Der Hörsinn

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22/Okt/2020

Ein toller Artikel, zitiert von Brigitte.

Ohne ihn wären wir wortlos. Er ermöglicht Verständigung und Miteinander – und er ist ein kleines Sensibelchen.

Kino im Kopf – Wie Hören uns schützt und gesund hält. Der Hörsinn rettet Leben, deswegen wird er auch nicht abgeschaltet, wenn wir schlafen. Wir hören die Gefahr und die Richtung, aus der sie droht, und bringen uns rechtzeitig in Sicherheit. Schon dieses Alarmsystem hat eine soziale Komponente. Denn wir reagieren nicht erst, wenn wir das bedrohliche Geräusch selbst wahrnehmen, sondern auch, wenn uns andere warnen. Unsere Ohren sind nämlich besonders empfindlich für das, was sie hören wollen: Sprache. Schon Babys faszinieren menschliche Stimmen mehr als alles andere. Bereits vor der Geburt gewöhnen sie sich daran, ihre Mutter zu hören, denn ab der 20. Schwangerschaftswoche ist das Innenohr als erstes Organ unseres Körpers komplett ausgebildet. Und wie Patienten mit Nahtod-Erfahrungen berichten, endet unser Leben oft auch mit akustischen Eindrücken. Hören bedeutet zunächst Sicherheit und Nähe. Wenn ich andere höre, bin ich nicht allein.

Doch Hören ist auch Kommunikation. Unsere Sprache markiert einen kognitiven Quantensprung der Evolution, durch sie sind wir mehr als Affen mit großen Hirnen: “Die Menschwerdung vollzog sich über das Hören”, erklärt

Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen.

Professor Henning Scheich, Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Wir wollen hören und Gehör finden. Das ist die Grundlage jeder menschlichen Beziehung. Wenn sich unsere Vorfahren abends um das Feuer versammelten, um Erlebnisse und Geschichten zu teilen, war Zusammengehörigkeit selbstverständlich. Uns geht sie zunehmend verloren. Wir hören zwar immer mehr, aber immer weniger zu – und eher seltener gemeinsam. Doch ohne Gespräche und Austausch untereinander fühlen wir uns allein und unglücklich, selbst wenn wir ständig von Menschen umgeben sind. Nicht nur Hören, sondern richtiges Zuhören ist also Voraussetzung für ein soziales Miteinander – und offenbar auch für gesunde Hirnfunkionen. Der Neurobiologe Henning Scheich hat herausgefunden, dass die Hirnaktivität beim Hören sehr viel veränderlicher ist als beim Sehen. So beschäftigt ein und dasselbe Geräusch mal die linke, mal die rechte Gehirnhälfte, je nachdem, welche Gedanken wir damit verbinden. Denn Geräusche haben anders als Objekte nur Symbolcharakter und müssen erst interpretiert werden. Wir sammeln Erfahrungen, bilden Kategorien und entwickeln daraus eine Vorstellung von dem, was wir hören. Visuelle Informationen fordern und fördern unser Gehirn dagegen viel weniger: Wer fernsieht, braucht kaum Fantasie. Hören erzeugt Kino im Kopf. Und weil wir dabei die Bilder speichern, haben wir auch bestimmte klangliche Erwartungen und sind irritiert, wenn diese sich nicht erfüllen. Fällt eine Tür scheppernd ins Schloss, fühlen wir uns in der Wohnung dahinter nicht sicher. Ein Rasierer für Frauen sollte diskret leise sein, für Männer muss er die Bartstoppeln ordentlich sprazzeln lassen. Der Akustiker Friedrich Blutner, der Musikinstrumente baute, bevor er sich dem Sounddesign widmete, ist der Meinung, dass die bevorzugten Geräusche auch das Lebensgefühl einer Generation ausdrücken. Heute müssten Produkte krachen und knacken, damit wir sie gut finden: Leistung werde oft mit Lautstärke gleichgesetzt. Sollte sich unser Leben wieder mehr entspannen, werden wir wahrscheinlich weichere Geräusche schätzen.

Was beeinträchtigt den Sinn?

Wenn zu starke Schallwellen über die Härchen der Hörzellen hinwegbranden, können diese abbrechen oder -knicken. Solche Knalltraumen werden durch Lautstärken ab etwa 130 Dezibel verursacht, also durch Silvesterböller, aber auch Spielzeugpistolen. Die Schäden dabei sind endgültig, denn die Zellen des Innenohrs erneuern sich nicht. Auf Dauer zerstört bereits Schall unterhalb der Schmerzgrenze das Gehör, und zwar umso schneller, je lauter er ist. Oft merken wir davon zunächst nichts. “Diese kleinen Schäden summieren sich aber, bis irgendwann der Point of no Return überschritten ist”, warnt Dr. Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums der Berliner Charité.

An Lärm gewöhnen sich weder unser Ohr noch unser Körper. Für ihn bedeutet Lärm Stress: Cortisol wird ausgeschüttet, und der Blutdruck steigt. In einer lauten Umwelt zu leben erhöht das Infarktrisiko von Frauen um mehr als das Dreifache, so eine Studie der Charité. Und nachts sind unsere Ohren noch empfindlicher: Einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge steigern schon nächtliche 55 Dezibel – dieser Wert wird auf vielen unserer Straßen erreicht – das Risiko von Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Asthma-Erkrankungen.

Die Macht der Musik

Wie wir unser Gehör einsetzen können, um uns zu heilen

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten.

Sogar unser Gehirn singt unbewusst mit, wenn wir fröhliche Lieder hören. Verantwortlich dafür sind Spiegelneurone, die anspringen, egal, ob wir selbst etwas machen oder andere bei ihrem Tun beobachten. So sind bei Pianisten beim Hören von Klaviermusik die gleichen Hirnbereiche aktiv, als wenn sie selbst spielen würden. Und sogar bei Nichtmusikern reagieren Nervenzellen, die mit dem Kehlkopf in Verbindung stehen – und singen oder pfeifen lautlos mit. “Erst kommt die Musik, dann die Sprache”, sagt Dr. Stefan Koelsch, Leiter der Forschungsgruppe Neurokognition der Musik am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Beim Hören von Musik sind also vor allem Bereiche des Gehirns aktiv, die wir nicht unter Kontrolle haben, und diese beeinflussen unser Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Untersuchungen zeigen, dass Blutdruck, Puls und Atemfrequenz abnehmen, wenn wir ruhigen Klängen lauschen. Das funktioniert unabhängig davon, ob uns das Stück überhaupt gefällt. Aber Musik als Medizin kann noch viel mehr: Sie senkt zum Beispiel die Angst vor und während eines ärztlichen Eingriffs wie einer Magenspiegelung. Forscher der Universität Yale fanden heraus, dass Patienten sogar weniger Narkosemittel brauchen, dürfen sie ihre Lieblingsmusik hören. Und dies liegt tatsächlich an der Musik und nicht daran, dass sie OP-Geräusche übertönt. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen schneller erholen und weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie nach einer Operation mit Musik aufwachen. Sanfte Musik dämpft außerdem das Schmerzempfinden während der Wehen. Und Frühgeborene, die mehrmals täglich Schlaf- und Kinderlieder vorgespielt bekamen, nahmen schneller an Gewicht zu und konnten so früher von der Intensivstation entlassen werden. “Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie genau Musik im Körper wirkt”, erklärt Stefan Koelsch. “Doch in Zukunft wird Musik in der Medizin immer häufiger eingesetzt werden.” Musik heilt natürlich auch dann, wenn man sie aktiv einsetzt. Heidelberger Therapeuten konnten belegen, dass regelmäßiges Musizieren die Häufigkeit von Migräneanfällen bei Kindern sogar etwas effektiver reduziert als spezielle Medikamente. Bei Demenzkranken können Lieder vergessen geglaubte Erinnerungen und Wörter zurückbringen, Parkinson-Kranken hilft der Rhythmus, ihre Bewegungen zu koordinieren, und Schlaganfallpatienten finden oft über das Singen zurück zur Sprache.

Was, wenn der Sinn gestört ist?

Hörgeräte sind vielen peinlich. Dabei machen sie uns schlau

Mit rund 15 Millionen Betroffenen ist Schwerhörigkeit in Deutschland eine Volkskrankheit. Ein Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung, ein anderer die permanente Lärmüberlastung. Die Zahl der Tinnitus-Patienten wächst ebenfalls, und ein akuter Hörsturz trifft immer häufiger auch junge Menschen.

Moderne Hörsysteme sind trotz Rechenpower dezent.

Hörprobleme sollten möglichst frühzeitig behandelt werden. Denn wer längere Zeit schlecht hört, vergisst auch immer mehr Geräusche und muss sie mühsam neu lernen. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte nachweisen, dass sich Menschen in einem IQ-Test verbessern, sobald sie Hörgeräte bekommen – und ihre geistige Kapazität nicht mehr durch das akustische Verstehen absorbiert ist. Während Hörgeräte Schall verstärken, stimulieren Cochlea-Implantate (winzige Hörprothesen im Innenohr) über Elektroden direkt den Hörnerv. Voraussetzung für ihren Einsatz ist, dass dieser Nerv noch funktioniert: Das ist etwa bei Erwachsenen der Fall, die nach einem Hörsturz ertauben, oder bei vielen gehörlos geborenen Kindern.

Etwa zwei von tausend Neugeborenen sind von angeborenen Hörstörungen betroffen. Im Kindesalter ist es noch wichtiger, diese Störungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Denn für die Entwicklung des Gehörs und vor allem der Sprache gibt es sensible Phasen. Versäumtes kann manchmal kaum oder überhaupt nicht mehr aufgeholt werden.

So halten Sie Ihr Gehör fit

“Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen.

Die Funktion des Innenohrs können wir nicht steigern, sondern nur bewahren. Trainieren lässt sich aber die Hörverarbeitung im Gehirn. Dies ist oft Teil einer Therapie von Tinnitus und Hörsturz, lässt sich jedoch auch vorbeugend einsetzen. “Ein gut geschultes Gehör steckt kleine Schäden viel eher weg”, sagt Dr. Gerhard Hesse, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Bad Arolsen. Es lohnt sich also, sorgfältig auszuwählen, was wir uns zu Ohren kommen lassen – und dem Gehör ab und zu eine Pause zu verordnen: – SCHLIESSEN SIE DIE AUGEN und lauschen Sie dem Alltag. Etwa im Park oder im Bus. Was hören Sie? Und aus welcher Richtung kommen die Geräusche? – GENIESSEN SIE MUSIK. Akustisches Berieseln nutzt die Hörwahrnehmung im Gehirn eher ab, bewusstes Hinhören aber trainiert sie. Konzentrieren Sie sich dafür zum Beispiel einmal nur auf ein einziges Instrument. – GÖNNEN SIE IHREN OHREN RUHE. Wenn Sie besonderem Lärm ausgesetzt waren, braucht das Gehör Zeit, sich davon zu erholen. – SCHÜTZEN SIE IHR GEHÖR VOR KRACH. Taubheit und Ohrenklingeln nach einem Konzert sind erste Warnzeichen, selbst wenn sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Ohrstöpsel etwa entlasten das Ohr: Sie dämpfen um 15 bis 30 Dezibel und lassen trotzdem noch genug Musikgenuss durch.

Tinnitus oder Hörsturz?

“In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite.

In Deutschland leiden rund drei Millionen Menschen unter Ohrgeräuschen. Dabei senden aufgequollene oder entzündete Hörzellen von selbst Signale ans Gehirn. Ein Tinnitus tritt oft nach Lärmüberlastung auf und kann durch eine Therapie mit Infusionen oder Medikamenten behandelt werden. Hält der Tinnitus jedoch länger als drei Monate an, hat diese Durchblutungsförderung keinen Sinn mehr: Die Tinnitus-Aktivität ist dann im Gehirn fixiert. “In der Therapie geht es nun darum, das Weghören zu lernen”, erklärt Tinnitus-Expertin Dr. Birgit Mazurek, HNO-Ärztin an der Berliner Charite. Viele Betroffene leiden besonders unter den Geräuschen, weil sie ihre ganze Wahrnehmung darauf fokussieren. Wer hingegen plötzlich schlecht hört, leidet möglicherweise an einem Hörsturz und sollte spätestens am zweiten Tag zum Arzt gehen. Denn die Ursache ist oft eine Art Innenohr-Infarkt, und die Sinneszellen können absterben, wenn die Therapie nicht rechtzeitig beginnt. Ein Hörsturz kann verschiedene Ursachen haben, wie Birgit Mazurek erklärt: “Stress ist allerdings häufig eine Mitursache.”


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Beitrag zitiert von Ärzteblatt /

Genf/New York – Die Welt­gesund­heits­organi­sation hat zusammen mit der International Telecommunication Union (ITU) eine neue Norm für sogenannte persönliche Audio­geräte wie MP3-Player beschlossen. Hintergrund ist, dass weltweit knapp die Hälfte der Menschen zwischen zwölf und 35 Jahren aufgrund der anhaltenden und übermäßigen Exposition gegenüber lauten Geräuschen, einschließlich Musik, von Hörverlust bedroht seien. Die WHO spricht von rund 1,1 Milliarden „young people at risk“ weltweit.

„Da wir über das technologische Know-how zur Vorbeugung von Hörverlust verfügen, sollte es nicht so sein, dass so viele junge Menschen beim Musikhören weiterhin ihr Gehör schädigen“, sagt der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die neue WHO-ITU-Norm werde viel dazu beitragen, diese jungen Verbraucher besser zu schützen, betonte er.

Der neue Standard sieht Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen vor: Optionen zur Begrenzung der Lautstärke, einschließlich automatischer Lautstärkeregelung und elterlicher Lautstärkeregelung. Außerdem setzt die WHO auf Aufklärung: Information und Anleitung sollen die Benutzer über sichere Hörpraktiken informieren. Außerdem soll das Audiogerät ein individuelles Hörprofil erstellen, das auf den Hörgewohnheiten des Benutzers basiert und diesen darüber informiert, wie sicher oder wie gesundheits­gefährdend er gehört hat, und auf der Grundlage dieser Informationen Handlungs­anweisungen gibt.

Der Standard wurde im Rahmen der WHO-Initiative „Make Listening Safe” entwickelt. Experten der WHO und der ITU haben ihn in einem zweijährigen Prozess zusammen mit Experten aus Politik, Industrie, Verbrauchern und Zivilgesellschaft entwickelt. Die WHO empfiehlt Regierungen und Herstellern, den freiwilligen WHO-ITU-Standard zu übernehmen.

 


Dr. A. Kupferberg, Wissenschaftliche Leitung

Fazit Dr. Kupferberg:

Wenn man Musik bei mittlerer bis niedriger Lautstärke hört, ist ein dauerhafter oder schwerer Hörverlust weniger wahrscheinlich. Unten ist ein kurzes Beispiel für den Dezibelpegel im Vergleich zur Dauer des Musikhörens:

– 85 dB -> 8 Stunden können extremen Hörverlust verursachen
– 88 dB -> 4 Stunden können den gleichen Schaden verursachen
– 100-105 dB -> 15 Minuten ist die maximale Zeit, die Sie Ihre Ohren diesem Geräuschpegel aussetzen sollten.

Ein Hörverlust durch MP3-Player, Ipods und andere Abspielgeräte kann überwacht und verhindert werden, indem man sich der Intensität und sogar der Art und Weise, wie man Musik hört, bewusst ist. Durch die Begrenzung der Zeit, die Sie hohen Lautstärken ausgesetzt sind, machen Sie bereits zwei riesige Schritte in Richtung Hörschutz.

 

 


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Geschrieben von: Patrick Krauss und Holger Schulze

Wie der Phantomton bei Tinnitus entsteht, ist noch unklar. Ein neues Modell bietet nun eine schlüssige Erklärung – und weist neue Behandlungswege.

Um Sie herum ist es still, doch plötzlich hören Sie etwas: ein leises Pfeifen. Der unangenehme Ton scheint von keiner Geräuschquelle in Ihrer Nähe auszugehen. Noch während Sie sich über seine Ursache wundern, röhrt ein Moped vorbei, und das Pfeifen ist, wenige Sekunden nachdem es begonnen hat, schon wieder verschwunden. Solche kurz andauernden akustischen Phantomwahrnehmungen hat wohl jeder schon einmal erlebt. Sie sind vollkommen normal, und üblicherweise schenken wir ihnen keine größere Beachtung. In manchen Fällen, etwa nach einem lauten Konzert, kann das Pfeifen jedoch bestehen bleiben und im Lauf der Zeit mitunter noch stärker werden – ein chronischer  Tinnitus entsteht.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz leidet rund jeder Siebte zumindest einmal im Leben unter den lang andauernden Phantomgeräuschen. Viele Betroffene entwickeln daraufhin Schlaf- und Konzentrationsprobleme, manche erkranken sogar an Depressionen. Eine Therapie, die an der Wurzel des Phänomens ansetzt, gibt es derzeit nicht. Die meisten Behandlungen zielen darauf ab, dass Patienten lernen, mit dem Tinnitus zu leben.

Um der Störung gezielt entgegenzuwirken, müssen wir erst mehr über ihre Ursachen herausfinden. Die neurophysiologischen Mechanismen, die Tinnitus bedingen, sind nur unzureichend erforscht. Unser Team arbeitet daran, das zu ändern. Unlängst ist es uns gelungen, ein Modell zu entwerfen, das die Entstehung der Phantomwahrnehmungen in ein neues Licht rückt – und darüber hinaus therapeutische Wege eröffnen könnte. Wir gehen davon aus, dass Tinnitus, egal ob vorübergehend oder chronisch, kein rein krankhaftes Phänomen darstellt. Das Pfeifen ist vielmehr ein Nebeneffekt eines Mechanismus, der die Hörfähigkeit verbessern soll.

Bereits seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Tinnitus oft mit Schwerhörigkeit einhergeht. Ein durch dauerhaftes Tragen von Ohrstöpseln simulierter Hörschaden lässt selbst viele gesunde Probanden vorübergehend Phantomtöne hören. Sobald sie die Ohrstöpsel entfernen, verschwindet dieser künstlich erzeugte Tinnitus. Ähnlich ergeht es Patienten mit Hörgerät oder Cochleaimplantat. Ist das Gerät an, verstummt ihr Tinnitus manchmal komplett. Wird die Prothese nachts zum Laden der Batterie ausgeschaltet, kommt der unangenehme Ton aber häufig zurück, um nur wenige Sekunden nach dem Wiedereinschalten erneut zu verebben.

Forscher nutzen dieses Wissen, um Tinnitus bei Versuchstieren auszulösen und zu untersuchen. Dazu setzen sie Nagetiere unter Narkose einem Schalltrauma aus. Das schädigt das Gehör und lässt bei vielen der Tiere Verhaltensanzeichen von Tinnitus entstehen. Ein Forscherteam um den Neurophysiologen M. Charles Liberman von der Harvard Medical School zeigte 2009, dass bereits ein mildes Schalltrauma akustische Sensoren im Innenohr beeinträchtigt. Es zerstört nämlich jene Synapsen, die geräuschempfindliche Haarzellen mit den Nervenzellen des Hörnervs verbinden. Auch im Lauf natürlicher Alterungsprozesse gehen diese Verknüpfungen zusehends verloren.

Die Gruppe um Liberman belegte, dass der gleiche Prozess den »versteckten Hörverlust« bedingt. Davon betroffene Personen schneiden zwar im klassischen Reinton-Hörtest nicht schlechter ab als gut hörende Menschen. Ihr Sprachverständnis ist aber in Umgebungen mit vielen Nebengeräuschen, etwa auf einer Party, bereits stark beeinträchtigt. Die übrig gebliebenen, intakten Synapsen reichen noch aus, um einfache akustische Signale ins Gehirn zu übertragen; ihre Hörschwellen bleiben deshalb unauffällig. Komplexere Informationsmuster – wie die Stimme einer Person in einem Durcheinander von dutzenden – kann das Gehirn jedoch nur zuverlässig entschlüsseln, wenn ein Großteil der Synapsen intakt ist. Hier haben Menschen mit verstecktem Hörverlust Probleme. Bei ihnen tritt zudem gehäuft Tinnitus auf: Der Biophysiker Roland Schaette vom University College London zeigte 2011 mit einer Computersimulation, dass versteckter Hörverlust allein bereits ausreicht, um das Dauerfiepen auszulösen – die beiden gehen also oft Hand in Hand.

Daneben zeichnet sich Tinnitus durch einen weiteren Faktor aus: Bei Betroffenen sind Nervenzellen an nahezu allen Stationen der Hörbahn aktiver als bei Personen ohne Tinnitus. Ihre Neurone feuern öfter spontan und reagieren empfindlicher auf äußere Reize. Jedes Modell, das erklären will, wie Tinnitus entsteht, sollte deshalb berücksichtigen, wie Phantomton, Schwerhörigkeit und erhöhte Nervenzellaktivität zusammenhängen.

Ein klassischer Erklärungsansatz dafür ist das Modell der lateralen Inhibition. Es basiert auf der Tatsache, dass benachbarte Nervenzellen sich gegenseitig hemmen können. Dabei unterdrückt ein Neuron die umliegenden umso mehr, je aktiver es selbst wird; das erhöht den Kontrast im Signal, weil es den Reiz besser vom Hintergrundrauschen abhebt. In den sensorischen Systemen im Gehirn – jenen Schaltkreisen, die Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tastgefühl vermitteln – verarbeiten nah beieinanderliegende Neurone oft vergleichbare Reize. Zum Beispiel reagieren benachbarte Haarzellen im Innenohr auf ähnliche Frequenzen.

Demzufolge entsteht Tinnitus, weil Töne in einem bestimmten Frequenzbereich nicht mehr verarbeitet werden, etwa auf Grund eines Hörschadens. Jene Zellen, die Geräusche in diesem Spektrum abdecken, hemmen ihre Nachbarn dann weniger. Indirekt aktiviert das Neurone, die angrenzende Frequenzen wahrnehmen. Dieses Phänomen wird als Disinhibition bezeichnet und bedingt in dem Modell die bei Tinnitus beobachtete neuronale Überaktivität. An jeder Station entlang der Hörbahn wird das Signal weiter verstärkt. Bringt es Neurone im auditorischen Kortex zum Feuern, nehmen Betroffene die Aktivität als Phantomton wahr.

Das Modell liefert zwar eine Erklärung dafür, wie innerhalb von Minuten oder gar Sekunden ein vermeintliches Pfeifen entstehen kann. Träfe es zu, sollten Betroffene aber zwei verschiedene Tinnitustöne gleichzeitig hören – einen, der in der Tonhöhe über, und einen, der unter dem vom Hörschaden betroffenen Frequenzbereich liegt. Praktisch alle Erkenntnisse in der Tinnitusforschung widersprechen dieser Vorhersage.

Mangelhafte Modelle

Ein zweites gängiges Modell erklärt Tinnitus mit homöostatischer Plastizität. Laut der zentralen Hypothese versucht das Gehirn einen Hörverlust über einen adaptiven Mechanismus auszugleichen. Gelangen über längere Zeit weniger Reize ins Hörsystem, passen sich die Neurone daran an, indem sie ihre Erregbarkeitsschwelle senken, so dass die durchschnittliche Aktivität in der Hörbahn etwa gleich hoch ist wie vor dem Hörverlust. Als Nebeneffekt werden die Zellen anfälliger für erhöhte Spontanaktivität, die dann – so die Hypothese – als Tinnitus wahrgenommen wird. Weil ein solcher Anpassungsprozess Stunden bis Tage dauert, kann dieses Modell aber nicht erklären, wie ein Tinnitus unmittelbar nach dem Besuch eines Rockkonzerts entsteht. Beide Modelle bilden die tatsächliche Situation also nur unvollständig ab und machen zudem falsche Vorhersagen.

Als wir 2014 in Berlin an einer Konferenz zum Thema Tinnitus teilnahmen, kam eine Frage wiederholt auf: Wie kommt es zu der beobachteten erhöhten Nervenzellaktivität? Schließlich dringen nach einem Hörschaden weniger Signale ins Hörsystem. Die Neurone der Hörbahn reagieren darauf paradoxerweise mit stärkerem Feuern. Das zu der Zeit bereits bekannte Erklärungsmodell der homöostatischen Plastizität ließ offen, woher das Hörsystem wissen sollte, wie sehr es Signale verstärken muss, damit diese das »gewünschte« Aktivitätslevel erreichen. Wie war Letzteres überhaupt definiert? Niemand hatte eine plausible Antwort.

Einem von uns (Krauss) kam während einer Kaffeepause der entscheidende Geistesblitz. Was, wenn ein weiterer Mechanismus – die stochastische Resonanz – beteiligt war? Sie macht ein Signal, das für dessen Sensor zu schwach ist, durch Hinzufügen von Rauschen messbar (siehe »Wie stochastische Resonanz funktioniert«). Ist die Summe aus Signal plus Rauschen groß genug, erkennt der Sensor das Signal. Das »Rauschen« ist bei Neuronennetzen eine beliebige Nervenaktivität. Sie trägt entweder keine Information oder eine, die vom zu messenden Signal unabhängig ist. Für ein solches Rauschen gibt es eine optimale Intensität. Denn: Ist es zu gering, erreicht ein schwaches Signal nur unzuverlässig die Detektionsschwelle; ist es zu groß, versinkt das Signal darin, und die Information geht auch verloren.

Noch bevor die Kaffeepause zu Ende war, hatten wir die Idee im Groben ausgearbeitet: Das Hörsystem könnte prinzipiell stochastische Resonanz nutzen und den Pegel des Rauschens mit einem gesonderten Regelkreis steuern. Der würde die Informationsübertragung von der Hörschnecke ins Gehirn überwachen und bei Bedarf die Stärke des Rauschens anpassen. Kämen also über die Haarzellen weniger Signale in das Hörsystem, etwa nach einer Schädigung des Innenohrs, würde der von uns postulierte Regelkreis dem akustischen Signal mehr »inneres« Rauschen beimischen. Die stochastische Resonanz würde das Signal verstärken und den Hörverlust so teilweise kompensieren. Das beigemischte Rauschen führt demzufolge zur neuronalen Überaktivität, die letztlich als Tinnitus wahrgenommen wird. In wenigen Minuten hatten wir einen neuen Erklärungsansatz für die Störung skizziert. Er erklärt das Pfeifen nicht mehr allein als krankhafte Fehlanpassung des Gehörs. Vielmehr wäre es der Nebeneffekt eines Mechanismus, der dem Hörschaden entgegenwirkt und die Hörleistung zu verbessern versucht.

Bevor wir unser Modell in einer Fachzeitschrift veröffentlichen konnten, mussten wir einige entscheidende Fragen klären. Darunter: Kann der Regelkreis überhaupt zumindest im Prinzip funktionieren? Falls ja, wo und wie ist er im Hörsystem realisiert? Welche Vorhersagen ergeben sich aus unserem Modell? Und halten sie einer Überprüfung stand?

Test mit Hindernissen

Um unsere theoretischen Überlegungen zu testen, simulierten wir das Modell zuerst am Computer. Dabei stießen wir schnell auf ein grundsätzliches Problem: Der Regelkreis müsste die Stärke des Rauschens ständig an die aktuelle Geräuschkulisse anpassen, um die Informationsübertragung von der Hörschnecke ins Gehirn zu optimieren. Doch wie bestimmt er den Informationsgehalt eines unbekannten, sich ständig verändernden Signals? Gemeinsam mit Claus Metzner, Biophysiker an der Universität Erlangen-Nürnberg, fanden wir eine mögliche Lösung. Eine bestimmte statistische Eigenschaft des gemessenen Signals, die Autokorrelation, ist umso stärker ausgeprägt, je mehr Informationsgehalt das Signal trägt. Diese Eigenschaft kann in speziellen neuronalen Netzen leicht erkannt werden. Somit war das Hörsystem zumindest theoretisch in der Lage, die notwendigen Informationen zu sammeln. Unklar blieb, wo genau im Hörsystem das passierte und welche Struktur das Rauschen einspeisen könnte.

Wir durchsuchten die Literatur nach möglichen Kandidaten und wurden schnell fündig: Der dorsale cochleare Nukleus (DCN), was so viel bedeutet wie »hinterer Hörschneckenkern«, schien der optimale Kandidat für diese Aufgabe. Zusammen mit dem vorderen Hörschneckenkern bildet er die erste Station im Hörsystem. Wie andere Etappen der Hörbahn ist auch der DCN so organisiert, dass ähnliche Tonhöhen in räumlich benachbarten Zellen verarbeitet werden.

Bereits zwischen 1998 und 2004 veröffentlichte James Kaltenbach, damals an der Wayne State University, mehrere Fachartikel, die den DCN als ersten Ort in der Hörbahn identifizierten, der bei Tinnitus überaktiv ist. Der Neurobiologe entdeckte, dass nur bestimmte Teile des DCN betroffen waren. Diese verarbeiten genau die Frequenzbereiche, die das Schalltrauma in Mitleidenschaft gezogen hat. Die spontane Aktivität der Neurone zeigte starke Ähnlichkeit zu der, die durch einen äußeren Ton hervorgerufen wird. Zudem fand Kaltenbach heraus, dass die Tonhöhe des Tinnitus sich mit der Frequenz deckt, die die überaktiven Zellen im DCN verarbeiten. Der Phantomton wird als umso lauter wahrgenommen, je aktiver diese Neurone sind.

Wenn die stochastische Resonanz hier stattfindet, braucht der DCN eine Quelle für das Rauschen. Als Kandidat boten sich Neurone aus dem somatosensorischen System an, die ebenfalls mit dem Nervenkern verknüpft sind. Sie vermitteln Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung, etwa Berührungs- und Tastempfindungen, aber auch Informationen zu Muskeldehnung und Gelenkstellung. Bisher war unklar, welchen Zweck die Verbindung von somatosensorischen Neuronen zum DCN erfüllen könnte. Uns erscheint plausibel, dass ihre Signale dem Hörsystem als Rauschen dienen. Die ständige Aktivität im somatosensorischen System erzeugt nämlich einen kontinuierlichen Strom von Nervenimpulsen, der praktisch völlig unabhängig von den Signalen aus der Hörschnecke ist.

Der Neurophysiologe David Ryugo, der damals an der Johns Hopkins University School of Medicine forschte, fand 2003 heraus, dass die somatosensorischen Nervenbahnen in den DCN von den dort ansässigen Nervenzellen in der Regel stark gehemmt werden. Für unsere Regelkreis-Hypothese erscheint das sinnvoll: Im Fall eines zu schwachen akustischen Eingangs würden sie enthemmt. Genau das hat die Audiologin Susan E. Shore von der University of Michigan in Ann Arbor im DCN von Meerschweinchen beobachtet. Darüber hinaus entdeckte David Ryugo in dem Nervenkern einen speziellen Neuronentyp, bei dem jeweils mehrere Fasern aus der Hörschnecke und dem somatosensorischen System zusammenlaufen. Unserer Ansicht nach findet in diesen Zellen die stochastische Resonanz statt.

Dass das Hörsystem und das somatosensorische System über den DCN miteinander verbunden sind, hat einige erstaunliche Konsequenzen. Beispielsweise lässt sich die Tinnituswahrnehmung allein durch ein Zähnezusammenbeißen verstärken. Eine Erklärung dafür ist mit unserem Modell recht schnell gefunden. Der Druck auf die Zähne und das Zahnfleisch erhöht die somatosensorische Aktivität und erzeugt so mehr Rauschen im auditiven System. Manche Patienten berichten, dass ihr Tinnitus scheinbar von chronischen Verspannungen – vor allem im Bereich der Kiefer-, Nacken- und Schultermuskulatur abhängt. Ihnen hilft eine geeignete Physiotherapie am besten dabei, die Beschwerden zu lindern oder ganz loszuwerden.

Den wohl merkwürdigsten Effekt, der sich aus unserem Modell ableiten lässt, beschrieb kürzlich der Physiologe Juan Huang. Er und seine Gruppe von der Johns Hopkins University in Baltimore testeten 2017 die Hörschwellen von Personen, die ein Cochleaimplantat erhalten hatten. Als die Forscher die Fingerkuppen der Probanden elektrisch reizten, stellten sie fest: Den Patienten fiel es nun leichter, Gesprochenes zu verstehen!

Unser Modell begreift Tinnitus als Nebeneffekt eines Mechanismus, der Hörschwellen verbessert. Zusammen mit unserem Kollegen Ulrich Hoppe von der HNO-Klinik Erlangen überprüften wir diese Vorhersage. Mit Daten von fast 40 000 hörgeschädigten Patienten belegten wir, dass Menschen mit Tinnitus tatsächlich im sprachrelevanten Frequenzbereich niedrigere Hörschwellen als jene ohne Tinnitus hatten. Der Unterschied betrug im Mittel etwa sechs Dezibel.

Schon 1996 hatte Lutz Wiegrebe von der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Beobachtung gemacht, die unsere These stützt. Er untersuchte, wie die »Zwickerton«-Illusion das Hörvermögen gesunder Probanden beeinflusste. Um diesen Phantomton zu erzeugen, lässt man Probanden für etwa eine Minute einem akustischen Rauschen lauschen, dem bestimmte Frequenzen fehlen. Unmittelbar danach nehmen die meisten Menschen für einige Sekunden ein leises Pfeifen wahr, dessen Tonhöhe in der Mitte des »stummen« Bereichs liegt. Wiegrebe zeigte, dass während der Wahrnehmung eines Zwickertons die Hörschwellen für Geräusche mit ähnlicher Frequenz wie der des Zwickertons um bis zu 13 Dezibel verbessert sind. Unser Modell erklärt das so: Das Hörsystem bemerkt das Fehlen eines Frequenzbereichs, woraufhin es das interne Rauschen in diesem Bereich erhöht. Der Betroffene nimmt das als Zwickerton wahr. Zudem reagiert sein Gehör durch das verstärkte innere Rauschen empfindlicher auf Geräusche im entsprechenden Frequenzbereich.

Heilsames Rauschen

Vielleicht tröstet Tinnituspatienten der Gedanke, dass ihr Leiden nicht nur negative Aspekte besitzt. Darüber hinaus weist unser Modell auch den Weg zu möglichen neuen Behandlungsstrategien. Bereits im Jahr 2000 fand ein Forscherteam um den Ingenieur Fan-Gang Zeng von der University of California in Irvine heraus, dass sich die Hörschwellen von normal hörenden Probanden verbessern lassen, wenn diese akustischem Rauschen ausgesetzt werden. Stimmt unser Modell, könnte ein derartiges »äußerliches« Rauschen unter Umständen das innere ersetzen und damit dem Tinnitus entgegenwirken. In der Tat belegten Tierstudien der Gruppe um den Neurobiologen Karl Kandler von der University of Pittsburgh in Pennsylvania kürzlich genau das. Die Forscher beschallten eine Gruppe von Mäusen unmittelbar nach deren Schalltrauma sieben Tage lang mit akustischem Rauschen bei Zimmerlautstärke. Lediglich zwölf Prozent der so behandelten Nager entwickelten Tinnitus. Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe waren es rund viermal mehr Tiere, also knapp 50 Prozent. Wir testen einen ähnlichen Ansatz gerade an menschlichen Patienten und warten nun auf erste Resultate.

Bis wir diese ausgewertet haben, können Sie selbst ein kleines Experiment machen: Wenn Sie in einer ruhigen Minute plötzlich ein leises Pfeifen hören, beißen Sie doch einmal fest Ihre Zähne zusammen. Achten Sie darauf, wie der Ton daraufhin lauter wird!

 


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22/Okt/2020

Die Human- und Sportphysiologie der ETH Zürich führt jährlich ein Physiologie-Praktikum mit den Studierenden der Pharmazeutischen Wissenschaften, der Gesundheitswissenschaften und Technologie, sowie neu auch mit den Medizinstudierenden der ETH durch.

Das diesjährige Physiologie-Praktikum fand im Sommersemester unter der Leitung von Prof. Dr. Christina Spengler an der Universität Irchel statt und umfasste insgesamt knapp 200 Studenten. In kleinen Gruppen lernten die Teilnehmer alles über Aufbau, Funktion und Diagnosemethoden zum Thema Ohr. Indem sich die Studenten gegenseitig den jeweiligen Messungen unterzogen, wurde das Gelernte angewendet und vertieft. Auch das Thema Gehörtraining war dieses Jahr Teil des Praktikums und stellte eine zukunftsweisende, interessante Schnittstelle zwischen den Disziplinen dar. Denn so wie körperliche Leistung durch Training gesteigert werden kann, kann auch das Verstehen und Interpretieren von Gehörtem durch Übung verbessert werden.

Die Doktorandin Johanna Wörner und Herr Blickinsdorf vom KOJ Institut für Gehörtherapie erläuterte den Studenten die Theorie und demonstrierte wie ein Gehörtraining funktioniert. Anschliessend standen die KOJ-Lerncomputer zur Verfügung um eigene Erfahrungen mit den Trainingsaufgaben zu machen. Beeindruckend für die Studenten waren vor allem die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die ein computerbasiertes, lernfähiges Training bietet.

Wir sagen Danke, dass wir diesen Kurs bereichern durften!


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22/Okt/2020

Ein Artikel von Deutsches Ärzteblatt.

Colombus – Junge Erwachsene mit leichtem Hörverlust zeigen Veränderungen in der Hirnaktivität, die normalerweise nur im Alter auftreten. Das berichten Forscher der Ohio State University in Columbus in der Fachzeitschrift eNeuro(2018; doi: 10.1523/ENEURO.0263-17.2018). „Frühere Untersuchungen zeigten, dass Menschen mit leichtem Hörverlust doppelt so häufig an Demenz leiden. Und diejenigen mit mittlerem bis starkem Hörverlust haben das 3- bis 5-fache Risiko“, sagte der leitende Forscher Yune Lee. Ihre Forschung mit jungen Menschen zeige, dass dieser Vorgang bereits sehr früh beginnen könne.

Ursprünglich wollten Lee und seine Kollegen ein anderes Projekt realisieren. Sie rekrutierten 35 Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 41 Jahren, die sich einer funktionellen MRT-Untersuchung unterziehen sollten, während sie Sätze unterschiedlicher Komplexität hörten. Die Forscher wollten die Gehirnaktivität überwachen und untersuchen, wie sich die fMRTs unterschieden, wenn ein Zuhörer Nachrichten mit einer einfachen Struktur gegenüber komplizierteren Sätzen verarbeiten musste.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Verarbeitung von akustischen Reizen eine der am anspruchsvollsten Aufgaben des Gehirns ist.

Doch ihre Studie nahm eine andere Wendung, als sie etwas Überraschendes über einige ihrer jungen erwachsenen Teilnehmer feststellten. Einige der Freiwilligen hatten zu Beginn der Studie subtile Hörschäden, aber Lee und seine Mitarbeiter beachteten diese zunächst nur am Rande, da die Defizite nicht offensichtlich genug waren, um zu rechtfertigen, diese Teilnehmer aus der Studie auszuschließen.

Doch nach der Durchführung der fMRT-Scans stellten sie fest, dass die Teilnehmer mit subtilen Hörproblemen die Botschaften, die sie hörten, anders verarbeiteten als ihre Kollegen. Und nicht nur das – auch ihre Gehirnaktivität war in diesem Zusammenhang ähnlich wie die der alternden Zuhörer: Gesunde junge Erwachsene ohne Hörprobleme nutzten nur die linke Gehirnhälfte, um gehörte Informationen zu verarbeiten. Aber die Teilnehmer mit leichten Hörschäden zeigten Aktivität in der linken als auch in der rechten Gehirnhälfte. Bei letzterem wurde der rechte frontale Kortex aktiv – was laut der Arbeitsgruppe normalerweise nur bei älteren Menschen der Fall ist.

„Ihr Gehirn weiß bereits, dass die Wahrnehmung von Klang nicht mehr das ist, was sie einmal war, und die rechte Seite beginnt, die linke zu kompensieren“, erläuterte Lee. In dieser Studie erlebten junge Menschen mit leichtem Hörverlust dieses Phänomen bereits. Aus diesen Gründen rät Lee jungen Erwachsenen, sich sorgfältig um ihr Gehör zu kümmern. © hil/aerzteblatt.de

Mehr Info auf: www.koj.training 


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22/Okt/2020

1. Frage: Herr Prof. Frühholz, wie merkt man, dass das Gehör geschädigt ist?

Professor Frühholz: “Wenn man sehr häufig mit «wie bitte?» oder «können Sie das bitte noch einmal wiederholen?» nachfragen muss, um einem Gespräch zu folgen, sollte man eine Hörschädigung in Betracht ziehen. Oder auch wenn man gesellschaftliche Veranstaltungen in Restaurants und Orten mit hohem Geräuschpegel als anstrengend empfindet. Aber es kann auch sein, dass das Gedächtnis nachlässt, dass man sich zum Beispiel Telefonnummern, Namen und Termine nicht mehr so gut merken kann, denn die Hörschädigung bindet viele kognitive Ressourcen.”

 

Dr. Alexandra Kupferberg


Dr. Alexandra Kupferberg

Als Neurobiologin und wissenschaftliche Leiterin des «KOJ hearing research center» ist es ihre Aufgabe und Passion die zentrale Verarbeitung des Gehirns und die Auswirkung von Hörminderung respektive Hörtraining wissenschaftlich zu untersuchen. Dabei stehen ihr in ihrem weiten Netzwerk geschätzte Kollegen wie u.a. Professor Dr. Frühholz von der Universität Zürich beratend zur Seite.

 

2. Frage: Viele Patienten mit Schwerhörigkeit leiden an Tinnitus. Gibt es da einen Zusammenhang?

Herr Frühholz: “Ja, manchmal macht sich eine Hörschädigung durch Ohrgeräusche wie Tinnitus bemerkbar. Man geht davon aus, dass dieses «Phantomgeräusch», also der Tinnitus, durch spontane Entladungen von Nervenzellen in der Hörrinde hervorgerufen wird, weil infolge der Schädigung der Haarsinneszellen weniger Impulse als bei einem Normalhörenden zum Gehirn gesendet werden. Um diese Annahmen wissenschaftlich zu testen, hat man eine kleine Studie durchgeführt. Wenn man gesunde Testpersonen 7 Tage lang einen Ohrstöpsel in einem Ohr tragen lässt, hören die meisten Personen nach Ablauf des Experiments Phantomgeräusche. Wenn man aber den Ohrstöpsel wieder entfernt, verschwinden die Geräusche innerhalb von wenigen Stunden wieder.”

3. Frage: Mittlerweile sind moderne Hörgeräte mit einem Computer im Ohr vergleichbar. Warum gibt es Ihrer Meinung nach dennoch so viele Hörgeräte-Verweigerer?

Herr Frühholz: “Das Tragen von Hörgeräten geht leider oft mit Vorurteilen einher, vor allem bei Männern. Hörgeräteträger befürchten, dass sie als alt, nicht besonders intelligent oder psychisch krank abgestempelt werden. Dabei sind moderne Hörgeräte klein, bequem und fast kaum zu sehen. Allerdings muss man auch sagen: Die winzigen technologischen Wunderwerke verstärken einfach nur akustische Signale. Aber die Hörbeeinträchtigung liegt nicht allein im Ohr: Neuere Studien legen nahe, dass die schwerhörigen Patienten Defizite der Sprachverarbeitung im Gehirn aufweisen. Je länger man wartet, desto stärker verlernt das Gehirn das Verstehen. Wenn man nicht rechtzeitig handelt, wird auch das modernste Hörgerät die Hörfähigkeit nicht sofort wiederherstellen können.” 


Professor Dr. Sascha Frühholz

Leitung des Psychologischen Instituts «Kognitive und Affektive Neurowissenschaften» an der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte in den auditorischen und affektiven Neurowissenschaften. Forschungsprojekte zu den kognitiven und neuronalen Mechanismen der Gesichts- und Stimmwahrnehmung, zur Stimmproduktion und zu emotionalen Prozessen.

 

4. Frage: Herr Frühholz, ab wann raten Sie dazu, sich ein Hörgerät zuzulegen?

Herr Frühholz: “Wenn Sie im alltäglichen Leben Einschränkungen durch Ihre Hörfähigkeit spüren, zum Beispiel, wenn Sie anfangen, sich aus Gesprächen zurückzuziehen, wenn Sie sich mit dem Sprachverstehen schwertun, sobald mehrere Personen gleichzeitig sprechen, oder wenn es Ihnen peinlich ist, immer nachzufragen, dann ist eine Grenze erreicht, wo Sie sich an einen Spezialisten wenden sollten. Ein kostenloser Hörtest bei einem Akustiker oder einem Ohrenarzt ist schnell gemacht und schafft Klarheit.”

5. Frage: Kann man allein anhand eines Hörtests sagen, ob man ein Hörgerät braucht?

Herr Frühholz: “Ich halte audiometrische Tests für nicht ausreichend, um das Ausmass der Schwerhörigkeit auf den Lebensalltag der Betroffenen zu erfassen. Ich bin der Meinung, dass man zusätzlich zu den objektiven Hörmessungen auch umfassende persönliche Befragungen (auch von Partnern, Pflegepersonen und Verwandten) durchführen sollte, um den psychosozialen Bedürfnissen der Patienten individuell gerecht zu werden und ihre Lebensqualität zu verbessern.”

6. Frage: Herr Frühholz, was kann man selbst tun, um sein Gehör fit zu halten?

Herr Frühholz: “Viele aktuelle Studien zeigen, dass ein regelmässiges computerbasiertes Training das Sprachverstehen vor allem bei Nebengeräuschen verbessert. Selbst nach zwölf Monaten waren die positiven Effekte eines multimodalen Trainings auf das Gedächtnis bei Personen im Alter von 65 bis 75 Jahren deutlich sichtbar. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Personen, die vor Kurzem ein neues Hörgerät erworben haben, von einem Hörtraining sogar mehr profitieren als erfahrene Hörgeräteträger. Das liegt daran, dass Hörtraining besonders gut dabei hilft, sich an das Hörgerät zu gewöhnen.”

7. Frage: Welche Art Training würden Sie empfehlen, um dem Hörverlust entgegenzuwirken?

Herr Frühholz: “Nach meiner Meinung ist es am effektivsten, wenn die Kommunikation in lebensnahen Situationen kombiniert mit Gedächtnis und Aufmerksamkeit trainiert wird, wenn also nicht nur Sprachbausteine wie Silben und Wörter geübt werden. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass der kombinierte Ansatz die Satzerkennung um bis zu 80 Prozent verbessert.”

8. Frage: Ist das Gehörtraining für jeden geeignet? Hat jedes Gehirn dasselbe Potenzial?

Herr Frühholz: “Aktuelle Erkenntnisse aus der Neurobiologie und der Neurowissenschaft zeigen, dass es höchstwahrscheinlich möglich ist, bis ins hohe Alter neue Vernetzungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn aufzubauen. Dieser Prozess heißt Neuroplastizität. Das heißt, dass theoretisch jeder fähig ist, Dinge zu lernen, die man ihm bislang nicht zugetraut hätte. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist, dass inzwischen die ersten Kinder mit Trisomie 21 ihre Matura gemacht haben.”

Vielen Dank für Ihre Zeit, Prof. Dr. Frühholz.

 

 

 

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Quelle: https://koj.training/?na=v&nk=7-21d86856fe&id=15 


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Hoffnung für Tinnitus-Betroffene: US-Forscher haben eine neue Tinnitus-Therapie entwickelt und damit vielversprechende Ergebnisse erzielt. Bei dieser Methode werden die Patienten mit einer speziellen Tonspur beschallt, während kaum spürbare Strompulse Nerven in Nacken oder Kopf stimulieren. Wie eine erste klinische Studie zeigt, hemmt diese doppelte Stimulation die Überfunktion bestimmter Hirnzellen und lindert so das störende Piepen und Rauschen.

Es klingelt, rauscht oder piept – rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einem Tinnitus. Diese anhaltenden Ohrgeräusche entstehen dabei jedoch nicht im Ohr, sondern im Gehirn. Bestimmte Hirnareale, die normalerweise als Filter für akustische Wahrnehmungen fungieren, arbeiten bei Tinnitus nicht richtig. Statt Störgeräusche von außen wegzublenden, erzeugen sie selbst ein persistentes Klingeln oder Summen.

Doppelte Stimulation

Das Problem dabei: Bisher sind die Mechanismen hinter dem Tinnitus nur in Teilen bekannt. Entsprechend schwer ist es daher, wirksame Therapien zu entwickeln. In vielen Fällen hilft es, das Gehirn durch spezielle Musik- oder Hörtherapien „umzuerziehen“, meist wird diese Behandlung mit einer Verhaltenstherapie kombiniert. Doch diese Methoden sind langwierig und helfen nicht jedem Betroffenen.

Neue Hoffnung weckt nun eine erstmals von Forschern der University of Michigan getestete Therapiemethode. Diese sogenannte bimodale auditorisch-somatosensorische Stimulation setzt auf eine Doppelstrategie: Die Wissenschaftler beschallen die Patienten mit einer für ihren Tinnitus maßgeschneiderten Tonspur, während sie gleichzeitig winzige, kaum spürbare elektrische Pulse an bestimmte Stellen des Nackens und Kopfes verabreichen.

Vielversprechende Ergebnisse

In den ersten Tests unterzogen sich 20 Patienten mit hartnäckigem, starken Tinnitus vier Wochen lang täglich 30 Minuten lang dieser Behandlung. Weitere Patienten erhielten eine Scheinbehandlung mit akustischer Beschallung, aber funktionslosen Elektroden. Weder die Teilnehmer noch die Experimentatoren wussten, wer welche Behandlung erhielt.

Das Ergebnis: Im Laufe der Studie ließ der Tinnitus bei den tatsächlich behandelten Patienten nach. Er wurde im Schnitt um zwölf Dezibel leiser, bei zwei Patienten verschwanden die Phantomtöne sogar völlig, wie die Forscher berichten. Auch die psychische Belastung der Patienten besserte sich messbar. Die Scheinbehandlung hatte dagegen keine signifikante Wirkung. „Diese Ergebnisse sind sehr ermutigend“, sagt Studienleiterin Susan Shore.

Fehlgeleitete Synchronisation

Hintergrund der neuen Therapie ist ein neuronaler Auslöser des Tinnitus: Studien zeigen, dass bei einem Tinnitus ein bestimmtes Areal im Hirnstamm, der dorsale cochleare Nucleus, überaktiv ist. Normalerweise sorgen dessen fusiforme Zellen dafür, dass die bei Kopfbewegungen entstehenden Eigengeräusche unterdrückt werden und wir auf externe Laute fokussiert sind.

Doch durch lauten Krach oder andere Auslöser kann es zu einer Fehlfunktion in diesem Filter kommen. „Die fusiformen Zellen werden dann überaktiv und synchronisieren sich miteinander“, erklärt Shore. „Dadurch wird ein Phantomsignal an andere für die akustische Wahrnehmung zuständige Hirnareale übertragen – und das Geräusch entsteht.“

Wie die Forscher in vorhergehenden Versuchen mit Meerschweinchen herausfanden, lassen sich diese falschen Signale durch eine Doppelstrategie unterbrechen. Die gleichzeitige Stimulation von Nerven im Nacken und Kopfbereich durch die Strompulse sowie der Hörzentren durch die Tonspur stört die fehlgeleitete Synchronisation der fusiformen Zellen. Das funktioniert aber nur, wenn die zeitliche Abfolge der Pulse und Töne stimmt, so Shore.

Patent ist schon eingereicht

Aufbauend auf den ersten erfolgreichen Tests wollen die Forscher nun weitere klinische Studien ihrer neuen Methode durchführen. „Wir wollen nun herausfinden, welches die optimale Therapiedauer ist und welche Tinnitus-Patienten meisten von dieser Methode profitieren“, erklärt Shore. Denn die Teilnehmer der Pilotstudie gehörten alle zu den Tinnitus-Patienten, die ihre Phantomgeräusche durch bewusstes Anspannen oder Bewegen von Kiefer oder Nacken beeinflussen können. „Jetzt müssen wir feststellen, ob diese Methode auch bei anderen Betroffenen wirkt“, so Shore.

Die Forscher haben bereits ein Therapie-Set entwickelt, das den Tinnitus-Patienten die Behandlung zuhause ermöglicht und ein Patent für die Methode eingereicht. Unterstützt durch Förderung der US-National Institutes of Health arbeiten sie nun daran, diese bimodale Stimulation marktreif zu machen. (Science Translational Medicine, 2018; doi: 10.1126/scitranslmed.aal3175)

Quelle: https://www.scinexx.de/news/medizin/doppel-stimulation-gegen-tinnitus/


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Werden Musiker häufiger schwerhörig als andere Berufsgruppen? Das legen die Ergebnisse einer neuen Studie aus Deutschland nahe. Erstellt von einem Team um Prof. Dr. Wolfgang Ahrens, Leiter der Abteilung Epidemiologische Methoden und Ursachenforschung am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie-BIPS GmbH in Bremen, ist sie jetzt im Journal of Occupational und Environmental Medicine erschienen [1].

Dreieinhalbfach erhöht im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist bei Berufsmusikern demnach das Risiko für einen lärminduzierten Hörverlust. Das Tinnitus-Risiko liegt bei den Profispielern um 57% über dem der Nicht-Musiker. In die historische Kohortenstudie, die das aufzeigt, sind die Daten von mehr als 3 Millionen Berufstätigen im Alter zwischen 19 und 66 Jahren eingegangen.

„Frühere Studien ließen zwar ahnen, dass es nicht optimal bestellt ist um die Hörfähigkeit vieler Musiker. Doch das Ausmaß der Risiken war sicherlich nicht absehbar“, so der Koautor der Studie, Prof. Dr. Gunter Kreutz, im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Kreutz lehrt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Systematische Musikwissenschaften und betont:  „Die Studie mit ihrem großen Datenbestand gibt einen interessanten und guten Hinweis darauf, dass das Thema bei Musikern weiterhin ernst genommen werden muss“, merkt Dr. Martin Fendel, Facharzt für Arbeitsmedizin/Umweltmedizin und Innere Medizin sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM) an.

Allerdings hält er für gut möglich, dass „das Risiko nun höher aussieht, als es wirklich ist – es kann ja gut sein, dass Musiker sensibler als andere sind, was ihr Gehör angeht, und sich früher Hilfe beim Arzt suchen.“ Allgemein falle Betroffenen ihre Schwerhörigkeit meistens erst auf, wenn „60 bis 70% der Haarzellen im Innenohr zerstört sind“. So sei in der Allgemeinbevölkerung vielleicht doch ein höherer Anteil von Menschen mit Hörverlust vorhanden, als die Studie abbilde – nur seien diese noch ohne Diagnose.

Fest steht: Schon seit 5 Jahrzehnten erforschen internationale Wissenschaftler, inwiefern die Arbeit als Musiker das Gehör beeinflusst. Lange sprachen Studien dafür, dass das intensive, regelmäßige Üben und Auftreten den Ohren der Musiker schaden kann – bei Orchestermusikern ebenso wie bei Rock- und Jazzmusikern [2,3]. 2012 jedoch vermittelte eine kanadische Studie, dass dem nicht so sei – im Gegenteil: Musiker seien in jedem Alter tendenziell mit einem besseren Gehör gesegnet als Nicht-Musiker [4].

„In den letzten Jahren hieß es also, da müssten wir nichts machen und könnten uns entspannen“, berichtet Fendel, der selbst als Oboist und Blockflötist auftritt, im Interview mit Medscape Deutschland. Die aktuelle Lehrmeinung zurzeit sei: „Das schlechte Hören selbst ist bei Musikern selten vertreten, doch andere Symptome wie Tinnitus, die Musiker ebenso stark oder noch stärker stören können, kommen bis zu viermal häufiger vor.“

An der kanadischen Studie hatten allerdings nur 74 Musiker und 89 Nicht-Musiker teilgenommen – die neue deutsche Studie ermöglichte Einblick in die Krankenkassendaten von 3 Millionen Berufstätigen, davon 2.227 Berufsmusikern. Im analysierten Zeitraum vom 1. Januar 2005 bis zum 31. Dezember 2008 kam es zu 283.697 neuen Diagnosen eines Hörverlusts, darunter 238 bei Berufsmusikern. „Es kann ja gut sein, dass Musiker sensibler als andere sind, was ihr Gehör angeht, und sich früher Hilfe beim
Arzt suchen.“

Rock oder Pop, Bach oder Wagner? Mit welcher Musik die Studienteilnehmer ihren Lebensunterhalt verdienten, ging aus den Versicherungsdaten nicht hervor. Ebenso wenig der Grad des Hörverlusts. Dafür aber Geschlecht, Alter und die ICD-10-Codes der Diagnosen. Als Hörverlust im Sinne der Studie galten die Codes H83.3 (Lärmschädigungen des Innenohrs), H 90 (Hörverlust durch Schallleitungs- oder Schallempfindungsstörung) und H93.1 (Tinnitus aurium).

Deutlich zu erkennen dabei: Wer mit der Musik seinen Lebensunterhalt verdiente, wurde signifikant häufiger mit Tinnitus oder eben Hörverlust auffällig. Für Tinnitus lag die Hazard Ratio bei Berufsmusikern bei 1,57 (95%-KI;1,34-1,85), für den lärmbedingten Hörverlust sogar bei 3,61 (95%-KI;1,81-7,20).

Für alle erfassten Hörverluste lag im Vergleich Musiker-Nichtmusiker die Hazard Ratio bei 1,27 – berücksichtigten die Wissenschaftler mögliche Störgrößen wie Geschlecht, Alter, Stadt- und Landbevölkerung oder Krankenkasse, wurden die Unterschiede noch deutlicher. „Unsere Daten legen nahe, dass bei professionellen Musikern die Risiken eines musikinduzierten Hörverlusts bei weitem die Benefits für die Hörfähigkeit übertreffen, von denen in der früheren Studie aus Kanada] berichtet wird“, betonen die Studienautoren abschließend.

Kreutz ergänzt: „Hörschäden kommen leise und schmerzlos, und viele Musiker fühlen sich darüber hinaus stigmatisiert, wenn sie zugeben, schlecht zu hören. Wir hoffen, dazu beizutragen, dass über das Thema anders diskutiert wird und dass z. B. die gängige Aufführungspraxis bei Konzerten hinterfragt wird. Hörschäden kommen leise und schmerzlos, und viele Musiker fühlen sich darüber hinaus stigmatisiert, wenn sie zugeben, schlecht zu hören.“

Nun gibt es einige Möglichkeiten, die Schallbelastung von Musikern zu reduzieren. Fendel lobt, dass sich an vielen Aufführungsorten in Deutschland einiges bewegt – dass in Hallen und Konzertsälen Räume entsprechend gestaltet werden, z. B. mit Akustik-Stellwänden,  Reflektoren und Absorbern. „Was hingegen noch nicht befriedigend gelöst ist, ist der Umgang mit dem individuellen Gehörschutz“, kritisiert Fendel. „Durch den Gehörschutz hat man unter anderem den Okklusionseffekt, ein gewisser Schallanteil bleibt also  im Gehörgang gefangen, er lässt Stimme oder Blasinstrument laut und fremd klingen. Gewöhnung verbessert das Empfinden auch nur teilweise.“ Er verweist auf eine Untersuchung, die herausarbeitete, dass zwar mehr als 80% der befragten Orchestermusiker sich mit individuell angepasstem Gehörschutz auskannten, doch weniger als 16% ihn auch regelmäßig nutzten [5].

Fendel versteht das:  „Viele Musiker sagen, sie können dann die Leistung nicht bringen, die von ihnen erwartet wird.“ Er hält zudem für möglich, dass nur eine kleine Gruppe von Musikern allgemein eine Disposition für einen Hörverlust aufweist, sodass diese unbedingt einen Gehörschutz tragen sollten – andere könnten dann darauf verzichten. „Was hingegen noch nicht befriedigend gelöst ist, ist der Umgang mit dem individuellen Gehörschutz.“

Für Fendel sollte die Forschung darum auch in andere Richtungen weitergehen: „Es gilt zu klären, wie hoch beim einzelnen Musiker das individuelle Risiko für Tinnitus oder Hörverluste ist. Da spielt ja ganz viel mit rein: erbliche Faktoren, der Lifestyle, Musikhörgewohnheiten. Tinnitus kann durch Stress getriggert oder verstärkt werden, das ist multifaktoriell, Lärm ist dabei nur ein Faktor. All diese Zusammenhänge sind noch lange nicht ausreichend untersucht worden.“

Fendel wünscht sich daher prospektive Studien, „mit einer großen Gruppe von Menschen und am besten mit einem Nullwert, der den Zustand vor Beginn der Musikexposition wiedergibt. Und dann gilt es, nachzuprüfen: Wie ist das Gehör nach 3, wie nach 6 Jahren der Exposition?“ So könnte der Einfluss der Musik und anderer Faktoren einerseits, die Identifikation von Risikogruppen andererseits gelingen und bei Menschen, bei denen ein beginnender Hörverlust erkannt wird, frühzeitig Schlimmeres verhindert werden.

Auch Kreutz wünscht sich weiterführende Studien zum Thema, allen voran „zum Beispiel dazu, welche Beziehungen bestehen zwischen Hörschäden und anderen gesundheitlichen Problemen von Musikern. Sind Hörverluste quasi ein spezifisches Problem oder hängen sie mit anderen Störungen zusammen?“ Abschließend hätte er gerne geklärt, „ob und inwiefern von den Hörschäden Konsequenzen für die Berufsausübung langfristig ausgehen.“

Referenzen:

  1. Schink T, et al: Occup Environ Med (online) 30. April 2014
    http://dx.doi.org/10.1136/oemed-2014-102172
  2. Pawlaczyk-Luszczynska M, et al: Int J Occup Saf Ergon. 2011;17(3):255-269
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21939598
  3. Kähäri K, et al: Int J Audiol. 2003;42(5):279-288
    http://dx.doi.org/10.3109/14992020309078347
  4. Zendel BR, et al: Psychol Aging 2012; 27(2):410-417
    http://dx.doi.org/10.1037/a0024816
  5. Zander MF, et al: Noise Health 2008;10(38):14-26
    http://dx.doi.org/10.4103/1463-1741.39004

Quelle: https://deutsch.medscape.com/artikel/4902202

 


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Piepen, Rauschen, Rattern: Jeder Tinnitus ist anders. Alle Ohrgeräusche allerdings sind auf Dauer zermürbend. Ein neuer Therapieansatz aus den USA hilft Patienten, die durch Kieferbewegungen ihre Phantomtöne beeinflussen können.

Millionen Menschen weltweit haben Geräusche in den Ohren, ohne dass es eine äußere Schallquelle gibt. Je länger die inneren Töne anhalten, umso belastender sind sie. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ärzte können mittlerweile 90 Erkrankungen angeben, die zu Tinnitus führen können. Die erfolgreiche Behandlung ist deshalb oftmals eine große Herausforderung.

Forscher der University of Michigan haben deshalb eine neue Therapiemethode entwickelt und getestet, die an zwei unterschiedlichen Punkten ansetzt. Einerseits werden die Patienten mit einer für ihren Tinnitus maßgenschneiderten Ton beschallt. Andererseits werden gleichzeitig kleinste elektrische Impulse an bestimmte Stellen im Nacken und im Kopf verabreicht. Diese sind kaum spürbar.

Bei der Methode gehen die Forscher um Susan Shore von einem neuronalen Auslöser für den Tinnitus aus. Das bedeutet, ein bestimmtes Areal im Hirnstamm, der sogenannte dorsale cochleare Nucleus ist überaktiv. Aus diesem Grund werden die Eigengeräusche, die zum Beispiel entstehen, wenn man den Kopf bewegt, nicht wie normalerweise unterdrückt, um Geräusche von außen besser wahrzunehmen, sondern sogar verstärkt. Das Phantomsignal entsteht.

Die Forscher testeten ihre Methode zunächst an Meerschweinchen. Es zeigte sich, dass die neue Therapie tatsächlich die Geräusche in den Ohren der Tiere unterbrechen konnte, allerdings nur, wenn die zeitliche Abfolge von Strompulsen an Kopf und Nacken und den Tönen in den Ohren gleichzeitig gegeben wurde.

Daraufhin wurden Personen mit starkem Tinnitus für erste Tests ausgewählt. 20 von ihnen erhielten über einen Zeitraum von 28 Tagen täglich 30 Minuten lang die neue Therapie. Eine andere Patientengruppe dagegen bekam genau so lange zwar eine akustische Tinnitus-Beschallung. Ihnen wurden jedoch Elektroden angelegt, die keine Funktion hatten.

Es zeigte sich, dass die tatsächlich behandelten Patienten im Durchschnitt ihre Ohrgeräusche um 12 Dezibel leiser hörten. Bei zwei Patienten verschwanden die Phantomtöne sogar vollständig. Zudem erkannten die Forscher eine Besserung der psychischen Belastung. Bei den Personen in der Kontrollgruppe dagegen waren keine messbaren Veränderungen sichtbar.

“Wir wollen nun herausfinden, wie lang die optimale Therapiedauer ist und welche Art von Tinnitus-Patienten am meisten von dieser Methode profitieren”, erklärte Shore, die die Studie leitete. Die ausgewählten Personen der Pilotstudie gehörten alle zu den Patienten, die ihre Ohrgeräusche durch bewusstes Anspannen von Kiefer- und Nackenmuskulatur oder Bewegungen in diesem Bereich beeinflussen können. Ob auch andere Tinnitus-Betroffene davon profitieren können, müssen die Forscher erst noch herausfinden.

Finanziell unterstützt werden die kommenden Untersuchungen vom US-National Institutes of Health. Ein Patent für die neue Methode ist bereits eingereicht. Zudem haben die Forscher ein Therapie-Set entwickelt, das eine Behandlung für Betroffene zu Hause ermöglichen soll. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Sie im Fachmagazin “Science Translationale Medicine”.

Quelle: https://www.n-tv.de/wissen/Tinnitus-wird-doppelt-bekaempft-article20213150.html


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22/Okt/2020

Als Tinnitus wird das Hören von Geräuschen wie zum Beispiel Klingeln, Summen oder Pfeifen bezeichnet, ohne dass diese Geräusche real vorhanden sind. Die Lautstärke dieser Ohrengeräusche variiert von Person zu Person, aber die Mehrheit der Betroffenen empfindet sie als sehr unangenehm.

Eine grosse Anzahl von Studien deutet auf einen engen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Tinnitus hin.1–3 In den Studien wird deutlich, dass die meisten Tinnitus-Patienten auch an Hörverlust leiden und Hörverlust zu Tinnitus führen kann.4,5 Man geht davon aus, dass Tinnitus entsteht, wenn normale Hörimpulse aus dem Innenohr ausbleiben, weil die äusseren Haarsinneszellen beschädigt sind. Diese Schädigung kann durch ein „Knalltrauma“, zum Beispiel durch einen Feuerwerkskörper, entstehen oder durch laute Musik und ist leider irreversibel. Werden aufgrund des geschädigten Innenohrs weniger Impulse zum Gehirn gesendet, entstehen spontane Signale, die als Klang interpretiert werden: die typischen Tinnitusgeräusche.6,7 Diese Hypothese konnte in einer kleinen Pilotstudie mit Normalhörenden belegt werden. In dieser Studie haben die Testpersonen 7 Tage lang einen Ohrstöpsel in einem Ohr getragen. Die meisten Personen konnten nach Ablauf des Experiments Phantomgeräusche wahrnehmen. 8 Nach der Entfernung des Ohrstöpsels sind die Phantomgeräusche nach wenigen Stunden verschwunden, weil die Teilnehmenden wieder Geräusche von aussen hören können.

Das ständige Ohrgeräusch kann emotional sehr belastend sein. Viele Betroffene können das unerklärliche Ohrgeräusch zwar erfolgreich verdrängen, es gibt aber auch Patienten, die negativ auf den Tinnitus reagieren, was wiederum das Ohrgeräusch verstärkt. Tinnitusbetroffene weisen häufig auch verschiedene weitere Beschwerden auf, wie z. B. Schallempfindlichkeit und Schlafstörungen.9–11 Schwere Formen von Tinnitus können die Lebensqualität beeinträchtigen und zu ernsthaften psychischen Erkrankungen führen.

Wir vom Koj-Institut, ein Team aus Experten in Psychologie, Akustik und Neurowissenschaften, bieten für Betroffene mit unserem Gehörtraining und Hörgeräten effektive Hilfe. Viele neuere Studien zeigen, dass die Behandlung von Hörverlust zur Besserung der Tinnitussymptome führt.12–14 So reduziert eine gut abgestimmte Hörgeräteversorgung die wahrgenommene Tinnitusintensität um bis zu 50%.

Wenn Sie also von Tinnitus betroffen sind, überprüft unser Koj-Team, ob zusätzlich auch ein Hörverlust vorliegt, denn dann profitieren Sie von der Verwendung von Hörgeräten. Hörgeräte verbessern Ihr Gehör und ein besseres Hören reduziert meist auch den erlebten Tinnitus. In der Regel können Sie davon ausgehen, dass Sie weniger vom Tinnitus belastet werden, je mehr andere Geräusche Sie hören. So können Sie Ihren Tinnitus bewältigen und Ihre Lebensqualität verbessert sich wieder.

 

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Direkt-Link: https://mailchi.mp/f7e9aaa94aad/hrnews-20182

 

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QUELLENANGABEN:

1.Schaette, R. & McAlpine, D. Tinnitus with a normal audiogram: physiological evidence for hidden hearing loss and computational model. J. Neurosci. Off. J. Soc. Neurosci. 31, 13452–13457 (2011).

2.König, O., Schaette, R., Kempter, R. & Gross, M. Course of hearing loss and occurrence of tinnitus. Hear. Res. 221, 59–64 (2006).

3.Paul, B. T., Bruce, I. & Roberts, L. Hidden hearing loss in tinnitus with normal hearing thresholds. Acoust. Soc. Am. J. 139, 2075–2075 (2016).

4.Mazurek, B., Olze, H., Haupt, H. & Szczepek, A. J. The more the worse: the grade of noise-induced hearing loss associates with the severity of tinnitus. Int. J. Environ. Res. Public. Health 7, 3071–3079 (2010).

5.Martines, F., Bentivegna, D., Martines, E., Sciacca, V. & Martinciglio, G. Assessing audiological, pathophysiological and psychological variables in tinnitus patients with or without hearing loss. Eur. Arch. Oto-Rhino-Laryngol. Off. J. Eur. Fed. Oto-Rhino-Laryngol. Soc. EUFOS Affil. Ger. Soc. Oto-Rhino-Laryngol. – Head Neck Surg. 267, 1685–1693 (2010).

6.Schaette, R. & Kempter, R. Computational models of neurophysiological correlates of tinnitus. Front. Syst. Neurosci. 6, 34 (2012).

7.Kaltenbach, J. A. Tinnitus: Models and mechanisms. Hear. Res. 276, 52–60 (2011).

8.Schaette, R., Turtle, C. & Munro, K. J. Reversible Induction of Phantom Auditory Sensations through Simulated Unilateral Hearing Loss. PLOS ONE 7, e35238 (2012).

9.Hébert, S., Fournier, P. & Noreña, A. The auditory sensitivity is increased in tinnitus ears. J. Neurosci. Off. J. Soc. Neurosci. 33,2356–2364 (2013).

10.Eysel-Gosepath, K. & Selivanova, O. [Characterization of sleep disturbance in patients with tinnitus]. Laryngorhinootologie. 84,323–327 (2005).

11.Wallhäusser-Franke, E., Schredl, M. & Delb, W. Tinnitus and insomnia: is hyperarousal the common denominator? Sleep Med. Rev. 17, 65–74 (2013).

12.Shekhawat, G. S., Searchfield, G. D. & Stinear, C. M. Role of hearing AIDS in tinnitus intervention: a scoping review. J. Am. Acad. Audiol. 24, 747–762 (2013).

13.Del Bo, L. & Ambrosetti, U. Hearing aids for the treatment of tinnitus. in Progress in Brain Research (eds. Langguth, B., Hajak, G., Kleinjung, T., Cacace, A. & Møller, A. R.) 166, 341–345 (Elsevier, 2007).

14.Hodgson, S.-A., Herdering, R., Shekhawat, G. S. & Searchfield, G. D. A crossover trial comparing wide dynamic range compression and frequency compression in hearing aids for tinnitus therapy. Disabil. Rehabil. Assist. Technol. 12, 97–103 (2017)