitlicher Trainingsreiz, der weit über reines Sprachverständnis hinausgeht.

Umfassende Hilfen

Zusammengenommen ergibt sich ein kohärentes Bild: Die ACTIVE-Studie liefert den bislang stärksten Langzeitbeleg dafür, dass gezieltes Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit das Risiko einer späteren Demenzdiagnose reduzieren kann. Der DICODI® ermöglicht es, relevante kognitive Veränderungen frühzeitig zu identifizieren. Die KOJ®Gehörtherapie mit ihrem CCAT-Ansatz stellt ein vielversprechendes Werkzeug dar, um genau jene kognitiven Ressourcen systematisch zu trainieren, die in der ACTIVE-Studie mit protektiven Effekten verbunden waren. Damit entsteht ein präventiver Dreiklang aus Früherkennung, adaptivem Training und langfristiger Netzwerkaktivierung – ein Ansatz, der Hören, Kognition und Demenzprävention nicht getrennt betrachtet, sondern als funktionelle Einheit versteht.

© Andreas Thomas Koj, Audiotherapeut