NEWS: MRZ 2020 – Kognitives Training gegen psychische Folgen der sozialen Distanzierung

5. April 2020 by Andreas Koj
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Kognitives Training gegen psychische Folgen der sozialen Distanzierung

Die rasche Umsetzung der sozialen Distanzierung ist notwendig, um die Coronavirus-Kurve abzuflachen und eine Verschlimmerung der aktuellen Pandemie zu verhindern. Aber so wie der Coronavirus-Lockdown eine wirtschaftliche Rezession zu verursachen droht, wird er vermutlich auch zur „sozialen Rezession“ führen: zu einem Zusammenbruch der sozialen Netzwerke, der besonders hart für die Bevölkerungsgruppen ist, die am stärksten von Isolation und Einsamkeit betroffen sind – ältere Erwachsene und Menschen mit Behinderungen oder bereits bestehenden Gesundheitsproblemen und psychischen Störungen. Wenn immer strengere Massnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, warnen Experten für psychische Gesundheit davor, dass der Verlust der alltäglichen sozialen Verbindungen mit bedeutsamen psychologischen Kosten verbunden ist (Friedler, Crapser, and McCullough 2015). Und diese Kosten könnten steigen, je länger sich solche Massnahmen in die Länge ziehen.

 

Soziale Isolation ist für manche Menschen nicht neu

Obwohl eine Pandemie wie die Coronavirus-Pandemie ein extremer, seltener Zustand ist, ist die Art der Abgeschiedenheit, der die Menschen in den letzten Wochen begegnet sind, nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die Auswirkungen der sozialen Isolation auf unseren Körper und Geist wurden bei einer Vielzahl von verschiedenen Menschengruppen bereits untersucht, von Astronauten bis hin zu Inhaftierten, von immungeschwächten Kindern bis hin zu Antarktisforschern. Doch muss man bedenken, dass depressive Symptome besonders intensiv gerade während der Isolation durch das Coronavirus auftreten können. Das ist dadurch bedingt, dass die Zeitspanne, in der man soziale Kontakte ausserhalb der Familie meiden sollen, im Moment nicht definiert werden kann, weil man nicht weiss, wie lang das erhöhte Risiko einer Ansteckung noch bestehen wird. Dagegen wissen viele Menschen, die z. B. in Einzelhaft gehaltenen werden oder in einer abgelegenen Region der Erde arbeiten, wann sie wieder in den Alltag zurückkehren können, sodass sie sich besser auf die Situation einstellen können.

 

Soziale Distanzierung und körperliche Gesundheit 

Soziale Isolation wird definiert als ein Zustand, in dem ein Individuum eine minimale Anzahl von sozialen Kontakten pflegt und das soziale Engagement mit anderen Menschen und der übrigen Gemeinschaft gering ist (Nicholson 2009). Einsamkeit verursacht Stress, und langfristiger oder chronischer Stress führt zu häufigeren Erhöhungen eines wichtigen Stresshormons, des Cortisols. Es ist auch mit einem höheren Entzündungsniveau im Körper verbunden. Dies wiederum schädigt die Blutgefässe und andere Gewebe und erhöht das Risiko von Herzkrankheiten, Diabetes, Gelenkerkrankungen, Depressionen, Fettleibigkeit und vorzeitigem Tod. Bei älteren Menschen scheint die soziale Isolation alle bereits bestehenden Krankheiten, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Hakulinen et al. 2018) bis hin zu Alzheimer, zu verschlimmern, aber ihre negativen Auswirkungen sind nicht nur auf die über 60-Jährigen beschränkt.

 

Abwesenheit von Interaktion ist Gift für geistige Fitness und mentale Gesundheit

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass starke soziale Verbindungen das Risiko eines kognitiven Abbaus verringern und den Ausbruch einer Alzheimer-Erkrankung verzögern können (Stern 2006; Szekely, Breitner, and Zandi 2007). Eine relativ neue systematische Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse aus 51 Studien zusammenfasste, zeigte, dass geringe soziale Aktivitäten und kleinere soziale Netzwerke einen Risikofaktor für kognitive Verlangsamung (Evans et al. 2019) und Verschlechterung des Gedächtnisses (Hsiao, Chang, and Gean 2018; Read, Comas-Herrera, and Grundy 2020) im späteren Leben darstellen. Der soziale Umgang und die Teilnahme an sozialen Aktivitäten ist kognitiv „herausfordernd“ und „aufwendig“ und stimulierend für das Gehirn. Gespräche mit anderen Menschen und Teilnahme an Gruppenaktivitäten führen zur Verbesserung der kognitiven Funktionen durch Schulung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis sowie kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit (Aartsen et al. 2002; Brown et al. 2016; Fratiglioni, Paillard-Borg, and Winblad 2004). Mangel an sozialer Interaktion verkleinert die Stimulation des Gehirns und führt einer Verringerung der kognitiven Reserve (Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen pathologische Veränderungen im Alter) und damit zu einem schnelleren kognitiven Rückgang (Evans, Llewellyn, et al., 2018). Abgesehen davon kann soziale Isolation auch zu anhaltendem psychischen Stress führen, der wiederum die kognitive Funktionsfähigkeit einschränken kann (Seeman et al. 2001). Auf der anderen Seite können auch geringere kognitive Reserven und ein kognitiver Rückgang zu einer erschwerten Kommunikation und damit zum Rückzug aus dem sozialen Leben führen  (Bennebroek Evertsz’ et al. 2017) und das Zurückkehren in das normale Gesellschaftsleben für ältere allein lebende Menschen erschweren, nachdem die Massnahmen für soziale Distanzierung gelockert oder aufgehoben sein werden.

Die Abwesenheit von Interaktion mit anderen gilt als Hauptursache für psychosozialen Stress, der zur erhöhten Prävalenz neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen beiträgt (Friedler et al. 2015). Soziale Isolation erhöht auch das Risiko von Morbidität und Mortalität sowie das Risiko des Auftretens vieler neuropsychologischer Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie (Jiang, Cowell, and Nakazawa 2013) oder Manie (Gilman et al. 2015). Bei Nagetieren wurde wiederholt gezeigt, dass soziale Isolation zu einer Verschlechterung des Gedächtnisses führt (Leser and Wagner 2015).

 

Warum ältere Menschen besonders stark von der sozialen Isolation betroffen sind

Mit zunehmendem Alter erfährt man oft Einbussen in der Mobilität und die soziale Unterstützung schrumpft mit dem Tod von Freunden und Familie. Lokale Vereine, religiöse Gottesdienste und Zeit mit der Familie bringen soziale Struktur und Freude in das Leben vieler Menschen, aber sie sind besonders wichtige Anknüpfungspunkte für diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustands nicht arbeiten oder nicht allein unterwegs sein können. Wenn ältere und kranke Menschen monatelang von sozialen Aktivitäten Abstand nehmen müssen, wird sich die Qualität ihres Lebens verschlechtern, und es wird ihnen schwerfallen, die alten Strukturen und Beziehungen wiederaufzubauen. Verlust der gewohnten Routine und verminderter sozialer und physischer Kontakt mit anderen Menschen führen häufig zu Langeweile, Frustration und einem Gefühl der Isolation vom Rest der Welt, wodurch Menschen verunsichert werden (Jeong et al. 2016; Taylor et al. 2008). Diese Frustration kann auch noch dadurch verstärkt werden, dass manche ältere Menschen sogar auf das Einkaufen der Lebensmittel aufgrund der Angst vor der Ansteckung verzichten (Hawryluck et al. 2004).

 

Kognitives Training stimuliert das Gehör und Gehirn und wirkt der geistigen Verlangsamung während der sozialen Isolation entgegen

Trotz der schweren Lage werden einige ältere Menschen mit der sozialen Distanzierung besser zurechtkommen als andere. Bei manchen werden vielleicht die sozialen Kontakte sogar zunehmen, wenn sich Freunde und Familie verstärkt um sie kümmern. Und manche Menschen bleiben durch Telefon- und Videoanrufe, SMS oder den Beitritt zu einer Online-Community in Verbindung.

Auch computerisiertes kognitives Training kann positive Effekte auf die kognitive Fitness während der Isolation haben und als Prävention eines kognitiven Rückgangs dienen. Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat gezeigt, dass computerisiertes kognitives Training einen positiven Effekt auf die Depressionssymptome hat (Motter et al. 2016). In einer anderen Studie wurde kognitives auditorisches Training eingesetzt, um psychische Beschwerden von depressiven Patienten zu verringern und die Alltagsbewältigung und die kognitive Funktion zu verbessern (Preiss et al. 2013). Das Training wurde dreimal wöchentlich, jeweils 20 Minuten lang, acht aufeinander folgende Wochen lang durchgeführt. Eine zweite Gruppe von Patienten (Kontrollgruppe) erhielt nur die Standardbehandlung (Medikamente und psychologische Therapiesitzungen). Der Vergleiche zwischen den Gruppen nach dem Training zeigte, dass die Gruppe, die trainiert hat, ein signifikant reduziertes Depressionsniveau aufwies. Diese Gruppe zeigte auch signifikante Verbesserungen in Bereichen wie Aufmerksamkeit und der Bewältigung des Alltags.

In einer anderen Studie wurde der Effekt von kognitivem Training auf das Demenzrisiko bei 2.802 gesunden älteren Erwachsenen (im Durchschnitt 74 bis 84 Jahre alt) in den Vereinigten Staaten untersucht. Dazu wurden die Probanden 10 Jahre lang beobachtet (Edwards et al. 2017). Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip in eine Kontrollgruppe oder eine von drei Interventionsgruppen eingeteilt, wobei verschiedene Arten von kognitivem Training eingesetzt wurden: 1) Training der Strategien für besseres Gedächtnis 2) Training der Strategien für bessere Argumentation 3) individualisiertes computergestütztes Training zur Verbesserung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Bei allen Teilnehmern wurden zu Beginn der Studie, nach den ersten sechs Wochen und jeweils nach 1, 2, 3, 5 und 10 Jahren die kognitiven Fähigkeiten untersucht. Interessanterweise fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied im Demenzrisiko bei den Gruppen, die strategiebasiertes Gedächtnis- oder Argumentationstraining durchgeführt hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe. Jedoch zeigte die Gruppe, die computergestütztes Geschwindigkeitstraining  durchgeführt hatte, ein signifikant geringeres Risiko für Demenz im Vergleich zur Kontrollgruppe – im Durchschnitt eine 29-prozentige Risikoreduktion.

 

eLearning für zu Hause 

Die heutigen innovativen technologischen Werkzeuge im Bereich des E-Learnings und computerbasierten Gehirntrainings ermöglichen es, auf professionelle Art und Weise die kognitiven Fähigkeiten bequem von zu Hause aus zu trainieren und die kognitiven Reserven zu verbessern. Die fortschrittliche Technologie der Koj-Gehörtherapie wurde entwickelt, um die Leistung des Benutzers konsistent zu messen, und passt das Niveau und die Art der Aufgaben automatisch an seine Fähigkeiten und Bedürfnisse an. Die Koj-Gehörtherapie trainiert nicht nur das Sprachverstehen, sondern wichtige kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit, die für das alltägliche Leben und die Kommunikation vor allem bei älteren Menschen mit Hörproblemen entscheidend sind.

® Dr. A. Kupferberg, 04.2020